Wenn alle System-Kritik nicht hilft
Wenn alle System-Kritik nicht hilft

Wenn alle System-Kritik nicht hilft

Karikatur auf die Zensur unter Diktator Primo de Rivera. Quelle: Wikipedia, Lizenzhinweis aus Wikipedia: Karikatur auf die Zensur unter Diktator Primo de Rivera. Quelle: Wikipedia, Lizenzhinweis aus Wikipedia: "Die Schutzdauer für das von dieser Datei gezeigte Werk ist nach den Maßstäben des deutschen, des österreichischen und des schweizerischen Urheberrechts abgelaufen. Es ist daher gemeinfrei".
Können Systemkritiker einen Erkenntnisprozess vorantreiben? Oder sucht jeder nur seinen privaten Schuldigen und bringt sein Weltbild scheinbar ins Gleichgewicht?

Alles verursacht Kosten, aber nicht für jeden. Zum Beispiel die Kreuzfahrt auf einem Luxusschiff wie der Ocean Gala: Im Februar überraschte uns die Meldung, dass die schwedische Migrantenbehörde das Boot für 100.000 Dollar am Tag zur Unterbringung von 1750 Migranten gemietet hat. Ob sich das für den Vermieter wohl rechnet angesichts der anschließend notwendigen Generalüberholung?

Die deutschen Willkommensjubler und ihre Entourage stören exorbitante Kosten sowieso nicht, denn sie glauben ja, ihr so erkauftes gutes Gewissen nicht wirklich selbst bezahlen zu müssen. Doch auch sie sind Teil dieser Volkswirtschaft, für die solcherart Spaßvergnügen ein teures ist. Von 50 bis 900 Milliarden Euro Fluchtfolgekosten in Deutschland reichen die Schätzungen der Fachleute je nach Kompetenz und politischer Couleur.

Wer rechnet richtig?

Der mit eindeutiger politischer Absicht formulierte angebliche Nutzen der unkontrollierten Einwanderung, der zu diesen Kosten einen Gegenwert bilden könnte, erweist sich dagegen mehr und mehr als Propagandalüge. Und nun kommen zu den Kosten der Einwanderung noch Kosten für die Vermeidung weiterer Einwanderung und für leerlaufende Prozesse bei der derzeitigen zwischenzeitlich gelungenen Reduzierung hinzu.

2300 „Asylexperten“, Übersetzer und Polizisten entsendet die EU im Rahmen des Türkei-Deals nach Griechenland, mit Trennungszulage versteht sich. Drei Milliarden Euro soll die Türkei dafür erhalten, die Flüchtlinge von den Leuten fernzuhalten, die eben noch freudig erregt Teddys geworfen haben. Und wenn die drei Milliarden aufgebraucht sind, gibt es die nächsten drei Milliarden usw. 2,3 Milliarden Euro bewilligte Deutschland schon für die Krisenhilfe in Syrien und Umgebung. Keine Kostenangaben sind möglich, wenn es um die Belastungen durch die für den Juni angekündigte Entscheidung zur Aufhebung der Visumspflicht für türkische Bürger geht.

So konkret wie möglich und wie es ihnen ihre Auftraggeber vorgeben, haben Wirtschaftswissenschaftler die Kosten der Migration berechnet. Für das „arbeitgebernahe“ Institut der deutschen Wirtschaft (IW) kosten Unterbringung, Verpflegung sowie Integrations- und Sprachkurse für Flüchtlinge den Staat 2016 und 2017 knapp 50 Milliarden Euro. Im laufenden Jahr (vermutlich meint die Quelle „Zeit“ bei der Veröffentlichung im Februar 2016 das Jahr 2015[1]) seien für Unterbringung und Verpflegung von rund 1,5 Millionen Asylbewerbern 17 Milliarden Euro angefallen. Hinzu seien fünf Milliarden Euro für Sprach- und Integrationskurse gekommen. Dies habe zur Folge, dass die Regierung spätestens 2017 neue Kredite aufnehmen müsse.

