Aufmunterung kritischer Geister
Aufmunterung kritischer Geister

Aufmunterung kritischer Geister

Wann ebbt der Fluechtlingsstrom ab? © GEOLITICO Was bringt die Zukunft? © GEOLITICO
Wir auf GEOLITICO sollten auch im neuen Jahr jeder Ideologie, jedem Überzeugungsversuch kritisch gegenüberstehen. Denn solche kritischen Geister werden noch gebraucht werden.

Zur Jahreswende wirft beinahe jeder einen Blick ins Okular der Zukunft, um mögliche Entwicklungen zu entdecken, zu werten, und sich auch darauf vorzubereiten: Der Wissenschaftler, der Politiker, der Mann am Stammtisch. Jeder Mensch agiert hier wie ein Wissenschaftler, weil die Antizipation von Ereignissen eine angemessene „coping strategy“[1] entstehen lassen kann.

Aber der Blickwinkel ist entscheidend. Was haben wir im Fokus – oder viel wichtiger: Was befindet sich außerhalb des Fokus unserer geistigen Wahrnehmung? Und über welche Hilfsmittel verfügen wir; denn es geht schließlich um Information und deren Bewertung.

Gefangene paradigmenbezogener Bewertungen

Schon haben wir den Salat! Eine kohärente Deutung bevorstehender Ereignisse scheint nicht möglich. Bezogen auf Themen – nehmen wir beispielsweise die wirtschaftliche Entwicklung der westlichen Länder – ist die Information aus den Mainstreammedien völlig unvereinbar mit den Thesen, die in alternativen Medien verbreitet werden. Spanien ist wirtschaftlich über den Berg, der Euro ist eine Erfolgsgeschichte – so beispielsweise das Handelsblatt. Daniel Stelter urteilt völlig anders – und er gehört noch nicht mal zu den alternativen Medien, sondern nur zu den wirklich Nachdenklichen, die sich tatsächlich um die Diskussion der Probleme bemühen, ohne Rücksicht auf parteipolitische Kalküle.

Es gibt so viele Beispiele völlig inkompatibler Bewertung von Ereignissen, dass eine Prognose anstehender Entwicklungen schwierig ist. Ob es die sogenannte Zinswende ist, das Quantitative Easing und dessen Folgen, die Verschuldung der Eurozone – alles Facetten der Beweglichkeit des herrschenden FIAT-Money-Systems und dessen Möglichkeiten zum „financial engineering“ wir sind Gefangene paradigmenbezogener Bewertungen.

Hier der vorherrschende Keynesianismus, der in allen im deutschen Bundestag vertretenen Parteien hochgehalten wird, im Kontrast zu Bewertungen dieser Facetten im Lichte beispielsweise der Österreichischen Schule der Nationalökonomie oder der Eigentumsökonomik[2], die mit triftigen Argumenten den Zusammenbruch des Finanzsystems prognostizieren!

Riss in der Gesellschaft

Es geht so häufig um den sogenannten Neoliberalismus. Der wird heute überwiegend mit „entfesselten Kapitalismus“ umschrieben. Die Konzepte und Paradigmen, derer viele sich bedienen, determinieren die Schlussfolgerungen und Ableitungen. Das kann ins Auge gehen. Worte können Ursachen vernebeln und aus dem Blick hieven. Vielleicht haben wir ja einen NeoConLiberalismus[3] – denn der Neoliberalismus wäre aus bundesdeutscher Sicht eher mit der Politik Ludwig Erhards, dem Patron des wirtschaftlichen Aufschwungs der Bundesrepublik Deutschland nach dem letzten Krieg verknüpft (man beachte bitte die Wortwahl!).

Ein NeoConLiberalismus, der nur dafür sorgt, dass das FIAT-Money-System längst möglich überlebt und deren Profiteuren weiterhin dient. Selbst in der Darstellung sich ähnelnde Prognosen können auf völlig unterschiedlich angenommenen Wirkgefügen basieren. Das ist schon ein wissenschaftstheoretisches Problem, wird aber meistens völlig übergangen durch die Machtspiele der hier involvierten Protagonisten. Manchem fehlt das Bewusstsein, wie die Verwendung von Begriffen das eigene Denken einhegt, begrenzt und vereinseitigt mit dem Ergebnis, falsche Schlussfolgerungen zwangsläufig zu ziehen und als wahr zu betrachten.

Es gibt eine Unzahl solcher Themen, bei denen Ursache, Wirkung und Prognose bestimmt wird durch das bevorzugte Paradigma des Wahrnehmungszusammenhangs. Und immer sind die Betrachtungen, Konsequenzen und Ausblicke völlig inkompatibel! Ein Riss tut sich dabei auf. Dieser zeigt sich auch in der Gesellschaft! Einerseits die Gesellschaft, wie sie in den Mainstreammedien als offiziöses Narrativ dargestellt wird; eine Gesellschaft der Harmonie und des Miteinanders, in der Probleme insgesamt als handhabbar gelten innerhalb der handlungsleitenden Paradigmen und andererseits die Gesellschaft in Gestalt ihrer Wahrnehmung von immer mehr Menschen: die Gesellschaft, in welcher Zweifler mit profunden Einwänden politisch geächtet werden – und das offenbar ob der Brisanz der Gegensätze.

Bei allen Prognosen ist der Zeithorizont wichtig

Insbesondere der Teil der Bevölkerung, der sich nicht ausschließlich in den Mainstreammedien informiert, spürt, dass etwas nicht stimmt! Das Propagandahafte wird aktuell geradezu unerträglich; Diskussionen finden kaum statt, Leserforen werden zensiert, politisch unangepasste Personen stigmatisiert und sogar wirtschaftlich ruiniert – Akif Pirinçci lässt grüßen – und das sogar unter dem Beifall angeblich Liberaler. Da zeigt sich eine Aggressivität, eine Angst und Panik im Mainstream, die einem die Sorgenfalten ins Gesicht treiben sollte. Sind das nicht eher Insignien eines waidwunden Systems, das vor dem Kollaps steht? Insofern hätten die alternativen Medienmacher durchaus Recht in ihrer Aufregung!

Sogenannte „westliche Werte“ scheinen gerade zu verkommen! Wo sind sie? Die Garantie von Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Gleichheit vor dem Gesetz, Individualismus, Toleranz? Toleranz gegenüber politisch Andersdenkenden? Zum Beispiel in Bezug auf die AfD? Eine Partei, die sich selbst zwischen ordoliberal und national-konservativ verortet wird als „rechtsradikal“ stigmatisiert. Damit die Antifa mit dem geduldeten – teils aus Steuern finanzierten – Mobben (und mehr) fortfahren kann? In einer Demokratie? Weiß noch jemand, wie das war im alten Griechenland, als der Demos bestimmte; mit Rechten und Pflichten?

Bei allen Prognosen ist der Zeithorizont wichtig. Prognosen zum Jahresende beziehen sich meistens lediglich auf das kommende Jahr. Mancherlei Entwicklung entfaltet sich aber über einen deutlich längeren Zeitraum, bevor die Bedrohlichkeit und Monstrosität absolut entscheidend wird; insbesondere für das individuelle Dasein. Aber dann ist es zu spät! Gerade die Allmählichkeit, das Schleichende der rechts- und freiheitsraubenden Entwicklung desensibilisiert die Menschen wegen des ihnen gegebenen Drangs der Adaptation an die Verhältnisse. Das spielt den Politikern in die Hände, denn diese überlebenswichtige Adaptationsfähigkeit führt das Vergessen in ihrem Spiegelbild!

Eine Wiederholung in der Geschichte?

Auf GEOLITICO tummeln sich eher solche Leser, die vom Mainstream die Nase voll haben, aber andererseits fundierte alternative Überlegungen als Kontrast zum Mainstreameinerlei lesen und nachvollziehen wollen. Ein erklecklicher Anteil der Leserschaft scheint deshalb der AfD durchaus wohlgesonnen zu sein. Die Diskussionen unter den Textbeiträgen entwerfen uns dieses Bild.

Gerade diejenigen Leser, die sensibel und aufmerksam die aktuellen Entwicklungen verfolgen und zu bewerten suchen, haben ein Gefühl des politischen Unwohlseins. Eine Wiederholung in der Geschichte? Auch 1933 gab es einen kleinen Prozentsatz an freiheitlich Denkenden, der die Katastrophe voraussah – selbständig und umsichtig denkende Menschen! Es waren diejenigen, die sich nicht von getrommelten Narrativen einlullen ließen.

Deshalb: Lassen Sie uns wachsam bleiben! Und glauben wir nichts, was wir nicht selbst durchdachten! Jeder Glaube, jede voreilige Überzeugung, die ja allenfalls Überredung sein könnte, kann auf unbrauchbaren Paradigmen beruhen! Denken wir daran, dass nur persönliche Freiheit im Sinne eines jeden Menschen ist. Werfen wir die uns aufgesetzten Brillen, welchen unsere Betrachtungen ideologisch färben sollen, doch ab. Versuchen wir die Welt zu sehen, wie sie ist, um selbst und freiwillig unsere Entscheidungen treffen zu können.

Suchende und Staatsgläubige

Die Mehrheit der hier Lesenden gehört nach unserem Eindruck zu den „Suchenden“; und wenn es nur ein Bauchgefühl ist, das zur Einsicht drängt, dass die Darstellungen und Bewertungen im Mainstream einseitig oder „frisiert“ sind. Suchende sind alternativen Darstellungen gegenüber per se aufgeschlossener als es Staatsgläubige je sein könnten. Aber wir sollten uns immer gegenwärtigen: Nichts muss richtig sein, nur weil es alternativ zum Hauptstrom ist!

Zweifel, Selbstzweifel, Grübeln, die Einsicht in die Unvollkommenheit eigenen Wissens; das Wissen um seine Wissensinseln ist wichtig. Und auch die Erkenntnis, wo Wurzeln dieser individuellen Unzulänglichkeiten liegen. Wir auf GEOLITICO sollten jeder Ideologie, jedem Vorschlag, jeder Forderung kritisch gegenüber stehen. Denn egal was passiert, diese kritischen Geister werden so hoffen wir – noch gebraucht werden.

Ihnen allen ein gutes neues Jahr!

Anmerkungen

[1] Bewältigungsstrategie; https://en.wikipedia.org/wiki/Coping_(psychology)

[2] E.g.: http://think-beyondtheobvious.com/schulden-sind-gut/

[3] Wir danken Peter Boehringer, den wir – allerdings in anderem Zusammenhang – als Schöpfer dieses Begriffs sehen