Die Leiden deutscher Ingenieure
Die Leiden deutscher Ingenieure

Die Leiden deutscher Ingenieure

VW © GEOLITICO VW © GEOLITICO
Der VW-Skandal zeigt es ebenso wie der Bau des Berliner Flughafens BER: Ingenieure müssen als Opfer für die grenzenlose Hybris von Politikern und Managern herhalten.

Jüngst las ich in der „Welt“ einen schlecht oder zumindest unvollständig recherchierten Artikel: „Bau-Unglücke belegen Niedergang der deutschen Ingenieurskunst“.[1]

Die Ermittlung der Wahrheit zu Unglücken beim Brücken- und Tunnelbau, ebenso bei der Entwicklung von Software für den Motorenbau ist für Journalisten zugegebenermaßen schwierig, weil sich Ingenieure per Ingenieurvertrag zur Geheimhaltung verpflichten müssen. Insbesondere staatliche und halbstaatliche Bauherren scheuen das Licht der Öffentlichkeit und die Transparenz. Sie vergattern ihre Auftragnehmer direkt schriftlich. Sobald ein Unfall passiert, raten auch alle Anwälte die Schotten zur Außenwelt – und dazu gehört auch die sogenannte „Lügenpresse“ – dicht zu machen.

„Mister zwei Prozent“

Gerade diese Schwierigkeiten könnten den investigativen Journalisten in seinem aufklärerischen Drang befeuern, doch noch Schnipselchen der Wahrheit ans Tageslicht zu befördern. Dazu gehört der Autor des genannten Artikels, Michael Gassmann, nicht, der seine Möglichkeiten mit der Anfrage bei einem Ingenieurverband bereits ausgereizt hat. Er ist eher eine Art Nachrichtenbeamter. Versuchen wir der „Welt“ also mal auf die Sprünge zu helfen.

Der Autor dieser Zeilen war von 1991 bis 2012 Geschäftsführer und Prokurist mehrerer großer Ingenieurbüros und plaudert mal aus dem episodischen Nähkästchen. Das aufschlussreichste Erlebnis stammt aus den 90er Jahren aus der Beratung eines Großprojekts der Deutschen Bahn AG. Ein arroganter Projektleiter der Bahn mit dem Spitznamen „Mister zwei Prozent“ erklärte die Spielregeln des Miteinanders mit den Ingenieuren:

„Wenn ich die Stirn runzele, hört derjenige, der gerade spricht, auf zu sprechen. Wenn ich den Daumen senke, verlässt derjenige, der gerade gesprochen hat, den Raum.“

Mir war sofort klar, dass es sich um einen Verbrecher handelt. Den anderen Anwesenden vermutlich auch. Einige Jahre später tauchte er in Handschellen im Fernsehen wieder auf. „Endlich“ habe ich damals gedacht. Er war ein Opfer des Aufklärers Hartmut Mehdorn geworden. Wenig später wurde Mehdorn vom SPIEGEL, von der Eisenbahngewerkschaft und wahrscheinlich auch von der Mafia abgeschossen.

Diese Beratung mit „Mister zwei Prozent“ war zwar die Spitze des Eisbergs, beschreibt das Verhältnis der staatlichen Bauherren zu ihren Auftragnehmern jedoch treffend. Es wurden oft Anforderungen gestellt, die nicht diskutiert werden dürfen.

„Geht nicht“ gibt’s für den Ingenieur leider nicht. Löbliche Ausnahmen waren einige Bauamtsleiter von Kreisverwaltungen und Dorfbürgermeister, denen man die technische Welt auch mal erklären durfte, ohne gleich rausgeworfen zu werden. Der höhere Beamte ist dagegen oft beratungsresistent.

Ein Toter beim Talbrückenbau

Einmal ging es um den Abriss einer größeren Talbrücke. Ein Umweltverband hatte den Rückbau statt der Sprengung gefordert, um das Tal vor baubedingten Eingriffen zu schützen. Wie weit diese Forderung aus naturschutzfachlicher Sicht gerechtfertigt war, möchte ich überhaupt nicht diskutieren. Fakt ist, dass jeder Baupraktiker und auch jeder Ingenieur weiß, dass ein Rückbau einer großen Talbrücke nicht möglich ist, ohne Spuren im Tal zu hinterlassen.

Die Bedenken des Ingenieurs und auch des Baubetriebs wurden weggewischt. Die Mehrkosten des Rückbaus gegenüber der Sprengung betrugen 500.000 DM, die Bauzeit des Rückbaus etwa ein halbes Jahr. Das Tal sah nach dem „Rückbau“ übrigens aus, als wäre die Brücke gesprengt worden. In Fachkreisen gingen Fotos vom Tal nach Beendigung des Abrisses rum, und die Ingenieure lachten über die Blödiane von der Behörde. Der Baubetrieb, der sich auf den bautechnischen Unsinn eingelassen hatte, ging übrigens pleite.

Ein tödlicher Unfall ereignete sich bei einer anderen Talbrücke. Diese musste auch aus naturschutzfachlichen Begründungen im Freivorbau errichtet werden, einschließlich der Pfeiler. Eigentlich war das wieder ein Projekt, bei dem die Grenzen des Machbaren ausgetestet worden sind. Es gab keine sogenannte Nullvariante: Die Pfeiler doch vom Boden aus zu errichten, wurde gar nicht erst untersucht.

Die Bauherren wollen nie ein „Nein“ hören, und die Ingenieure wissen das. Sie werden wie Erfüllungsgehilfen behandelt, und sie sind es auch. Es gibt keine Diskussion auf Augenhöhe, weil sehr wenigen Auftraggebern tausende Ingenieure gegenüberstehen, die Aufträge brauchen.

Wowereits Sonderwünsche

Inzwischen gibt es über den Berliner Flughafen Schönefeld das geflügelte Wort: „Niemand hat die Absicht, den Flughafen BER fertigzustellen“. Der erste Hauptgrund für die Probleme war die Unfähigkeit der Lüftungsingenieure gegenüber den Wünschen des Architekten auch einmal „Nein“ zu sagen. Die Geometrie der Anlage ist ungewöhnlich, ihre Entrauchung entsprechend schwierig.

Der zweite Hauptgrund lag in den zahlreichen Änderungswünschen des Bauherrn Wowereit, durch die das ohnehin vorhandene Chaos in der Projektstruktur immer wieder verfestigt und noch vergrößert wurde. Kamen die Ingenieure einer Lösung des Problems zumindest nahe, wurde die Geometrie wieder geändert.

Auch Architekten behandeln Ingenieure wie Erfüllungsgehilfen. Architekten werden von den staatlichen Bauherren oft gefragt, welche Ingenieure sie denn gerne hätten. Und dann taucht eine Liste der devotesten Exemplare auf, die den Gestaltungswünschen nicht im Wege stehen, die aber oft nicht in der Lage sind, das Projekt störungsfrei zu Ende zu führen.

Ich erinnere mich an den Architektenwettbewerb um eine Sporthalle. Der Architekt hatte ein haustechnisches Konzept der „Betonkernaktivierung“ in die Waagschale geworfen. Auf die Frage,wie das bei einem Sportboden und einer Prallwand denn gehen solle, kamen Architekt und Haustechnikingenieur ins Stottern. Es stellte sich heraus, dass der Ingenieur noch nie eine Sporthalle geplant hatte.

Ein Ingenieurthema, welches sehr brisant ist, ist das der Wärmeschutznachweise. Seit vielen Jahren werden Wärmeschutznachweise mit einer Software erstellt, deren Rechenkern im Auftrag der Bundesregierung vom Fraunhofer-Institut für Bauphysik erstellt wurde. In diesem Rechenmodell werden Sonnenstrahlen, welche auf  Fenster treffen, rechnerisch als Energiegewinn berücksichtigt. Solche, welche auf Außenwände fallen, unlogischer Weise und inkonsequenter Weise nicht.

Wandflächen sind viel größer, als Fensterflächen, und Wände haben außerdem Wärmespeichervermögen. Selbst wenn man im tiefsten Winter an einem Sonnentag eine Südwand anfasst, spürt man die gespeicherte Wärme.  Jeder Ingenieur mit physikalischem Grundwissen weiß, dass mit dem Rechenprogramm manipuliert und betrogen wird. Aber alle machen mit. Denn die Anwendung dieses Manipulationsprogramms wird mit staatlichem Zwang durchgedrückt.

Grenzen austesten

Von einem Niedergang der deutschen Ingenieurskunst kann so pauschal nicht die Rede sein. Das Verhältnis zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer war schon bei den Barockbaumeistern zuweilen kritisch. Es ist in der heutigen angeblich demokratischen Gesellschaft mit kleinen absolutistisch regierenden Bauherren aber immer noch feudal. Was jedoch in den letzten 30 Jahren zugenommen hat: Das Austesten von Grenzen durch Bauherren. Und nicht nur von Bauherren, sondern auch von Umweltbehörden, was jüngst den Autobau betraf. Der sogenannte VW-Skandal gehört in diese Schublade.

Man kann nicht von einer Krise des deutschen Ingenieurwesens sprechen, sondern von einer Staats- und Managementkrise, in die die Ingenieure als staatsnahe Auftragnehmer notwendig verwickelt sind. Die „Welt“-Überschrift hätte konsequenterweise heißen müssen: „Bau-Unglücke belegen Niedergang des deutschen Baumanagements“.

Zu meiner Jugendzeit wurde noch die Pedanterei des deutschen Ingenieurs belächelt: „Was ist der Unterschied zwischen einem amerikanischen und einem deutschen Ingenieur? Antwort: Der amerikanische baut das für 50 Cent, für was ein Laie einen Dollar braucht. Der deutsche Ingenieur baut das für eine Mark, wofür der Laie 50 Pfennige benötigt.“

 

Anmerkungen

[1] http://www.welt.de/wirtschaft/article156282845/Bau-Ungluecke-belegen-Niedergang-der-deutschen-Ingenieurskunst.html

Über Wolfgang Prabel

Wolfgang Prabel über sich: "Ich sehe die Welt der Nachrichten aus dem Blickwinkel des Ingenieurs und rechne gerne nach, was uns die Medien auftischen. Manchmal mit seltsamen Methoden, sind halt Überschläge... Bin Kommunalpolitiker, Ingenieur, Blogger. Ich bin weder schön noch eitel. Darum gibt es kein Bild." Kontakt: Webseite | Weitere Artikel