Der ebenfalls wirtschaftsliberale aber anscheinend nicht so offensichtlich auftragsgebundene Professor für Finanzwirtschaft, Bernd Raffelhüschen, kommt bei Focus-Money zu ganz anderen Ergebnissen[2]. Er rechnet mit 900 Milliarden Euro Kosten für den deutschen Steuerzahler durch den Flüchtlingszustrom und spricht von einer negativen fiskalischen Dividende, die entsteht, wenn bis zum Jahr 2018 insgesamt zwei Millionen Flüchtlinge nach Deutschland kommen und eine Integration in den Arbeitsmarkt innerhalb eines Zeitraums von sechs Jahren gelingt.

Raffelhüschen spricht dabei allerdings von einem „unrealistisch optimistischen Szenario“. Erschreckend dabei: Die Studie beruht nicht auf der gesamten zu erwartenden Zuwanderung, sondern nur auf den 800.000 Personen, die zum Zeitpunkt der Erstellung der Studie bekannt waren.

Explodierende Kosten

Nachvollziehbar argumentiert der Wissenschaftler, dass die Altersversorgung der zu Integrierenden rein rechnerisch nicht gewährleistet werden kann. „Wir haben es oft erlebt, dass Flüchtlinge im Alter von 30 bis 35 Jahren nach Deutschland kamen und dann natürlich noch einmal fünf bis zehn Jahre benötigten, um in den Arbeitsmarkt integriert zu werden. Wie sollen diese Menschen 45 Jahre in die Rentenkasse einzahlen? Das geht doch schlicht nicht.“ Der Flüchtlingsstrom diene also nicht, wie behauptet, der Entlastung der Rentenkassen, sondern sei ein verstärkender Teil des Problems.

Unbewertet bleiben ohnehin die versteckten Kosten und Belastungen, über die unter anderem hier schon geschrieben wurde. Derzeit explodieren die Preise für z.B. Container, Baukosten, Mieten und die Fortbildung der Migranten. Die Versicherungsprämien für Asylbewerberunterbringung, so dies überhaupt noch versichert wird, steigen ins Unermessliche, liegen inzwischen auf dem Level von Böllerfabriken, wie es ein Zyniker/Realist schon vor einem Jahr formulierte. Um dies abzufedern, werden sich auch die normalen Versicherten auf Prämiensteigungen einstellen dürfen. Überall ist zudem Korruption und Misswirtschaft in unsicheren Zeiten Tür und Tor geöffnet[3].

In Berlin bezifferte ein Architekt allein die Schäden bei zur Unterbringung genutzten Sporthallen auf derzeit rund 4,3 Millionen Euro. Doch dieser Betrag war lediglich eine Zwischensumme im März. Das Geld für die erforderliche Sanierung, das wurde schon verlautet, werde aus dem allgemeinen Sportanlagensanierungsprogramm kommen. So wird es natürlich bei der notwendigen regulären Sanierung von Sporthallen einen entsprechenden Rückstau geben.

Und was bleibt von der offiziell verkündeten Perspektive für die „dringend benötigten Arbeitskräfte“ aus Krisengebieten? Für den Spiegel und das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ist schließlich eine „Jobmaschine“ angeworfen worden[4]. Flüchtlinge würden Deutschland recht bald ökonomisch mehr nutzen als schaden, im Normalfall bereits ab 2020, wenn es schlecht läuft, erst ab 2025, heißt es. Angesichts der bekannten Zahlen über die zurückgehende wirtschaftliche Dynamik und die völlig unzureichende Qualifizierung der meisten Flüchtlinge ist das dreiste Propaganda, auf die wir hier nicht mehr eingehen müssen.

Im Teilmarkt Berlin gehen die Unternehmensverbände jedenfalls davon aus, dass pro Jahr 5000 Flüchtlinge in Arbeit oder Ausbildung zu bringen sind, und der Senat ergänzt, dass in diesem Jahr 25.000 Flüchtlinge in die Jobcenter drängen werden. Was für alle kostet, muss eben nicht allen nutzen. Es bleiben die Vorteile für die direkten Flüchtlingsprofiteure – vom Wohnungsbauer bis zum Therapeuten. Aber all das sind keine Wirtschaftsfaktoren, die unter dem Strich der Gesellschaft nützlich sind. Sie wälzen lediglich Geld um, ohne einen Mehrwert zu produzieren. Die Faustformel lautet beispielsweise, dass jedes Heim mit ein paar Hundert Menschen etwa zehn Betreuer benötigt, plus dem je nach Baulichkeit unterschiedlich umfangreichen Sicherheitsdienste[5]. Für die Volkswirtschaft ist das dann bestenfalls ein Null-Summen-Spiel.

