Simbabwes beispielloser Niedergang

Robert Mugabe / By Tech. Sgt. Jeremy Lock (USAF) (dodmedia.osd.mil) [Public domain], via Wikimedia Commons; https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/83/Mugabecloseup2008.jpg Robert Mugabe / By Tech. Sgt. Jeremy Lock (USAF) (dodmedia.osd.mil) [Public domain], via Wikimedia Commons; https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/83/Mugabecloseup2008.jpg
Simbabwe, das frühere Rhodesien, war einmal die Kornkammer Afrikas. Der einst vom Westen hoch gelobte Autokrat Robert Mugabe hinterlässt ein zerstörtes Land, schreibt Martin Schmidt*.

Der tansanische Präsident John Magufuli sorgte im Herbst 2015 für sensationelle Schlagzeilen. Das erst im Oktober gewählte neue Staatsoberhaupt des ostafrikanischen Landes ließ die Unabhängigkeitsfeierlichkeiten am 9.Dezember mit der Begründung absagen, ihm sei nicht zum Feiern zumute, während seine Landsleute an Cholera stürben. Stattdessen ordnete er eine landesweite Kehrwoche an und griff selbst öffentlichkeitswirksam zum Besen.

Bereits am ersten Arbeitstag Magufulis im November hatte es einen Paukenschlag gegeben: Der Präsident war gerade im Finanzministerium angekommen, da entließ er bereits alle Mitarbeiter, die unentschuldigt fehlten. Ende desselben Monats strich der 56-Jährige die Delegation Tansanias auf dem Commonwealth-Gipfel in Malta von 50 auf vier Personen zusammen und verordnete für sämtliche künftigen Dienstflüge seines Kabinetts, dass allenfalls er selbst, sein Stellvertreter und der Premierminister noch in der Businessclass unterwegs sein dürften; alle anderen müssten sich mit der „Holzklasse“ begnügen.[1]

Koopertion zwischen GEOLITICO und dem Deutschen Arbeitgeberverband © GEOLITICO

Koopertion zwischen GEOLITICO und dem Deutschen Arbeitgeberverband © GEOLITICO

John Magufuli wurde durch seine an das preußische Dienstethos erinnernden Vorbild- und Sparsamkeitsaktionen schlagartig zum Exoten unter den 55 Staatsoberhäuptern Afrikas. Selbst ausgesprochenen Liebhabern des naturräumlich großartigen Schwarzen Kontinents wären kaum Kandidatenländer eingefallen, hätte man sie nach denkbaren Schauplätzen solch außergewöhnlicher Begebenheiten gefragt. Außer dem vergleichsweise geordneten Tansania (dem einstigen Deutsch-Ostafrika) vielleicht noch Botswana, Sambia oder Äthiopien. Ein Staat wäre ganz sicher nicht auf dieser Liste der Hoffnung gestanden: Simbabwe.

Die Briten als „erste Rasse der Welt“

Die Geschichte dieser einstigen britischen Kolonie, die bis April 1980 den offiziellen Namen Rhodesien führte, beginnt mit ihrem Gründer Cecil Rhodes (1853-1902). Dieser ist bis heute umstritten, so wie die Kolonialgeschichte des britischen Empire vor allem in England selbst immer wieder als Aufhänger dient für mit Maßstäben unserer Zeit formulierte Rassismusvorwürfe. Erst Ende 2015 forderte eine Gruppe von Studenten der Eliteuniversität Oxford von der Hochschulleitung, eine Statue des Stifters Cecil Rhodes zu entfernen, weil dieser „für Kolonialismus und Rassismus“ stehe.[2]

Sir Cecil John Rhodes war fraglos ein Imperialist und seine Gedanken bewegten sich im Rahmen der darwinistischen Vorstellungswelt einflussreicher Kreise der englischen Oberschichten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Rhodes sah in den Briten dieerste Rasse der Welt“ und träumte von einer den Erdkreis beherrschenden gemeinsamen anglo-amerikanischen Regierung. Geboren im englischen Bishop’s Stortford, wurde er bereits mit 17 Jahren erstmals zu seinem Bruder nach Südafrika geschickt. Dort gründete er 1880 die berühmte Diamantenfirma De Beers, wurde 1881 Mitglied des Parlaments der Kapkolonie und konnte 1885 die Londoner Regierung dazu bewegen, das Betschuanaland (heute Botswana) zu erobern.

Vier Jahre später bekam er von der Zentrale den Auftrag, die British South Africa Company zu gründen, deren sich stetig nordwärts erweiternde Einflussgebiete an englische Siedler verkauft wurden. Schließlich erhielten diese neuen Kolonien die seinen Namen tragenden Bezeichnungen Nord- und Südrhodesien (das heutige Sambia bzw. Simbabwe). 1890 wurde Rhodes dann zum Premierminister der Kapkolonie gewählt und blieb dies bis 1896. Er strebte eine Vereinigung der seinerzeitigen südafrikanischen Burenrepubliken mit der Kapkolonie zu einer Südafrikanischen Union unter britischer Fahne an. Cecil Rhodes starb am 26. März 1902; sein Grab liegt auf einem Berg im Matopo-Gebirge in Simbabwe.

Drei Männer bestimmten das Schicksal des Landes

Die zweite Schlüsselfigur in der Geschichte Rhodesiens war der schottischstämmige Farmer Ian Smith. Nachdem sich Rhodesien am 11. November 1965 einseitig von der Krone getrennt und die Unabhängigkeit erklärte hatte, wählte ihn die kleine weiße Bevölkerungsschicht zu ihrem Interessenvertreter. Smith war im Zuge des Entkolonialisierungsprozesses der einzige aus Europa stammende politische Führer, der die Lösung vom Empire selbst betrieb und danach an die Macht kam. Dem Mutterland warf er allzu große Nachgiebigkeit gegenüber der schwarzen Stammbevölkerung vor. Eines seiner Wahlkampfmottos spiegelt seinen vor dem Hintergrund der weitgehend abgeschlossenen Dekolonialisierung anachronistischen Politikansatz besonders gut wider:

„For a whiter, brighter Rhodesia“ (Für ein weißeres, strahlenderes Rhodesien).

Wie viele seiner weißen Landsleute trieb ihn die Sorge vor katastrophalen Umbrüchen an, wie sie damals in Afrika gang und gäbe waren und beispielsweise die ehemalige belgische Republik Kongo heimsuchten.

Zu Zeiten der Regierung Smith standen auf einer Fläche von 390.580 qkm (zum Vergleich: die Bundesrepublik Deutschland misst 357.092 qkm). 275.000 Weiße 5,8 Millionen schwarzen Einheimischen der verschiedensten Stämme gegenüber. Über 70 Prozent gehörten den Shona an, knapp 20 Prozent den Ndbele, Tonga u.a.

Smiths Rhodesische Front regierte, obwohl die eigene Staatlichkeit international bloß von Südafrika anerkannt wurde, bis Ende der siebziger Jahre. Ihre Regierungstruppen kämpften einen ständigen Buschkrieg mit kommunistischen schwarzen Rebellen, der ungefähr 30.000 Menschenleben kostete. Das Verhältnis von weißen und schwarzen Abgeordneten im Parlament (50 Weiße gegenüber 8 Schwarzen) verkehrte die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung ins Gegenteil: Das schwerwiegendste Problem der Regierung Smith und ihres ebenso sturen wie geschickten Chefs war die Kritik der früheren Kolonialmacht Großbritannien an der offiziösen Rassenpolitik in Salisbury (ab 18.4.1982: Harare). Aus London kamen hartnäckige Forderungen, die ethnischen Verhältnisse im Parlament demokratisch abzubilden.

Mugabe übernimmt die Macht

Andere westliche Industrieländer, allen voran die USA, beteiligten sich an dieser Einflussnahme, zumal man durch einen vertraglich gestützten, sozusagen evolutionären und nicht revolutionären Übergang der Macht an eine als lenkbar eingeschätzte schwarze Mehrheitsregierung die weitere Ausbreitung von sowjet-kommunistisch beeinflussten Ein-Parteien-Regimes in Afrika zu verhindern trachtete. Das war, wie rückblickend festgestellt werden muss, eine verhängnisvolle Fehlkalkulation.

Als 1976 die südafrikanische Regierung Foster ihre wirtschaftlich überaus wichtige Nachbarschaftshilfe einstellte, wurde das von vielen Weißen beiderseits der Grenze als Verrat empfunden und bedeutete den Anfang vom Ende der Ära Ian Smith. Obwohl dessen Regierung nun kooperationsbereite schwarze Politiker einzubinden suchte, musste sie sich im September 1979 auf Waffenstillstandsverhandlungen mit der militanten Opposition unter Führung Robert Mugabes einlassen. Diese fanden in London statt. Auf maßgeblichen Druck der britischen Regierung wurde die Gründung einer „Republik Simbabwe“ vereinbart samt freier Wahlen im Februar 1980. Mugabes Aufständische mussten sich im sogenannten „Lancaster-House-Abkommen“ im Gegenzug verpflichten, wenigstens zehn Jahre lang eine Mindestanzahl weißer Vertreter im Parlament zuzulassen. Grundsätzlich vereinbart wurde ferner eine ab 1989 mit finanzieller Hilfe Großbritanniens zu startende Landreform.[3]

Die Ansetzung freier Wahlen war Robert Mugabes historische Chance: Völlig überraschend, vor allem aus Sicht Londons, ging aus diesen statt des liberaleren Favoriten Joshua Nkomo die militante ZANU-Partei als Sieger hervor. Der Jesuitenschüler Robert Gabriel Mugabe (* 21. Februar 1924 in Masvingo) gehört dem größten Stamm der Shona an.

Im Jahre 1960 war er nach seinem Studium an verschiedenen ausländischen Hochschulen als überzeugter Kommunist heimgekehrt. Smith nannte ihn immer wieder einen „marxistischen Terroristen“. In Rhodesien angekommen, begann Mugabe sogleich mit dem Kampf gegen die englischen Kolonialherren. Zunächst tat er das im Rahmen der National Democratic Party (NDP); später gründete er die rivalisierende Zimbabwe African National Union (ZANU) und führte deren extremistischen Flügel African National Liberation Army (ZANLA). Dies brachte ihm 1964 eine elfjährige Haftstrafe ein. Nach seiner Entlassung setzte Mugabe die Feldzüge gegen die weiße Minderheitsregierung von Mosambik aus fort. Bezeichnenderweise befahl er seinen Gefolgsleuten während dieses Buschkrieges, keine Schuhe und Socken mehr zu tragen, um so ihren Willen zur totalen Abkehr von der westlichen Zivilisation zu demonstrieren.[4]

Doch der noch wenig bekannte neue starke Mann hielt sich nach seiner Amtsübernahme 1980 zunächst mit harten Maßnahmen gegen den weißen Bevölkerungsanteil zurück. Auf internationaler Bühne gab es dafür eine Menge Zustimmung und eine stattliche Zahl an Auszeichnungen (siehe den Wikipedia-Eintrag zu Mugabe). In Deutschland war dem „Befreier“ der Beifall seitens der etablierten Politik[5] ebenso sicher wie jener der zahlreichen linksradikalen Gruppierungen, die sich dem „antikolonialistischen Kampf“ gegen die Apartheidsregime in Rhodesien und Südafrika verschrieben hatten. Die Rolle von Organisationen und Parteien wie dem Kommunistischen Bund Westdeutschland / KBW[6], der Deutschen Kommunistischen Partei / DKP oder auch den Grünen für die öffentliche Wahrnehmung der Konflikte im Süden Afrikas war zweifellos relevant und harrt noch ihrer wissenschaftlichen Aufarbeitung.

Die Vertreibung der weißen Farmer

Auch die Ökonomie Simbabwes funktionierte in den Achtzigern im Großen und Ganzen noch gut, selbst wenn man wohl hinter manche von den Machthabern in Harare verkündeten und sich bis heute in den Wikipedia-Einträgen haltenden damaligen Erfolgsmeldungen Fragezeichen setzen muss. Erste brutale Unterdrückungsmaßnahmen gegen rivalisierende schwarze Stammesgruppen gab es allerdings schon zu dieser Zeit. So soll die berüchtigte 5. Brigade der Regimetruppen schätzungsweise 20.000 Angehörige des Volkes der Ndebele getötet haben, die Mugabes erklärten Gegner Joshua Nkomo unterstützt hatten.[7]

Nach seiner ersten Wiederwahl 1985 ließ sich Robert Mugabe von seiner Entourage zum direkten Nachfahren der Könige von „Groß-Simbabwe“ erklären. 1987 wurde er zum Präsidenten auf Lebenszeit und schaffte das Amt des Premierministers ab. Danach brauchte er keine Wahlen mehr zu fürchten und wurde unter Einsatz der hierfür bereitstehenden totalitären Instrumente (einseitige Propaganda, massive Einschüchterung Oppositioneller und Verfolgung Andersdenkender, mutmaßliche Wahlfälschungen) regelmäßig mit satten Mehrheiten „wiedergewählt“. Und das bis heute. Im Juni 2005 veranlasste Mugabe im Rahmen der Operation Murambatsvina, gezielt Siedlungen mit Planierraupen zu zerstören, in denen überwiegend für die Opposition gestimmt worden war. Die immer wieder aufflackernden innnenpolitischen Auseinandersetzungen forderten Hunderte Todesopfer. Allein 2002 gab es nach Angaben von Amnesty International 70.000 registrierte Fälle von Misshandlungen und Folter.[8]

Zu Beginn der neunziger Jahre begann dann die folgenschwere Umsetzung der Bodenreformpläne und nahm bis Ende des Jahrzehnts zusehends extremere Formen an. In der Theorie existierte zunächst das Konzept des „freiwilligen Verkaufs“, mit dem schwarze Bewohner für das den weißen Siedlern angelastete Unrecht des Landraubs entschädigt werden sollten. Mugabe selbst sagte dazu:

“If white settlers just took the land from us without paying for it, we can, in a similar way, just take it from them without paying for it.”[9]

Doch nicht die eher geeigneten schwarzen Landarbeiter der weißen Alteigentümer bekamen letztlich den Großteil der Flächen übereignet, sondern Angehörige von Mugabes Sippe, frühere Genossen aus der kommunistischen Kampfzeit oder andere Parteigänger des Diktators, die in der Regel keinerlei landwirtschaftliche Vorbildung aufwiesen. Im Jahr 2000 besaßen rund 4000 Großfarmer, davon annähernd zwei Drittel Profiteure der Landreform, ungefähr 70 Prozent des zu bewirtschaftenden Landes. Statt der vielbeschworenen Umverteilung zugunsten zahlreicher armer schwarzer Landloser kam es also zu einer Bereicherung weniger schwarzer Privilegierter. Manche Minister der Mugabe-Regierung rissen sich gleich mehrere der zu Statussymbolen degradierten, bis dato blühenden Farmen unter den Nagel.[10]

Manche Anbauflächen wurden mutwillig zerstört. Vielfach kam es bei der Übergabe an insgesamt etwa 200.000 Neueigentümer zu Gewaltakten; weiße Tabakbauern wurden in größerer Zahl umgebracht. Sehr viele weiße Farmer, die in den Augen der neuen Machthaber der personifizierte Inbegriff des verhassten Kolonialerbes waren, flüchteten außer Landes. Zunächst zog es sie schwerpunktmäßig nach Südafrika, später vor allem nach Australien.

Wirtschaftlicher Niedergang

Damals kam es zu ersten westlichen Sanktionsmaßnahmen gegen das rote Regime in Simbabwe. Doch nicht diese, sondern die katastrophale Misswirtschaft bewirkte einen Zusammenbruch des Agrarsektors, da es den Neueigentümern an Erfahrung, dem nötigen Geld oder auch nur an Motivation mangelte. Binnen weniger Jahre fehlten Millionen Tonnen an Getreide, die Produktion des Hauptexportartikels Tabak ging um 75 Prozent zurück. Große Flächen liegen seitdem brach. Hungersnöte konnten nur dank umfangreicher Entwicklungshilfelieferungen verhindert werden. Das letzte Kapitel der ethnischen Säuberung an den englischen Siedlern wurde 2007 geschrieben, als nochmals rund 400 übriggebliebene weiße Farmer von der Regierung unter massiven Drohungen vertrieben wurden.[11]

Haarsträubende planwirtschaftliche Maßnahmen waren an der Tagesordnung. So setzte der Diktator die Preise für das „Grundnahrungsmittel“ Brot zeitweilig auf die Hälfte ihres Herstellungspreises fest und ließ Verstöße streng bestrafen. Die Bäcker stellten daraufhin ihre Brotproduktion ein – bis jemand bemerkte, dass die Preisvorschriften nicht für als „Luxusware“ geltende Brote mit Sesam galten. Daraufhin wurden die alten Standardbrote wieder ins Sortiment aufgenommen, allerdings fortan mit einigen Körnchen Sesam bestreut.[12]

Die Not des Landes veranlasste auch zahlreiche schwarze Bürger zur Auswanderung. Staaten wie Sambia, Nigeria und Mosambik machten Bauern und Facharbeitern aus dem Reich Mugabes gezielte Niederlassungsangebote. Doch der Hauptstrom des Exodus ging in das Nachbarland Südafrika, wo 2007 Schätzungen zufolge allein drei Millionen Menschen aus Simbabwe lebten.

Dabei war die Ausgangslage des Landes – zumindest wirtschaftlich gesehen – alles andere als schlecht. Das vormalige Rhodesien nennt nicht nur einzigartige landschaftliche Schönheiten wie die Victoriafälle sein eigen, sondern es besitzt unter anderem Diamanten, Gold und Platin, produziert(e) reichlich Tabak und galt einst – man glaubt es heute kaum noch – mit seinen fruchtbaren Böden und hohen Erträgen als Kornkammer des südlichen Afrikas. Auch Mais und Soja wurden großflächig angebaut, darüber hinaus Baumwolle, Erdnüsse und Jute. Ebenso konnte sich die Infrastruktur im Vergleich sehen lassen, und die 275.000 weißen Siedler – insbesondere die mehreren tausend Großfarmer – verkörperten den Anschluss an moderne Wirtschaftsmethoden.

Noch im Jahre 1998 war die Volkswirtschaft Simbabwes die am schnellsten wachsende ganz Afrikas.[13] Danach begann ein rasanter Abstieg. Nicht nur die Landwirtschaft, auch der Bergbau kollabierte. Die gesamte Wirtschaftsleistung des Landes machte 2008 nur noch gut die Hälfte von 1999 aus, ermittelte die Weltbank. Doch damit war der Absturz längst nicht beendet. Es kam zu einer katastrophalen Inflation, in deren Verlauf sich die Preise mehrmals am Tag verdoppelten und man zum Einkaufen buchstäblich schubkarrenweise Geld benötigte. Selbst Scheine über 100 Milliarden Simbabwe-Dollars wurden praktisch wertlos. Lag die Inflationsrate im Durchschnitt der Jahre 1970-78 noch bei 7,6 Prozent, so waren es im Januar 2005 bereits 133,6 Prozent. Und verfügte das alte Rhodesien über satte Währungsreserven von 296 Millionen US-Dollar (1980), waren es 2002 nur noch 106 Millionen US-Dollar, Tendenz fallend. Die Arbeitslosigkeit näherte sich im Jahr 2015 der Marke von 80 Prozent.[14]

Auch andere statistischen Kerndaten offenbaren den totalen Niedergang: Während sich die Einwohnerzahl von 7,3 Millionen (1980) auf ungefähr 14 Millionen (2015) innerhalb von dreieinhalb Jahrzehnten fast verdoppelte, verdoppelte sich wegen der grassierenden Armut und der immer schlechteren medizinischen Rahmenbedingungen auch die Sterberate, nämlich von 14,4, je 1000 Einwohner (1970-1975) auf 27 je 1000 Einwohner (2000-2005). Die Lebenserwartung fiel bei Frauen auf durchschnittliche 33 Jahre bzw. bei Männern 34 Jahre (2000-2005) gegenüber 53 Jahre bei Frauen und 50 Jahren bei Männern in der späten Rhodesien-Zeit (1970-1975). Zuwachs gab es dagegen bei den HIV-positiv getesteten Personen, deren Anteil unter den 15-jährigen Einwohnern im Jahr 2003 bei 43 Prozent lag und bei den 15- bis 40-Jährigen bei 34 Prozent.[15]

Desaströses Erbe

Heute, nachdem Robert Mugabe über 35 Jahren ununterbrochen an der Macht ist, steht fest: der über 90-jährige autokratische Herrscher wird ein desaströses Erbe hinterlassen, wenn sein von zahlreichen Menschen innerhalb wie außerhalb der Landes sehnsüchtig erwarteter Tod eintritt. Denn Mugabe steht für chronische Misswirtschaft, Korruption und Gewalt. Simbabwe zählt mittlerweile zu den weltweit ärmsten Volkswirtschaften. Der persönliche Lebensstil des Diktators und seines Umfelds gilt als verschwenderisch. So soll an Mugabes 86. Geburtstag über eine halbe Million US-Dollar für Champagner und Kaviar ausgegeben worden sein.[16] Im Dezember 2010 wurde durch von Wikileaks veröffentlichte US-Diplomaten-Korrespondenzen ruchbar, dass Mugabe, seine Frau Grace und hohe Regierungsmitarbeiter sich in großem Stil am Diamantenhandel aus den Minen im ostsimbabweschen Chiadzwa bereicherten.[17]

Bezeichnenderweise sah sich der Diktator 2009 angesichts der desaströsen Inflationsraten dazu genötigt, vorübergehend den US-Dollar als Ersatzwährung zum maroden Simbabwe-Dollar einzuführen. Die Inflation erreichte damals astronomische Werte von bis zu 231.150.888,87 Prozent. Im Zuge des allgemeinen Preisniedergangs im Rohstoffbereich fielen zuletzt auch die Einnahmen aus den für Simbabwe überaus wichtigen Gold- und Platinminen ins Bodenlose. 2015 kam dann noch eine schlimme Dürre hinzu, so dass zum Beispiel eines der wichtigsten Kraftwerke, der Staudamm am Kariba-See, bloß noch einen Bruchteil der geplanten Leistung erbringen konnte. Strom ist längst ebenso zu einem knappen, oft nur stundenweise verfügbaren Gut geworden wie das überlebenswichtige Wasser.

Doch all diese Tatsachen an sich wären für afrikanische Verhältnisse ja nicht gänzlich ungewöhnlich, ebenso die von Harare ausgehende Brutalität gegenüber eigenen Staatsbürgern. Vielmehr führten andere Begleiterscheinungen der Diktatur Mugabes zu dessen nachhaltiger Diskreditierung insbesondere in den USA und bei der EU. So verglich sich der Diktator selbst mehrfach öffentlich mit Adolf Hitler und zeigte sich im September 2005 sogar mit entsprechendem Bärtchen unter der Nase. Ab 1991 bezeichnete er Homosexuelle im Zuge von Kampagnen als „unafrikanisch“ und drohte ihnen mit Gefängnisstrafen von bis zu zehn Jahren.[18] Sein umgekehrter Rassismus nahm bizarre Formen an. Nicht nur waren die weißen Großfarmer und ihre Familien den geschilderten Verfolgungen und Vertreibungen ausgesetzt, auch von Weißen geführte Unternehmen wurden pauschal diskriminiert. Noch 2012 forderte der Diktator, dass Firmen nur Schwarzen gehören sollten.[19]

Außenpolitisch setze Mugabe lange Zeit ganz auf die Volksrepublik China. Diese verfolgt in Afrika bekanntlich ihre eigene, vor allem an den reichen Rohstoffvorräten des Schwarzen Kontinents interessierte Langzeitstrategie. Dafür war Simbabwe ein höchst verlockendes Ziel und die geschwundenen Zugriffsmöglichkeiten Europas und der USA gerade auf dieses Land könnten sich, sollten sie sich auch nach der Ära Mugabe fortsetzen, als schwere strategische Hypothek erweisen.

Doch Peking vermochte Harare nicht wirklich zu helfen, so dass Robert Mugabe in jüngster Zeit Annäherungsbereitschaft in Richtung USA, Großbritannien, EU, IWF und Weltbank signalisierte. Bei all diesen Mächten besteht angesichts der schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen allerdings noch immer eine Art Ächtung Simbabwes: Im Dezember 2003 wurde das Land aus dem Commonwealth of Nations ausgeschlossen, und Ende 2008 forderten sämtliche EU-Mitgliedsländer den Rücktritt Mugabes. Robert Mugabe selbst bekommt seither keine Einreiseerlaubnis in die Europäische Union (mit Ausnahme von Besuchen von Veranstaltungen der Vereinten Nationen und des Vatikans). Andererseits gibt es allen Verbrechen des Diktators zum Trotz eine vom Nachbarn Südafrika angeführte Phalanx afrikanischer Regierungen, die Mugabe unterstützt bzw. ihn zumindest diplomatisch nicht fallenlässt. Im vergangenen Jahr wurde er sogar zum Präsidenten der Afrikanischen Union gewählt.

Mut zu einer ehrlichen historischen Aufarbeitung

Robert Mugabe ist derzeit wohl das weltweit älteste Staatsoberhaupt. Auch wenn er nicht, wie Gerüchte besagen, schwer erkrankt ist, dürfte sein Tod nur eine Frage weniger Jahre sein. An diesem Tag X wird es dann höchste Zeit, das Drama Rhodesiens/Simbabwes jenseits der Stereotypen des Entkolonialisierungszeitalters aufzuarbeiten. Denn für die Geschichtsbücher kann nicht allein die rassisch motvierte Ausschließung der schwarzen Bevölkerungsmehrheit in der rhodesischen Apartheidsära Smith die Darstellung bestimmen. Ebenso muss nach den Gründen für den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Niedergang Zimbabwes unter dem schwarzen Diktator Mugabe gefragt werden.

Dabei drängen sich zentrale Fragen auf: In welchem Ausmaß blieb der Diktator zeitlebens von seinen frühen kommunistischen Prägungen beeinflusst? Trägt der Despot aus dem Stamme der Shona höchstpersönlich die Hauptverantwortung für den beispiellosen Abstieg oder muss die Antwort vielschichtiger ausfallen? Muss man – aus einer spezifisch westlichen Sicht – das Fehlen demokratischer Strukturen betonen, oder gilt es eher, über den Fall Simbabwes hinausgehende allgemeine afrikanische Entwicklungsdefizite zu untersuchen, Mugabes Sippen-und Stammesloyalitäten in den Blick zu nehmen oder nach den tieferen Ursachen eines im gesamten südlichen Afrika zu beobachtenden schwarzen Rassismus gegen weiße Bevölkerungsgruppen zu fragen? Auch die Naivität und lange Zeit feststellbare Blindheit europäischer und nordamerikanischer Regierungen gegenüber den Menschenrechtsverletzungen der Post-Apartheidsära in Simbabwe, aber auch in der Republik Südafrika, sollten Thema sein.

Den schwarzen Einwohnern Rhodesiens ging es zur Zeit der weißen Minderheitsregierung zumindest materiell eindeutig besser als danach und sicherlich besser als den damaligen Bevölkerungen anderer afrikanischer Staaten. Das festzustellen, ist keine Rechtfertigung des Apartheidssystems, sondern das Ergebnis unvoreingenommener Analysen.

Auch heikle Fragestellungen dürfen nicht tabu sein, etwa jene, ob wirklich etwas dran ist am Standardvorwurf, weiße Siedler hätten der einheimischen Bevölkerung die besten Böden geraubt und deshalb in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts so reiche Erträge erwirtschaftet. Waren es nicht vielmehr die europäischen Anbaumethoden, die den weißen Farmern ihren Erfolg gegenüber den indigenen Gepflogenheiten beim Feldbau ermöglichten und die Bodenqualität optímierten? Und wären die interethnischen Konflikte zwischen den schwarzen Stämmen auch in Rhodesien/Simbabwe nicht viel früher blutig eskaliert, hätte es nicht das Zwischenspiel der weißen Regierung Smith gegeben? Schließlich wird das Bild des post-kolonialen Afrikas mit seinen künstlichen Grenzziehungen bis auf den heutigen Tag von Machtkämpfen rivalisierender Stämme geprägt, die nicht selten von einem brutalen Willen zu gegenseitiger Vernichtung zeugen.

*Martin Schmidt ist freier Journalist

 

Anmerkungen

[1] Johannes Dieterich, Minister fliegen Holzklasse, Die Rheinpfalz, 10.12.2015

[2] Kolonialgeschichte studieren, nicht ausradieren, Financial Times, 22.12.2015

[3] Wikipedia-Eintrag „Robert Mugabe“

[4] Samantha Power, How to kill a country, The Atlantic, Dezember 2003

[5] für Richard von Weizsäcker war er ein „kluger, besonnener Politiker, der um Ausgleich bemüht ist“ (Bartholomäus Grill, Oberhäuptling Comrade Bob, Die Zeit 18/2000)

[6] siehe zum Beispiel Reiner Luyken, Der ruinierte Traum, ZEIT online, 14.06.2007

[7] Andrea Jeska, Simbabwe, Welt Online, 08.03.2011

[8] Power, a. a. O.

[9] ebd.

[10] ebd.

[11] Junge Freiheit online, Sonderthema Simbabwe, 16.03.2007

[12] Power, a.a.O.

[13] Robert Mugabe. Simbabwe wartet auf den Tod des Machthabers, Handelsblatt, 07.10.2015

[14] Power, a.a.O.

[15] Encyclopedia of the Third World, CIA World Factbook, Munzinger Archiv

[16] Mugabe celebrates birthday amid distress, Mail & Guardian, 27.02.2010

[17] Illegaler Diamantenhandel in Zimbabwe, Financial Times Deutschland, 09.12.2010

[18] Junge Freiheit online, Sonderthema Simbabwe, 16.03.2007

[19] Mugabes Simbabwe: Firmen sollen zu 100 Prozent Schwarzen gehören, Die Welt, 07.12.2012

VIDEOS:

www.youtube.com/watch?v=YgXO_6pV-AI

www.youtube.com/watch?v=BN9AsJi3p5o

www.youtube.com/watch?v=Xi_1Dw3xFmY