Das zweite Leben des Vinc als Udo
Das zweite Leben des Vinc als Udo

Das zweite Leben des Vinc als Udo

Deutsche Soldaten in Maubeuge während der Besatzung, 1914 / Quelle: Von Bundesarchiv, Bild 115-2087 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5337831 Deutsche Soldaten in Maubeuge während der Besatzung, 1914 / Quelle: Von Bundesarchiv, Bild 115-2087 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5337831
Leben wir nicht nur ein Leben, sondern viele? Die dramatischen Erinnerungen Udo Wieczoreks an ein vorheriges Leben als Vinc scheinen diese Annahme zu bestätigen.

Am 6. November 2015 erschien in der Stuttgarter Zeitung ein Artikel mit der Überschrift: „Hat Udo Wieczorek schon einmal gelebt? Wer ist Vinz?“[1] Die Geschichte ist so eindrucksvoll, dass hier darüber berichtet werden soll. Was da zum Vorschein kommt, rüttelt gewaltig an der Gewissheit des materialistischen Weltbildes und „kratzt,“ wie der Journalist Manfred Bomm schreibt, „an der Fassade der festgemauerten Wissenschaft, die nur zulässt, was physikalisch und mathematisch berechenbar erscheint.“

Es rührt Fragen auf, die zu den tiefsten des Menschseins gehören und das ganze Denken und Sinnen der Menschheitsgeschichte durchziehen. Doch es soll hier nicht um ideelle Überlegungen gehen, sondern der konkrete Fall soll selbst zur Sprache kommen, den Udo Wieczorek und Manfred Bomm auch gemeinsam in einem Buch dokumentiert haben.[2]

Bedrückende Träume

Udo Wieczorek, ist ein bodenständiger 44-jähriger Finanzbeamter aus Thalfingen im Landkreis Neu-Ulm, sport- und bergbegeistert, in seiner Freizeit viel in den Höhlen der Schwäbischen Alb und den Bergen des Allgäus unterwegs. Im Alter von vier Jahren begannen ihn Albträume heimzusuchen, Bilder eines Krieges zwischen hohen Bergen, von Uniformen, Maschinengewehren, von Angst und Schmerz quälten das Kind, das sich dann ins Ehebett der Eltern flüchtete. Er selbst schildert seinen ersten Traum so:

„Es dämmert. Langsam findet Bewegung in dem Film statt, der vor mir abläuft. Wo bin ich? Was sind das für Leute? Warum haben alle dasselbe an? Furcht kriecht in mir hoch und mit ihr eine Eiseskälte. Meine Finger sind seltsam steif, rauer Stoff kratzt unangenehm an meinen Schultern. Irgendetwas in meiner Nähe stinkt so penetrant, dass ich nicht atmen will, nichts sehen will – ich will nur weg, nach Hause. Wo aber ist das . . .? Habe ich es vergessen? Mein Blick fällt auf einen Mann. Aus seinem Gesicht schreit der Schmerz. Unaufhörlich. Aber ich höre ihn nicht. Endlich schleifen ihn schmutzige Hände in die Dunkelheit, die mich umgibt. Wortfetzen streifen mein Gehör. Fremde Laute, die ich nicht verstehe. Es ist Krieg. Ich weiß es. Und ich weiß, dass das schlimm ist, obwohl ich all das nicht wissen kann.“[3]

Die Träume kehrten immer wieder und blieben dann irgendwann aus. „Trotz des zeitlichen Abstands sehe ich bis heute jede Einzelheit dieses Traums deutlich vor mir. Weshalb dies so ist, kann ich mir nicht erklären. Möglicherweise waren die Bilder in den Träumen einfach zu einschneidend, um vergessen zu werden.“ Mit achtzehn Jahren begannen ihn plötzlich wieder Traumszenen mit ähnlichem Muster zu plagen, die sich mit denen aus der Kindheit zu einem inneren Zusammenhang verbanden. Immer spielte darin auch ein junger Mann namens Josef eine Rolle. Die folgende Szene lag offenbar zeitlich kurz vor dem Krieg, den Josef verzweifelt ankündigt:

„Ich kenne den Platz, wo wir sitzen. Der Ausblick ist voller Frieden – nur heute nicht. Ich spüre, wie sich eine teuflische Unruhe der Szene bemächtigt, sehe Josefs energische Mimik. Er gebraucht Gesten, die mir fremd sind. Seine Hände drohen in die Luft. Seine Finger weisen auf den Wald vor dem nächsten Bergkamm … Ich kann nicht hören, in was er sich hineinsteigert. Erst als seine schmalen Lippen schon ruhen, jagen mir ein paar Worte entgegen: ,Hunderttausend . . . Schutt . . . Asche!’ Dann ein harter Ruf: ;Vinz!’ Josef schreit mir etwas ins Gesicht. Ich wende mich ab, das erste Mal. Er packt mich an den Schultern, dreht mich zu sich hin. Seine Augen funkeln schwarz. … Dann sehe ich einen schwarzen Wagen aus dem Dorf fahren. Niemand lehnt aus dem Fenster. Josef blickt nicht mehr zurück – nie wieder.“[4]

In diesem Traum verbarg sich das wichtigste Detail all seiner bisherigen Träume. „Josef rief einen Namen, undeutlich verzerrt, aber verständlich. Er rief: ,Vinz!’ Und er sah mich dabei an. Wer aber war Vinz? Etwa der, aus dessen Sicht ich träumte? Nur, wer sollte das sein, außer … ich selbst?“

Auch in weiteren Träumen erlebt er sich mit Josef intensiv freundschaftlich verbunden. Sie tauschen an einem geheimen Treffpunkt in den Bergen Münzen aus, die sie als Anhänger tragen, sie werben um dasselbe 19-jährige Mädchen Marie mit den dunklen Zöpfen, dem er eine Rose in die Bretterwand eines Heustadels geschnitzt hat. Doch der Krieg trennt die beiden Freunde im Streit, Josef kämpft auf der italienischen, Vinz auf der österreichischen Seite, und beide liegen sich im selben Frontabschnitt der heimatlichen Berge gegenüber.

Tiroler Dialekt

Im Oktober 1993 musste Udo Wieczorek während einer beruflichen Fortbildung am Blinddarm notoperiert werden. In der Narkose ist er wieder in das Kriegsgeschehen in den Bergen versetzt: in zerschossene Wälder, in die Nähe einer Stelle, auf die Josef in dem Streit gedeutet hatte, Granateinschläge, ein Labyrinth von Schützengräben, das er verlässt und offenbar getroffen wird. Als er aus der Narkose halb erwacht, verlangt er nach seiner Uniform und seinem Karabiner, er müsse zu seinen Kameraden zurück, ihm fehle nichts. Dann wiederholt er es mit Nachdruck, im Befehlston. Und das alles im perfekten Dialekt Südtirols, wo er, Udo Wieczorek, bis dahin noch nie gewesen ist.

Reise in die Berge

Was hatte es mit der Sache auf sich? Hatte sie einen realen Hintergrund? Er öffnete sich seiner Freundin und späteren Frau Daniela, bei der er Verständnis fand. Sie ermunterte ihn, den Dingen auf den Grund zu gehen. Ja, er wollte nun Gewissheit. „Weniger um meines Friedens willen, sondern um es zu Ende zu bringen“, wie er schreibt. 1994 reisten sie zum ersten Mal in die Dolomiten, um die Landschaft aus den Träumen zu suchen. Auf der Fahrt zum Hochpustertal befiel ihn eine zunehmende innere Unruhe. Bilder und Namen von Gebäuden, Friedhöfen und Berggipfeln stiegen nacheinander in ihm auf, bevor sie dann tatsächlich daran vorbeikamen. Es war ihm schon alles irgendwie bekannt. Im Gespräch mit der Pensionswirtin in Sexten fiel er unbewusst in Tiroler Dialekt.

In den Nächten kommen die Träume wieder, intensiver als je zuvor. Er träumt Kriegsszenen an Stellen in den Bergen, zu denen sie am anderen Tag auf merkwürdige Weise hinkommen. Ohne Wanderkarte, in dichtem Nebel steuert er zielsicher unmarkierte, verfallene Kriegssteige und Schützengräben an und kann ihren Verlauf präzise vorhersagen. Es zieht ihn wie von selbst auch zu den Stätten, die er aus den Träumen vor der Reise ins Sextental bereits kannte.

An einem Abend bleibt er plötzlich vor einem alten Heuschober im Ort stehen. Bilder eines alten Geländes mit einer unbefestigten Straße, aber mit demselben Heustadel steigen vor ihm auf. Das Mädchen mit den Zöpfen lehnt an der Bretterwand und lächelt ihn liebevoll an. Er weiß genau, auf welche Stelle er zugehen muss, um Daniela die Rose zu zeigen, die er, wie er sagt, für Marie dort eingeschnitzt hat.

An einem Abend kauft er im Tourismusbüro zwei Bücher vom Krieg in Sexten. Während er in dem einen blättert, wird ihm mulmig; es wehrt sich etwas in ihm weiterzulesen. Und trotz des Soges, den es auf ihn ausübt, zwingt er sich, das Buch wegzulegen. Er fällt in einen unruhigen Schlaf, in dem ein neues Traumfragment über ihn kommt. Das Dorf ist beschossen worden, Häuser brennen und er mitten darin. Ihm bekannte Frauen kommen schreckensbleich aus einem getroffenen Hof. Voll grässlicher Ahnung eilt er hinein, sucht verzweifelt das Mädchen mit den Zöpfen – und findet es tot unter einem hellen Tischlaken liegen. Der Anblick zerreißt ihm das Herz. Man zerrt ihn weg, und er spürt, wie er ihren Namen schreit und ruft: „Komm zurück! Hilf mir!“ „Ich bin ja hier.“ Von Danielas beruhigender Stimme erwacht er und fasst sich wieder.

Jetzt greift er erneut nach dem Buch. Da sieht er Bilder von Brandruinen, Häuserskeletten und dem zusammengebrochenen Glockenturm der Kirche. Es ist die Rede von einem ersten Artilleriebeschuss auf Sexten. Ein Augenzeuge spricht von einem Volltreffer in den Gasthof „Zur Post“, von einem tödlich verwundeten 19-jährigen Mädchen. – Seine Hände fangen an zu zittern, und er schlägt das Buch zu. „Es ist wahr. Es ist passiert …, repetiere ich unaufhörlich in mich hinein. Keine Fantasie, kein Zufall. Jetzt ist es Fakt. … Und ich musste dort gewesen sein. Damals 1915.“[5]

Der Grund der Träume?

Nach dieser Reise gab es keinen Tag mehr, an dem er sich nicht mit den Träumen befasste. Sie nahmen auch an Häufigkeit zu und setzten die Ereignisse fort. Warum suchten gerade ihn diese Träume heim? Eines Nachts hatte er den bisher bedrückendsten Traum: Er ist gegen Morgen auf Wache an einem vorgeschoben Posten am Gipfel der Rotwand. Er legt seinen Zeigefinger auf den Stacheldraht, der den Laufgraben gegen den Feind hin sichern soll, als er plötzlich ein Zucken bemerkt. Er reißt den Karabiner hoch und zielt auf einen Umriss, der sich plötzlich am Horizont abzeichnet. Sein eigener Schrei überlagert hektische Worte von dort, von denen er nur „Überläuf …, icht …“ verstehen kann. Doch im selben Moment hat er abgedrückt. Er fingert nach seiner Lampe und leuchtet in das flehende Gesicht eines Sterbenden: Josef, sein Freund Josele.

Er erwacht, und es überfällt ihn die furchtbare Gewissheit: Du hast deinen Freund Josele erschossen.

„Ich zweifle nicht eine Sekunde mehr daran, dass mein Traum einst Realität war. So wie sich auch der Tod des Mädchens bewahrheitet hatte. Ich weiß, dass es passiert ist, spüre die Last, die auf meiner Seele liegt. Die Last, die ich mit Vinz teile, die uns über die Zeit hinweg verbindet. … Ich konnte gar nicht anders, als diesen Vorfall für den Grund meiner Träume zu halten.“[6]

Die nicht enden wollenden Gewissensqualen waren es wohl, welche die Vergangenheit nicht ruhen ließen und die Träume immer wieder auslösten. Dieser Gewehrschuss kam nun in jedem der nachfolgenden Träume vor, und er fühlte sich ein jedes Mal zutiefst schuldig und niedergeschlagen, wenn er aufwachte.

1995 beschloss er eine zweite Reise zu unternehmen. Er musste zurück, um weitere Aufklärung zu suchen. Die Sache musste zu irgendeiner Lösung kommen. Auf der Reise ergänzten sich viele Einzelheiten, aber in den entscheidenden Punkten kam er nicht weiter. Zu Hause kam er innerlich etwas mehr zur Ruhe. Die Geschichte machte eine Pause in ihm. Doch 1997 drängte sich ihm „unterschwellig ein finales Gefühl auf“, wie er schreibt. Und sie beschlossen eine dritte Reise.

Zentrale Entdeckung

In den Bergen waren sie zum zweiten Mal auf dem 1.900 m hohen Seikofel. In der Nacht hat er einen Traum von noch nicht erlebter Intensität: Er ist an der Front unter schwerem Beschuss. Gefühle von Schuld, Todesahnung, Todessehnsucht auch und Hoffnung auf Vergebung wühlen in ihm. Außerhalb des Grabens wird er durch einen Einschlag vor ihm getroffen und durch die Luft gewirbelt. Er kriecht unter wahnsinnigen Schmerzen zurück.

„Ich sehe an mir hinab, ertaste mein rechtes Bein und weiß: Das ist der Tod auf Raten. … Und plötzlich wird ein einziger Gedanke klar in mir: Niemand weiß von meiner Sünde! … Niemand wird es je erfahren. Dein Tod ist keine Buße, nur eine feige Flucht.“[7]

Er findet sich schließlich im Unterstand wieder, auf einer Pritsche sitzend, wie er unter Aufbietung aller Kräfte einen Brief schreibt:

„Ich muss etwas hinterlassen, bevor es mit und in mir versinkt. Aber für wen? Wer wird es finden? Wird es denn jemals jemand … ´Ja, er wird es finden`, höre ich jemanden sagen. In der Stimme liegt eine seltsam absolute Gewissheit.“

Gegen Schmerzen und Schwindel zwingt er sich zu schreiben:

„Ist es ein letzter Brief? Aber an wen? Wer ist denn noch da? Eine Pause voller Leere. Dann hallt es betont und lange in mir nach: Du bist da!“

Er sieht sich einen Stein aus der Natursteinmauer hinter sich lösen und „das, was meine Hand festhält, so weit, wie es nur geht“, in die Höhlung hineinstecken. Er schließt das Loch mit dem Stein und taumelt zu Boden.

Erleichterung und Friede durchströmen ihn. Da sieht er sich einem Soldaten gegenüber, der ihm eine Kette mit einer eingeflochtenen Münze als Anhänger entgegenhält und eindringlich spricht, „in einer Sprache, die nicht die meine ist“, die er dennoch versteht:

„Du musst drei Mal zurückkehren. Bevor du dich siehst. Pace, Vinz, pace.“[8]

Als Udo Wieczorek erwacht, weiß er: Er muss zum dritten Mal hinauf zum Seikofel. Er skizziert auf ein Blatt Schützengraben und Unterstand mit der Mauer, wie er sie im Traum sah, dahinter eine Landschaft. Doch vor der völlig zugewachsenen Landschaft erscheint die Suche aussichtslos. Aber sie kommen an einen Graben, vor dem sie schon einmal standen, wühlen sich hindurch und stehen plötzlich vor einem verfallenen Unterstand.

„Ich habe keinen Zweifel mehr, dass es eben jener Unterstand war, in welchem ich die letzten Stunden in einem früheren Leben zugebracht hatte. Begegne ich mir hier selbst?“

Er weiß genau, was hinter der nächsten Grabeneinbuchtung kommt: Sie winden sich hindurch und stehen vor einer hohen Mauer. Zeichnung und Realität stimmen überein. Ihm wird schwindlig, und er muss sich niederknien.

Er hebt zielsicher von oben mehrere Steine ab, und aus der frei gewordenen tiefen Höhlung holt er einen vermoderten Feldpostsack, in dem sich eine verrostete Dose befindet. Ihm schwindet das Bewusstsein. Daniela schüttelt ihn, holt ihn zurück. Und in der noch intakten Dose finden sie den Brief und eine von Draht eingefasste Münze. Die Sütterlin-Schrift können sie nicht lesen, nur das Datum: 13. August 1915 und auf der Rückseite 14. August 1915 – derselbe Tag wie jetzt, 1997. Und am Ende erkennt er die Unterschrift: Vinc.

Leute in Sexten übersetzen ihm die Schrift. Vinc fürchtet in dem Brief, jetzt für die „Schandtat“ von der Rotwand büßen zu müssen. Er hofft, dass seine Träume sich irgendwann erfüllen und jemand nach seinem Tod den Brief findet, „vielleicht wie geträumt 1997 oder 98“. Er bittet inständig, er, von dem er geträumt hat, solle Josele Frieden bringen, was auch für ihn selbst der Friede sein werde, und alles aufschreiben. Er hofft, dass für ihn, den anderen, der Schock nicht zu groß ist.[9]

Recherchen

Habe ich mir vor 82 Jahren einen Brief geschrieben, um ihn dann selbst zu finden?“, fragt sich Udo Wieczorek. Er wird von da ab von keinem Albtraum aus dem Krieg mehr heimgesucht und lässt die Sache 16 Jahre auf sich beruhen. Doch dann beschließt er 2013, sich mit dem Journalisten Manfred Bomm, der ihn dazu ermuntert, auf die Suche nach der Existenz von Vinz zu machen.

Der Dorfchronist Rudolf Holzer von Sexten findet in seinen Unterlagen einen Vincenco Luigi Rossi, der am 17. August 1915 im Hospital der benachbarten Gemeinde Innichen an den Folgen einer schweren Verwundung starb und dort begraben wurde. Er stammte aus dem Bergdorf Centa östlich von Trient, wo er aufwuchs und dann nach Sexten kam. Holzer bestätigt auch die Existenz von Marie, mit Nachnamen Watschinger, die bei ihrem Onkel in der Gastwirtschaft als Bedienung tätig war und bei einem Artilleriebeschuss am 30. Juli 1915 ums Leben kam.

Über Rudolf Holzer lernen sie den Franziskanerpater Siegfried Volgger aus Bozen kennen, der Vorsteher des inzwischen aufgelösten Klosters Innichen war und viel über die Gefallenen geforscht hat. Dieser studiert für sie die Matrikelbücher der Pfarrei Centa, um die Nachfahren von Vincenco Rossi ausfindig zu machen und findet eine 80-jährige Nichte und deren Sohn. Sie sind im Besitz einer fotografischen Ehrentafel der 34 Gefallenen von Centa, die er abfotografiert und Udo Wieczorek zumailt. Der betrachtet sie in dem eingegangenen kleinen Format, auf dem er die Namen nicht lesen kann, und erkennt sofort auf dem 13. Bild:

„Das – ist Vinz“, sagt er tonlos mit ungeheurer Erleichterung. „Ich kenne den Blick des jungen Zivilisten. Er ist ehrfürchtig, beinahe ängstlich. … Ihm gehört das Soldatengesicht aus meinen Träumen. Zweifelsfrei.“

Daniela zieht das Bild im Internet auf 200% hoch. Der Name wird deutlich: Vincenco Luigi Rossi.

Udo Wieczorek und Manfred Bomm fahren nach Centa und besuchen zusammen mit Pater Volgger und einem weiteren Franziskaner die alte Nichte von Vinc, ihren Sohn und dessen Frau. Diese wohnen im etwas umgebauten Elternhaus Vincenzos. Da er nicht weiß, was sie durch Pater Volgger bereits wissen öffnet er sich nur langsam.

Sofort werden alte Familienfotos aus dem Schrank geholt. Ein vergilbtes Bild zeigt eine alte Frau und einen Mann mittleren Alters, und noch bevor die alte Dame die Personen erklären kann, sagt Udo Wieczorek: „Vater und Großmutter von Vincenz“. Es ist ganz ruhig geworden, und Udo W. kann die bohrende Frage förmlich spüren: Wie kann er das wissen? Der Sohn Fulvio bringt ein altes handliches Gerät und hält es ihm hin, das ihn sofort in den Bann zieht: „Das ist mein Hobel“, sagt er spontan, der Hobel von Vinc, der Tischler war.

Er beginnt nun, sich und den Besuch ausführlich zu erklären und schildert alles, was er erlebt hat. Schließlich zeigt er eine Kopie des gefundenen Briefes von Vinc. Tiefes Mitgefühl und Betroffenheit machen sich breit, und die Frau Fulvios spricht es aus: „Du bist einer von uns.“ Ja, er fühlt sich zugehörig. Nach der späten herzlichen Verabschiedung formt sich im Rückblick auf das Haus „vor meinem geistigen Auge eine wohltuende Überzeugung: Ich bin zu Hause angekommen – endlich.“

Im Sommer 2014 hat Udo Wieczorek wieder Träume von damals, aber sie spielen nicht mehr im Krieg. Er erinnert sich an Straßen und besondere Gebäude in Centa und Umgebung. Am Morgen macht er sich Skizzen, zeichnet einen Turm, einen Opferstock in der Wand der Osteria Stanga und einen Bildstock in der Fassade eines Hauses im nahen Caldonazzo. Wenige Tage später fährt er mit der ganzen Familien in den Urlaub nach Centa. In der Unterkunft kommt ihm der Prospekt einer Burganlage unter die Augen. Ein historisches Bild zeigt einen Turm, der dem von ihm skizzierten genau gleicht. Er wurde 1915 gesprengt. Die beiden Häuser mit den von ihm gezeichneten Opferstock- und Bildstock- Fassaden findet er ebenfalls in Straßen, in denen er zuvor noch nicht gewesen ist.

Von der Nichte von Vinz und ihrem Sohn werden ihm weitere alte Fotos gezeigt. Erinnerungen steigen in ihm auf. Plötzlich weiß er, „wer wo gewohnt hat, dass Vincenco steirische Harmonika gespielt hat, dass es einst einen Fußweg zwischen den einzelnen Höfen gegeben hat, der heute nicht mehr existiert. Und wieder wird alles von der Nichte Vincensos, der inzwischen 81-jährigen Armida und von Fulvio bestätigt. Nicht dass es mir noch nicht bewusst gewesen wäre; doch kann es jetzt wirklich keine Zweifel mehr daran geben, hier schon einmal gelebt zu haben. Damals vor 100

Jahren.“[10]

Epilog

Kann man das verallgemeinern? Kommen wir also alle wieder? fragt sich Udo Wieczorek. „Ja, es scheint nach alldem, was ich erlebt habe, möglich zu sein. Und ja, es ist schön, sich an dieser Vorstellung wärmen zu dürfen. So bin ich der festen Überzeugung, dass mein Schicksal kein Einzelfall ist.“ Aber warum konnte und kann er sich so genau daran erinnern, die allermeisten Menschen jedoch nicht? „Möglicherweise bedarf es … einer ganz bestimmten Konstellation in uns, die niemand in der Lage ist zu bestimmen, um zurückzublicken. Ein siebter Sinn. Ein Sinn, der seine Reize nur liefert, wenn wir dazu bereit sind.“

Die bestimmte Konstellation in uns, ein siebter Sinn kann nicht im Leib, er muss im Seelisch-Geistigen liegen, das die Kontinuität zwischen zwei ganz verschiedenen Leibern bildet. Zwischen dem Tod von Vinc 1915 und der Geburt Udo Wieczoreks liegen 55 Jahre, in denen der Geist nicht in einem irdischen Leibe, sondern in einer nicht-irdischen, geistigen Welt gewesen sein muss.

Die dramatischen Ereignisse, die Vinc erlebt hat, müssen so gewaltig und bewusstseinsweckend gewesen sein, dass sie sich besonders intensiv in Seele und Geist eingegraben haben, so dass die Bilder auch im neuen Leibe des Udo Wieczorek ins Bewusstsein aufsteigen konnten. Dies umso leichter, als Vinc schon damals von einer Wiederverkörperung überzeugt war und den Brief gleichsam an sich selber schrieb.

Er hatte ein Bewusstsein seines über Geburt und Tod hinausgehenden Geistes, an den er sich folglich erinnern konnte. Es sieht so aus, dass man eine Zunahme von Reinkarnationserlebnissen bei immer mehr Menschen in dem Maße erwarten kann, indem sie eine Verstärkung ihres die Zeiten überdauernden Geistes erzielen, sich in ihrem Ich unabhängig vom Leibe erfassen können.

Manfred Bomm schreibt am Schluss des Buches, ob es eine allgemeine Wiedergeburt gebe und wenn ja, nach welchen Gesetzmäßigkeiten sie ablaufe, sei trotz allem letztlich eine Sache des Glaubens. Aber die Überzeugung Udo Wieczoreks entstammt nicht einem Glauben, sondern nachgewiesener Erfahrung. Und diese muss immer erst individuell auftreten. Dass die Wiederverkörperung allgemeinen geistigen Entwicklungsgesetzen entspricht, hat Rudolf Steiner in Schriften und Vorträgen gedanklich detailliert dargelegt und logisch begründet.[11]

 

Anmerkungen

[1] http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.hat-udo-wieczorek-schon-einmal-gelebt-wer-ist-vinz.c28ed268-7016-49ad-a772-2281e27b2a55.html

[2] Udo Wieczorek / Manfred Bomm: Seelenvermächtnis, Meßkirch 2015

[3] a. a. O. S. 27

[4] a. a. O. S. 48

[5] a. a. O. S. 127, 129

[6] a. a. O. S. 134 f.

[7] a. a. O. S. 188 ff

[8] a. a. O. S. 209

[9] a. a. O. S. 236

[10] a. a. O., S. 345

[11] Rudolf Steiner: Kap. Wiederverkörperung des Geistes und Schicksal,

in: Theosophie (Gesamtausgabe Nr. 6)

Rudolf Steiner: Reinkarnation und Karma, vom Standpunkte der

modernen Naturwissenschaft notwendige Vorstellungen (in: GA 34)

 

Über Herbert Ludwig

Herbert Ludwig war viele Jahre Lehrer an einer Freien Waldorfschule. Er befasst sich schwerpunktmäßig mit den inneren und äußeren Bedingungen der Entwicklung des Menschen zur Freiheit und mit den Hintergründen der „europäischen Integrationsbewegung“, woraus seine Schrift „EU oder Europa?“ und Artikel auf seiner Webseite hervorgegangen sind Kontakt: Webseite | Weitere Artikel