Es nervt!

So, das waren wieder viele Fakten und Zahlen und Zitate, fast alles vorschriftsmäßig belegt – und deshalb ist es jetzt Zeit für eine klassische Kustos’sche Wendung. Es nervt! Jeder kann mit Zitaten und Zahlen beweisen, was er will. Als ich vor exakt fünf Jahren und 300 Posts begann, sollte alles anders sein. Mit kybernetischen Feinabstimmungen sollte ein neuer Weg der geistigen Auseinandersetzung beschrieben und beschritten werden. Mit intellektuellen Nadelstichen sollte aufgeklärt und sollten feine Korrekturen an den vielfältigen Prozessen des Niedergangs initiiert werden.

Das hat mehr als drei Jahre lang ganz gut funktioniert, bevor der finale Wahnsinn in die Politik des Niedergangs Einzug hielt, der für moderate Abwägungen keinen Platz mehr lässt und einen Widerstand mit vollen Breitseiten verlangt. Die Dummheit und Massivität der Angriffe auf den gesunden Menschenverstand haben tatsächlich Dimensionen erreicht, die nicht mehr mit dem Florett abgewehrt werden können.

Nun muss also auch Konrad Kustos die groben Muster stricken, Partei ergreifen, die einfachsten Dinge erklären, die dann doch nicht verstanden oder überhaupt gelesen werden. Das nervt. Der Mechanismus des Vereinfachens gilt nämlich nicht nur für den PoCo-Mainstream, sondern auch für viele Leser aus der oppositionellen Strömung.

Viel zu viele glauben, streng im Geiste der Aufklärung, man müsse nur den richtigen Hebel umlegen, und alles wäre wieder schick. Ein paar Bilderberger beseitigen, Psychotherapien für die Herrschenden einführen, beten, raus aufs Land, über Chemtrails lamentieren (über CHEMTRAILS!) oder eben mal das Geldsystem abschaffen. Und bisweilen wirft man mir dann auch noch vor, keine Lösungsvorschläge zu bieten.

Das nervt, weil es keine einfachen Lösungen gibt. Vermutlich gibt es für die Kernfragen im Niedergang gar keine Lösung mehr. Das müssten die Leser inzwischen verstanden haben, und, um zu wissen, warum das so ist, möglichst mein Buch Chaos mit System gelesen haben.

Dort steht schon seit fünf Jahren, ohne die Dynamik der jetzigen Geschehnisse so geahnt haben zu können, ziemlich genau beschrieben, warum so viele schreckliche Dinge in diesem Land und dieser Welt geschehen und dass wir dagegen höchstens hinhaltenden Widerstand zu leisten in der Lage sind. In ein Fass ohne Boden sollte man schließlich kein Wasser mehr schütten (und Wein schon gar nicht). Stattdessen wird von vielen Lesern aber einfach weiter pawlowsch auf vordergründige Alarmmeldungen reagiert und faktenreich nach einfachen Kausalitäten gesucht. Der Kopf steckt im Sand, das Stroh steckt im Kopf.

Jeder sucht sich seinen privaten Schuldigen

Die angesichts der ungeheuerlichen Geschehnisse ohnehin viel zu schwache Opposition unterliegt unentwegt „Kognitiven Verzerrungen“[6], also fehlerhaften Einordnungen beim Wahrnehmen, Erinnern, Denken und Urteilen. Das bleibt meist unbewusst und endet zwangsläufig in der Sackgasse.

Ein Beispiel: Unter den selbsternannten Fortschrittlichen versammeln sich vorzugsweise Leute, die ihren Antisemitismus als „Israelkritik“ tarnen. Unter den Konservativen finden sich viele, die ihren Antisemitismus als Werteverteidigung tarnen. Mit der komplexen Situation dieses Staates und dieses Volkes glaubt man sich so wenig auseinandersetzen zu müssen wie mit seinen begrenzten Möglichkeiten. Oder: Angesichts der systemischen Lügen der Lügenpresse brachte Oskar Lafontaine kürzlich ominöse Journalisten ins Spiel, die „Befehle vom US-Geheimdienst“ erhalten. In solchen Kurzschlüssen ist wenig Platz für eine unendlich komplizierte, vernetzte Welt(sicht).

Ich sehe also wenig Bereitschaft oder Fähigkeit, die Dinge, die geschehen, als Ausdruck von Niedergangsstrukturen zu begreifen und die Realität ernst zu nehmen. Jeder sucht sich seinen privaten Schuldigen für die Misere und bringt mit dieser Denkdämmung sein Weltbild scheinbar ins Gleichgewicht.

Das nervt. Auch sind nach fünf Jahren die vielen Klicks auf meine Beiträge ein Ausdruck dieses Unverständnisses und damit zur Aufrechterhaltung meiner Motivation zu wenig. Gelingt es mir überhaupt, so lautet mein derzeitiger Zweifel, irgendwo einen Erkenntnisprozess voranzutreiben?

Wenig erfreulich ist zudem, dass gegenwärtig die weltanschaulich weitgehend verirrte Opposition jede nur denkbare wichtige Verteidigungslinie an das System des Niedergangs verliert: Flüchtlinge, EU/Globalisierung, Abschaffung des Sozialstaats, Klimaschwindel, gendernde Sprachverbiegung, Gleichheitswahn…. Selbst das Umsteuern in der Flüchtlingsfrage war nur auf einen Mentalitätswandel der Globalisierer zurückzuführen.

Wie lange soll ein Kritiker dem Druck standhalten?

Wie lange kann man da mit einem Protest weitermachen, ohne blöd zu sein oder sich ins Schicksal zu ergeben? Von Kommentator Gustav habe ich das Zitat:

„Die Verwesung der modernen Welt nicht zu spüren, ist ein Indiz der Ansteckung.“
(Nicolás Gómez Dávila)

Ist es dann automatisch die Aufgabe der „Gesunden“, Sozialarbeit im Seuchenheim zu leisten, oder nicht vielmehr das Recht, Fersengeld zu geben? Und ganz nebenbei gefragt: Wie lange wird ein Systemkritiker in Deutschland die feindliche Übelnahme, also den zunehmenden moralischen rechtlichen und politischen Druck dieses Systems persönlich aushalten können?

Aber, umgekehrt gefragt, was soll einer wie ich denn sonst machen? Wenn er doch die Wahrheit wahrzunehmen meint und den evolutionär gegebenen Drang verspürt, zu kommunizieren und die Welt vielleicht doch ein kleines bisschen zum Besseren zu korrigieren? Soll er nur die immer noch vorhandene Schönheit der Welt genießen? In Ausschließlichkeit nervt auch das irgendwann. Und schließlich gibt es auch eine Verantwortung zum Weitermachen für die inzwischen vielen Leser.

Also lautet der Kompromiss: Wir machen weiter, aber weniger. Von nun an erscheinen die vormals wöchentlichen Wahrheiten nur noch alle zwei Wochen, aber weiter am Sonntag. Aktuelle Wortmeldungen zwischendurch sind natürlich immer drin. Und es gibt ja auch viel zu tun, angesichts der über die Flüchtlingsfrage weit hinausreichenden fortschreitenden Kriegsgefahr, der ökonomisch-politischen Umgestaltung der Welt und der damit einhergehenden Einschränkung von Freiheit. Vielleicht hat ja auch schon diese kleine Publikumsbeschimpfung ein bisschen aufgerüttelt…

 

Anmerkungen

[1] http://www.zeit.de/wirtschaft/2016-02/fluechtlinge-haushalt-kosten-studie-iw

[2] http://www.focus.de/finanzen/news/finanzexperte-raffelhueschen-die-regierung-weiss-mehr-ueber-die-fluechtlinge-gibt-die-daten-aber-nicht-heraus_id_5300619.html

[3] http://www.ndr.de/nachrichten/Das-Geschaeft-mit-Fluechtlingsunterkuenften,fluechtlinge2188.html

[4] http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/fluechtlinge-wie-experten-die-kosten-berechnen-a-1079811.html

[5] http://www.morgenpost.de/berlin/article206879509/Fluechtlingsheime-schaffen-Tausende-Arbeitsplaetze.html

[6] http://www.geistundgegenwart.de/2012/11/kognitive-verzerrungen-warum-irren-wir.html

Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel