Erdogans Reich zerfällt bereits

Recep Tayyip Erdogan / Zeichnung © GEOLITICO Recep Tayyip Erdogan / Zeichnung © GEOLITICO
Die USA, Russland und China nehmen die Türkei als  Machtfaktor im Nahen Osten aus dem Spiel. Erdogan hat verloren. Und Syrien ist der Schlüssel zur Neuordnung.

Wie ich bereits in meinem Artikel „Darum kommt der große Krieg“ vermutet habe, nehmen die Großmächte USA, Russland und China die Türkei als regionalen Machtfaktor im Nahen Osten aus dem Spiel. Im Zuge dessen wollen sie – vor allem auf Kosten türkischen Territoriums – einen Kurdenstaat installieren. Sie greifen Erdogans Militär dabei (noch) nicht frontal an, sondern nutzen außen- und innenpolitische Spannungen, die einen Bürgerkrieg in ganz Anatolien demnächst unausweichlich werden lassen.

Sein Fanal ist bereits an mehreren Fronten sichtbar. Nur drei Beispiele: Der gegenwärtig immer brutaler werdende Militäreinsatz Erdogans gegen die Kurden im eigenen Land und in Syrien; der Kampf seiner AKP im Innern gegen die kemalistischen Laizisten und die von den USA unterstützten, einst auch mit ihm verbündeten und jetzt verfeindeten Anhänger der islamistischen Gülenbewegung; die jüngsten Terroranschläge auf ausländische Besucher, die den Tourismus und mit ihm ganze Regionen wirtschaftlich einbrechen lassen werden und somit eine neue Massenarbeitslosigkeit hervorrufen, die weiteres Öl ins Feuer gießt.

Dreiteilige Analyse

Doch das sind nur die drei sichtbarsten innenpolitischen Menetekel an der Wand. Der Abschuss eines russischen Kampfflugzeuges und die bisher sehr verhaltene Reaktion Putins darauf sind für Erdogan und seine Muslimbrüderkomplizen noch weitaus gefährlicher.

So berichtete der Sputnik bereits am 10.02.2016, dass das russische Außenministerium ernsthaft einen Antrag von kommunistischen Duma-Abgeordneten prüft, den am 16. Mai 1921 geschlossenen Friedens – und Freundschaftsvertrag zwischen dem einstigen Sowjetrussland und der Türkei Atatürks aufzukündigen. Doch was bedeutet das überhaupt?

In einer dreiteiligen Analyse möchte ich versuchen, eine Antwort zu geben und werde dabei die gegenwärtigen Machtspiele im Nahen und Mittleren Osten in einen plausiblen historischen Kontext stellen, somit hoffentlich für diejenigen verständlich machen, welche die historischen Zusammenhänge nicht so ausführlich auf dem Schirm haben, und auf etwaige zukünftige Ereignisse hinweisen, die sich aus der Geschichte des noch nicht ganz hundertjährigen Nationalstaats der Türken auch für uns ergeben könnten.

  • Der erste Teil beschäftigt sich mit der Aktualität ungelöster Konflikte in Anatolien, die nach dem Ende des 1. Weltkrieges zur Gründung eines türkischen Nationalstaates geführt haben, den die amerikanischen, westeuropäischen und russischen (bzw. sowjetischen) Siegermächte nie wollten.
  • Der zweite Teil wird auf die geopolitische Lage Ostanatoliens in Vergangenheit und Gegenwart eingehen.
  • Der dritte Teil widmet sich Westanatolien im Zusammenhang mit Griechenland, das im Zuge der Abwicklung des kemalistischen Nationalstaates der Türken ebenfalls vor großen Veränderungen stehen dürfte.

 

1.    Teil – Vom Osmanischen Reich zum Nationalstaat der Türken

 

Die Verträge von Moskau und Kars

Der Friedens-und Freundschaftsvertrag von Moskau, den Sowjetrussland am 16. März 1921 mit der Türkei Atatürks abschloss, muss alle 25 Jahre bestätigt werden, jetzt durch Russlands Regierung als Rechtsnachfolgerin der sowjetischen. Die nächste Verlängerung stünde demnach 2021 an. Nimmt Putin davon Abstand, stehen mindestens 30 % des heutigen türkischen Territoriums zur Disposition. Die nordöstlichen Teile davon gehörten bis 1917 zu Armenien, Georgien und Aserbaidschan. Die südöstlichen Teile Anatoliens waren schon immer Kurdengebiete.

Der Moskauer Vertrag war die Grundlage für den Vertrag von Kars vom 13. Oktober 1921. Der legte die Grenzen der Türkei in Ostanatolien fest, die noch heute gelten. Auch er ist somit infrage gestellt.

Allein die Ankündigung der russischen Duma, darüber nachzudenken, den Moskauer Vertrag vorzeitig zu kündigen bzw. nicht mehr zu verlängern, beweist eindrucksvoll, dass Russland – ebenso wie das Imperium – akut eine Neuordnung des Nahen und Mittleren Ostens ins Auge fasst und dafür eine völkerrechtliche Legitimation sucht.

Atatürk, die Kurden und die Sowjetrussen

Das Osmanische Reich war Jahrhunderte ein multiethnisches. Zu seiner Vielvölkerstruktur gehörte u.a. das große Gebiet der Araber, der christlichen Völker des Balkan, der Völker des Südkaukasus, wie das der Armenier, Georgier und Aserbaidschaner, der Krim-Tataren und anderer Schwarzmeervölker und schließlich der Kurden. Zugleich verstand es sich als Beschützer der tartarischen, turanischen bzw. Turk-Völker, die den südlichen Gürtel um Russland bis nach China bewohnen.

Nach der Schrumpfung des Reiches auf Anatolien und der Neuordnung des eurasischen Kontinents waren die Westmächte nach dem 1. Weltkrieg die neuen Herren Arabiens und des Balkans. Sowjetrussland – ab 1922 die Sowjetunion – eroberte und beherrschte weite Gebiete „Turaniens“, also die der Turkvölker Asiens. Mit dem Beitritt Armeniens, Georgiens und Aserbaidschans zur Union kontrollierten die Sowjets auch die Ostgrenze Anatoliens und den Kaukasus. Daher war Atatürk stets auf gute Beziehungen zu Moskau angewiesen.

Völkermordvorwurf und Geopolitik

Doch bereits zwischen 1945 und 1953, als die erste Vertragsverlängerung nach dem Tod Atatürks (1938) anstand (1946), bemühte sich Stalin um Gebietskorrekturen. Er wollte die beiden Verträge von Moskau und Kars aus dem Jahr 1921 rückgängig machen und mit dem Hinweis auf den Völkermord der Jungtürken an den Armeniern die Provinzen Ardahan und Kars zugunsten von Georgien und Armenien einkassieren. So, wie er den ganzen Osten des Deutschen Reichs jenseits von Oder und Neiße bis auf Ostpreußen mit dem Hinweis auf die völkermörderischen Verbrechen der Hitlerdiktatur an den Sowjets, Polen und Juden (letztere kamen in der Sowjetpropaganda tatsächlich erst an 3. Stelle) den Polen zur Verwaltung gab.

Dafür behielt er die großen Teile Ostpolens ein, die er ihnen im Hitler-Stalin-Pakt weggenommen und größtenteils der Ukraine angegliedert hatte. Er zog also zur selben Zeit mit derselben Legitimation in hegemonialer Absicht ebenso Truppen an den Grenzen Georgiens und Armeniens zusammen, um in die östlichen Provinzen der im 2. Weltkrieg allerdings weitgehend neutral gebliebenen Türkei einzumarschieren (erst am 23. Februar 1945 erklärte die Türkei an der Seite der Siegermächte Deutschland den Krieg).

Das jungtürkische Massaker von 1915/16 wird heute gegen den Protest Erdogans international als bewusst begangener Völkermord eingestuft. Doch auch wenn diese Einstufung als solche völlig zurecht erfolgte, so scheint der Vorwurf nunmehr nicht nur von Russland, sondern auch den Westmächten instrumentalisiert zu werden. Im Zuge der Neuaufteilung des Nahen und Mittleren Ostens scheinen die Großmächte aus Ost und West Erdogan und seinen pantürkischen Anhängern gegenüber ein nicht nur mit diesen Massenmorden historisch begründetes, geopolitisch brisantes Angstszenario aufzubauen.

Nun steht die völkermörderische IS-Unterstützung seiner Partei gegen Syrien, Irak und die dortigen wie auf türkischem Gebiet lebenden Kurden, Alaviten und Jessiden zur Debatte. Sie wird dazu beitragen, die Türkei in ihrer jetzigen Größe zu eleminieren. Mit der internationalen Anerkennung eines kurdischen Staates auf dem Gebiet der heutigen Türkei wird zwangsläufig auch die internationale Anerkennung von Gebietsansprüchen Armeniens und Georgiens im Nordosten Anatoliens einhergehen. Dafür wird Russland sorgen.

Kein Wunder, dass Erdogan auf die jetzt aktuell vor allem von der „Internationalen Gemeinschaft“ verlangte Anerkennung des Völkermordes, den die Jungtürken im 1. Weltkrieg an den Armeniern begangen haben, so schroff reagiert. Denn für ihn ist sie keine Frage der Moral, sondern – das Beispiel Deutsches Reich vor Augen – des Überlebens des türkischen Nationalstaats in seinen jetzigen Grenzen.

Auch Kurden waren am Völkermord beteiligt

Jahrhundertealte Gebietsstreitigkeiten zwischen Kurden und Armeniern hatten in der Zusammenbruchsphase des Osmanischen Reiches dazu geführt, dass sich kurdische Emire mit ihren Stammesangehörigen zwischen 1894/96 unter Sultan Abdülhamid II. und 1915/16 unter den Jungtürken bereitwillig an den Massakern gegen die armenischen Volksgruppe beteiligten, welche etwa 10 Prozent der Bevölkerung Anatoliens stellte.

Heute können Briten wie Amerikaner und Russen also ggf. auch die Kurden und den für sie zu installierenden Staat am armenischen Völkermord für mitschuldig erklären und nach eigenem Gutdünken erpressen.

Der Hinweis auf die offene Völkermordfrage in Bezug auf die Armenier könnte den Garantiemächten des neuen Kurdistan von Anfang an ebenso ermöglichen, über die UNO gut nachbarschaftliche Beziehungen der Kurden zu Armenien zu erzwingen und somit dafür zu sorgen, dass beide Völker ihre Gebietsstreitigkeiten im Zuge des zu schaffenden kurdischen Staates und der Gebietserweiterung Armeniens auf Kosten der Türkei beilegen. Ob die Großmächte den Kurden gegenüber diese Karte spielen, wird sich zeigen.

Gegenwärtig ist zu beobachten, dass sie die Kurdenstämme unter sich aufgeteilt haben: Die des Irak und Iran kämpfen auf der Seite des Westens; die der Türkei und Syriens auf der Seite des Ostens. Die irakischen Kurden neigen – grob beschrieben – zur Restauration des sunnitischen Kalifats. Die türkischen und syrischen Kurden sind mehrheitlich kommunistisch (PKK) und/oder laizistisch orientiert. Ein künftiger Kurdenstaat dürfte also alles andere als ein starker Nationalstaat werden.

Der Kalte Krieg

Der Kalte Krieg zwischen West und Ost war übrigens nicht wegen Berlin ausgebrochen, wie viele meinen, sondern, weil Stalin der Aserbaidschanischen Sowjetrepublik gerne Gebiete des Irans zugeschanzt hätte, die er besetzt hielt. Der neutrale Iran stand damals noch unter dem „Schutz“ der Ölinteressen der USA. Der Konflikt führte zur sogenannten Truman-Doktrin von 1947, deren Absicht es vor allem war, die Türkei durch Militär- und Wirtschaftshilfe gegen die Interessen der Sowjetunion auf die Seite der Westmächte zu zwingen und Griechenland, das dem britischen Einflussbereich zugesprochen wurde, durch Unterstützung konservativer und monarchistischer Kräfte vor der Sowjetisierung durch die griechischen Kommunisten zu schützen. Die Sowjets antworteten darauf u.a. mit der Unterstützung Letzterer im Griechischen Bürgerkrieg (1946-1949) und der Kurden bei ihren Autonomiebestrebungen.

Moskau strebte mit seinen hegemonistischen Griechenland- Iran- und Türkeiplänen vor allem eine Schwächung des Britischen Weltreichs und eine Stärkung des sowjetischen Einflusses am Schwarzen Meer und im Nahen wie Mittleren Osten an.

Syrien ist der Schlüssel zur Neuordnung

Die Furcht vor dem drohenden Verlust seines territorialen Zusammenhalts war letztlich der entscheidende Grund, warum sich die Türkei daraufhin auf Gedeih und Verderb den Westmächten anschloss. Seitdem erfüllt sie die geopolitische Funktion eines militärischen wie wirtschaftlichen Brückenkopfs in die arabische Welt, welche nach dem 2. Weltkrieg trotz oder wegen der Gründung des Staates Israel weitgehend unter den Einfluss der Sowjets geriet.

Stalins Vorhaben scheiterte in Bezug auf die Türkei nach dem 2. Weltkrieg am Einspruch Churchills, und den Iran betreffend, an Trumans Drohung mit einem Atomkrieg. Doch die Welt hat sich weiter gedreht. Heute, erneut von Putin angegangen, würde das russische „Projekt Ostanatolien“ an Cameron sicher nicht mehr scheitern. Und da das Imperium mit seiner Breszinski-Doktrin ohnehin seit langem an einer völligen Zerstückelung des Nahen und Mittleren Ostens arbeitet und dabei Syrien mit seinem Terrorkrieg überzieht, um auch aus diesem viel zu wehrhaften Nationalstaat ein kleines wehrloses Konglomerat schwacher Autonomiegebilde mit einer noch schwächeren Zentralregierung zu machen, ist es nur allzugerne mit von der Partie. Schließlich geht es dabei zwangsläufig nicht nur um die Neuaufteilung Syriens, Ostanatoliens und des Südkaukasus, sondern in deren Folge auch um die Neuaufteilung des Iraks und der großen arabischen Halbinsel mit den heiligen Stätten Mekka und Medina.

Syrien ist bei diesem Vorhaben deshalb der Schlüssel, weil das Land von Russland protegiert wird. Wäre es dem Imperium gelungen, die Russen aus Syrien zu verdrängen und ihnen somit auch den einzigen Militärstützpunkt im Mittelmeer abzunehmen, hätte es den Nahen und Mittleren Osten ganz ohne Moskau nach eigenem Gutdünken zerstückelt. Jetzt müssen sich Rom, London, Paris und Washington auf der einen Seite, und Moskau und Peking auf der anderen, die neu entstehenden Kleinstaaten miteinander teilen; wobei Israel, das seinen bisherigen bestimmenden Einfluss auf das Weiße Haus nicht mehr wie früher ausüben kann, versuchen wird, sich mit dem Kreml zu arrangieren und von beiden Seiten das für den Judenstaat Nützlichste zu erreichen. Immerhin stimmen, was den Kurdenstaat und sein künftiges Territorium betrifft, die Pläne der Kurden und Russen mit dem sogenannten Yinon-Plan Israels im Wesentlichen überein.

Der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan

1991 erlangte Armenien seine Unabhängigkeit, hat den Vertrag von Kars umgehend für ungültig erklärt und die Provinzen Berg-Karabach und Nachitschewan, die völkerrechtlich zu Aserbaidschan gehören, besetzt. Da Russland Armeniens Schutzmacht ist, dürfte dies nicht ohne Zustimmung des Kremls – damals unter dem westlichen Oligarchenregime Jelzins – geschehen sein, was letztlich im Zuge der von den Westmächten betriebenen Auflösung der Sowjetunion und Eroberung ihrer Einflusszonen in Eurasien das schiitisch geprägte Aserbaidschan mit seinen riesigen Ölvorkommen am Kaspischen Meer in die Umarmung mit den Westmächten treiben musste. Dazu gleich mehr.

Heute erkennt Erdogan zu seiner Verzweiflung, dass die NATO alles andere als ein Bündnis von Freunden auf Augenhöhe ist. Weder das transatlantische Bündnis noch Russland noch China (auch dort leben Turkvölker) zeigen sich am Erhalt des Türkischen Nationalstaates in seiner jetzigen Form oder gar am Panturkismus der AKP interessiert, die kein Geheimnis daraus macht, dass sie ein neues, überstaatliches Kalifat anstrebt und deshalb glaubt, den Terrorkalifen der CIA-ISIS in Syrien offen unterstützen und dabei für die eigenen Interessen vereinnahmen zu können.

Dagegen könnte ein kurdischer Staat, zusammengesetzt aus heute türkischen, irakischen, iranischen und syrischen Kurdengebieten, als großer Pufferstaat gegen die Resttürkei mit denselben Mitteln des innenpolitischen Ausrichtungsstreits klein gehalten werden, wie die heutige Türkei: Mit Panideologie versus Nationalismus; dazu aber auch noch mit dem Schüren kurdischer Stammeskonflikte.

Wenn sich die drei Großmächte USA, Russland und China zusammen mit Israel, GB und Frankreich auch um die Einflusszonen im Nahen und Mittleren Osten streiten; sie sind sich vermutlich alle einig in Bezug auf das gemeinsame Zurückdrängen der Türkei als einen Machtfaktor bei der Neuaufteilung Eurasiens.

Die Großmächte wollten keinen türkischen Nationalstaat

Als im Zuge des 1. Weltkriegs das Osmanische Reich unterging, hatten die Siegermächte keineswegs daran gedacht, einen türkischen Nationalstaat auf dem Territorium Anatoliens zuzulassen. Im Gegenteil! Der Vertrag von Sèvres (1920), der dem Sultan aufgezwungen wurde, sah bestenfalls ein Drittel der Landfläche für die besiegte moslemische Großmacht vor.

Die ägäische Westenküste Anatoliens sollte im Wesentlichen Griechenland zugeschlagen werden. Die Südküste wäre fast vollständig Mandatsgebiet Italiens und Frankreichs geworden. Den Norden Ostanatoliens hätten die Armenier zusammen mit der Südostküste des Schwarzen Meers eingenommen und im Süden wollten die Westmächte den Kurden Autonomie gewähren, ohne ihnen allerdings einen eigenen Staat zuzugestehen. Denn die Briten beanspruchten das Gebiet um Mossul im heutigen Nordirak, das man damals noch Mesopotamien nannte, wegen seines Ölreichtums.

Seit der Abtrennung dieser und anderer Kurdengebiete vom Rumpf des Osmanischen Reiches lebten die Kurden über mehrere Staatsgebiete verteilt.

Dass die Pläne der europäischen Siegermächte des 1. Weltkriegs mit dem Osmanischen Reich seinerzeit nicht aufgingen, war allein das Werk des türkischen Nationalismus und seines Anführers Mustafa Kemal, genannt Atatürk – …und das der Kurden! Ohne sie hätte er den Krieg gegen die von den Briten unterstützten Griechen, der nun folgte, niemals gewinnen können. Die Kurden haben damit einen historisch entscheidenden Anteil am Zustandekommen der heutigen Türkei als souveränen Nationalstaat. Doch sie sahen sich schon kurz nach der Eroberung Izmirs von Atatürk betrogen und gingen in den Aufstand.

Erste ethnische Säuberungen bei der Neuaufteilung des Osmanischen Reiches

Mit Unterstützung Italiens und Griechenlands machte sich das Britische Weltreich ab 1919 auf der Grundlage des mit Frankreich geheim vereinbarten Sykes-Picot-Abkommens von 1916 an die Ausschlachtung des Osmanischen Reiches und eine völlige Neuordnung des Nahen und Mittleren Ostens. Am 15. Mai 1919 landeten, unterstützt von den Briten, griechische Truppen in Izmir, wo seit Jahrhunderten Griechen siedelten, die zur Zeit der Invasion etwa 40 % der Einwohner stellten. Schon an diesem Tag wurden tausend muslimische Zivilisten von den griechischen Besatzern ermordert. Dennoch blieb das Gebiet formal Bestandteil des Osmanischen Rumpfreiches.

Der Sultan und Kalif der Jungtürken verkündet Neuwahlen

Am 30. September 1919 verkündete die osmanische Regierung nach dem Rücktritt des Großwesirs Sultan Mehmets VI., Damad Ferid Pascha, Neuwahlen. Der halbherzig von den Briten unterstützte Jungtürke war mit seiner Kalifatsarmee „Kuva-yi İnzibatiye“ gegen die Nationalisten, die die Westmächte und deren Verbündete aus Anatolien verdrängen wollten, zu wenig erfolgreich. Die nationalen Kräfte hatten sie bezwungen und sammelten sich unter Mustafa Kemal. Das war die Geburtsstunde des türkischen Nationalstaats. Ihrem Führer verliehen seine Anhänger später den Namen Atatürk – Vater der Türken.

Das konstitutionelle osmanische Parlament der Jungtürken in Istanbul, das islamisch und osmanisch-monarchistisch, damit vor allem aber vom Turanismus bzw. Panturkismus geprägt war, versuchte den Verlust des Osmanischen Reiches zu kompensieren, in dem es trotz seiner Kapitulation vor den Westmächten ein neues Reich anstrebte, in dem alle Turkvölker Asiens sich vereinen würden. Dieser, den damaligen Panbewegungen, vor allem dem Panslawismus entlehnten Vorstellung hatte sich der schwache Sultan angeschlossen, der als Kalif aller Muslime noch immer über die Grenzen des türkischen Machtbereichs hinaus die geistliche Führung des Islam in Arabien, bei den Turkvölkern und den islamischen Ländern ganz Asiens beanspruchte; – wenigstens formal.

Doch solche Bestrebungen im Angesicht einer gewaltigen Niederlage waren ohne einen nationalistischen Kern in Anatolien illusorisch. Istanbul und Ankara einigten sich daher schließlich angesichts des gefährlichen außenpolitischen Drucks auf einen türkischen Nationaleid, den Ahd-Millî Beyannamesi bzw. den Misak-Millî, bei dem es nur noch um das zukünftige Territorium der Türkei in Anatolien ging. Das aber sollte nach Atatürk, der zu den Jungtürken und ihrer pantürkischen Ideologie eine sehr kritische Haltung einnahm, das zukünftige Staatsgebiet der von ihm propagierten türkischen Nation werden.

Die Folgen des Vertrags von Sèvres

Sultan Mehmet VI. handelte derweil mit den Westmächten den Friedensvertrag aus, kam allen Forderungen der Sieger entgegen, die den größten Teil Anatoliens unter sich in Einflusszonen aufteilen wollten. Er agierte wie deren Erfüllungsgehilfe. Das machte die eigenen Parlamentarier in Istanbul so rebellisch, dass der konstitutionelle Herrscher aller Gläubigen am 11. April 1920 sein eigenes Parlament auflöste.

Das war die Gelegenheit für Mustafa Kemal zur Bildung einer Gegenregierung unter seiner Führung in Ankara. Die konnte sich schließlich gegen die Besatzer militärisch durchsetzen, worauf die Entente mit ihr einen Waffenstillstand vereinbarte, ohne den Sultan zu fragen. Mit dieser defacto internationalen Anerkennung Ankaras wurden die Stimmen immer lauter, die ein Ende der in Istanbul residierenden Monarchie forderten.

Der griechisch-türkische Krieg

Sie wurden erhört, als 4 Monate später der Sultan im Vertrag von Sèvres (10. August 1920) neben der Aufgabe aller arabischen Gebiete die Besetzung großer Teile Westanatoliens durch Griechenland legitimierte. Um sein Gesicht gegenüber seinen eigenen Leuten wahren zu können, vereinbarten die Westmächte mit ihm zwar, dass die Griechen von Izmir nach einer Übergangszeit von 5 Jahren selbst entscheiden sollen, ob sie zum griechischen oder türkischen Staat gehören wollen.

Doch die griechischen Einwohner des alten Smyrna wie die des alten Thrakien im europäischen Teil, welche im 1. Weltkrieg unter mörderischen Verfolgungen durch die Osmanen gelitten hatten und noch bis 1923 leiden sollten, führten nun ihrerseits ethnische Säuberungen durch, die an Grausamkeit den türkischen nicht nachstanden und von denen sich der griechische Hochkommissar Stergiades sowie die westlichen Siegermächte denn auch öffentlich distanzieren mussten. Denn sie ahnten, dass die griechischen Verbrechen gegen die türkische Bevölkerung den türkischen Nationalismus enorm stärken würden, der ihnen gefährlicher werden konnte als das alte osmanische Machtsystem der Sultane, Kalifen und Wesire, das jetzt wie Wachs in ihren Händen war.

Mustafa Kemal wird zum Führer der türkischen Nation

Der Bumerang kam dann auch prompt. Mustafa Kemal stieg 1919 zum Generalinspekteur der osmanischen Truppen auf, trennte sich jedoch von der osmanischen Regierung in Istanbul. Er plante einen souveränen türkischen Nationalstaat und orientierte sich dabei vor allem an Frankreich, an der Französischen Revolution von 1789 – besonders in Bezug auf die scharfe Trennung von Staat und Religion, wie sie die Aufklärung gefordert hatte – und an Napoleons republikanische Diktatur.

Sein Ziel war es nicht, die türkische Kultur zu verleugnen, sondern die neue Türkei im westeuropäischen Sinne zu verändern, um die überall herrschende Rückständigkeit, die der Islam mit sich brachte, auf allen Gebieten zu überwinden. Denn Atatürk war klar, dass nur eine moderne Türkei mit den Großmächten auf Dauer mithalten konnte.

1920 gründete er nach westlichem Vorbild in Ankara die Nationalversammlung, deren Vorsitz er übernahm. Daraufhin wurde er vom Mufti bzw. Scheichülislam von Istanbul mit einer Todesfatwa belegt und ein Militärgericht der alten Hauptstadt verurteilte ihn in Abwesenheit zum Tode. Doch fehlte diesem längst die Macht, das Urteil zu vollstrecken.

Die türkische Nationalversammlung wies denn auch, außer sich vor Wut, den vom Sultan und Kalifen in Personalunion abgeschlossenen Vertrag von Sèvres zurück und verstärkte statt dessen ihren 1919 begonnenen Befreiungskrieg gegen Griechenland, Armenien und die Besatzungsmächte des Westens (Frankreich, Großbritannien und Italien). Nachdem Atatürk schließlich im Frühjahr 1921 die Griechen mit Hilfe der Kurden geschlagen hatten, wurde er von ihr zum Oberbefehlshaber ernannt und setzte die Absetzung des Sultans und Kalifen auf die Tagesordnung.

Der Untergang des Sultanats und Kalifats

Ankara richtete sich jetzt konsequent gegen Mehmed VI., der nach Ansicht der Nationalisten mit der Unterzeichnung des Vertrags von Sèvres die türkische Nation verraten hatte; -übertrug er doch auch die Kontrolle des übriggebliebenen Rumpfes des osmanischen Reiches auf die Siegermächte. Daher beschloss die Nationalversammlung am 1. November 1922 die Aufhebung des Sultanats, mit der die 622jährige Herrschaft des Hauses Osman endete. Ein Jahr später musste der volksverräterische Sultan das Land verlassen.

Die Absetzung des Monarchen bedeutete auch, dass der Vertrag von Sèvres nicht mehr ratifiziert wurde. Mehmeds Nachfolger im Amt des Kalifen, Abdülmecid II., den die Nationalversammlung 1922 noch selbst bestimmt hatte, als sie Sultanat und Kalifat trennte, wurde am 3. März 1924 abgesetzt und musste mit allen Angehörigen des Hauses Osman ins Exil. Damit endete auch die geistliche Herrschaft der türkischen Osmanen über die sunnitischen Moslems in aller Welt.

Das sunnitische Kalifat, in seiner religiösen Autorität über viele Völker der Erde in etwa vergleichbar mit dem römisch-katholischen Papsttum, war somit abgeschafft. Der Islam besaß kein geistliches Zentrum mehr. Mit ihm aber wurde auch endgültig das Ziel eines pantürkischen Reiches in Asien, wie es den Jungtürken vorgeschwebt hatte, durch die Nationalisten verworfen.

Der schleichende Kampf gegen den Kemalismus

Doch bis heute wird der Kampf zwischen pantürkischen Jungtürken und nationalistischen und atheistischen Kemalisten in der Türkei innenpolitisch fortgesetzt, wobei seit der scheindemokratischen Durchsetzung islamistisch geprägter Regierungen von Demirel über Özal und Erbakan bis zu Erdogan (die alle von der Muslimbruderschaft unterstützt wurden) der Kemalismus in die Defensive geraten ist.

1945 wurden in der Türkei erstmals mehrere Parteien zugelassen. Damit war die von Atatürk installierte Einparteienherrschaft durch seine Republikanische Volkspartei CHP am Ende. Schon bei der Wahl vom 14. Mai 1950 erlitt sie eine krachende Niederlage. Die erst 1946 gegründete Oppositionspartei DP (Demokrat Parti) gewann mit 408 von 487 Sitzen im Parlament. Ihr später von der Militärdiktatur hingerichteter Anführer, Adnan Menderes, wurde Ministerpräsident. Er genoß seine Ausbildung am Robert Koleji (Robert Kollegium) in Istanbul; -eine von amerikanischen Unitariern 1863 gegründete, missionarische Kaderschmiede für junge Nationalstaaten.

Diese radikalreformatorische Christensekte, welche die Dreieinigkeit wie die Göttlichkeit Jesu nicht anerkennt und somit der islamischen Auffassung über Jesus näher ist, als die christlichen Großkirchen, kooperierte eng mit dem von Alaviten dominierten sufistischen Bektaschi-Orden, der gleich neben dem Kollegium die bedeutendste Tekke (religiöses Zentrum der Bektaschi-Sufis) der Türkei unterhielt. Atatürk hatte den Orden 1925 verboten. Die meisten seiner Mitglieder gingen daraufhin nach Albanien und in die USA. 1954 wurde in Detroit eines der bedeutendsten Zentren des Ordens gegründet.

Zu den Absolventen des Robert Koleji gehörte auch der spätere, viermalige Ministerpräsident Bülent Ecevit, der 1974 den von Türken bewohnten Teil Zyperns annektierte. Dieser von Amerikanern ausgebildete Politiker rief 1985 die türkische Sozialdemokratie ins Leben, in dem er mit seiner Frau die Demokratische Linkspartei gründete. Das hielt ihn aber nicht davon ab, im Jahr 2000 das Todesurteil gegen den Kurdenführer Öcalan zu unterschreiben, das aber nicht vollstreckt wurde.

Durch Ecevit wurde der Kemalismus in der Türkei endgültig zum Spielball amerikanischer Interessen. Seine widersprüchliche Modernisierungspolitik als Kemalist und Sozialist – gerade auch in Bezug auf den Beitritt der Türkei in die EU, führte letztlich zur Marginalisierung der Republikanischen Volkspartei (CHP) und zur Machtergreifung Erdogans und seiner neoliberalen, islamistischen AKP.

Schutz der USA

Getragen und beschützt vom türkischen Militär, war der Kemalismus den USA, die die türkische Armee ab 1947 zusammen mit der griechischen als Schutzmacht gegen die Sowjets kontrollierten, also nicht nur ein Dorn im geopolitischen Auge, sondern auch Mittel, um aus den Machtkämpfen innerhalb der Türkei Vorteile zu ziehen. Die Macht des Militärs über den Staat Atatürks bedeutete seither die Macht der NATO über den Kemalismus wie über die islamistische Entwicklung in der Türkei. Mit dieser Macht konnten die innenpolitischen Spannungsfelder innerhalb der türkischen Gesellschaft nach eigenem Gusto des Imperiums jederzeit manipuliert und beherrscht werden. Nicht zuletzt auch über die Bekämpfung der kommunistischen PKK.

Den zweiten und dritten Teil der Analyse von Diogenes Lampe veröffentlicht GEOLITICO in der kommenden Woche.