Willkommen in Dünkeldeutschland!
Willkommen in Dünkeldeutschland!

Willkommen in Dünkeldeutschland!

"Die Roemer" von Thomas Couture / Quelle: By painting of Thomas Couture, own photo (Musée d'Orsay, Paris) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC BY-SA 4.0-3.0-2.5-2.0-1.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0-3.0-2.5-2.0-1.0)], via Wikimedia Commons
In der Flüchtlingskrise präsentiert sich ein neues Herrschafts-Milieu erstmals in seiner ganzen gefährlichen moralischen und intellektuellen Verwahrlosung.

Um ihre Betroffenheit über das Elend dieser Welt auszudrücken, hüllten sich Prominente bei einer Filmgala im noblen Berliner Konzerthaus während der Berlinale in Rettungsdecken-Folien. Was war das für ein Spaß. Ein Blinken und Knistern, als wären die Selbstdarsteller Darsteller beim richtigen Film. Laut der Illustrierten „Stern“ hatte sich der chinesische Dissident Ali WeiWei die Aktion ausgedacht, der kurz zuvor schon das ehrwürdige Konzerthaus mit Hunderten von Schwimmwesten „dekoriert“ hatte.

Das alles sind mitnichten Fehltritte, sondern Zeiterscheinungen einer dekadenten Gesellschaft, in der das Motto einer neuen Elite von Till Schweiger bis Norbert Blüm lautet:

„Betroffenheit – und Spaß dabei“.

Doch diese Elite ist nur die Spitze des Müllbergs, denn dahinter steckt ein ganzes Milieu, das sich in der Flüchtlingskrise erstmals in seiner ganzen gefährlichen moralischen und intellektuellen Verwahrlosung präsentierte. Dieses Milieu redet hetzerisch von „Dunkeldeutschland“, doch selber lebt es ein Dünkeldeutschland.

Hetze gegen Andersdenkende

Eine Protagonistin dieses Milieus ist Angela Merkel, die hier vor zwei Wochen ausführlich porträtiert wurde. Der Text kam ziemlich gut bei den Lesern an, weil Merkel eine Kristallisationsfigur der vielen Probleme des Landes ist. Doch auch sie ist kein individuelles Phänomen, sondern Teil einer Strukturerscheinung. Ihre Aussagen und Taten gelten für ihre Gefolgsleute wie ihre Vorgesetzten, sie gelten aber auch für eine große Gruppe von Menschen, möglicherweise sogar eine Mehrheit der deutschen Bevölkerung, die weder die Fähigkeiten dafür noch ein Interesse daran haben, über eigene psychologische und materielle Vorteile hinaus für das Gemeinwesen Verantwortung zu übernehmen.

Für dieses Milieu ist die Dominanz über und die Hetze gegen Andersdenkende eine Existenznotwendigkeit. Es kompensiert eigene Schwächen und es generiert den Hass, um der empfundenen Leere der eigenen Existenz einen Sinn zu geben. Da es den Betroffenen nicht um Argumente oder geistige Inhalte geht, meiden sie jeden Diskurs und üben Macht aus, wo sie es können.

Dieses psychologische Defizit kreiert eine intuitive Seilschaft aus mehr oder weniger menschlich gescheiterten Existenzen, die die neue Glaubensrichtung des Gutmenschentum bilden, um sich ein Ventil für die eigenen Probleme zu schaffen. Der Bremer Sozialwissenschaftler Boris Blaha meint dazu in einem Text für den Deutschen Arbeitgeberverband[1]:

„Es gibt einen bestimmten Punkt, an dem sich Merkel und Ensslin (RAF-Terroristin, KK) ganz nahe kommen: Das ist das Moment einer inneren Glaubensüberzeugung, die absolut unerschütterlich ist und dabei als Gewissheit zugleich völlig unabhängig von allen Mitmenschen um sie herum feststeht. Diese Überzeugung ist nicht verhandelbar – wer eine solche Überzeugung hat, ist auf andere Sterbliche (weder Koalitionspartner noch Parlament noch andere EU-Länder) nicht mehr angewiesen.“

Jugendliche wollen „so sein wie alle“

Blaha nennt dies „apolitisch“, und die Beobachtung deckt sich mit den Ergebnissen einer Studie des Sinus-Instituts über die Vergreisung der jungen Generation, die nicht allein betroffen ist.[2] In der Sinus-Pressemitteilung dazu heißt es:[3]

„Der Begriff ,Mainstream’ ist bei den meisten Jugendlichen kein Schimpfwort, sondern –im Gegenteil – ein Schlüsselbegriff im Selbstverständnis und bei der Selbstbe-schreibung. Viele wollen mehr noch als vor wenigen Jahren so sein „wie alle“. Ein mehrheitlich gemeinsamer Wertekanon vor allem aus sozialen Werten deutet auf eine gewachsene Sehnsucht nach Aufgehoben-und Akzeptiertsein, Geborgenheit, Halt sowie Orientierung in den zunehmend unübersichtlichen Verhältnissen einer globalisierten Welt hin. Dem entsprechen auch ihre generelle Anpassungsbereitschaft und selbstverständliche Akzeptanz von Leistungsnormen und Sekundärtugenden. Dieser ,Neo-Konventionalismus’ gilt gleichermaßen für Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund, ausgenommen sind lediglich die postmodern geprägten Lebenswelten.“

Was Sinus für die Jugendlichen ermittelt hat, gilt natürlich auch für die Generationen, die darauf hingearbeitet haben. Die naturgesetzliche Dialektik von bewahrenden Alten und drängenden Jungen hat der Niedergang in einen anti-evolutionären Brei verwandelt. Intuitiv erkennt man zunehmend, dass es für die Gesellschaft keine Zukunft gibt, und entwickelt eine Kultur scheinbaren, also virtuellen Fortschritts bei gleichzeitigem Bemühen um Stasis. Reale Probleme werden als unlösbar an die Seite geschoben, ignoriert und geleugnet, während virtuelle, weil virtuell lösbare Probleme erfunden werden.

Aus dem Ziel Gerechtigkeit wird so Gleichheit, aus Globalisierung wird Multikulti, aus Umweltzerstörung wird menschgemachter Klimawandel, aus zwischenmenschlichen Problemen wird Genderismus, aus Kulturverlust wird Rechtschreibreform, aus Postkapitalismus wird ein Kampf gegen Rechts, und aus Kriegsgefahr wird Willkommenskultur. Wie bei jedem instabilen System schaukelt sich der Effekt auf.

Wie kann ein Lehrer noch Perspektiven weisen, wenn er selber erkennt oder ahnt, dass es diese Perspektiven nicht gibt? Wie kann ein Schüler Perspektiven entwickeln, wenn er in einer Kultur der Perspektivlosigkeit aufwächst? Warum sollte er überhaupt Perspektiven entwickeln wollen, wo er doch rundum gepampert ist und glaubt, mit sich im Reinen zu sein?

Dissonanz zwischen Denken und Handeln

Notwendigkeiten nicht mehr erkennen zu können nennt man Dekadenz. Die Flüchtlingspolitik hat uns diesen Zustand der Gesellschaft nur vor Augen geführt, auch wenn sie ihn beschleunigen wird. Angesichts des offensichtlichen Scheiterns einer von Anfang an zum Scheitern verurteilten Handlungsmaxime hält sie immer weiter an der Illusion fest. Im Sozialisationsprozess des Niedergangs entstand für die Eliten, nicht nur die politischen, eine Dissonanz zwischen Denken und Handeln, die zu Gunsten des blinden Handelns zwangsharmonisiert wurde. „Ich tue, also bin ich.“ Im gelebten Alltag pendelt diese Elite irgendwo zwischen dem Kaufen von Statussymbolen und jovialen Debatten über Rotweinsorten.

Dazu passt dann auch die eingangs erwähnte Berlinale-Party der trotz aller Rettungsfolien unrettbar Verlorenen im Konzerthaus. Dazu passt auch eine Moderatorin Anke Engelke, die zur Eröffnungsgala der Berlinale die Stadt Leipzig unter dem Applaus von 1600 Gästen mit der Düsternis von Nazi-Deutschland gleichsetzte:

„Viele Millionen wurden dafür (Anm. d. Red.: für einen Clooney-Film) verwandt, die düstere Atmosphäre von Nazi-Deutschland herzustellen, aber er hätte es billiger haben können – 180 Kilometer im Süden: in Leipzig.“

So wird innerhalb dieser Elite gedacht und gesprochen, denn die Realität ist für sie nicht nur weit entfernt, sondern schlicht unerheblich. Der krampfhafte Schulterschluss in dieser Elite stabilisiert ihre Virtualität. Alles ist hier eine große Show, während sich in der Realität längst der Showdown abspielt. Auf der Titanic wird durchgetanzt.

Im Fußvolk dieser Elite treffen sich währenddessen die schlichten Geister vom gutmenschelnden Sozialarbeiter bis zur Antifa unheilig mit den „Zeit“ und „Spiegel“ lesenden Schmalspurintellektuellen, die der Meinung sind, ihr Kleinhirn sei tatsächlich in der Lage, die großen Fragen der Welt zu lösen. Die so scheinbar induzierte gesellschaftliche Bewegung ist aber bestenfalls ein Schlingern auf der Stelle.

An dieser Stelle muss ich auf Hinweis meines externen Gewissens, meiner besten Ratgeberin und Angetrauten, noch einmal differenzieren. Es gibt in der Tat noch eine dritte Gruppe zwischen dieser neuen Elite und den Verteidigern alter Werte: Das sind die Menschen, die vielleicht naiv, aber doch guten Willens den Blick auf individuelles Leid richten, ohne sich für gesellschaftliche Zusammenhänge zu interessieren. Menschen, die reale oder virtuelle Missstände bekämpfen, ohne sich Vorteile materieller oder psychologischer Art verschaffen zu wollen. Menschen, die nicht gegen andere agieren, sondern für ihre Ideale. Menschen, die einfach nur gut sind, ohne Gutmenschen sein zu wollen.

Die neue Gesellschaft basiert auf Täuschung

Nun aber zurück zu letzteren und dem durch sie begründeten Metaorganismus einer neuen Elite. In der Phase rituell ausgelebter Willkommenskultur könnte es geschehen, dass bisherige Profiteure des Niedergangs verdrängt werden, doch das wäre nur ein Kollateralschaden, denn auch für Genderisten, Klimatisten und andere Energiewendehälse wird es sich sicher weiter auf Kosten der Gemeinschaft gut leben lassen.

Wenngleich es interessant sein wird zu beobachten, ob es künftig politisch korrekt bloß „Einwanderin“ heißen muss oder doch „EinwandererIn“, ob Männer aus archaischen Kulturen trotz Mitleidsbonus ihre Frauen respektieren sollen oder ob eine künftige islamische Mehrheit auch in Deutschland Homosexuelle steinigen darf. Egal: Notfalls wird es den Betroffenen keine Mühe machen, auf den neuen Zug aufzuspringen – ist es doch das, was sie wirklich gelernt haben.

Die Täuschung ist die Urmaterie dieser neuen Gesellschaft, bei der selbst Anti-TTIP-Demonstranten und Sarah Wagenknecht kurzerhand in die rechte Ecke gestellt werden können. Was bei der einen Sache so prima funktioniert hat, wird von den Herrschenden eben gleich zweitverwertet. Faszinierend ist, wie flächendeckend aufgrund strukturell induzierter Prägungen das neue Denken ist.

Da kann ein eigentlich konventioneller Moral verpflichteter und eigentlich ökonomisch unabhängiger Kirchenfürst wie der katholische Erzbischof von München und Freising, Reinhard Marx, die Kanzlerin ausdrücklich für ihre Gesetzesbrüche loben, die sie bei ihrer Flüchtlingspolitik begangen hat: Die Kanzlerin habe sich „sogar über das Gesetz hinweggesetzt. Das gehört auch zur politischen Führung!“

Alexander Kissler kommentierte dazu[4]:

„Dass dies bisher keine überregionale Debatte ausgelöst hat, verwundert. Hier relativiert ein einflussreicher Kirchenmann, der zudem auf der Gehaltsliste des Freistaats steht, Besoldungsgruppe B 10, die Gesetzestreue der Kanzlerin zugunsten einer besonderen Staatstreue der Kirche. Jenseits von Gut und Böse können sich Philosophen und Künstler tummeln, Landesbischöfe nicht.“

Gehirn gewaschenes Volk

Können sie eben doch. Die Kanzlerin kann als Galionsfigur der neuen Elite sogar an niedrigste völkische Instinkte appellieren, ohne dass ihr einer der Kämpfer gegen Rechts in die Parade fährt:

„Wir schaffen das, denn Deutschland ist ein starkes Land.“

Dreist behauptet sie:

„Von gelungener Einwanderung hat ein Land noch immer profitiert.“

Dabei ist die Geschichte voll von Hochkulturen, die durch Barbareninvasionen von der Landkarte gefegt wurden. Stattdessen verspricht sie so substanzlos wie kaum widersprochen, „die Integration so vieler Menschen ist eine Chance von morgen“. Das sehen „britische Regierungskreise“ anscheinend anders, wenn sie durchstechen, es möge ja sein, dass es sich „moralisch besser anfühlt“, wenn man viele Migranten aufnimmt, „aber wo liegt die Moral einer Politik, die Millionen von Menschen nach Europa lockt, um sie dann zu enttäuschen, weil sie nicht absorbiert werden können?“

Merkel und ihre Politik sind die würdige und konsequente Entsprechung dieses immer noch wachsenden, aber längst etablierten neuen deutschen Milieus eines dekadenten Bürgertums, das sich weise wähnt und debil auf das Volk herunterschaut, das gehirngewaschen ist und selber Gehirne wäscht, das die Realitäten ignoriert und damit neue Realitäten schafft, das sich fortschrittlich geriert, doch keinen Fortschritt kennt, und entschlossen zum Abgrund fortschreitet.

Die Macht des Systems

Die Vertreter dieses Milieus sind auf allen Ebenen der Gesellschaft Meister des Virtuellen, sie sind Blender, sie sind Überlebenskünstler in der neuen Welt des Niedergangs. Die ins Negative verkehrte Evolution schafft solche intuitiv agierenden Kreaturen, die in nicht gekannter Perfektion das Kollektiv betrügen, aussaugen und, kurzsichtig wie Parasiten sind, zerstören.

Solche Kreaturen existieren nur, solange sie nicht durch ein Gewissen belastet sind. Da sie aber als Nachkommen einer einst noch funktionierenden sozialen Evolution noch bestimmten moralischen Prägungen unterworfen sind, müssen sie ihr Gewissen sozusagen auslagern, indem sie, wie die Flüchtlingskrise lehrt, moralische Gefühle weit entfernt von der eigenen Existenz und Handlungswirklichkeit ausleben.

Diese Elite ist überparteilich, weil sie die Parteien alter Prägung längst überwunden hat. Ihre Macht stützt sich auch auf Medien, Universitäten, Führungskräfte, Wissenschaftler, auf alle eben, die auf dem Marsch durch den Apparat Expertenstatus erlangt und Erkenntnisfähigkeit verloren haben. Ihr Glaube ist, wie jeder Glaube, der Glaube an das Nichtwirkliche. Ihr Beispiel wird von einem durch einen Informationsoverkill verunsicherten Fußvolk begierig wahrgenommen und nachgelebt. Andernfalls droht ja auch die „Exkommunikation“ und damit die ökonomische Vernichtung. Das System erzeugt, wie jedes Geschwür, sich selbst und sein eigenes Wachstum.

Anmerkungen

[1] http://www.deutscherarbeitgeberverband.de/textezurfreiheit/2015_10_05_dav_freiheit_merkel.html

[2] http://www.wie-ticken-jugendliche.de/home.html

[3] http://www.wie-ticken-jugendliche.de/fileadmin/user_files/Wie_ticken_Jugendliche_2016/Presse/2016_04_22_PM_SINUSJugend.pdf

[4] http://www.cicero.de/berliner-republik/staat-und-kirche-kardinal-marx-lobt-einen-rechtsbruch/59977

Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel