Wie Politiker uns Märchen erzählen

Haensel und Gretel: Eine Illustration von Alexander Zick / Quelle: Wikipedia Haensel und Gretel: Eine Illustration von Alexander Zick / Quelle: Wikipedia
Welche Bedeutung hat die Erzählung in der politischen Strategie? Sie ist die zentrale Technik  kollektiver Identitätsstiftung und Manipulation über die Massenmedien.

Mein Vater hatte mir den Text vorgelesen. Ich war drei oder vier – genau erinnere ich mich nicht. Aufmerksam hörte ich dem Lesestrang zu, und ich war gefesselt von der Rabenmutter, die die beiden Kinder loswerden wollte, und im Kontrast dazu den frommen Vater. Meine Bewunderung galt dem Jungen, der Pläne machte, wie die Geschwister im Mondschein nach Hause finden würden, aber sich dennoch tief im Wald verirrten.

Die Beschreibung des merkwürdigen Hauses und dessen hässliche alte Bewohnerin verwirrten mich. Und ich kann mich an meine Empörung über die alte Frau erinnern, die unter Vorspiegelung falscher Intentionen den Jungen in einen Käfig sperrte. Ich identifizierte mich mit dem Jungen, der listig der Alten einen Knochen aus seinem Käfig entgegenstreckte, und ich war in meinem kindlichen Gemüt erleichtert, als es den Geschwistern gelang, die Alte im Ofen zu verbrennen. Gerechtigkeit siegt doch! Und wenn sie nicht gestorben sind… Genau! Und wohl fast jeder Deutsche kann weitere Bruchstücke für die Komplettierung dieses bekannten Narratives beibringen.

Wirkung auf den Menschen

Eine Erzählung, eine Narration – hier ein Märchen. Dieses einfache Narrativ aus der Gattung Märchen transportiert einen Wertefächer, der zur Identifikation einlädt. Das Narrativ hier deutet sofort im Kontrast das Gute und das Böse, Gerechtigkeit und Zuversicht, und es legt fest, welches Verhalten belohnt und welches bestraft wird. Ein Narrativ als Beitrag zur Erziehung, zur Ausbildung eines Wertesystems, welches kollektiv übernommen werden soll. Dazu gibt es durchaus Analogien in der heutigen Medienlandschaft. Narrative für erwachsene, politisch interessierte Menschen, die dabei gar nicht merken, wie sie an der Nase herumgeführt werden.

Die Sozialwissenschaften haben erkannt, dass Erzählungen einen großen Anteil in der menschlichen Kommunikation haben; Erlebtes, Durchlittenes, Befürchtetes, etc. wird aus einer individuellen Erzählperspektive berichtet und zu einer subjektiven Wahrheit verdichtet, die identitätsstiftend ist. Daher mag es nicht wundernehmen, dass Politiker und die hinter ihnen stehenden Spin-Doctors Interesse an der Konstruktion von Narrativen und deren Verbreitung in den Mainstreammedien haben.

Die Politikwissenschaft hat begriffen, dass Narrative in allen menschlichen Kulturen allgegenwärtig sind; diese Erzählungen bestimmen über selektive Wahrnehmung, Interaktion mit anderen Menschen und Konsum von Medien die eigenen Werte und Überzeugungen, und stellen damit Hebel für die Freisetzung von Motivation dar. Politische Narrative sind ein Exemplar dieses Erzählstrangs, der fortlaufend auf die Menschen einwirkt und Funktionen übernimmt, die dem oben bruchstückhaft aufgeschriebenen Märchen entsprechen. Welcher Politiker wollte hier nicht ansetzen?

Manipulation des Bürgers

Frederick W. Mayer[1] untersucht in einer neueren Arbeit, warum Politiker mittlerweile übergroßes Interesse an „Narrativen“ haben: Mit Hilfe von Narrativen sei es möglich, die Widerstände gegen „kollektive Aktion“ zu überwinden, ein verbindendes Interesse für eine Gruppe zu erzeugen und Gruppenverhalten zu steuern. Ein interessanter konstruktionistischer Ansatz!

Auch deshalb sind Narrative für Erwachsene heutzutage in der Politik und in den Medien gang und gäbe. Am 31.07.2015 ergab beispielsweise eine Suche nach dem Stichwort „Narrativ“ auf dem Onlineportal „www.welt.de“ 214 Einträge. Es sind dort Einträge zu finden wie: „historisches Narrativ“, „Camerons Narrativ“, „linkes Narrativ“, „griechisches Narrativ“, „Stadtnatur-Narrativ“, „Das Narrativ des Hasses“, „… damit soll der Propaganda von Islamisten eine eigene Darstellung („counter-narrative“) entgegengesetzt werden…“, „… die chinesische Regierung den Eindruck, die Kontrolle über das rationale Narrativ verloren zu haben…“, „…Narrativ, das sich als Konsenssicht auf das deutsche Terrorismus-Kapitel durchgesetzt habe…“, etc.

Narrative sind in den Medien allgegenwärtig! Von Narrativen zu sprechen, ist Mode geworden! Für die Politiker hingegen sind Narrative ein neues Paradigma zur Motivation ihrer Anhängerschaft durch einen vorgegebenen Plot, der für die Ausbildung einer Identität für diese Gruppe taugt.

Dementsprechend haben Parteien Narrative als wirkmächtigen Diskurs nicht nur für die Politikvermittlung, sondern als grundsätzliches Medium der Weltdeutung und der Weltveränderung für sich entdeckt. Die Grünen haben dazu eigens eine Konferenz mittels ihrer Böll-Stiftung durchgeführt: „Was ist die grüne Erzählung?“[2]. Hier wird der Einfluss der interdisziplinär arbeitenden Politologen deutlich, und als freier Bürger sollte man sich unbedingt Gedanken darüber machen, wie derlei verbreitete Narrative wirken, wie sie die Bürger manipulieren; denn sie sind der Adressat dieser Erzählungen!

So wird ein Meinungsklima erzeugt

Der Wahlkampf von US-Präsident Obama war ein mustergültiges Manöver beim professionellen Einsatz von Narrativen, vermittelt über die Sozialen Medien, Videos, Anzeigen, Ansprachen und publizierten Texten. Der Wahlkampf war ein voller Erfolg – nicht wenige sind auf die konstruierten[3] Narrative reingefallen und heute – nach Beobachtung und Einschätzung der tatsächlichen Politik – entsprechend enttäuscht.

Chris Hedges kommentiert die Entwicklung in den USA folgendermaßen:

„Those captive to images cast ballots based on how candidates make them feel. They vote for a slogan, a smile, perceived sincerity, and attractiveness, along with the carefully crafted personal narrative of the candidate. It is style and story, not content and fact, that inform mass politics.”[4]

Analogien zu zeitgenössischen Wahlkämpfen in Deutschland sind nicht zufällig! Narrative werden auch konstruiert in Bezug auf geopolitische Ereignisse. Beispiele sind die Ereignisse in der Ukraine, die Flüchtlingsimmigration oder auch das „Klimanarrativ“: Es geht immer um eine Komplexitätsreduktion, eine deutliche Vereinfachung. Es werden nicht etwa kontrastierend Sachverhalte diskutiert, im Für und Wider Argumente analysiert und geschlussfolgert, sondern „Meldungen“ erzählt, mit der Intention, einen identitätsstiftenden Plot bereitzustellen, der die Deutung der Welt vermittels der medial verbreiteten Narrative vorgibt und Verhalten im Sinne politisch befürwortetes Handeln nahelegt.

Es geht eben nicht nur um die chronologische Betrachtung von Ereignissen, sondern eine Synthese von Charakteren, Handlungen und Ereignissen.[5] Beweise treten damit in den Hintergrund und sollen vernachlässigt werden; die Verbreitung eines Narratives, der Erzeugung eines Meinungsklimas. Dabei wird eine politische Agenda verfolgt, und zwar im Osten wie im Westen!

Eine „Wahrheit“ festzurren

Widersprüche werden dann, wenn das Narrativ erfolgreich verbreitet und rezipiert wurde, vehement bekämpft. Durch die Übernahme von bereitgestellten Narrativen werden viele Medienkonsumenten gegen kritische Argumente, die dem Narrativ entgegenstehen, immunisiert; denn sie werden Teilnehmer, Förderer und Wiedererzähler dieser Narrative, weil sie Teil einer Gruppenidentität werden. Wenn Identität berührt wird, ist das Ego-Involvement besonders groß – und genau das ist bezweckt!

Die Erschließung der Wirklichkeit mittels der bereitgestellten Erzählungen fördert eine Gleichschaltung im Denken in Bezug auf einen Sachverhalt, ein Ereignis oder eine These, denn die Einseitigkeit der Sprachbilder manifestiert sich zwangsläufig in einem Glaubenssystem, welches in sich in Bezug auf das Narrativ zwar kohärent ist und entsprechende Handlungsforderungen motiviert, aber ohne Platz für Gegenargumente. Die Ausrichtung und Verfestigung der politischen Wahrnehmung und der daraus abgeleiteten politischen Stellungnahmen ist für diese Narrativkonsumenten dann gelungen.

Bestes Beispiel ist hier in der Tat der Erzählstrang des Klimanarratives; es ist hier unerheblich, welchen Standpunkt der Autor persönlich dazu hat – es geht nur um die Aufklärung über die Wirkweise und Funktion von Narrativen im politischen Kontext. Auch die Wissenschaften gehören zu den Verbreitern von Narrativen zum Klima in der Öffentlichkeit, um eine „Wahrheit“ festzuzurren und die Öffentlichkeit zum Handeln aufzufordern.

Jedenfalls werden Wissenschaftler, die Zweifel an der These des „Global Warming“ vorbringen, stigmatisiert, diskreditiert oder als Verschwörungstheoretiker abgewertet. Eine Veränderung des Klimanarratives ist unerwünscht, die Beobachtungen konfligierender Ereignisse werden – dem Narrativ entsprechend – umgedeutet oder negiert; die aus dem ursprünglichen Narrativ stammenden Urteile und Einschätzungen werden so gerettet. Damit werden Handlungsempfehlungen „alternativlos“, und wer diese „Empfehlungen“ ignoriert, wird von den Protagonisten des entsprechenden Narratives stigmatisiert und ausgegrenzt.

Die Vorstellung, grundlegend informiert zu sein

Markus Arnold[6] schreibt dazu sehr erhellend:

„Doch was macht narrative Diskurse so überzeugend? Es kommt vor, dass man gar nicht bemerkt, wie eine Erzählung mir ihrer Begründung eine bestimmte Art der Interpretation von Ereignissen nahelegt. Wie sie einen dazu bringt, die von ihr bereitgestellten Gründe als die scheinbar selbstverständlichsten Gründe zu akzeptieren, ohne kritisch nachzufragen, ob es nicht doch auch noch andere Gründe geben könnte.“

Der „Status des Selbstverständlichen“ wird aufgebaut. Auch hier geht es nur um die Darstellung der Wirkweise: Die Kommunikation einer Narration, das Schüren von Betroffenheit (Beispielsweise in den Medien über die Bereitstellung von emotionalen Pressefotografien), der moralische Aspekt zur Motivierung der Narrativrezipienten, schließlich der Absolutheitsanspruch, der spätestens dann zur Ideologie wird, wenn Gegenargumente unlauter bekämpft, verschwiegen oder fahrlässig ignoriert werden.

Erkenntnis ist so nicht zu erzielen, und es ist nachvollziehbar, dass Mainstreammedien ihren Nimbus als geeignete Informationsquelle verlieren können. Alternative Informationsquellen im Internet werden somit hoffähig, wobei aber auch dort häufig genug nur „counter-narratives“ verbreitet werden, oder nur Teilaspekte der im Mainstream verbreiteten Narrativen umdeuten wollen.

Halbwissen wird damit zur Grundlage von politischen Einschätzungen; Narrative ersetzen ein profundes Quellenstudium und vermitteln den Protagonisten erstaunlicherweise den Eindruck, grundlegend informiert zu sein! Natürlich gibt es hier allerdings wichtige Ausnahmen!

Narrative sind nicht statisch; sie wiederholen sich in unterschiedlichen Ausarbeitungen und erfahren auch Verbreitung von den ursprünglichen Adressaten. Narrative werden im Zeitverlauf verdichtet; die Benennung eines Stichworts reicht aus, um die gesamte Assoziationskette mitsamt Schlussfolgerungen und Erklärungen abzurufen – wie bei einer Mustervervollständigung, für die ein kleiner Hinweis für die Aktivierung eines kompletten Schemas ausreichend ist. Beispielhaft genannt seien hier die Begriffe „Kapitalismus“, „Neoliberalismus“, „soziale Gerechtigkeit“ und „Demokratie“, zu denen fast jeder unmittelbar ein Narrativ reproduzieren kann. Inkludiert sind hier sofort auch emotionale Reaktionen und moralische Urteile.

Originalquellen bemühen

Geschichtsschreibung erfolgt auch durch die hegemoniale Durchsetzung von Narrativen; es entsteht eine Erzählgemeinschaft, die über die identitätsstiftende Funktion ihrer Narrative verbunden ist; die gedankenlose Wiederholung bringt Gewissheit und Akzeptanz und führt zu historischen „Wahrheiten“; was abseits des Fokus der Narrative liegt, wird in der Gemeinschaft vergessen.

Wie sehr Narrative das Denken bestimmen, zeigen auch viele Kommentare und Textbeiträge auf GEOLITICO. Das Überdenken von Kommentaren lässt sofort den narrativen Hintergrund aufleuchten; leider gibt es wenige, die ideologiefrei eine freiheitliche Perspektive einnehmen; narrativ vermittelte Glaubenssysteme sind emotional aufgeladen und führen bei Protagonisten von Gegen-Narrativen oftmals unmittelbar zu emotionalen Ausrutschern. Die Erzählstrukturen sind verfestigt und lassen keinen Platz für Schlussfolgerungen, die dem verinnerlichten Narrativ widersprechen – die wenigsten sind sich des Einflusses solcher Narrative bewusst.

Um dem Einfluss politischer Narrative auf das eigene Urteilsvermögen zu reduzieren ist es notwendig, sich um die Originalquellen zu bemühen. Man muss die Wirkweise politischer Narrative verstehen, damit man das Denken nicht verlernt. Vor allem muss man akzeptieren lernen, dass man nicht alles weiß, und der Verlockung widerstehen, die fehlenden Kenntnisse durch frei verfügbare Narrative zu überspielen.

Denn das widerspruchslose Nachplappern und Nacherzählen gesteuerter Narrative führt zu einer Verflachung der politischen Diskussion, zu einer „Alternativlosigkeit“, die in politische Katastrophen führen kann. Gerade diesen politischen Narrativen sollten freie Menschen größtes Misstrauen entgegenbringen; denn politische Narrative sind die Propaganda unserer Zeit!

Sie erreichen die Autoren unter der Mail-Adresse: [email protected]

Anmerkungen

[1] Mayer, Frederick W. (2014), Narrative Politics, New York: Oxford University Press

[2] https://www.boell.de/de/2014/04/04/was-ist-die-gruene-erzaehlung. Abgerufen am 25.08.2015

[3] Über Konstruktionismus in der Politik werden Morgenstern & Ohrendolch auf GEOLITICO einen weiteren Beitrag bereitstellen.

[4] Hedges, Chris (2010), Empire of Illusion: The End of Literacy and the Triumph of Spectacle. New York: Nation Books. 46

[5] Vergleiche Viehöver, Willy (2012): „Menschen lesbar machen“: Narration, Diskurs, Referenz. In: Arnold, Markus/Dressel, Gerd/Viehäver, Willy (Hrsg.): Erzählungen im Öffentlichen. Über die Wirkung narrativer Diskurse. Wiesbaden: Springer. 66-132

[6] Arnold, Markus (2012), Erzählen. Zur ethisch-politischen Funktion narrativer Diskurse“. In: Arnold, Markus/Dressel, Gerd/Viehäver, Willy (Hrsg.): Erzählungen im Öffentlichen. Über die Wirkung narrativer Diskurse. Wiesbaden: Springer. 17-63