Offenbare Geheimnisse um Jesu
Offenbare Geheimnisse um Jesu

Offenbare Geheimnisse um Jesu

Giotto [Public domain], via Wikimedia Commons Giotto [Public domain], via Wikimedia Commons
Wer war Jesus Christus? Wie ist er aufgewachsen, wie hat er gelebt? Die Evangelien schildern die Ergeignisse unterschiedlich. Gab es zwei Jesuskinder?

Das Weihnachtsfest mag Anlass sein, etwas hinter seine gewohnte Oberfläche zu blicken. Das Fest der Geburt Jesu ist fester Bestandteil des Jahreslaufs im öffentlichen Leben, aber vielfach zu einer kitschigen Geschenk- und Konsumorgie veräußerlicht. Immer mehr Menschen können mit seinem eigentlichen spirituellen Sinn nichts mehr anfangen und halten nur noch aus Tradition als an einem großen Familienfest daran fest. Für andere kann sich ein letzter Rest religiösen Glaubens nur noch mit süßlicher Sentimentalität daran klammern.

Mit Religion, dem ahnenden Zusammenhang des Menschen mit einer das physisch materielle Dasein umfassenden und erhöhenden geistig-göttlichen Welt, können sich immer weniger westliche Menschen verbinden, weil sie nicht an etwas nur glauben wollen, das ihrer Erkenntnis nicht (mehr) zugänglich ist. Das ist aus der allmählich eingetretenen Reduktion des modernen Bewusstseins auf die rein physisch wahrnehmbare Welt verständlich, aber auch notwendigerweise mit seelischer Leere und Aussichtslosigkeit verbunden. Daher wird die Religion auch nur durch eine Erweiterung der Erkenntnis wieder eine neue Bedeutung für die Menschen erlangen, ihnen Sinn und Sicherheit des irdischen Lebens vermitteln können. Aber schon die überlieferten Evangelien bieten der suchenden Erkenntnis mehr Nahrung und Perspektiven, als gewöhnlich ausgeschöpft wird. Man sollte halt nicht nur den tradierten Interpretationen folgen, die von den Kirchen vorgegeben sind, sondern selber denken.

Vom Menschen zu Christus

Jesus Christus ist nach christlicher Lehre und Überzeugung mehr als ein großer Mensch. Er ist der Sohn Gottes, also selber ein hohes Gotteswesen, das aus Liebe irdische Menschengestalt angenommen hat, um der Menschheit Kräfte zu bringen, die sie aus Sünde und auswegloser Verstrickung in die irdische Welt erlösen können. Dies kommt in dem Doppelnamen Jesus, des Menschen aus Nazareth, und Christus, des göttlichen Messias, zum Ausdruck. Vier Evangelien berichten von seinem Erdenleben. Es fällt auf, dass zwei von ihnen, das Lukas- und das Matthäus-Evangelium, mit der Geburt des Jesusknaben beginnen, über sein Leben nach der frühen Kindheit aber schweigen und es erst wieder von seiner im 30. Lebensjahr stattfindenden Taufe im Jordan an bis zu Tod und Auferstehung fortsetzen. Das Markus- und das Johannes-Evangelium sagen über Geburt und Kindheit gar nichts, sondern setzen gleich mit der Taufe des dreißigjährigen Jesus ein und schildern nur Ereignisse seines dann noch etwa drei Jahre dauernden Lebens.

Das Wesentliche des Lebens und Wirkens Jesu Christi hat sich also für alle vier Evangelisten in den letzten dreieinhalb Jahren von der Taufe an abgespielt. Wenn man sich die Frage stellt, wann sich Christus, das Gotteswesen, in Jesus verkörpert hat, um aus seinem Leibe heraus als Mensch gewordener Gott auf Erden zu wirken, dann legt daher die ganze Komposition der vier Evangelien nicht den Zeitpunkt der Geburt, sondern den der Taufe im Jordan durch Johannes den Täufer nahe. Bis dahin hat es sich danach noch nicht um das Leben des Jesus-Christus, sondern nur um das Leben des zwar bedeutenden, aber eben doch nur des Menschen Jesus gehandelt.

Dafür spricht auch die Taufszene selbst, die Matthäus, Markus und Lukas nahezu übereinstimmend so beschreiben:

„Und da Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über ihn kommen. Und siehe, eine Stimme vom Himmel herab sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe.“ (Matth. 3; 16, 17 nach Luther) Eine andere Übersetzung des letzten Satzes

lautet: „in ihm will ich mich offenbaren.“ Bei Johannes (1; 32-34) heißt es:

„Und Johannes (der Täufer) zeugte und sprach: Ich sah, dass der Geist herabfuhr wie eine Taube vom Himmel und blieb auf ihm. Und ich kannte ihn nicht; aber der mich sandte, zu taufen mit Wasser, der sprach zu mir: Auf welchen du sehen wirst den Geist herabfahren und auf ihm bleiben, der ist’s, der mit dem heiligen Geist tauft. Und ich sah es und zeugte, dass dieser ist Gottes Sohn.“ Und Lukas fügt noch hinzu (3; 23):  „Und Jesus war, als er anfing, etwa dreißig Jahre alt und wurde gehalten für einen Sohn Josephs, der war ein Sohn Elis. …“

Also jetzt, wo der Christus, der Sohn Gottes, in Seele und Leib des Jesus von Nazareth eingezogen war, fing erst die Wirksamkeit des Jesus-Christus an; aber die Menschen wussten natürlich nicht, was sich mit Jesus ereignet hatte, und hielten ihn weiterhin nur für den Menschen Jesus, den Sohn Josephs.[1]

Die Geburt Jesu

Diese genauere Betrachtung wirft die gewohnte Vorstellung vom Christus, der schon als Kind mit der Geburt zur Erde gekommenen sei, über den Haufen. Und wir fragen uns bestürzt, was es denn dann mit dem Jesus auf sich hat, dessen Geburt wir zu Weihnachten feiern. Doch an der Größe und Erhabenheit dieses Festes, das die Geburt des Christkindes, des für den Christus bestimmten Kindes, feiert, ändert sich dadurch nichts. Es musste ja ein ganz besonderer Mensch sein, sozusagen die Blüte der ganzen bisherigen Menschheitsentwicklung, die allein geeignet war, den Sohn Gottes in sich aufzunehmen.

Warum gibt es aber nun zwei Geburtserzählungen? Für das allgemeine Bewusstsein der Christenheit gelten sie als die Schilderungen verschiedener aufeinander folgender Ereignisse um das eine Jesuskind, das einmal von den Hirten und etwas später von den Heiligen drei Königen angebetet wird. Wenn wir die beiden Evangelien jedoch genauer ins Auge fassen, bemerken wir Unterschiede, die sich nicht auf ein und dieselbe Familie beziehen können. So führen beide die Ahnen Josephs an, deren Namen völlig voneinander abweichen. Bei Matthäus gehen sie von Joseph über Matthan Jakob, Eleasar Matthan, Eljud Eleasar usw. bis zu König Salomo, dem Sohn König Davids, dann weiter bis zu Abraham; bei Lukas über Eli, Melchi, Matthatias usw. bis zu dem Priester Nathan, einem anderen Sohn König Davids. Von David bis hinauf zu Abraham stimmen die Namen dann in beiden Evangelien überein, Lukas führt die Liste nur noch weiter bis zu Adam.

Joseph und Jesus bei Matthäus stammen also von König Salomo ab, Joseph und Jesus bei Lukas von dessen Bruder, dem Priester Nathan. Nimmt man die Evangelien ernst, kann es sich nicht um dieselbe Familie, sondern es muss sich um zwei verschiedene Familien handeln. Sie haben zwar alle dieselben Namen Maria, Joseph und Jesus; das war aber nicht ungewöhnlich, da diese Namen damals weit verbreitet waren. Die Familie bei Lukas wohnte in Nazareth in Galiläa und musste wegen der Volkszählung nach Bethlehem reisen, wo Jesus in einem Stall geboren wird. Bei Matthäus wohnt die Familie offenbar in Bethlehem. Denn die Heiligen Könige „gingen in das Haus“, wie es ausdrücklich heißt, in dem sie das Kindlein fanden. Von einem Stall ist da nirgends die Rede.

Welcher Jesus ist der rechte?

Die von Matthäus geschilderte Familie des von König Salomo abstammenden Jesus musste nach Ägypten fliehen, da sein Leben bedroht war. Der unrechtmäßige König Herodes fürchtete, nachdem ihm die Heiligen drei Könige vom neugeborenen König der Juden gesprochen hatten, um seinen Thron und ließ alle Kinder bis zu zwei Jahren in Bethlehem und Umgebung töten. Das Geschehen ist hier von großer Dramatik durchzogen. Bei Lukas ist demgegenüber alles in einen heiligen Frieden getaucht. Zu der aus Nazareth nach Bethlehem gereisten Familie kommen die Hirten zur Anbetung des Knaben. Die Eltern lassen ihn acht Tage nach der Geburt beschneiden und tragen ihn nach Ablauf der Reinigungstage, die traditionell 40 Tage dauerten, zur Darbringung in den Tempel nach Jerusalem. Darauf ziehen sie in aller Ruhe – nicht nach Ägypten – sondern in ihre Heimat Nazareth

zurück. Das bedeutete ja, dass inzwischen die tödliche Gefahr für die kleinen Kinder vorüber gewesen sein muss, weil Herodes gestorben war. Folglich muss der von Nathan abstammende Jesus des Lukas-Evangeliums, das in der Komposition des Neuen Testamentes auch nach dem Matthäus-Evangelium folgt, einige Zeit später geboren sein als der salomonische Jesusknabe.[2]

Natürlich tritt hier die große Frage auf, was es mit zwei Jesusknaben auf sich hat, wie sie sich voneinander unterscheiden und welcher denn der rechte ist. Denn einer nur kann es ja schließlich sein, in den der Christus bei der Taufe einzieht. Wozu aber ist dann der andere da? Beginnen wir mit den Unterschieden ihres Wesens, denn sie führen uns auch zu ihren unterschiedlichen Aufgaben.

Wesens-Unterschiede der beiden Jesusknaben

In den Evangelien selbst steht nur bei Lukas etwas direkt Charakterisierendes über den nathanischen Jesusknaben. Nach der Heimkehr „in ihre Stadt Nazareth“ heißt es (in der Übertragung von Emil Bock, der die von Luther für nicht ganz zutreffend hält):

Und das Kind wuchs heran, in seiner geistdurchdrungenen Seele reifend, göttliche Anmut ruhte auf ihm.“

Mehr findet man in den „apokryphen Evangelien“, die nicht in den Kontext der Bibel aufgenommen wurden, wie das Arabische Kindheits-Evangelium, das Pseudo-Matthäus-Evangelium, das Jakobus- und das Thomas-Evangelium. Dort wird er in vielen Erzählungen bildhaft als ein verträumtes Kind von einer wundersam unschuldigen Reinheit und unbegrenzten Liebefähigkeit beschrieben, die alle Wesen, welche in seine Nähe kamen, als elementar wohltuend erlebten. Kranke Menschen, die ihn oder Gegenstände von ihm berührten, wurden geheilt, wilde Tiere zahm und folgsam. An äußerer Weisheit wenig interessiert, besaß er eine außerordentlich Gemüts- und Gefühlstiefe. Frische Lebenskräfte strömten von ihm aus, die auf alles übergingen, das sich ihm nahte. In seiner engelhaften paradiesischen Güte und Liebe muss er wie ein noch ganz von überirdischer Anmut erfüllter Mensch vor dem Sündenfall gewirkt haben.

In den genannten Urkunden sind unter die Legenden auch solche gemischt, die das Jesuskind ganz anders charakterisieren, so dass es sich um einen anderen Knaben, also den salomonischen Jesus handeln muss. Er zeigte sich schon früh als ein hellwaches, außerordentlich begabtes und lernbegieriges Kind. Der Vater bemühte sich, ihn zu den besten und fähigsten Lehrern zu bringen. Doch bei keinem blieb er lange, da er sie schnell an Klugheit und Weisheit weit übertraf. Bei einem Lehrer sah er einmal

„ein Buch auf dem Lesepult liegen, und er nahm es, las aber nicht die Buchstaben, die drin waren, sondern tat seinem Mund auf und redete voll Heiligen Geistes und lehrte die Umstehenden das Gesetz. Eine große Menge aber strömte zusammen, sie standen dabei und hörten ihm zu, und sie wunderten sich über die Schönheit seiner Lehre und die Wohlgesetztheit seiner Worte, dass er, obwohl er ein unmündiges Kind war, derartig sich äußerte.“ [3]

Im Pseudo-Matthäus-Evangelium heißt die Szene ähnlich beschrieben:

Als Jesus aber in die Schule eingetreten war, nahm er, geleitet vom Heiligen Geiste, dem Lehrer, der gerade über die Gesetzesvorschriften vortrug, das Buch aus der Hand und begann vor den Augen und Ohren des ganzen Volkes zu lesen. Aber er las nicht, was in dem Buche der Schriftgelehrten geschrieben stand. Sondern vom lebendig strömenden Gottesgeist erfüllt sprach er, als ob aus einer lebendigen Quelle ein machtvoller Wasserstrom entspränge. … So lehrte er das Volk mit Weltenschöpfermacht die Wunderfülle der lebendurchpulsten Gotteswelt, so dass selbst der Lehrer in Anbetung vor ihm zur Erde fiel. Die Herzen des Volkes, das sich gelagert hatte und ihn solche Worte sprechen hörte, wurden von starrem Staunen ergriffen.“ [4]

In einer anderen Erzählung bringt ein Lehrer den Knaben dem Vater Joseph mit den Worten zurück, er sei schon ein Meister, ihn könne er nichts mehr lehren.

Zahlreiche Maler des Mittelalters und der Renaissance hatten offensichtlich ein Bewusstsein von zwei verschiedenen Jesus-Knaben. So wird die Anbetung der Hirten vielfach mit einem verträumt auf dem Schoß Marias oder auf dem Boden liegenden Jesuskind gezeigt, während den Heiligen drei Königen ein zumeist aufrecht sitzender, wacher Jesusknabe aufmerksam und nicht selten mit segnender Gebärde entgegenschaut.[5]

Zwei Jesus-Knaben in Nazareth

Als Herodes gestorben war, gab ein Engel – so berichtet das Matthäus-Evangelium – dem Joseph in Ägypten die Weisung, nach Israel zurückzukehren. Joseph befürchtete dort auch von dem neuen König Archelaos, dem Sohn des Herodes, eine Gefahr für das Kind, und zog nach einer weiteren göttlichen Offenbarung nicht nach Bethlehem zurück, sondern nach Galiläa, wo er in Nazareth Wohnung nahm. So wohnten nun beide Familien, die des nathanischen Jesus und die des salomonischen Jesus, im selben Ort. Nazareth war nicht groß, so dass sich beide Familien sicher schnell kennengelernt haben. Irgendwelche Überlieferungen darüber sind bisher noch nicht aufgetaucht.

Doch gibt es Gemälde, auf denen zwei heilige Familien zusammen abgebildet sind, z. B. eines, das dem flämischen Maler Bernart van Orley, einem Schüler Raphaels, zugeschrieben wird. Ein auf dem Schoß einer jungen Madonna halb liegender Knabe schaut verträumt nach rechts in die Ferne, mit dem linken Arm dem 15 Monate älteren Johannes dem Täufer zugewendet, und zu Füßen einer älteren Frau sitzt ein zweiter heiliger Knabe, der in einer Schriftrolle schreibt und zu dem anderen Jesus nachdenklich aufblickt (s. hier). Raphael selbst malte eine Maria (Madonna del Duca di Terranuova) mit einem ebenfalls halb liegenden Knaben auf ihrem Schoß, der sich liebevoll dem rechts stehenden Johannes zuwendet, der voller Hingabe zu ihm aufschaut. Links steht ein weiterer heiliger Knabe mit einem Aurenreif über dem Haupt, der mit wachem, ernstem Gesicht zu Maria schaut, die ihn mit der linken Hand noch etwas zurückzuhalten scheint (s. hier).

Der 12-jährige Jesus im Tempel

Von den Evangelisten schildert nun nur noch Lukas eine Begebenheit aus der späteren Kindheit, die geheimnisvolle Szene des 12-jährigen Jesus im Tempel von Jerusalem. Wenn man nicht mit oberflächlichen Gedanken göttlichen Wunders darüber hinweggeht, bleibt das große Rätsel bestehen: Woher kam diese plötzliche ungeheure Verwandlung des nathanischen Jesus-Knaben, die sich dort abgespielt hat und die für seine Eltern völlig unbegreiflich war?

Die Eltern hatten ihn auf der Rückreise vom Osterfest auf einmal vermisst, waren umgekehrt und fanden ihn nach drei Tagen des schmerzvollen Suchens endlich im Tempel. Er saß inmitten der Lehrer, der Schriftgelehrten, in gelehrte Gespräche mit ihnen vertieft. Sie erlebten mit, wie die Weisen Jerusalems und alle Umstehenden nicht genug über die Fülle von Wissen und Weisheit staunen konnten, die in den Fragen und erst recht in den Antworten des Knaben zum Vorschein kam. Und die Eltern selbst erschraken und erkannten ihren Sohn nicht wieder. Denn solch Wissensfülle und Weisheit hatte ihr verträumtes, nur von innerlicher Liebe und Güte überfließendes Kind nie gehabt.

Stände die Szene im Matthäus-Evangelium, wäre sie nicht weiter erstaunlich, denn ähnliches ist ja in den apokryphen Schriften vom salomonischen Jesus viel berichtet worden. Es war also, als ob das Ich des salomonischen Jesus in den nathanischen Jesus hinüber gegangen war und plötzlich aus ihm sprach. So etwas musste sich abgespielt haben. Das ist ungewöhnlich, findet aber offenbar immer mal statt.

1954 erkrankte z. B. in dem indischen Dorf Rasulpur der Knabe Jasbir an Pocken und schien gestorben zu sein. Einige Stunden später gab er aber wieder Lebenszeichen von sich und das Bewusstsein kam allmählich zurück. Der Junge war aber ganz verändert, er drückte sich in der Redeweise der höheren Bramahnenkaste aus und behauptete, Sobha Ram aus dem 35 km entfernten Dorf Vehedi zu sein. Obwohl Jasbir und seine Familie niemals dort gewesen waren, schilderte er genau seine dortigen Lebensverhältnisse. Er habe vor kurzem vergiftetes Konfekt gegessen und sei daran gestorben. Angehörige Sobha Rams kamen nach Rasulpur, und der Knabe „Jasbir“ erkannte sie alle und machte völlig richtige Angaben über den Grad ihrer Verwandtschaft mit Sobha Ram. Er fuhr selbst später alleine nach Vehedi, fand sofort den Weg zum Haus der Familie Sobha Rams und identifizierte detailliert alle Familienmitglieder. Der Fall wurde von dem Engländer Stevonson 1961 und 1964 vor Ort überprüft und bestätigt.[6]

Schriftrollen von Qumran

Die von dem Evangelisten Lukas bewusst so geschilderte Szene von dem total verwandelten nathanischen Jesus legt also nahe, dass der salomonische Jesus nun in Leib und Seele des nathanischen Jesus lebte. Sein verlassener eigener Leib müsste danach rasch gestorben sein.

Frappierend ist nun, dass es in der Malerei eine ganze Reihe von Bildern der Szene des 12-jährigen Jesus im Tempel gibt, auf denen ein zweiter heiliger Knabe meist im Hintergrund zu sehen ist, der mit hingebungsvollem Antlitz zu dem Jesus in der Mitte blickt oder sich traurig abwendet. Das eindrucksvollste Bild, das von Borgognone stammt und in Mailand hängt, zeigt in der Mitte thronend den in blühender Jugendlichkeit redenden Jesus. Vorne rechts von ihm sieht man in voller Größe einen gleich aussehenden und gleichgewandeten Knaben, der sich mit Abschied nehmender Geste und schmalem, fahlem Gesicht zum Gehen wendet. Jesus in der Mitte blickt ihm ernst nach, wie auch die Aufmerksamkeit einiger Priester auf ihn gelenkt wird (s. hier).

Das Ganze verstärkt sich noch dadurch, dass sowohl in den 1947 – 1956 in der Wüste Juda entdeckten Schriftrollen von Qumran, die von dem jüdischen Essener-Orden (250 v. Chr. – 70 n. Chr.) stammen, als auch in apokryphen Schriften merkwürdigerweise vielfach von zwei zu erwartenden, verschiedenen Messias-Gestalten die Rede ist: einem priesterlichen und einem königlichen. Und im Thomas-Evangelium z. B. weist der (ja noch unerkannte) Christus selbst auf die Lösung der Zweiheitsfrage hin:

Auf die Frage der Salome, wann das Reich Gottes kommen werde, antwortete der Herr: Wenn die zwei eins werden und das Auswendige wie das Inwendige.“ [7]

Es drängt sich also der Eindruck auf, dass zwei ganz verschiedene Menschen, eine wie paradiesisch reine, von großer liebevoller Innigkeit erfüllte Persönlichkeit und eine andere mit großer Erkenntniskraft und Weisheitsfülle ausgestattet, ausersehen waren, nacheinander den Leib und die Seele desjenigen Menschen aufzubauen und vorzubereiten, der das bestmögliche irdische Instrument für das göttliche Christuswesen abgeben konnte. Es konnte wohl nur ein Mensch der Träger des Christus sein, der zugleich ganz reines Kind und vollendeter Weiser war.

 

Die Welt ist tief und tiefer als der Tag gedacht.“ [8]

 

 Anmerkungen

[1] Rudolf Steiner wies schon früh auf diesen Zusammenhang hin, so in den Vorträgen über das Lukas- und das Matthäus-Evangelium, Gesamtausgabe Nr. 114 und 123

[2] Vgl. Anm. 1 und Emil Bock: Kindheit und Jugend Jesu, Stuttgart 1980

[3] Erich Weidinger: Die Apokryphen, Augsburg 1996, Kindheitserzählung des Thomas S. 451

[4] Abgedruckt bei Emil Bock: Kindheit und Jugend Jesu, S. 271

[5] Siehe eine Ausführliche Zusammenstellung und Betrachtungen in: Hella Krause-Zimmer: Die zwei Jesusknaben in der bildenden Kunst, Stuttgart 3. Aufl. 1986

[6] Johannes Hemleben: Jenseits, Rowohlt TB Hamburg 1975, S. 235 f.

[7] Vgl. Emil Bock: Kindheit und Jugend Jesu, S. 86

[8] Friedrich Nietzsche: Also sprach Zarathustra

Über Herbert Ludwig

Herbert Ludwig war viele Jahre Lehrer an einer Freien Waldorfschule. Er befasst sich schwerpunktmäßig mit den inneren und äußeren Bedingungen der Entwicklung des Menschen zur Freiheit und mit den Hintergründen der „europäischen Integrationsbewegung“, woraus seine Schrift „EU oder Europa?“ und Artikel auf seiner Webseite hervorgegangen sind Kontakt: Webseite | Weitere Artikel