Freiheit kennt keine Kompromisse
Freiheit kennt keine Kompromisse

Freiheit kennt keine Kompromisse

„Bundesarchiv B 145 Bild-F022484-0016, Landtagswahlkampfreise Bundeskanzler Erhard“ von Bundesarchiv, B 145 Bild-F022484-0016 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA 3.0. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 de über Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_B_145_Bild-F022484-0016,_Landtagswahlkampfreise_Bundeskanzler_Erhard.jpg#/media/File:Bundesarchiv_B_145_Bild-F022484-0016,_Landtagswahlkampfreise_Bundeskanzler_Erhard.jpg „Bundesarchiv B 145 Bild-F022484-0016, Landtagswahlkampfreise Bundeskanzler Erhard“ von Bundesarchiv, B 145 Bild-F022484-0016 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA 3.0. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 de über Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_B_145_Bild-F022484-0016,_Landtagswahlkampfreise_Bundeskanzler_Erhard.jpg#/media/File:Bundesarchiv_B_145_Bild-F022484-0016,_Landtagswahlkampfreise_Bundeskanzler_Erhard.jpg
Erhards neo-liberales Modell der Marktwirtschaft wurde gründlich missverstanden. So entstanden eine demokratische Sklavenmentalität und ein krakenhafter Versorgungsstaat.

Neo-Liberalismus ist in beinahe aller Munde. Aber weshalb? Weil er längst Kampfbegriff – gar Schmähwort[1] – ist und damit für antiliberale Erzählungen nutzbar gemacht wurde. Als zu einem Werkzeug innerhalb von Narrativen verkommen, soll der (Fehl – )Gebrauch des Begriffs der Vermeidung eines auf verifizierbare Fakten gegründeten Diskurses dienlich sein.

Einige verwenden den Begriff Neo – Liberalismus als Synonym für „Raubtierkapitalismus“[2]. Andere missbrauchen ihn dazu, Politik mit in Wahrheit kollektivistischen, keynesianischen Inhalten zu etikettieren, um deren Versagen zu verschleiern. Kolev meint, der Begriff werde paradoxerweise immer mehr zu einer (stark pejorativen) Fremdbezeichnung für die Verursacher aller möglichen Schieflagen in der globalen Ökonomie[3]. Wenngleich Stefan Kolev damit recht hat, erscheint ein solcher Fehlgebrauch als widersinnig oder widersprüchlich aber nur demjenigen, der aus den Augen verloren hat, dass beinahe jeder Begriff im politischen Geschäft der Desinformation zum Baustein eines ausgeklügelten propagandistischen Narratives[4]zur Stützung von Herrschaftsstrukturen werden kann.

Missverständnisse und Unwissen

Manchen gelingt selbst das Kunststück, Neo – Liberalismus zu verdammen aber gleichzeitig eine Rückbesinnung auf die Soziale Marktwirtschaft zu beschwören. Dabei verheimlichen solche Erzähler – bewusst oder unwissend – dem Publikum stets das Faktum, dass auch die Wiege des ehemaligen deutschen Wohlstandes, L. Erhards Soziale Marktwirtschaft, gemeinhin – und mit guten Gründen – dem Neo-Liberalismus zugeordnet wird[5]. Da drängt sich somit der Verdacht geradezu auf, dass „die Spätsozialisten aller Parteien […] damit [mit der Diffamierung des Neo-Liberalismus] ihren ideologischen Rückzug vor dem weltweit erfolgreichen Kapitalismus abdecken und vom offensichtlichen Versagen ihrer eigenen Doktrin ablenken“ wollen[6].

Missverständnisse und Unwissen über Inhalte des Neo-Liberalismus stehen heute in einer Reihe mit bewussten Missdeutungen und böswilligem erzählend – propagandistischen Missbrauch des Begriffs. Ein geradezu erwünschter Effekt – gleichsam ein Kollateralgewinn – dürfte dabei sein, dass sich mit dem vordergründig auf das Präfix „Neo“ gerichteten Angriff zugleich der Liberalismus, die Idee der Freiheit an sich, treffen und verächtlich machen lässt.

Ein wenig Aufräumarbeit tut folglich not.

Was wissen wir sicher?

Alexander Rüstow soll den Begriff „Neo-Liberalismus“ geprägt haben[7]. Geschichtliche Wahrheit ist immerhin, dass er und andere Ökonomen, die sich späterhin selbst als Neo-Liberale bezeichneten und in den zwanziger und dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts in Wien, London, Chicago und Freiburg wirkten, mit den damaligen Verhältnissen in Politik und Ökonomie nicht zufrieden waren: Der Klassische Liberalismus des 19.Jahrhunderts schien geschlagen, und in in der UdSSR, in Italien, im Deutschen Reich sowie in den USA des New-Deal hatte sich der Kollektivismus kommunistischer, faschistischer, nationalsozialistischer sowie US-amerikanischer Spielart verbreitet. Kein Wunder also, dass die Veröffentlichung eines Buches, welches für Freiheitsfreunde neue Horizonte zu eröffnen schien, bei ihnen einschlug wie eine Bombe. Das Buch lieferte eine von den freiheitlich Denkenden dankbar aufgenommene Analyse der seinerzeitigen kollektivistischen Regime und bot zugleich Lösungen an.

In jenem Buch wurden die eurasischen Spielarten des Kollektivismus unter dem Oberbegriff „Totalitäre Regime“ zusammengefasst. Sein Autor, Walter Lippmann[8], analysierte in „The Good Society“ zutreffend, diesen drei kollektiven Systemen liege der Wille zu Grunde, die Vielfalt der Interessen zu vereinheitlichen, zu standardisieren und zentralen Plänen unterzuordnen. Er warnte zudem vor einem „gemäßigten Kollektivismus“, den er schon damals (!) „seit annähernd drei Generationen“ als in den Demokratien im Vorrücken sah[9]. Seiner Analyse hatte Lippmann eine Eutopie der „Erneuerung des Liberalismus“[10]angefügt. Wie sehr das Buch Freiheitsfreunde aufrüttelte und begeisterte, erschließt sich aus dem, was Wilhelm Röpke in der Einführung zu der hier auch benutzten deutschsprachigen Ausgabe schrieb:

„Es rief eine gewaltige […] Wirkung jenseits und diesseits des Atlantiks hervor und gab der Diskussion über die Möglichkeiten und Formen des „Neoliberalismus“ die mannigfaltigsten und fruchtbarsten Anregungen.“[11]

Was machte die Faszination für deutsche Neo – Liberale aus?

Es war insbesondere die von Lippmann beschriebene Möglichkeit eines dritten Weges, welche deutsche Liberale vereinnahmte. Dieser Weg sollte zwischen Kollektivismus/Planwirtschaft und Kapitalismus/Markwirtschaft beschritten werden können, wie der Buchautor meinte. Dazu erneut Röpke: „Er [Lippmann] zeigt den fundamentalen Irrtum der Philosophie des Laissez – faire[12], die im Kampfe gegen die autoritäre Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung der Vergangenheit übersehen hatte, dass die wirtschaftliche Freiheit nicht etwas Wildwachsendes, sondern das empfindliche Geschöpf einer bestimmten Rechtsordnung ist, der ein verwickeltes System von sittlichen Normen und Überzeugungen, von Gewohnheiten und Wertvorstellungen entsprechen muss. Die Frage lautet also von jeher nicht: Für oder gegen Laissez – faire? sondern: Welche Rechtsordnung ist in einer gerechten, freien, höchstergiebigen und auf differenzierter Arbeitsteilung beruhenden Wirtschaftsverfassung angemessen?“[13]

In diesen den klassischen Liberalismus[14]verdammenden Worten klingt schon an, was dem Neo – Liberalismus zu seinem Verhängnis geworden sein dürfte: Unentschiedenheit, fehlender Mut zur Klarheit und Einfachheit, Kompromissbereitschaft. Letztere manifestiert sich z.B. bei den angeblich Liberalen der FDP in unterwürfiger Anbiederung an die politisch – korrekte Gleichmacherei des herrschenden Meinungstotalitarismus.

Zu Ehren des Autors abgehalten, wurden auf dem „Kolloquium Walter Lippmann“ 1938 in Paris[15]Fragen rund um die Erneuerung eines Liberalismus auf einem dritten Weg diskutiert. Die Erörterungen konnten, vom – bisher zweiten – Weltkrieg unterbrochen, erst in der 1947 gegründeten Mont-Pèlerin-Society (MPS) fortgesetzt werden.

Liberale unter einem Dach

Zuvor hatte Ludwig von Mises in den Jahren 1920 bis 1934 in Wien ein Privatseminar abgehalten und damit in der Tradition des klassischen Liberalismus den Grundstein für die späterhin „Wiener“ bzw. „Österreichische Schule der Nationalökonomie“[16] genannte Richtung liberaler Wirtschaftswissenschaft gelegt. Sein Buch „Die Gemeinwirtschaft“[17]war 1922 erschienen. Darin hatte er die praktische Undurchführbarkeit, das zwingend notwendige Versagen eines jeden Sozialismus bewiesen. Das wurde von den Neo – Liberalen, die hier Gegenstand der Betrachtung sind, augenscheinlich nicht zureichend rezipiert.

In der MPS trafen Vertreter des klassischen Liberalismus und der Österreichischen Schule auf von der Idee eines Dritten Weges eingenommene Neu-Liberale. Das führte zu Konflikten, die hier nicht beschrieben werden können[18].

Die MPS bot ein Dach für die dort miteinander im Diskurs versammelten neo – liberalen Schulen. Von ihnen hat die „Freiburger Schule“, der Ordo-Liberalismus[19], für Deutschland die größte Bedeutung und Wirkung erlangt. Dem Ordo-Liberalismus wird auch die Soziale Marktwirtschaft zugeordnet. Und diese Schule lebt weiterhin, wenngleich im Schatten der geldsozialistisch – konstruktivistischen Globalisierungsideologie.

Den Neo – Liberalismus gibt es gar nicht

Ein konsistentes Gedankengebäude, eine zu einem Programm, gar einer Ideologie gereichende Verdichtung des Neo-Liberalismus existiert nicht. Die Vertreter des Neo-Liberalismus leiden nämlich unter ihrer selbst gewählten Position. Zwischen den Stühlen sitzend müssen sie sich nach zwei Seiten abgrenzen: Dem Kollektivismus/der Planwirtschaft einerseits und dem Laissez – faire/Klassischen Liberalismus andererseits. Wenn M. von Prollius meint, „Die Soziale Marktwirtschaft beruht auf einem eindeutigen Wertekanon. Gleichwohl fehlten angesichts erheblicher Interpretationsspielräume Barrieren gegen die Transformation in ein anderes Ordnungskonzept“[20], beschreibt er damit dieses Dilemma neo-liberaler Denkrichtungen.

In dem hier engen Raum können wir nur uns wesentlich erscheinende Unterschiede zwischen neo – liberalem Verständnis einerseits und keynesianisch – kollektivistischem Konstruktivismus andererseits darstellen. Wir greifen folgende Bereiche heraus:

  • Interventionismus
  • Staatverständnis
  • Korporatismus
  • Einstellung zum Wohlfahrtstaat
  • Geldsystem

„Fressen, was der Staat zu fressen gibt“

Planwirtschaft kann auch als weitgehend totaler staatlicher Interventionismus gesehen werden. Dass Planwirtschaft nicht liberal ist, sondern freies Handeln sowie freien Handel der Individuen und der Unternehmer beschränkt, setzten die Neo-Liberalen als allgemeine Erkenntnis voraus. Umfassende staatliche Eingriffe in das wirtschaftliche Geschehen lehnten sie folglich ab und ordneten sie der politischen Hybris zu, was Hayek mit der Formulierung „Anmaßung von Wissen“ deutlich und nachvollziehbar auf den Punkt brachte[21]:

„Zumindest bis zum offenkundigen wirtschaftlichen Versagen des osteuropäischen Sozialismus war unter […] Rationalisten die Ansicht verbreitet, eine zentral geplante Wirtschaft würde nicht nur für „soziale Gerechtigkeit“ […], sondern auch für einen effizienten Einsatz wirtschaftlicher Mittel sorgen. Diese Vorstellung scheint auf den ersten Blick außerordentlich vernünftig. Aber nachweislich übersieht sie die eben besprochenen Tatsachen: daß die Gesamtmenge der Mittel, die in solch einem Plan zum Einsatz gelangen könnten, einfach niemandem bekannt sein kann und deshalb schwerlich zentral zu kontrollieren ist.“[22]

Allerdings, und das u.a. macht einen Unterschied zum klassisch – liberalen Denken in der heutigen Ausprägung der Austrian und New Austrian Economics aus, waren Neo-Liberale Interventionen des Staates nicht generell abgeneigt. Röpke hielt z.B. eine Initialzündung, die notwendigerweise vom Staat kommen müsse, für erforderlich, um den Motor der Privatwirtschaft erneut zum Laufen zu bringen[23]. Erhard hielt immerhin die Schaffung eines gesetzlichen Ordnungsrahmens für nötig, meinte aber, jede Planwirtschaft beruhe

„auf der Vorstellung, dass irgendeine Behörde so weise sein kann […], dass es möglich ist, besser als das Volk selbst zu entscheiden, was dem Volke frommt[24].[…] Was da herauskommt, das ist nicht der soziale Verbrauch eines Volkes, sondern das ist vollendeter Unfug im wirtschaftlichen Sinne. Und was auf der sozialen Ebene herauskommt, ist nicht die Harmonie, sondern das ist das Chaos und die Tyrannei.[…] In der Planwirtschaft muss zunächst der Mensch gezwungen werden durch den kategorischen Imperativ, dann durch Bezugsscheine und zum Schluss durch brutale Gewalt, das zu fressen, was der Staat ihm zu fressen gibt,…“[25]

Von Partikularinteressen beherrscht?

Bei der Beschreibung der Rolle des Staates zeigt sich besonders deutlich, wie unvorsichtig Neo – Liberale bei der Wahl von Begriffen vorgingen. So wird Alexander Rüstows Forderung nach einem „starken Staat“[26]längst von Kollektivisten und Interventionisten aus dem schwarz, rosa, tiefrot, gelb – blau und grün gefärbten politischen Establishment des ökonomischen Unverstandes als Rechtfertigung für groben und unverfrorenen Freiheits-, Rechts- und Eigentumsraub benutzt und damit das von Rüstow Gemeinte in sein Gegenteil verkehrt. Allerdings drängt sich der „starke Staat“ ja auch nicht gerade als Antonym eines umfassenden, totalen, tiefen Staates auf. Im Gegenteil lädt der Begriff geradezu dazu ein, ihn – seines intendierten Inhalts beraubt – in einen fundamentalen Gegensatz zu dem Nachtwächterstaat, dem begrenzten Staat im klassisch – liberalen Verständnis zu setzen. Die von antiliberalen Kräften betriebene Verfälschung des Begriffs ist jedoch unzweifelhaft und evident:

„Der neue Liberalismus, der heute vertretbar ist und den ich mit meinen Freunden vertrete, fordert einen starken Staat, einen Staat oberhalb der Wirtschaft, oberhalb der Interessen, da, wo er hingehört.“[27]

Rüstow hielt folglich einen Staat, der nicht zur Beute von Partikularinteressen wird, für stark und erstrebenswert. Ein schwacher Staat werde „total“, wenn er sich in Kleinigkeiten verzettele und alles und jedes Detail regeln wolle und somit zum „Beutestaat“ für starke Interessengruppen verkomme[28].

Aus neo-liberaler Sicht haben wir es heute folglich mit einem schwachen Staat zu tun, da Politik und politisch gelenkte Wirtschaft[29]vom Korporatismus zur Durchsetzung von Partikularinteressen nicht nur durchsetzt, sondern geradezu beherrscht sind.

Korporatismus und zahlenden Opfer

In einem starken Staat des Rüstowschen Verständnisses wären Unternehmertum und Bürger nicht der Kumpanei zwischen Politik und einflussreichen Interessengruppen ausgeliefert. Dort wäre es dem Lobbyismus z.B. nicht gelungen, altbewährte Leuchtmittel durch hochgiftige „Energiesparlampen“ gegen den Willen der Konsumenten interventionistisch in den Markt zu drücken. L. Erhards Worte entlarven auch heute noch die wahre Natur des derzeitigen Politik – und Wirtschaftsregimes und dessen inzwischen meilenweite Entfernung von seiner sozialen Marktwirtschaft

„Jeder staatliche Dirigismus und jede korporative Lenkung der Wirtschaft bedeutet im Letzteren eine Einschränkung der in den westlichen Demokratien verfassungsmäßig garantierten menschlichen Grundfreiheiten und eine Aushöhlung des Rechtes auf freie Entfaltung der Einzelpersönlichkeit“[30].

Der Korporatismus steht gerade nicht „oberhalb der Interessen“ wie es das neo – liberale Staatsverständnis in der von Rüstow beschriebenen Weise verlangt. Er ist im Gegenteil die inzwischen längst Wirklichkeit gewordene Verkörperung des Beutestaates als willentliche Verfügungsmasse von Sonderinteressen; seien es die der Großindustrie und internationalen Konzerne oder auf der – vermeintlich – anderen Seite die Gelüste von Gewerkschaften, Wohlfahrtsorganisationen, Verbraucherverbänden. Nur das zahlende Opfer, der in den schrumpfenden Bereichen der Wertschöpfung noch Tätige, kommt in diesem Spiel der Mächtigen und Herrschenden als Akteur, der in einer Marktwirtschaft mit marktmächtigem Einfluss ausgestattet wäre, nicht mehr vor.

Erhard warnt vorm Wohlfahrtstaat

Der Wohlfahrtsstaat ist neben einer konfiskatorischen Steuergesetzgebung das wichtigste Instrument kollektivistisch – konstruktivistischer Politik. An ihm zeigt sich zudem besonders deutlich, dass „Sprache nicht nur Weisheit vermittelt, sondern auch eine Art von Unsinn, der schwer auszumerzen ist“[31]. Als Beispiele dienen uns das Wieselwort soziale Gerechtigkeit[32] und die Soziale Marktwirtschaft[33].

Vor dem Wohlfahrtsstaat, der in einer ihm immanenten notwendigen Folgerichtigkeit jede Eigenverantwortlichkeit, Selbstbestimmung und damit die persönlichen Freiheit sowie letzthin das Recht zerstört, wurde insbesondere L. Erhard nicht müde zu warnen:

„Die soziale Marktwirtschaft kann nicht gedeihen, wenn die ihr zugrunde liegende geistige Haltung, d.h. also die Bereitschaft, für das eigene Schicksal Verantwortung zu tragen, und aus dem Streben nach Leistungssteigerung an einem ehrlichen freien Wettbewerb teilzunehmen, durch vermeintliche Maßnahmen auf benachbarten Gebieten zum Absterben verurteilt wird.“[34]

L. Erhard hielt durchaus eine Ergänzung guter Wirtschaftspolitik durch sozialpolitische Maßnahmen für nicht durchweg entbehrlich, hob aber die Freiheitsgefährdung durch den Versorgungsstaat, den er als „modernen Wahn“ bezeichnete, immer deutlich hervor und benannte die mit ihm verbundene Degeneration:

„Wenn […] die Bemühungen der Sozialpolitik darauf abzielen, dem Menschen schon von der Stunde seiner Geburt an volle Sicherheit gegen alle Widrigkeiten des Lebens zu gewährleisten, d.h. ihn in einer absoluten Weise gegen die Wechselfälle des Lebens abschirmen zu wollen, dann kann man von solchen Menschen einfach nicht mehr verlangen, daß sie das Maß an Kraft, Leistung, Initiative und anderen besten menschlichen Werten entfalten, das für das Leben und die Zukunft der Nation schicksalhaft ist und darüber hinaus die Voraussetzung einer auf die Initiative der Persönlichkeit begründeten „Sozialen Marktwirtschaft“ bietet.[35]

Was der Vater des ehemaligen deutschen Wohlstandes wohl z.B. zu den Krippeninitiativen, die inzwischen bis in die Bundeswehr reichen, gesagt hätte, kann sich jeder unschwer vorstellen.

Baaders „Geldsozialismus“

Neo – Liberale lehnten und lehnen das staatliche Geldmonopol nicht ab[36]. Darin liegt die verhängnisvollste Überschneidung mit dem, was Kollektivisten/Planwirtschaftler als ihr Lebenselixier erkannten und benötigen. Staatlich monopolisiertes Geld ist gleichsam das Blut, an dem sich jeder Kollektivist als Funktionär selbst labt und das er zur Verwirklichung seiner Unterdrückungsphantasien unbedingt braucht. Im Kommunistischen Manifest heißt es als Forderung:

„5) Centralisation des Kredits in den Händen des Staats durch eine Nationalbank mit Staatskapital und ausschließlichem Monopol“.[37]

Vor diesem Hintergrund mag besser verständlich sein, weshalb R. Baader die heutige besonders perfide Ausprägung des staatlichen Geldmonopols, das ungedeckte Fiat – Money – System, als „Geldsozialismus“[38] beschrieb.

Erhard sagte allerdings schon 1957 in Bezug auf die EZU[39]immerhin:

„Man denke z.B. nur an die Keynes`schen Lehren, das ,deficit spending, an die ,Politik des billigen Geldes’ mit allem, was dazugehört, um dann zu begreifen, daß es in diesem Raum außerordentlich schwer sein wird und schwer sein muß, zu gemeinverbindlichem Handeln und zu einer straffen, einheitlichen Politik hinzufinden. […] Wenn etwa zuzeiten der Goldwährung irgendein souveränes Land glaubte, auf eine geordnete Wirtschafts- und Finanzpolitik und eine verantwortungsbewusste Kreditpolitik verzichten zu können, oder – anders ausgedrückt – wenn ein Land irgendeiner Ideologie gehuldigt hätte, die diesem Postulat der inneren Ordnung und des Gleichgewichts widersprochen hätte, dann würden die Konsequenzen seines Verhaltens sehr schnell spürbar geworden sein, – es hätte die Folgen selbst zu tragen gehabt. Wenn unter den Spielregeln der Goldwährung die Möglichkeit einer Kapitalaufnahme oder diejenige des Goldabstroms erschöpft war, dann gab es keine Macht der Welt, die den Wechselkurs dieses Landes hätte vor dem Absinken bewahren können. In Zeiten der Goldwährung sind weder durch Institutionen noch durch Personen Befehle erteilt worden. Es gab den anonymen Befehl, der aus dem Ordnungsprinzip, aus dem System[40] heraus erteilt wurde. Dieser war indessen nicht belastet mit Vorstellungen nationaler Souveränität, nicht mit dem Wahnglauben an eine mögliche wirtschaftspolitische Autonomie oder was es sonst noch alles an Vorurteilen oder Empfindlichkeiten geben mag. Soweit sind wir leider noch nicht wieder.“[41]

Was folgt?

Unser notgedrungen kurzer Blick auf den Neo-Liberalismus stimmt nicht zuversichtlich. Das ehemals erfolgreiche neo – liberale Modell der Marktwirtschaft L. Erhards wird heute weder von den Untertanen noch von den politischen Funktionären verstanden, geschweige denn gewürdigt. Das Wissen, dass Recht und Freiheit nur mittels staatsferner Eigenverantwortlichkeit gedeihen und beides sichernd wirken können, ging verloren. Leider waren Neo – Liberale mit ihren Unachtsamkeiten dabei den kollektivistischen Konstruktivisten dienlich. Eine demokratische Sklavenmentalität[42] wurde gezüchtet und der krakenhafte Versorgungsstaat konnte seine Tentakel bislang ohne Widerstand bis in die privatesten Lebensbereiche hinein ausstrecken.

Vielleicht wäre uns das erspart geblieben, hätte der Neo-Liberalismus nicht nach einem Dritten Weg gesucht, sondern wäre paläoliberal geblieben. Freiheit und Recht dulden eben keine Kompromisse.

 

Anmerkungen

[1] Manfred E. Streit; „Neoliberal – Zu einem Schmähwort in der Diskussion wirtschaftspolitischer Reformen“, Max–Planck – Institut für Ökonomik, Jena, Diskussionsbeitrag 02 – 2005, jetzt in unserem Bestand

[2] Es kann vermutet werden, dass damit Assoziationen zum –ebenfalls missdeuteten– Manchester – Kapitalismus geweckt werden sollen. Wer darüber zu reden sich berufen fühlt, sollte immerhin auch http://www.freiheit.org/Mythos – Manchestertum/616c8197i1p/index.html (Konnte von uns noch als PDF heruntergeladen werden. Jetzt muss es angefordert werden.) oder http://docs.mises.de/Huelsmann/Huelsmann_Manchester.pdf gelesen haben.

[3] Stefan Kolev, „Neoliberale Staatsverständnisse im Vergleich“, Lucius, 2013, S. 4

[4] http://www.geolitico.de/2015/08/26/wie – politiker – uns – maerchen – erzaehlen/

[5]L. Erhard, Rede zu Oppenheimers 100. Geburtstag, zitiert nach Gerd Habermann, „Vision und Tat“,2. Aufl., 2005, S. 177, 178: „Man reiht mich gemeiniglich in die Kategorie der „Neoliberalen“. Das mag so geschehen; ich wehre mich gar nicht dagegen, denn […] Ich habe mir angewöhnt, das Wort Gerechtigkeit fast immer nur in Anführungszeichen auszusprechen, weil ich erfahren habe, dass mit keinem Wort mehr Missbrauch getrieben wird als gerade mit diesem Wort.“

[6] Robert Nef, „Feindbild Neoliberalismus“, 2008, http://www.libinst.ch/?i=feindbild – neoliberalismus

[7] Kolev, a.a.O., S. 3, bezeichnet Honegger, der damit 1925 die Anfänge einer nach seiner Auffassung „staatsfeindlichen“ Haltung innerhalb der ökonomischen Theorie in Europa habe kennzeichnen wollen, als Präger des Begriffs

[8] Nach Philip Plickert, „Wandlungen des Neoliberalismus“, Lucius, 2008, S. 88, war W. Lippmann als „Student ein überzeugter Sozialist und Mitglied der Fabian Society“ und zunächst ein prominenter Autor der Linken, der im Zuge der Politik des „New Deal“ zu zweifeln begonnen hatte.

[9] Walter Lippmann, hier zitiert nach der deutschen Übersetzung „Die Gesellschaft Freier Menschen“, Bern, 1945, S. 160. Im englischsprachigen Original „The Good Society“, Grosset & Dunlap, 1943, ist von „Gradual Collectivism“ die Rede.

[10] In der englischen Fassung: „Reconstruction of Liberalism“

[11] Röpke in „Die Gesellschaft Freier Menschen“,S.28

[12] Ursprünglich: Laissez nous faire. Lasse uns machen als Kontrapunkt gegen staatliche Eingriffe.

[13] Röpke in „Die Gesellschaft Freier Menschen“,S.32

[14] Für ihn gebrauchte Rüstow den Begriff „Paläoliberalismus“. So z.B. in dem Beitrag „Paläoliberalismus, Kommunismus und Neoliberalismus“ in der Festgabe für Alfred Müller – Armack, „Wirtschaft Gesellschaft und Kultur“, Duncker & Humblot, 1961, S. 61 – 70

[15] Die 26 Teilnehmer der Tagung sind bei Plickert, a.a.O, S. 93 in Fn. 8 aufgeführt.

[16] In Englisch: Austrian Economics, im Kern auf C. Menger zurückgehend. Heute existiert daneben die von Prof. Antal Fekete begründete New Austrian School of Economics.

[17] http://docs.mises.de/Mises/Mises_Gemeinwirtschaft.pdf

[18] Dazu ausführlich und instruktiv: Plickert, „Wandlungen des Neoliberalismus“

[19] Der Begriff entstand in Anlehnung an die Zeitschrift ORDO – Jahrbuch für die Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft. Ordo – Liberalismus kann als Synonym für die Freiburger Schule genommen werden, zumal der Ökonom Walter Eucken und der Staatswissenschaftler Franz Böhm, die Begründer der Zeitschrift, dieser Schule angehörten.

[20] Michael von Prollius, „Die Pervertierung der Markwirtschaft“, Olzog, 2009, S. 68

[21] Friedrich A. von Hayek, „Die verhängnisvolle Anmaßung“, Mohr Siebeck, 2011

[22] Hayek, „Die verhängnisvolle Anmaßung“, S.94, 95. Hervorhebung aus der Textquelle übernommen.

[23] Plickert, a.a.O., S. 69

[24] L. Erhard, „Grundlagen der deutschen Wirtschaftspolitik“, Referat vor dem Zonenausschuss der CDU der Britischen Zone, Königswinter, 25.02.1949, in: Karl Hohmann (Hrsg), Ludwig Erhard, Gedanken aus fünf Jahrzehnten. Reden und Schriften, Econ – Verlag, 1988, S.193, zitiert nach Habermann (Hrsg), „Vision und Tat“, Ludwig Erhard – Brevier, Ott – Verlag, 2. Aufl. 2005, S. 43

[25] L. Erhard, FN 24, S. 44

[26] Plickert, a.a.O., S. 73

[27] Rüstow, „Freie Wirtschaft – starker Staat“, Vortrag vor dem Verein für Socialpolitik, September 1932, zitiert nach Milz, „Die Soziale Marktwirtschaft: Das gescheiterte deutsche neoliberale Projekt“, 15.06.2011, http://doc.freiheitsfreunde.org/Milz_FF – Bonn_Soziale – Marktwirtschaft.pdf

[28] Milz, a.a.O, S.3

[29] Erst recht auf der supranationalen Ebene der EU

[30] L. Erhard, „Wirtschaft und Wirtschaftsordnung in der modernen Politik“, Beitrag zur Festschrift für Jacques Rueff, 06.06.1966 in Karl Hohmann (Hrsg), Ludwig Erhard, Gedanken aus fünf Jahrzehnten. Reden und Schriften, Econ – Verlag, 1988, S. 1016, zitiert nach Habermann (Hrsg), „Vision und Tat“, Ludwig Erhard – Brevier, Ott – Verlag, 2. Aufl. 2005, S.45

[31]Hayek, „Die verhängnisvolle Anmaßung“, S.122

[32] Hayek, „Die verhängnisvolle Anmaßung“, S.133, 134: „Seine bei weitem schlimmste Verwendung findet das Wort „sozial“, das ohnehin jedem Wort, dem es vorangestellt wird, ganz und gar seinen Sinn nimmt, in dem fast weltweit gebrauchten Begriff der „sozialen Gerechtigkeit“. […] Die Wendung „soziale Gerechtigkeit“ ist […] nichts weiter als „semantischer Betrug aus demselben Stall wie Volksdemokratie“.

[33] Hayek, „Die verhängnisvolle Anmaßung“, S.133: „Obwohl der Mißbrauch des Wortes „sozial“ weltweit nachweisbar ist, nahm er seine extremste Form vielleicht doch in Westdeutschland an, wo die Verfassung des Jahres 1949 [Anm.: Art. 28, Abs. 1, S. 1 GG] vom „sozialen Rechtsstaat“ spricht und von wo aus sich die Vorstellung einer „Sozialen Marktwirtschaft“ verbreitete –in einem Sinn, der sicherlich nicht in der Absicht ihres Protagonisten Ludwig Erhard lag. (Er versicherte mir einmal in einem Gespräch, für ihn müsse die Marktwirtschaft nicht erst „sozial“ gemacht werden, sie sei es bereits von ihrem Ursprung her.)“

[34] Ludwig Erhard, „Wohlstand für Alle“, Econ, 1.Aufl., 1957, S. 256

[35] Erhard, „Wohlstand für Alle“, S. 257. Eine um das Kapitel XIII „Rüstungs – und Markwirtschaft“ gekürzte Fassung der 1. Aufl. gibt es als Download: http://www.ludwig – erhard – stiftung.de/wp – content/uploads/wohlstand_fuer_alle1.pdf

[36] Dazu näher Milz, a.a.O., S. 7

[37] https://de.wikisource.org/wiki/Manifest_der_Kommunistischen_Partei_(1848)

[38] Roland Baader, „Geldsozialismus: Die wirklichen Ursachen der neuen globalen Depression“, Resch, 2010

[39] Europäische Zahlungsunion

[40] Goldautomatismus. Verknappte Erklärung hier: http://www.goldseiten.de/wissen/goldstandard/geschichte/detail.php

[41] Erhard, „Wohlstand für Alle“, S. 317

[42] Kenneth Minogue, „Die demokratische Sklavenmentalität: Wie der Überstaat die Alltagsmoral zerstört“, Edition Sonderwege bei Manuscriptum, 2013