Erdogan in der Falle der Großmächte
Erdogan in der Falle der Großmächte

Erdogan in der Falle der Großmächte

Recep Tayyip Erdogan / Zeichnung © GEOLITICO Recep Tayyip Erdogan / Zeichnung © GEOLITICO
Je mehr der türkische Präsident Erdogan zum Terrorpaten aufstieg, desto mehr Grund und Möglichkeiten gab er dem Westen und Russland, den türkischen Nationalstaat zu eliminieren.

In einer dreiteiligen Analyse gibt Diogenes Lampe eine Antwort auf die Vorgänge in und um die Türkei. Er stellt dabei die gegenwärtigen Machtspiele im Nahen und Mittleren Osten in einen plausiblen historischen Kontext und weist auf etwaige zukünftige Ereignisse hin, die sich aus der Geschichte des noch nicht ganz hundertjährigen Nationalstaats der Türken auch für uns ergeben könnten.

  • Der erste, bereits veröffentlichte Teil (Erdogans Reich zerfällt bereits) beschäftigt sich mit der Aktualität ungelöster Konflikte in Anatolien, die nach dem Ende des 1. Weltkrieges zur Gründung eines türkischen Nationalstaates geführt haben, den die amerikanischen, westeuropäischen und russischen (bzw. sowjetischen) Siegermächte nie wollten.
  • Der heutige zweite Teil wird auf die geopolitische Lage Ostanatoliens in Vergangenheit und Gegenwart eingehen.
  • Der dritte Teil widmet sich Westanatolien im Zusammenhang mit Griechenland, das im Zuge der Abwicklung des kemalistischen Nationalstaates der Türken ebenfalls vor großen Veränderungen stehen dürfte.

II. Teil

Atatürk, der sich nicht in die jungtürkischen Massenmorde seines Machtrivalen Enver Pascha verwickelt hatte, suchte angesichts der massiven Angriffe der Griechen, die immer weiter ins Innere Anatoliens vordrangen, eine Verständigung mit den Sowjetrussen, die die Armenier unterstützten, und ein Bündnis mit den Kurden, obwohl diese mit den Jungtürken den multiethnischen Gedanken des Osmanischen Reiches und die geistliche Führung durch das osmanische Kalifat unterstützen und keinen türkischen Nationalismus wollten.

Doch bei den Friedensverhandlungen 1919/1920 hatten die Westmächte Teile der Kurdengebiete Frankreichs neuem Kolonialstaat Syrien und Britanniens neuem Irak zugeschlagen. Die Kurden hatten also allen Grund, im türkisch-griechischen Krieg gemeinsam mit Atatürk gegen die westlichen Besatzungsmächte zu kämpfen, die den Vorstoß Griechenlands in Westanatolien unterstützten.

Warum die Kurden Atatürk bekämpften

Ohne die Hilfe der Kurden wäre der Sieg Atatürks gegen die Griechen, wie gesagt, nicht denkbar gewesen. Doch schon kurz darauf brach er seine drei Versprechen ihnen gegenüber. Sie wurden nicht wie gleichberechtigte Brüder behandelt. Atatürk unternahm nichts, um für sie die kurdischen Gebiete um Mossul zurückzuerlangen und er bewahrte auch nicht das Kalifat, sondern schaffte es 1924 als Keimzelle des Widerstandes gegen den türkischen Nationalstaat ab. In seiner neuen Türkei, die im Vertrag von Lausanne vom 24. Juli 1923, welcher weder Kurden noch Armenier erwähnte, schließlich internationale Anerkennung gefunden hatte, passten keine Kurden. Und ein eigenständiger Kurdenstaat hätte das Territorium des neuen türkischen Nationalstaats in Anatolien noch einmal wesentlich verkleinert.

Atatürk, dem natürlich bewusst war, dass sein türkischer Nationalstaat ein massives Kurdenproblem hatte, verfolgte deshalb eine aggressive Assimilierungspolitik und ließ die Kurden kurzerhand in „Bergtürken“ umbenennen. Die Folgen waren blutige Aufstände, die bis heute anhalten.

Die Sowjetmacht, der türkische Nationalstaat und die Kurden als seine Achillesferse

Die Westmächte, vor allem die Briten, die das große kurdische Gebiet um Mossul wegen seines Ölreichtums für sich beanspruchten, dachten nicht daran, den Kurden einen eigenen Staat zu geben. Doch nicht nur sie schürten nur allzu gerne den Kurdenaufstand von 1925, den Atatürk blutig unterdrückte. Auch die Sowjetunion, der Armenien 1922 zusammen mit Georgien, Abchasien und Aserbaidschan als Teil einer SFSR (Transkaukasische Sozialistische Förderative Sowjetrepublik) beigetreten war, instrumentalisierte die Kurden für ihre geopolitischen Zwecke. Denn die Kurdenfrage machte von Anfang an den neuen türkischen Nationalstaat wie die Kurdenstämme an der neuen Grenze der Sowjetunion instabil und beeinflussbar.

Das war Moskau wichtig, um den Panturkismus, dem auch einzelne Kurdenstämme zuneigten, innerhalb der eigenen Sowjetrepubliken in Schach zu halten. Um die Kurden von dieser Zuneigung abzubringen, war es aber erforderlich, ihnen über kurz oder lang einen eigenen Nationalstaat zuzubilligen; – möglichst natürlich einen kommunistischen. In diesem Sinne wurden die Kurden auf dem Gebiet der Türkei beeinflusst. Die 1978 als marxistisch-leninistische Arbeiterpartei gegründete PKK ist hierfür das beste Beispiel.

Aber auch den westlichen Besatzern schien es durchaus nützlich zu sein, die Kurdenstaatfrage zusammen mit der Territorialfrage in Bezug auf Armenien, Georgien und Aserbaidschan offenzuhalten, ihre Eskalation in eine unbestimmte Zukunft zu verweisen. Mit dieser ständigen Bedrohung banden sie den türkischen Nationalstaat immer stärker an das westliche System.

Um den „Sowjetkurden“ der PKK, die eng mit den syrischen Kurdenstämmen verbunden waren, etwas entgegenzuhalten, förderten sie „ihre“ Kurdenstämme im Nordirak und spielten sie gegen die Sowjets und die kommunistisch beeinflussten Kurden aus.

Das junge Sowjetrussland erkennt Atatürks Regierung an

Die Republik Atatürks, die den verbliebenen Rest des Osmanischen Reiches, Anatolien, übernahm, war schon bald zu einem Bündnis mit dem Westen gezwungen, das deshalb alles andere als ein Bündnis gegenseitiger Zuneigung gewesen ist. Es blieb immer nur der politischen Notwendigkeit geschuldet, die Russen, bzw. die inzwischen von der Wallstreet finanzierten Sowjets, vor einer Besetzung Ostanatoliens zugunsten von Armenien und Georgien abzuhalten und einen eigenständigen kurdischen Staat, der nun auf der internationalen Tagesordnung stand, zu verhindern.

Die Kurdistanfrage wurde zu einem Schlüssel. Im Vertrag von Sèvres war 1920 von den westlichen Siegermächten das Selbstbestimmungsrecht der Kurden festgelegt worden. Atatürk gelang es jedoch, die Kurden auf seine Seite zu ziehen, denn die wurden in Sèvres noch nicht einmal an den Katzentisch geladen, während die Armenier mit der gerade neu gegründeten Tschechoslowakei am großen Verhandlungstisch sitzen durften.

Aber auch die junge Sowjetunion bedrohte, wie zuvor das Russische Reich, den Osten Anatoliens und spielte dabei die Karten Armenien, Georgien und Aserbaidschan aus. Die Kemalisten, denen klar war, dass sich ohne die Kurden das Gebiet der türkischen Republik nochmal um ca. 25 % verkleinern würde, propagierten also zunächst ein Bündnis zwischen Türken und Kurden. Nur eben nicht auf Augenhöhe.

Die Konsequenzen von 1921

Laut den Verträgen von Moskau und Kars, abgeschlossen mit den türkischen Nationalisten von Ankara, musste Armenien sein früheres Siedlungsgebiet Kars abtreten. Georgien verlor den südlichen Teil des Gebiets Adscharien an das Osmanische Reich, bekam dafür aber den nördlichen Teil mit der Hafenstadt Batumi zugesprochen. Der gehörte seit 1878 zum Russischen Reich. Kars seit 1828. Das benachbarte Aserbaidschan, im April 1920 von den Bolschewiken erobert, bekam dagegen 1921 Gebiete auf Kosten Armeniens hinzu, die nun, neunzig Jahre später wieder zur Disposition stehen.

Aserbaidschan, Georgien und Armenien traten 1922 der Sowjetunion bei. Armenien musste aber dabei mit der Provinz Kars endgültig Teile des Gouvernements Erivan mit dem Heiligen Berg Ararat, dem Nationalsymbol Armeniens, abtreten. Mit seinem Verlust zugunsten der Türkei hat sich das armenische Volk nie abgefunden.

Bergkarabach

Fünf US-Bundesstaaten und Australien forderten zwischen 2012 und 2014 US-Präsident Barack Obama und den Kongress auf, die Provinz Bergkarabach als armenisches Territorium anzuerkennen und sie dabei als von Armenien unabhängige armenische Republik zu bestätigen. Bergkarabach wäre demnach zumindest nicht mehr Teil Aserbaidschans.

Sind das erste Zwischenschritte zur Angliederung an Armenien? Und was sagt Moskau dazu? Erstmal nicht viel. Doch der armenische Präsident hat in Reaktion darauf im September 2015 Bergkarabach als „untrennbaren Teil Armeniens“ bezeichnet. Und dies dürfte er kaum ohne Übereinstimmung mit seiner Schutzmacht Russland getan haben.

Es dürfte also um eine Vorstufe zur Vereinigung mit dem Kernland gehen, die diplomatisch vorsichtig angegangen wird – mit der typisch westlichen Option, die so getrennten Teile Armeniens ggf. gegeneinander auszuspielen. Eine anerkannte armenische Republik Bergkarabach bietet dem Imperium damit Verhandlungsmasse mit Russland bei der Neudefinition der Grenzen Ostanatoliens.

Die Exklave Nachitschewan

Nachitschewan, von Armenien beansprucht, gehört seit dem Vertrag von Moskau zu Aserbaidschan. Stalin hatte dies verfügt, um Atatürk entgegenzukommen. Die strategisch wichtige Provinz liegt zwischen Armenien und Iran mit einem kleinen Grenzabschnitt im Norden zur Türkei. Mit dem bildet sie daher eine Grenze mit der NATO. Sie selbst hat keine Grenze zu Aserbaidschan, ist also eine Exklave. Ihre armenische Bevölkerung ist in der Sowjetzeit massiv zurückgegangen.

Heute wird das umkämpfte Gebiet mehrheitlich von aserbaidschanischen Schiiten bewohnt. Der Handelsverkehr zum Kernland wird deshalb relativ problemlos über den schiitischen Iran abgewickelt. 1990 hat Nachitschewan gegenüber der UDSSR seinen Austritt erklärt, suchte aber keine Unabhängigkeit von Aserbaidschan. Als Pufferzone zwischen dem christlichen Armenien und dem schiitischen Iran wird die autonome Republik wohl noch eine Weile erhalten bleiben. Armenien hat aber seine Ansprüche auf die Region nie zurück genommen.

Heute wird Nachitschewan von einem korrupten Clan-Regime mit dem Oberhaupt Talibov regiert. Ob es sich im Zuge der anstehenden Grenzverschiebungen zugunsten Georgiens und Armeniens in diesem geopolitischen Raum halten kann, ist ungewiss. Der NATO ist die Exklave wegen ihrer freundschaftlichen Beziehung zum Iran ein Dorn im Auge. Für die Russen ist sie, wie ich meine, von strategischer Bedeutung als Verhandlungsmasse in Bezug auf den Iran, bei der Erweiterung des armenischen Territoriums und der Schaffung eines Kurdenstaates auf Kosten der Türkei.

Aserbaidschan

Aserbaidschan, das mit seiner Südkaukasus-Pipline einmal zum Schaden Russlands die gescheiterte Nabucco-Pipeline über die Transanatolische Pipeline mit kaspischen Erdgas speisen sollte, würde mit Nachidschewan und Berg-Karabach Gebietsverluste hinnehmen müssen. Beide Provinzen könnten Armenien angegliedert werden. Damit hätte man nur die bereits jetzt defacto existierenden Zustände international anerkannt.

Da Aserbaidschan mehrheitlich von schiitischen Moslems bewohnt wird, ist der Einfluss des benachbarten Iran von Seiten des Kreml zu beachten. Iran und Russland unterhalten aber gute Beziehungen. Also wird sich Aserbaidschan geopolitisch auf Dauer nicht vom Westen gegen den Osten ausspielen lassen und dafür lieber eine wichtige Vermittlerrolle zwischen russisch-orthodoxem Christentum und schiitischen Islam übernehmen. Auch ökonomisch ließen sich große Vorteile generieren. Einigen sich die USA, Großbritannien, Frankreich, Israel und Russland auf einen kurdischen Staat – und danach sieht es aus –, könnte die Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline neben Georgien und Armenien auch das neue Kurdistan, die dann geschrumpfte Türkei und Israel mit Erdgas versorgen.

Trotz Verlust seiner beiden Provinzen, die es machtpolitisch ohnehin nicht behaupten kann, könnte Aserbaidschan also zu den Gewinnern der neuen geopolitischen Entwicklung zählen, sofern es sich vom Westen löst und sich Russland und China sowie dem Projekt „Neue Seidenstraße“ anschließt.

Die neue Seidenstraße: Kasachstan-Warenstroeme-China-Europa / Quelle: OWC-Verlag für Außenwirtschaft GmbH, mit freundlicher Genehmigung

Die neue Seidenstraße: Kasachstan-Warenstroeme-China-Europa / Quelle: OWC-Verlag für Außenwirtschaft GmbH, mit freundlicher Genehmigung

Georgien

Ebenso ist seit Kurzem eine Trans-Adria-Pipeline von Aserbaidschan über Griechenland und Albanien nach Italien im Gespräch, deren Verlauf wohl noch mehrfach modifiziert werden wird. Sie könnte mit der transanatolischen Pipeline verbunden, aber ebenso unter Umgehung der Türkei über Georgien und das Schwarze Meer nach Bulgarien und Griechenland geführt werden.

Georgien würde in Anbetracht der Möglichkeit, den südlichen Teil des Gebiets Batumi vom türkischen Kuchen zu bekommen, sicher leichter auf Abchasien und Südossetien zugunsten Russlands verzichten können. Obendrein ist bereits von China geplant, Batumi zu einem wichtigen Verteilerpunkt der nördlich des Kaspischen Meeres verlaufenden Route der Neuen Seidenstraße auszubauen. Von hier aus könnten die Handelswege über das Schwarze Meer unter Umgehung der anatolischen Landmasse direkt nach Istanbul bzw. Konstantinopel gehen.

Andererseits könnte China die Route auch unter Umgehung Georgiens ausbauen, in dem es über den Seeweg das russische Sotschi direkt mit dem heute noch türkischen, dann armenischen Trabzon verbindet. Georgien wird also gezwungen sein, seine bisherigen geostrategischen Handlangerdienste für das Imperium gegen Russland ebenso einzustellen wie Aserbaidschan, wenn es sich nicht isolieren – sondern an der Entwicklung wirtschaftlich partizipieren will.

Israel würde seinen schlechten Einfluss auf Georgien vermutlich mäßigen, wenn Russland der Teilung des Irak zustimmte und dabei dem Wunsch der mit Tel Aviv verbündeten nordirakischen Kurden nach einem kurdischen Staat wohlwollend gegenüber stünde. Man wird sehen, was daraus wird. Denn im Zuge dessen wird Israel nicht umhin können, gleichzeitig einen Palästinenserstaat anzuerkennen, wobei wohl nach den Vorstellungen Tel Avivs eher Jordanien territorial Federn lassen wird.

Kurdistan zwischen Ost und West

Die Kurden auf türkischem und syrischem Gebiet sind ja keine besonderen Freunde Israels. Für sie käme nur dann ein gemeinsames Kurdistan mit den irakischen Kurden zustande, wenn Russland die Garantiemacht übernehmen und der Einfluss Israels entsprechend eingedämmt würde. Hier könnten die USA bereits eine Vermittlerrolle übernommen haben. Die syrischen Kurden werden von Washington jedenfalls nicht mehr als Terrororganisation eingestuft. Zusammen mit Moskau unterstützt es ihren Kampf gegen die islamistischen Freischärler, die von den USA zum großen Ärger Erdogans abgeschrieben und von der Türkei in Syrien offen unterstützt werden.

Damit sind bei der Neuaufteilung Ostanatoliens die geopolitischen Konfliktzonen zwischen Ost und West in Bezug auf ein neues Kurdistan bereits gekennzeichnet. Entscheidend wird daher sein, inwieweit eine letztlich friedliche, d.h. einvernehmliche Teilung des kurdischen, sunnitischen und schiitischen Irak gelingt, Assad der Abtretung seiner kurdischen Gebiete zustimmt, Israel die Golanhöhen räumt und China sein neues Seidenstraßenprojekt im Zusammenspiel mit Russland, dem Iran, Syrien und Libanon im Nahen Osten entwickelt. Die geplante euroasiatische Handelsroute und ihre dichte Vernetzung innerhalb Eurasiens könnte zum aussichtsreichsten Friedensprojekt im Sinne des ökonomischen Vorteils aller Teilnehmer, einschließlich Israel, entwickelt werden.

Die Muslimbrüder als Partner westlicher Kolonialpolitik

Wie die westlichen Freimaurer, die sie bis heute inspirieren, sind die Muslimbrüder immer auch Teil des globalen Geheimdienstkonglomerats. Nicht wenige behaupten sogar, ihre Bruderschaft sei in den Zwanzigern des vorigen Jahrhunderts durch britische Freimaurer und Geheimagenten in Ägypten ins Leben gerufen worden. Sicher ist, dass die Briten die Muslimbrüder instrumentalisierten, um den Widerstand der fortschrittlich gesinnten Kräfte in den arabischen Regierungen und Parteien, die sich gegen die britische Kolonialpolitik stellten und sich für Freiheit und Demokratie im Nationalstaat einsetzten, zu brechen.

So bauten die Muslimbrüder mit dem Geld der britischen Suez-Kanal-Gesellschaft ihre zentrale Moschee und „kümmerten“ sich im Sinne der Briten stets um eine willfährig fanatisch fromme Jugend, die jederzeit einsatzfähig sein musste, um mittels islamischen Religionsrigorismus und schon damals offenen Terrorismus britische Kolonialinteressen gegen die nationalen arabischen Regierungen und deren antikoloniale Bestrebungen auszuspielen.

Die gegenwärtige Aufgabe der Muslimbrüder ist jedenfalls für jedermann sichtbar: Sie sollten und sollen im Sinne der westlichen Globalisten – die ja keine Demokraten sondern Aristokraten sind – die laizistischen Nationalstaaten Arabiens, Nordafrikas, der Türkei und Persiens beseitigen und alle nationalen wie demokratischen Tendenzen innerhalb der historisch vom Islam geprägten Länder mit Hilfe der überstaatlichen Staatsreligion Islam unterlaufen. In den sunnitisch geprägten Staaten ist dies weitgehend gelungen. Im schiitischen Iran und seinen Einflusszonen nicht. In laizistisch geprägten Staaten wie Libyen und Syrien versuchte man sie an die Macht zu bringen. In Ägypten sind sie wieder von der Macht verdrängt worden.

Erdogan ist kein Atatürk

Da Erdogan zu ihren einflussreichsten Anhängern zählt, muss man also davon ausgehen, dass seine Politik darauf abzielt, den türkisch-kemalistischen Nationalstaat im Interesse der Westmächte zu beseitigen und statt dessen einerseits den Panturkismus zu fördern und andererseits im türkischen Machtbereich ein neues sunnitisches Kalifat als geistliche Weltmacht zu installieren. Somit bot er sich auch als entscheidende Kraft im Kampf des Imperiums gegen Russland und China an, auf deren Territorien Turkvölker leben.

Diesen Knochen dürften ihm die Transatlantiker hingeworfen haben, um den Panturkismus wie den „osmanischen“ Islamismus im Sinne der Breszinski-Doktrin gegen Russland und China zu wenden.

Doch das Imperium spielt mit Erdogan und seinen Anhängern ein doppeltes Spiel: Während der türkische Präsident offenbar an eine Realisierung seiner überstaatlichen Visionen vom sunnitisch geprägten Panturkismus glaubte und deshalb auch skrupellos die islamistischen Terrorbanden Saudi-Arabiens und Katars in seine hybride Großmachtpolitik einbezog und unterstützte, kompromittierte er damit gleichzeitig die laizistische Türkei als Nationalstaat und somit die Kemalisten. Damit sägte er den Ast ab, auf dem er selbst saß. Denn der kemalistische türkische Nationalstaat ist die einzige völkerrechtliche Macht – und Verhandlungsbasis, die er je wirklich als Druckmittel gegen den Westen einsetzen könnte. Aber er ist eben kein Atatürk.

Nun aber können die alten Siegermächte von 1918 das verhasste Gebilde Atatürks so zerschlagen, wie sie einst das Osmanische Reich zerschlagen wollten. Unter einem Präsidenten als nunmehr entlarvten Unterstützer von Terrorbanden ist die Türkei vor aller Welt zu einem Pariastaat geworden. Je mehr der neue Sultan zum Terrorpaten aufstieg, umso mehr Grund und Möglichkeiten gab er den westlichen wie östlichen Großmächten, ihn zu isolieren und den ungeliebten türkischen Nationalstaat zu eliminieren.

In dem sich die Türkei nach dem 2. Weltkrieg der NATO anschloss, wurde sie vollständig vom Westen kontrolliert. An ihre tatsächliche Integration in das westliche Bündnis – gar an einen Status auf Augenhöhe – haben die USA, Großbritannien, Frankreich, Italien und Griechenland sicher zu keinem Zeitpunkt gedacht. Da ergeht es der Türkei nicht viel anders als Deutschland.