Die Zerstörungskraft der Moralisten
Die Zerstörungskraft der Moralisten

Die Zerstörungskraft der Moralisten

Graffitti auf einem Berliner Buergersteig © GEOLITICO Graffitti auf einem Berliner Buergersteig © GEOLITICO
In Deutschland schafft die Flüchtlingspolitik hochexplosiven sozialen Sprengstoff. In den Herkunftsländern führt sie zu Verelendung und Gewaltherrschaft.

Die Moral hat einen Januskopf. Dieser teilt sich nicht in ein lachendes und ein weinendes Gesicht, sondern ein verlogenes und ein wertschöpfendes. Nachdem vor einer Woche hier die verlogene Moral der Flüchtlingskritikerkritiker kritisiert wurde, stellt sich nun die Frage nach dem wahren Nutzwert der aktuellen Flüchtlingspolitik. Unstrittig ist wohl, dass die Politik der offenen Grenzen einem Höchstmaß an bedrohten Menschen eine Zuflucht bietet. Angesichts der verunsichernden Menge und Größe der durch die Flüchtlinge induzierten Probleme neigen selbst die Realisten dazu, dies zunehmend aus den Augen zu verlieren.

Eine echte Hilfe findet also statt, und sie ist notwendig. Sie muss sich aber auch fragen lassen, mit welchem Aufwand welche Resultate erzielt werden und welche Perspektive sie bietet. Und der Verträglichkeitsschnittpunkt dieser beiden Effizienzkurven ist längst außer Sicht geraten. Dieses triste Fazit gilt leider sowohl wenn Individuen oder Volksgruppen betrachtet werden, als auch, wenn es um die Entwicklung in den Ursprungs- und Zielländern geht.

Mangel an Integrationskapazität

Die Asylwerber, die in Deutschland jetzt Aufnahme finden, treffen auf Umstände, die ihnen (bis auf wenige Ausnahmen) so gut wie keine Hoffnung lässt. Unter anderem kulturelle, ökonomische und sprachliche Grenzen sorgen dafür, dass sich eine völlig neue Unterschicht bilden wird, die gebär- und nachzugfreudig, wie sie ist, rasant wachsende Elendsquartiere in der Folge hat, deren Probleme schneller wachsen, als sie behoben werden können. Dabei muss man angesichts der Dimensionen der Zuwanderung und ihres Tempos trotz des finanziellen Aufwands, den die Bundesregierung betreibt, mittelfristig eher an die Lebenssituation in südamerikanischen Favelas denn in französischen Banlieues[1] denken.

Um solche Fragen und Folgen macht die Willkommenskultur, die ihre Emotionen auf den Moment beschränkt, einen großen Bogen. Wie fühlen sich die Menschen in einem solchen Lebensumfeld? Wie wirkt sich die persönliche und berufliche Perspektivlosigkeit fern der Heimat auf die Psyche aus? Welche Spannungen innerhalb hierarchischer Familien- und Gruppenorganisation entstehen, wenn ursprüngliche Führer jetzt ausweglose Verlierer sind? Welche Strategien entwickelt der Nachwuchs, um die Elendsquartiere zu verlassen? Kann Sozialhilfe verhindern, dass es eine wirtschaftliche Verelendung gibt, und wird die durch sie hervorgerufene Abhängigkeit nicht selbst stolze Menschen brechen? Und kann angesichts der unübersehbaren ökonomischen Herausforderung durch die Flüchtlingsmassen überhaupt garantiert werden, dass dauerhaft soziale Hilfen gezahlt werden?

Diese Menschen werden aus Mangel an Integrationskapazität der neuen Heimat, die zudem auch schnell an finanzielle und personelle Grenzen bei der Förderung der sprachlichen und beruflichen Kompetenzannäherung stoßen wird, nicht nur nicht integriert, sondern sogar desintegriert werden. Selbst diejenigen, die sich hier nicht nur Alimentierung erhofft haben, sondern ein neues Leben aufbauen wollen, können so nur entmutigt werden. Sie werden sich am Ende irgendwie durchschlagen müssen – und für viele ist das durchaus wörtlich zu verstehen. Sie werden ihre alte Kultur verlieren, ohne eine neue zu gewinnen – sie werden einem Prozess von Isolation, Desorientierung und Deformation ausgesetzt.

Geistige Anstifter

Zwar sind ökonomische Gründe, neben der Angst ums Überleben bei einer großen Untergruppe wohl das Hauptmotiv der Migranten, aber andere kommen hinzu[2]. Kulturelle Rückständigkeit und weltanschauliche Fesseln hinter sich zu lassen und die allermenschlichste Illusion, dass es woanders grundsätzlich besser ist. So machen sich aus unserer Sicht kulturell rückständige Menschen auf den Weg, bringen ihre weltanschaulichen Fesseln aber mit und stellen schließlich schmerzlich fest, dass Illusionen eben meist genau solche bleiben. Der ökonomische Faktor ist dann nur noch der Anlass, in diesem fremden, ungeliebten Land auch zu verweilen.

Man muss nicht Kassandra heißen, wenn man voraussagt, dass sich in diesen neuen Gettos dynamisch sozialer Sprengstoff anreichert. Allein, wenn man bedenkt, welche katastrophalen Auswirkungen die bisherige, im Vergleich noch geregelte Zuwanderung in manchen Stadtquartieren der Republik schon hatte. Für die Neuankömmlinge bleibt dann neben der Apathie nur die Aggression als psychisches Ventil. In diesen Brutstätten der Gewalt wird es zuerst heißen „jeder gegen jeden“, dann immer mehr gegen die Staatsmacht und schließlich gegen die autochthone Bevölkerung. Das nennt sich dann erst Kulturkampf und schließlich Bürgerkrieg, auch wenn ein Teil dieser Bürger diesen Status nur formell hat, ohne ihn zu empfinden.

So schaffen die Protagonisten der Willkommenskultur, die sich bei ihrem guten Tun bekanntermaßen mindestens ebenso gut fühlen, Perspektivlosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Schlimmeres. Damit nicht genug, werden analog auch in den Herkunftsländern die Strukturen demontiert. Die im Interesse des Postkapitalismus in Bewegung gesetzten Massen und besonders deren Eliten fehlen dort, um für gerechtere Verhältnisse einzutreten, um Fortschritt zu ermöglichen, um Zerstörung und Verelendung abzuwenden. Besonders dreist ist es daher, wie die geistigen Anstifter und Manager der Migrationsbewegung in Deutschland immer wieder verkünden, wie sehr die Ärzte und Handwerker aus Afghanistan und anderswo Deutschland voranbringen werden.

Palmyra lässt grüßen

Ärzte, die die Sprache nicht verstehen, und Handwerker, die aus einem völlig anderen Wirtschafts- und (technischen) Normensystem kommen, können hier, wenn sie überhaupt in diesem Bereich tätig werden, vielleicht 10-40% ihrer Möglichkeiten abrufen, während sie in der Heimat, deren Volkswirtschaft erheblich in sie investiert hat, Ankerpunkte einer gedeihlichen Entwicklung wären. Manch einer ist auch gut betucht auf der Flucht und entzieht damit seinem Herkunftsland ökonomische Ressourcen.

Eine wesentliche und verständliche Motivation zur Migration bei den mehrheitlich hier ankommenden jungen Männern ist die Angst vor dem Militärdienst. Was aber individuell verständlich ist, hat kollektive Konsequenzen. Das Heimatland wird schutzlos gegenüber Aggressoren, wobei nicht nur, aber besonders der IS und zunehmend wieder die Taliban traurige Relevanz haben. Den Job, das Kind aus dem Brunnen zu holen, müssen dann wohl früher oder später, wenn diese Länder nicht sowieso der Herrschaft archaischer Terrororganisationen überlassen werden, UNO- oder NATO-Soldaten übernehmen.

Was für eine Moral ist das also? Seit Anbeginn der Zeiten war es die Aufgabe der Bewohner eines Landes, sich gegen Unterdrückung und Eroberung, gegen die Verwerfung einheimischer Kultur und Werte zu verteidigen. Das ist dann in der Tat Krieg, aber ohne diesen Krieg sterben die Vernunft, die Zukunft und die Freiheit. Stellt man dies nun im dekadenten Deutschland mit seiner Attraktionspolitik auf den Kopf, produziert man in vielen Ländern ein Vakuum, das genau dies alles bewirkt: Elend, Unterdrückung und Kulturzerstörung. Palmyra lässt grüßen.

Die Lage der Zurückgelassenen

Bevor der Postkapitalismus beschlossen hatte, nationale Identitäten als dem Profit hinderlich zu bewerten und deshalb zu zerstören, galten genau diese als Garanten für Freiheit, Identität und Recht. Seine Nation, seine Herkunft, Selbstbestimmung und Kultur zu verteidigen war eine unstrittige Pflicht und Notwendigkeit. Der neue Internationalismus, also die konstruierte Gleichheit aller Menschen und Kulturen, kommerzielle Interessen und die Illusion einer konfliktfreien Welt, zerstört diese funktionierenden Identitäten – konsequenterweise sowohl in den Ziel- als auch den Herkunftsländern.

Und da wir beim Thema Moral sind, sollten wir uns einen Moment Zeit nehmen, über die Lage der Menschen nachzudenken, die zurückgelassen werden. Menschen, die nicht an der verlockenden Völkerwanderung teilhaben, weil sie sich den Schlepper nicht leisten können oder weil sie ihre Heimat zu sehr lieben. Menschen, deren Ärzte und Handwerker in Deutschland oder anderswo den sozialen Abstieg erleben und dort in mannigfaltigen Notsituationen fehlen. Menschen, besonders Alte, Frauen und Kinder, die von ihren männlichen Familienmitgliedern aus welchen Motiven auch immer alleine gelassen wurden, und nun, wohl nur teilweise berechtigt, nur darauf hoffen können, nachgeholt oder subventioniert zu werden. Menschen die sterben oder unterdrückt leben müssen, weil ihr Land von seinen nominellen Verteidigern an Aggressoren und terroristische Organisationen ausgeliefert wurde. Und während all dies geschieht und sich unumkehrbar verschlimmert, feiern deutsche Moralisten sich und die eigene Hilfsbereitschaft.

Anmerkungen

[1]http://www.bpb.de/internationales/europa/frankreich/152511/problemgebiet-banlieue

[2] http://www.faz.net/aktuell/politik/fluechtlingskrise-gebildete-elite-will-raus-aus-afghanistan-13874689.html

Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel