Europa war einst die Christenheit
Europa war einst die Christenheit

Europa war einst die Christenheit

Die Basilica minor Sacré-Cœur de Montmartre bei Nacht © Karin Lachmann Die Basilica minor Sacré-Cœur de Montmartre bei Nacht © Karin Lachmann
Die Lehre vom weltlichen und geistlichen Arm der Macht erklärt, warum wir einst nicht von Europa sprachen, sondern von der Christenheit. Zwei Herren sind besser als einer!

In einer tief zerrissenen Zeit gleichzeitig auf alles das einzugehen, was die Welt umtreibt und bewegt, ist schwer, genauer gesagt: unmöglich. Der Abstand zwischen dem auf Frieden, Versöhnung und Zuversicht gestimmten Weihnachtsfest und den empörenden, von Mord und Totschlag, Krieg und Bürgerkrieg handelnden Szenen, die uns vor Augen stehen, wohin wir auch blicken, ist zu groß. Immerhin, den Versuch, das eine mit dem anderen in Verbindung zu bringen, kann man ja wagen.

In Anspielung auf die von vielen geteilte Furcht vor einer Islamisierung des Abendlandes hat Margot Käßmann, die frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, neulich gesagt, dass überfüllte Moscheen so lange keine Gefahr darstellten, wie die Kirchen voll wären. In diesen Tagen sind die Kirchen voll. Aber heißt das, dass sich die Vorbehalte gegen eine Religion, deren Inhalte wir nicht kennen, vor deren Folgen uns aber immer wieder schaudert, damit erledigt hätten?

Ist der Schutz des Staates entbehrlich?

Ganz sicher nicht. Die Gründe sind vielfältig, sie reichen von der Missachtung der Verfassung und dem Zerfall der Rechtsordnung, von orientierungslosen Parteien, kurzsichtigen Unternehmern und engherzigen Gewerkschaftern bis hin zum Verlust an Vertrauen, an Sicherheit und bürgerlicher Freiheit. Auch wenn diese Klagen in bizarren, ja anstößigen Formen vorgetragen werden: Unbegründet sind sie nicht. Nur die Antworten klingen so oft enttäuschend; nicht weil sie falsch wären, sondern weil sie einseitig sind.

Auch Kirchenführer neigen dazu, den Schutz des Staates für entbehrlich zu halten; je weiter oben sie leben, desto stärker neigen sie dazu. Zumal die Evangelische Kirche Deutschlands tritt bisweilen so auf, als wäre sie eine Macht, die ohne die Macht des Staates auskäme.

Hat sie vergessen, was aus Luther geworden wäre, wenn Kurfürst Friedrich, den man zu Recht den Weisen nennt, nicht seine schützende Hand über ihn gehalten hätte? Ohne Friedrich wäre es Luther wohl ähnlich ergangen wie vor ihm Johan Hus. Er wäre ein Märtyrer der alten, aber nicht zum Gründer einer neuen Kirche geworden.

Vom weltlichen und vom geistlichen Arm der Macht

Konrad Adam / Quelle: Privat

Konrad Adam / Quelle: Privat

Das Wort von den zwei Gewalten geht auf die Evangelien selbst zurück. Auf die Frage der Pharisäer, ob sie dem Kaiser Steuern zahlen sollten, antwortet Jesus: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.

Zwei Gewalten sind für die Menschen eben besser als nur eine; und drei besser als zwei, möchte ich fortfahren. Die Lehre von den geteilten Gewalten, vom weltlichen und vom geistlichen Arm der Macht, hat in der Geschichte Europas tiefe Spuren hinterlassen. Und sie erklärt, warum die Menschen lange Zeit, wenn sie Europa meinten, nicht von Europa sprachen, sondern von der Christenheit.

 

Über Konrad Adam

Konrad Adam ist Journalist, Publizist und Politiker (AfD). Er war von 1979 bis 2007 Feuilletonredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) sowie Chefkorrespondent und Kolumnist der Welt in Berlin. Zwischen April 2013 und Juli 2015 war er einer von drei Bundessprechern (Bundesvorsitzenden) der Alternative für Deutschland, zu deren Gründungsmitgliedern er zählt. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel