Die Banalität des Bösen
Die Banalität des Bösen

Die Banalität des Bösen

Anselm Feuerbach, Junge Hexe zum Scheiterhaufen geführt / Quelle: Anselm Feuerbach [Public domain], via Wikimedia Commons, https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3A1851_Junge_Hexe%2C_zum_Scheiterhaufen_gef%C3%BChrt_anagoria.JPG Anselm Feuerbach, Junge Hexe zum Scheiterhaufen geführt / Quelle: Anselm Feuerbach [Public domain], via Wikimedia Commons, https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3A1851_Junge_Hexe%2C_zum_Scheiterhaufen_gef%C3%BChrt_anagoria.JPG
Wir eine Ideologie zu mächtig, strebt sie die Vernichtung der Pluralität und ihrer Gegner an. Die angeblichen Verteidiger der Demokratie entblößen deren linke Flanke.

Die Gewalt unter Flüchtlingen in ihren unzumutbaren Unterkünften nimmt logarithmisch zu[1]. An nur einem Wochenende gingen beispielsweise in Berlin-Spandau Asylbewerber mit Feuerlöschern aufeinander los, sieben Menschen landeten im Krankenhaus, und es gab eine Massenpanik in der mit 1000 Menschen besetzten Einrichtung. In Kreuzberg verletzte gleichzeitig ein 18-Jähriger einen Kontrahenten und griff dann den Sicherheitsdienst an. Im ehemaligen Flughafen Tempelhof gingen Hunderte Flüchtlinge unter anderem mit Messern aufeinander los.

Wir und andere hatten frühzeitig prophezeit, was passiert, wenn erstens so viele Menschen so lange kaserniert sind und wenn zweitens unterschiedliche Kulturen mit einer niedrigeren Gewaltschwelle als hierzulande üblich aufeinanderstoßen. Letztere Aussage gilt es zu relativieren, wenn man sieht, wie sowohl die Willkommens- als auch die Hasspolitik die Saat der Gewalt zusehends in die autochthone Kultur trägt. Hier gilt: Die einen lassen die Orte der Flüchtlinge brennen und die anderen die Orte der Flüchtlingszweifler.

Aggressive und demagogische Konfrontationsstrategie

Das Ab- oder Anfackeln von Flüchtlingsheimen ist ungesetzlich, unmoralisch, kriminell, und es ist natürlich auch kontraproduktiv – von Schüssen und Handgranaten ganz zu schweigen. All das kostet den Steuerzahler zusätzliches Geld und diskreditiert den Widerstand gegen das System. Es ist aber auch zu verstehen als Ausdruck der Hilflosigkeit angesichts des Versagens demokratischer Mechanismen.

Auf der anderen Seite fühlt sich dadurch die aggressive und demagogische Konfrontationsstrategie des Mainstreams bestätigt, und die üblichen „links“-radikalen Gesetzesbrecher werden motiviert, verstärkt gegen Kritiker vorzugehen. Sich selbst als links bezeichnende Gewalt müssen wir schon lange ertragen, nun kommt zur Pest noch die Cholera einer relevanten „rechten“ Gewalt.

Paradox dabei: Erst wurde seit Jahrzehnten eine diffuse Gefahr von Rechts beschworen, dann wurden die heutigen Systemkritiker als unverbesserliche Rechte „umformatiert“ und am rechten Rand tatsächliche Gewalttäter erst entfesselt. Fertig war die „self-fulfilling prophecy“. (Im übrigen ist mir die Problematik der Begriffe rechts und links in diesem Zusammenhang durchaus bewusst, die Grenzen verlaufen längst woanders. Demnächst wird es dazu hier ein paar grundsätzliche und klärende Anmerkungen geben. Bis dahin benutze ich sie aus praktischen Gründen und mit schlechtem Gewissen einfach weiter.)

Bisher verharrt die rechte Gewalt, von individuellen Einzelfällen abgesehen, noch bei der Gewalt gegen Sachen und richtet dabei so begrenzten wie ärgerlichen Schaden bei allen Beteiligten an. Dies umso mehr, als eine menschenwürdige Unterbringung von Flüchtlingen angesichts ihrer Zahl sowieso unmöglich ist, egal wie viele dieser Hütten die mit Krieg überziehen.

Gefährliche „klammheimliche Freude“

Die linke Gewalt ist mal wieder einen Schritt weiter und richtet sich auch organisiert gegen Menschen und deren Meinungen. Dann brennt schon mal das Auto der stellvertretenden AfD-Vorsitzenden Beatrix von Storch, der AfD-Fraktionsvorsitzende in Thüringen, Björn Höcke, erhält Morddrohungen und kann nur noch unter Polizeischutz auftreten, und beim AfD-Landesvorsitzenden Sachsen-Anhalt, André Poggenburg, werden das Büro und die Wohnung verwüstet, das Auto geklaut und demonstrativ ein Fadenkreuz hinterlassen.

Der Staatsschutz sieht in der Regel in solchen Fällen keine Notwendigkeit zu ermitteln, und all jene Bürger, die sich gegen die AfD haben aufhetzen lassen, empfinden diese gefährliche „klammheimliche Freude“, mit der schon die Studentenbewegung die terroristischen Morde in den 70er-Jahren begleitete. Aber wehe, einer offenbart in der Badeanstalt einen Nazispruch auf dem doch sehr privaten Territorium seines rückseitigen Körpers, da gibt es über die durchaus angebrachte Strafverfolgung hinaus sofort eine Sonderkommission, Medienaufschrei[2] und öffentliche Fahndung.

Der Hass gegen Andersdenkende und mittlerweile auch die Gewalt erhält ihre Rückendeckung durch eine völlig einseitige Mentalität der Meinungsmajorität. Die AfD wird demagogisch verortet, sie sei „rechtskonservativ“, und da es kein „linkskonservativ“ gibt, ist sie eben rechts, und rechts ist nach üblicher Lesart im Prinzip sowieso rechtsradikal. Da hilft es nicht, dass die Partei bei Angriffen und bewussten Eskalationen zurückweicht, wo sie nur kann.

Solche Vereinfachungen schaffen dann im Land ein aufgeheiztes Klima, schaffen den Verlust des demokratischen Austauschs, schaffen das Schisma! Freundschaften zerbrechen, Kooperationen versagen. Statt der Debatte gibt es nur noch die Einordnung in „die“ oder „wir“, und die nächste Stufe ist der Kampf. Wie kann so etwas passieren? Warum halten Freundschaften den neuen Kulturkampf nicht aus?

Bedrohung der eigenen Selbsttäuschung

Woran zerbricht normalerweise eine Freundschaft? Durch den Kampf um eine Frau/einen Mann oder um Erfolg? Ja. Durch Verrat oder Betrug? Ja. Durch grundsätzliche charakterliche Unverträglichkeiten? Durchaus möglich. Aber wie kann Gemeinsamkeit durch eine unterschiedliche Weltsicht verlorengehen? Das ist ein psychologisches Phänomen!

Andere Meinungen als die eigene gibt es bekanntermaßen, und die müssen ausgehalten werden, bereichern normalerweise über den Austausch sogar Freundschaften. Doch dies gilt nicht mehr in der aktuellen Situation. Dabei geht die Feindseligkeit, soweit mir ersichtlich, immer von denen aus, die sich mehr Gedanken um die Fremden machen als um ihre Freunde und Mitbürger. Sie suchen den Konflikt und die Aggression, nicht wie vordergründig behauptet, wegen ihrer Ideale, sondern weil sie sich selber über diese Abgrenzung als bessere Menschen definieren. Sie sind schwach und unsicher; sie brauchen diese scheinbare Überlegenheit über andere.

Vernunft wird von diesen also gar nicht so guten Gutmenschen unterbewusst als Bedrohung der eigenen Selbsttäuschung angesehen, und ihre Aggressivität ist ein Mittel zum Selbstschutz. Gegenläufige Informationen prallen deshalb naturnotwendig ab, der Wahn schützt sich selbst. Sie tragen die Rüstung der Entrüstung. Schlimmer noch: Sie gewinnen in ihrer eigenen Wahrnehmung und in ihrer Peergroup diese Position erst, indem sie andere ausgrenzen und zu Menschen zweiter Klasse erklären.

Was im überwunden geglaubten Totalitarismus einst die Juden waren, auf die sich der kollektive Wahnsinn fixierte, sind heute eben die gegen den praktizierten und geforderten Wahnsinn Resistenten. Die Gene werden dabei als Verurteilungskriterium gegen Meme ausgetauscht, Körper gegen Geist. Der Unterschied ist derzeit noch, dass anderes Denken höchstens zu einer Razzia und Verurteilung führt und nicht im KZ endet. Aber man hat ja gerade erst angefangen.

Klima der Einschüchterung

Zurück zum Alltag: Manch einer mag sagen, es ist doch gut, wenn sich in Freundschaften die Spreu vom Weizen trennt, aber es geht ja nicht nur darum, sondern auch um kollegiales, familiäres oder anderweitiges Miteinander, das durchaus Freude gemacht haben kann oder produktiv war. Die Gesellschaft verliert so emotionale und funktionale Qualität, vom zusätzlichen Stress mal ganz zu schweigen.

Wer von den friedliebenden Gewalttätern neuer Prägung nicht einfach grob draufhaut oder de facto eine Einschränkung der Demokratie für Andersdenkende fordert, der drückt einfach auf die Tränendrüse oder zeigt, dass er nicht alle Latten am Zaun hat: Zum Beweis schaue man sich unbedingt den Flüchtlingssong einiger Berliner Politiker an[3]. Hoffentlich kommen für diesen Massenwahn jetzt genug bestens ausgebildete Psychiater-Fachkräfte ins Land, um das alles zu behandeln.

Die Gefahr ist in diesem Klima der Einschüchterung groß, dass die Aggressiven in ihrem Dunst der Selbstgerechtigkeit ohne die Korrektur der verstummenden Vernünftigen immer weiter in ihrem Wahn aufgehen. Es ist auch davon auszugehen, dass diese Gruppe der psychisch Problematischen die Geschichte des Landes weiter leiten und dabei kontraproduktiv entscheiden wird. Ein durchaus wahrscheinlicher Sturz der bis aufs Blut Nägel kauenden Bundeskanzlerin wird daran nichts Grundsätzliches ändern.

So gerät das Land in eine Spirale der emotionalen und intellektuellen Verwahrlosung. Irgendwann sind auch die Unabhängigeren, Stabileren und Kooperativen betroffen, die eigentlich kein Interesse an dieser neuen Politik der Apartheid haben, denn sie werden einfach übernehmen, was ihnen vorgelebt und vorgeschrieben wird. Ein Effekt der Gleichschaltung, der dann trotz unterschiedlicher politischer Polarität, sehr wohl an das Dritte Reich erinnert.

Roger Köppel schrieb dazu mit Blick aus der Schweiz, in Deutschland verbreite sich „ein Klima zusehends aggressiver Meinungseinfalt“.[4] Das Verunglimpfungsklima führe aber nur dazu, dass die Vernünftigen den Mund hielten und die Fremdenhasser aus der Deckung kröchen. Wie hier beschrieben, eben nicht nur die. Und dann wundert sich ein Helmut Schümann, der beim Tagesspiegel zu den Hetzern der ersten Reihe gehört, dass er einmal auf der Straße von einem der durch ihn Diskriminierten bedauerlicherweise geschubst und nach eigenen Angaben als „linke Drecksau“ bezeichnet wird. Natürlich hatte er durch diesen Vorfall sofort alle Politiker und den Staatsschutz (siehe oben: zweierlei Maß) verbal hinter sich sowie eine Erklärung für den „rechtsextremen Angriff“ parat:

Die Medien müssten ja täglich berichten „über die Zustände an der Flüchtlingsfront und die Versuche der Seehofers, der AfDler, der Pegidas und der besorgten Bürger, unsere Demokratie und unsere Humanität auszuhebeln“. Der selbsterklärte Märtyrer ohne jede Schramme wolle, so schrieb er fast wörtlich einen älteren Artikel[5] von sich selbst[6] ab, sich „nicht einschüchtern lassen“, sondern, im Klartext, die Wirklichkeit weiter verdrehen wie bisher. Inzwischen kann man auch mutmaßen, dass bisweilen solche Anschläge zur Karriereförderung selbst inszeniert oder schlicht erfunden werden.

Kompensierte Schuldgefühle

All die Gutmenschen eigener Wahrnehmung sind sich der Triebkräfte ihres Handelns nicht mehr bewusst – gleichwohl sind sie für ihr Tun verantwortlich. Ihre eigentlichen Motive haben sie ins Unterbewusstsein verdrängt oder nie erkannt. Wie echte Eiferer es eben tun, glauben sie nun felsenfest an die Sache und die Lauterkeit ihres Tuns. Der andersdenkende Mensch wird zur Stabilisierung dieses Wahns nicht mehr in seiner Komplexität beurteilt, sondern als eine Manifestation des Bösen. Sicher irgendwo noch vorhandene Schuldgefühle werden kompensiert durch das demonstrative Mitleid für die Fremden.

Diese Menschen wollen nicht mehr verstehen, dass nicht nur der von ihnen gepflegte selektive Humanismus, sondern auch die Meinungsfreiheit ein hoher moralischer Wert ist – und das Bestehen und Überleben der eigenen Kultur auch. Sie halten Destruktivität für fortschrittlich. In einem Kommentar zu einem Kustos-Text in der Freien Welt beschrieb P. Feldmann über die Aufweichung der alten Kriterien von rechts und links[7]: „Es war die (Merkels) Floskel „Dann ist das nicht mehr mein Volk“, die fatal an Hitlers letzte Tage erinnert und die zeigt, dass sich hier ein Kreis schließt, indem sogenannte ‚Nationalisten‘ in ihrer Aussage ‚Antinationalisten‘ aufs Haar in ihrem Hass aufs deutsche Volk gleichen.“

Mit anderen Worten beschreibt Alexander Kissler das Phänomen:[8]

„Es erheben sich öffentlich die Guten, die identisch sind mit den Herrschenden, über die minder Guten, um diese auszugemeinden. Wer den Pranger dennoch errichtet, der fremdelt mit der Moderne mehr als jene Menschen, die er an den Pranger stellt. Vorgestrige sind es im geborgten Kleid der Avantgarde.“

In der Tat scheint der so in Angriff genommene neue Faschismus oder wie man einen modernen totalitären Staat auch nennen mag, aus einer menschlichen Genkrankheit zu erwachsen. Immer wenn eine Ideologie zu mächtig wird, strebt sie unabhängig von allen zuvor verkündeten Prinzipien, die Vernichtung erst der Pluralität und dann ihrer Gegner an – und zwar erst sozial und dann physisch. Mit ihrem Geschrei vom Kampf gegen Rechts entblößen die angeblichen Verteidiger der Demokratie deren linke Flanke. Der Mechanismus klingt so einfach, dass man ihn kaum glauben mag: Aber so ist sie nun mal, die „Banalität des Bösen“[9].

 

Anmerkungen

[1] https://youtu.be/3q71DykReK8

[2] http://www.morgenpost.de/berlin/article206722411/Staatsschutz-ermittelt-wegen-Nazi-Tattoo-Rauswurf-aus-Bad.html

[3] https://www.youtube.com/watch?v=LQ5X14Kl5-4&feature=player_embedded

[4] http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/moralisch-handelt-wer-begrenzt/story/23027347

[5] http://www.tagesspiegel.de/meinung/emigration-ist-das-noch-unser-land/12518980.html

[6] http://www.tagesspiegel.de/berlin/polizei-justiz/rechte-gewalt-tagesspiegel-autor-helmut-schuemann-angegriffen/12530448.html

[7] http://www.freiewelt.net/blog/zensur-mit-struktur-10063818/

[8] http://www.cicero.de/salon/debattenstreit-die-neue-deutsche-lust-am-pranger/60035

[9] http://www.nwerle.at/WS11_B/banal.htm

Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel