Kunst im Dienst der Repression
Kunst im Dienst der Repression

Kunst im Dienst der Repression

Buehnenprobe in Heidelberg / Quelle: Wikipedia public domain / https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/91/Probeb%C3%BChne.JPG / By No machine-readable author provided. Silent siren7 assumed (based on copyright claims). [Public domain], via Wikimedia Commons Buehnenprobe in Heidelberg / Quelle: Wikipedia public domain / https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/91/Probeb%C3%BChne.JPG / By No machine-readable author provided. Silent siren7 assumed (based on copyright claims). [Public domain], via Wikimedia Commons
Die Debatte um Xavier Naidoo und die Anti-AfD-Aufführung an der Schaubühne sind Beispiele eines  Kulturbetriebs der Kollaborateure, der bewusst Hass schürt.

Xavier Naidoo könnte äußerlich durchaus als Flüchtling durchgehen, ist nicht verdächtig, dem Arier-Kult zu huldigen und in einem Business tätig, in dem normalerweise jeder Scheiß abgefeiert wird. Doch der Sänger, der mit seinen Schmuseschnulzen noch keinem außer dem guten Geschmack auf den Fuß getreten ist, hat zwei Fehler gemacht, die in Zeiten der Gutmenschendiktatur unverzeihlich sind: Er hat seinen eigenen Kopf zum Denken benutzt und sich zu dem Land bekannt, das (bisher) für sein Wohlergehen gesorgt hat.

Nun müssen wir nicht streiten, ob bei diesem Kopfbenutzen viel Substanzielles herausgekommen ist, aber wir müssen erneut das Recht der freien Meinungsäußerung einklagen. Und hier hat der Fall Naidoo, dem seine Nominierung für den European Song Contest (ESC) auf Druck „der Öffentlichkeit“ wieder entzogen wurde, vielleicht für eine Trendwende gesorgt. Plötzlich gab es Fürsprecher für den Ausgestoßenen.

In der Regel sind Künstler aber weniger die Opfer als die Täter, manchmal sogar unbeschreiblich vulgär und aggressiv, wie es in Berlin gerade die Schaubühne praktiziert. Die Kunst wird so zum Steigbügelhalter der neuen Gesinnungsdiktatur, es entsteht nach der Gleichschaltung der Medien eine weitere fatale Kollaboration von Herrschaft und ihren eigentlichen Kontrollmechanismen.

Die ARD-Bosse schäumten

Die Kür von Xavier Naidoo zum deutschen Teilnehmer am ESC durch den NDR war eigentlich ein bemerkenswerter Vorgang. Immerhin hatte der Künstler durch sein Eintreten für die obskure politische Sekte der Reichsdeutschen schon den Gutmenschenmob auf sich aufmerksam gemacht, und normalerweise ist man in den Medien dann eine Persona non grata. Hatte das der (sicher nicht mehr lange) zuständige Programmmacher nicht gewusst, nicht bedacht oder wollte er einfach trotz des zu erwartenden Protests das Beste für den NDR?

Die Strafe für die Tat folgte auf dem Fuße. Die üblichen Wichtigtuer in den sozialen Netzwerken, die Medien und die ARD-Bosse schäumten, und schließlich ersparte sich der NDR nicht die Peinlichkeit, von seinem Beschluss abzurücken. Ausschlaggebend soll aber auch noch eine Mobbinginitiative von NDR-Mitarbeitern gewesen sein. Doch die üblichen Seilschaften hatten die Rechnung ohne das persönliche Netzwerk gemacht, das inzwischen hinter Naidoo steht. Sogar Til Schweiger, gebürtiger Heuchelheimer und bekannt als militanter Flüchtlingsversteher („Protestierer ohne Gerichtsverfahren in den Knast“), zeigte sich „erschüttert, wie mit einem der größten deutschen Sänger umgegangen wird“. Der Steinewerfer im Glashaus fragte sich, woher dieser „Hass“ und „die Lust zu zerstören“ komme.

Das fragen wir uns natürlich schon lange und wissen immerhin, dass gerade solche Scharfmacher wie Schweiger in diesem Prozess eine wichtige Rolle spielen. In diesem Fall eines betroffenen Kumpels machte der Selbst- und Kinodarsteller aber einmal eine Ausnahme, denn Naidoo gehöre schließlich nicht zu den vielen „Nazis“ und „Schwulenhassern“ in Deutschland.

Hass-Theater gegen AfD und Pegida

Schon ernstzunehmender war da der Komiker Michel Mittermaier: „Es ist unglaublich mit welcher Hetze Xavier durch die Presse getrieben wird, weil er nun für uns beim ESC antreten soll.“ Journalisten sollten sich schämen, „ein paar Zitate“ zu wiederholen, die „aus jeglichem Zusammenhang gerissen“ seien. „Ihr müsst ihn nicht mögen, aber Ihr habt auch nicht das Recht ihn zu hassen, wenn Ihr ihn nicht wirklich kennt… Wir stehen für Liebe, Menschen und Toleranz, für was steht Ihr?“ Eine Frage, die den Clown und Naidoo-Partner zwar ehrt, ihm aber auch schon eher hätte kommen können.

Damit nicht genug, setzte der Konzertveranstalter Lieberberg noch einen drauf und schaltete eine ganzseitige Anzeige in der FAZ mit 120 mehr oder weniger prominenten Unterzeichnern, die gegen „Heuchelei, Hetze und blinden Hass“ protestierten. Soll man sich nun ärgern, dass dieser Widerstand erst aufkommt, wenn die eigenen Bücher brennen, oder sich freuen, dass die Schweigespirale sich nicht weiter ins Endlose dreht?

Wenn Lieberberg ausdrücklich eine Phrase prominenter Hetzer benutzt und sagt, er habe für die „deutsche Kulturszene ein Zeichen für Toleranz setzen“ wollen, beginnen die Begrifflichkeiten sich zu relativieren, und das ist gut so. Wenn Herbert Grönemeyer von Gesinnungspolizei spricht, ist das gut so. Wenn die Naidoo-Solidarität Schule machte, gäbe es Hoffnung für die demokratische Kultur in diesem Land. Erst recht, wenn dies in einem Bereich geschieht, der auf Publicity besonders angewiesen ist und deshalb naturnotwendig Opportunisten aller Couleur sammelt.

Wenig Hoffnung macht dieses Aufbäumen in der Pop-Kultur für die Kollegen von der sogenannten Hochkultur. Letztere steht schon seit langem unter dem Einfluss steuergelderverteilender Kulturkommissare und hat als wichtiges Instrument großbürgerlicher Herrschaft auch ideologische Machtpositionen zu verteidigen. Beispiellos allerdings, was die Berliner Schaubühne mit „Fear“ auf dieselbe brachte. Hochaktuell taumeln bei ihr „Zombies“ von AfD und Pegida herum, die man „wegmachen“ oder denen man „zwischen die Augen, direkt ins Gesicht schießen“ müsse, „um ihr Gehirn auszulöschen“, wie der Hipster-Protagonist in dem furchterregenden Stück erkennt.

Ein Regisseur als Scharfrichter

Das personifizierte Böse sind in den aggressiven Wahnvisionen des Autors und Regisseurs Falk Richter unter anderem die Gender-Gegnerin Birgit Kelle und die AfD-Politikerin Beatrix von Storch (vergl. Günther Lachmann „Darf es einen wie Höcke geben?“). Kein Wunder, dass kurz nach der Uraufführung unter anderem Storchs Auto brannte, wenngleich die geistige Urheberschaft wohl nicht nachzuweisen sein wird. Unter dem Deckmantel der Kunstfreiheit zieht der immerhin in 24 Sprachen übersetzte Autor unbescholtene Bürger als Nazis und „hässliche hassende Frauen“ in den Schmutz. In Bildeinspielungen sieht man Fotos der Frauen mit ausgestochenen Augen. Warum nimmt Richter für seine Hassattacken eigentlich nur Frauen? Doch das ist wohl ein Fall für seinen Therapeuten und nicht für unsere Analyse.

Das alles müsse so gezeigt werden, so Richters Einschätzung, weil in Talkshows, auf Demos und im Internet „ungehemmt gehasst, gepöbelt, diskriminiert“ werde. Richter maßt sich an, aus seiner nicht künstlerisch, sondern ideologisch verfremdeten Sicht der Dinge, den Scharfrichter für die angeprangerten Frauen zu geben, sie öffentlich bloßzustellen und zu verleumden. Das ist schlimm genug doch weitaus schlimmer ist neben der öffentlichen Toleranz für derart primitives Agitproptheater die intellektuelle Verfassung in der er selbst sich präsentiert, ohne von der restlichen Kunstszene ob seiner Verrichtungen längst zum Arbeitsamt geschickt worden zu sein.

Nachdem er gerade durch die „künstlerische“ Blume zu Mord und Hass aufgerufen hatte, beklagte er beispielsweise ein neues Klima in Deutschland, weil es Forderungen gab, sein Stück abzusetzen und weil er persönlich bedroht worden sei. Motto: Wenn ich das mache, ist es Kunst, wenn es andere tun, ist es böse. In einem Interview in der Berliner Morgenpost[1] mischte er willkürlich Nazis und Konservative, eigenen Hass und Hassvorwürfe sowie politische Behauptungen, die von völligem Realitätsverlust zeigen:

„Es gibt einen diffusen Hass bei Menschen aus dem Umfeld von AfD, Pegida und anderen rechtsnationalen (Sic! KK) Bewegungen, eine enorme Unzufriedenheit mit sich selbst, mit einer komplexer werdenden Gesellschaft. Dieser Hass kann sich zur Zeit gegen alles richten: Mal wird dazu aufgerufen Kanzlerin Merkel zu hängen, alle Grenzen dicht zu machen und die Flüchtlinge an der Grenze abzuknallen oder ein Theaterstück, das sich kritisch mit rechten Strömungen auseinandersetzt, abzusetzen und den Autor zu lynchen.“ Alle diese von ihm beschriebenen Menschen werden diskriminiert, indem er sie mit ein paar Gewalttätern gleichsetzt. Und er spiegelt erfolgreich weiter: „Dieser Hass der neuen rechten anti-demokratischen Strömungen richtet sich also gegen alle, die nicht mit ihnen einer Meinung sind.“

Auf die vorsichtige Frage, ob es nicht auch eine Unfähigkeit seitens des Mainstreams gebe, sich mit AfD und Pegida auseinanderzusetzen, ruft Richter den Kommunikationsnotstand aus und den Polizeistaat herbei:

„Ich glaube, die meisten AfD- und Pegida- Mitläufer sind nicht erreichbar für rationale Argumente. Jetzt gilt es, zu gucken, dass jede Straftat, die sie begehen, verfolgt wird, dass man härter gegen volksverhetzende Statements und Gewalt vorgeht. Der Rechtsstaat muss die Zivilgesellschaft zumindest gegen die Extremisten dieser rechtsnationalen Bewegung schützen.“

Ruf nach der Gesinnungs-Diktatur

Das ist trotz aller Worthülsen nichts anderes als die Forderung nach dem Durchsetzen der eigenen Vorstellungen durch die Staatsgewalt, mithin der Ruf nach der, natürlich „guten“, Diktatur.

Diese aggressive Ignoranz schürt in der Tat den Hass; einen Hass der wehrlos Beschuldigten und ihrer diversen Leidensgenossen gegenüber den so geistlosen wie irrationalen Unterstellungen. Er setzt damit direkt auf Konfrontation und eine Spaltung der Menschen in Deutschland. Das Wesen dieser Propaganda ist das Entdifferenzieren, das Mürbeschießen des Zuschauers durch das Mittel der haltlosen Behauptung und permanenten Wiederholung. Der gedankliche Austausch wird unter Verweis auf die Richtigkeit der eigenen Wertvorstellungen verweigert, und das Entsetzlichste daran ist, dass das alles in dieser Gesellschaft so weitgehend unwidersprochen geschieht.

Die Angeklagten wissen, da ist nicht nur kein Gespräch mehr erwünscht, sondern auch nicht mehr möglich. Der Mann hat sich in seiner Schwarz-weiß-Welt voller Narzissmus und Selbstgerechtigkeit verkapselt – wie die vielen anderen Seinesgleichen. Es genügt nicht, sich damit zu trösten, dass dieser Mann einfach dumm und vom System korrumpiert ist, denn hinter ihm steht der pervertierte Kulturapparat eines Landes, der ihn in diese Position gebracht hat.

Das eigentliche Problem ist also nicht die präsentierte Dummheit und Aggressivität an sich, sondern die Unterstützung, die sie findet. Wo ich angesichts der Dreistigkeit und der Konsequenzen des Geschilderten ausnahmsweise trotz mancher langen Sätze ziemlich sprachlos bleibe, hat Alexander Kissler vom Cicero die richtigen Worte gefunden:

„Letztlich ist die hilflose Zombie-Revue ein künstlicher Offenbarungseid und eine intellektuelle Bankrotterklärung. In wahrlich aufgeheizter Zeit, da Gewalt von rechts und Gewalt von links sich wechselseitig befeuern, gießt die renommierte Schaubühne Öl in die Flammen und erklärt mit dem ganzen Trotz eines vorpubertären Kindes: ‚Alles Nazis! Pfui‘. … Das Argument indes, die Mittel einer für unantastbar erklärten Kunst seien hier zu legitimen, staatspolitisch gebotenen Zwecken eingesetzt worden – der ‚Wiederkehr des rechten Gedankenguts‘ zu wehren – verfängt nicht.“

Es handele sich bei Fear vielmehr um „ein Thesenstück mit politischer Handlungsanweisung. Sein bevorzugtes Stilmittel ist nicht die Satire, sondern der Hass. Es propagiert Vernichtung, nicht Diskurs, es ist eine Kampfansage, kein Diskussionsangebot. „Diese ganze braune Scheiße“ wird unterschiedslos Frauen unterstellt, die auf verschiedene Weise wider den linken Stachel löcken. Natürlich darf Kunst viel, sehr viel, muss sie sehr, sehr viel tun dürfen. Frauen mit abweichender Meinung aber zu unterstellen, in jeder Abweichung manifestiere sich der Geist der Nazis, zeugt von demokratischer Unreife, zeugt selbst von einer den Frauen unterstellten Sehnsucht nach dem reinen, einen Weltbild.“

Absurde Verleumdungen

Richter, der Meister in der Kunst des Hassens, ist also ein Protegé des Systems, aber er ist nur einer von vielen. Während der kritische Bürger angesichts des Gesinnungsdrucks des „intellektuellen“ Mainstreams mittels Schweigespirale aus dem demokratischen Prozess entfernt wird, dreht sich für die Opportunisten die Aufmerksamkeitsspirale. Immer mehr drängen sie sich ins Rampenlicht der PoCo und erzeugen damit eine virtuelle Mehrheit, der sich dann wiederum viele Unentschlossene beugen.

Solange solche Kreaturen von der Presse und dem Establishment gehypt werden, fühlen sie sich immer mehr zum Hetzen berufen. Ein so erschütterndes wie alltägliches Beispiel dafür war das Ein-Mann-Happening eines gewissen Felix Herzog bei der großen AfD-Demonstration in Berlin. Er mischte sich mit einem Schild unter die Demonstranten auf dem vom Wort „Nazi“ Pfeile in alle Richtungen auf seine Nebenleute wiesen. Seine AfD-Paranoia ließ ihn dann wundern, dass die so Beleidigten dies auch noch tolerierten. Wenig verwunderlich war allerdings, dass die Berliner Morgenpost mit Kamera vor Ort war und einen überschwänglichen Bericht über den Helden des antifaschistischen Kampfes verfasste.

Nicht nur darf also ein politischer Wirrkopf ungestraft absurde Verleumdungen von sich geben, sondern er bekommt dafür auch noch eine Plattform in den Medien. Wäre die politische Stoßrichtung umgekehrt gewesen, hätten wir nichts gehört außer dem Klicken der Handschellen.

Allerdings wurde dieser Beitrag inzwischen aus dem Onlineauftritt der Zeitung entfernt. Gibt es inzwischen also hin und wieder so etwas wie Besinnung inmitten wachsender Lynchmentalität, oder war das nur auf einen technischen Vorgang zurückzuführen? Hoffen wir einfach auf Ersteres und damit nach dem Naidoo-Protest auf ein weiteres Zeichen für einen aufkommenden Gegenwind für Gutmenschen.

Anmerkung

[1] http://www.morgenpost.de/kultur/berlin-kultur/article206559711/Der-Hass-von-AfD-und-Pegida-kann-sich-gegen-alles-richten.html

Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel