Wie viel Kunst leisten wir uns?
Wie viel Kunst leisten wir uns?

Wie viel Kunst leisten wir uns?

Figur am Turm der Kathedrale Notre Dame in Paris © Karin Lachmann Figur am Turm der Kathedrale Notre Dame in Paris © Karin Lachmann
Bei öffentlichen Bauten wird ein Prozent für Kunst ausgegeben. Weiß das eigentlich der Steuerhahler? Viele  Kunstwerke verstauben später in nicht zugänglichen Depots, schreibt Gotthilf Steuerzahler.

Wenn unser Staat baut, stellt er einen kleinen Prozentsatz der Baukosten für Kunst am Bau zur Verfügung. Meist werden mit diesem Geld Skulpturen, Installationen, Mosaike, Brunnen, Wandmalereien und ähnliche Kunstwerke angeschafft, die mit dem Bauwerk oder dessen Freiflächen fest verbunden sind. Die Begründungen für die Förderung von Kunst am Bau haben sich im Laufe der Zeit gewandelt, die Ausgaben sind geblieben.

Ursprünglich sollte durch Kunst am Bau die finanzielle Not von bildenden Künstlern gelindert werden, deren wirtschaftliche Situation nach dem Zweiten Weltkrieg äußerst schwierig war. Dementsprechend ersuchte der Deutsche Bundestag im Jahr 1950 die Bundesregierung, bei allen Bauaufträgen des Bundes (Neu- und Umbauten) einen Betrag von mindestens ein Prozent der Auftragssumme für Werke bildender Künstler vorzusehen.

Kunst am Bauhof

Die Länder und auch viele Kommunen schlossen sich dieser Linie an und geben seitdem ebenfalls Geld für Kunst am Bau aus. Heutzutage wird Kunst am Bau mit der baukulturellen Verantwortung und der Vorbildfunktion der öffentlichen Bauherrn begründet. Es geht also letztlich um Fragen der Repräsentation und Selbstdarstellung der öffentlichen Hand. Die Förderung der Kunst am Bau hat bisher allen Einsparbemühungen getrotzt, Jahr für Jahr fließen Millionen an Steuergeldern in diesen Bereich.

Zeitweise betrug der für Kunst am Bau einzusetzende Anteil der Baukosten des Bundes und einiger Länder sogar zwei Prozent. Inzwischen ist man als Ergebnis von Kürzungsdiskussionen wieder bei einem Prozent angelangt. Diese Vorgabe bezieht sich sowohl auf die Kosten des Bauwerks und der Außenanlagen als auch auf die Kosten der technischen Anlagen.

Bei Gebäuden mit umfangreicher Technikausstattung – vor allem im Hochschulbereich – ergeben sich aufgrund der hohen Technikkosten unverhältnismäßige Aufwendungen für Kunst am Bau. Zwischenzeitlich haben der Bund und die meisten Länder reagiert und die Ausgaben für Kunst am Bau auf die reinen Bauwerkskosten und die Kosten der Außenanlagen beschränkt. Bei anderen Ländern steht eine entsprechende Änderung noch aus.

Ärgerlich ist es auch, dass beim Bau von reinen Zweck- und Funktionsgebäuden Geld für Kunst am Bau ausgegeben wird. Das gilt zum Beispiel für Bauhöfe oder Autobahnmeistereien im Außenbereich ohne jeglichen Publikumsverkehr. Auch hier müsste es Änderungen der Vorschriften geben, damit bei diesen Bauten die Vorgaben für Kunst am Bau nicht länger gelten.

Mitspracherecht der Künstler

Über die Aufträge für Kunst am Bau entscheidet in der Regel eine Jury im Rahmen eines Wettbewerbs. In dieser Jury sind gewöhnlich auch die späteren Nutzer des Bauwerks vertreten. Die nutzenden Dienststellen werden mit ihren Kunstwerken jedoch nicht immer glücklich. Häufig entstehen hohe Folgekosten, an die bei der Auftragsvergabe niemand gedacht hatte.

Kunstobjekte im Freien sind Witterungseinflüssen und zum Teil auch Beschädigungen ausgesetzt und müssen dann mit erheblichem Aufwand wieder instand gesetzt werden. Das gilt besonders dann, wenn der Künstler Materialien verwendet hat, die reparaturanfällig sind oder nur eine begrenzte Lebensdauer haben. Dies trifft zum Beispiel auf Licht- oder Videoinstallationen zu, für die nach einigen Jahren kaum Ersatzmaterialien zu bekommen sind.

Die betroffenen Verwaltungen müssen sich bei Instandsetzungen überdies mit dem Künstler ins Benehmen setzen. Zwar gehen nach der Fertigstellung eines Kunstwerks die Eigentumsrechte auf die öffentliche Hand über, dem Künstler verbleibt jedoch aus Gründen des Urheberrechts ein umfassendes Mitspracherecht bei allen Änderungen, die an dem Kunstwerk vorgenommen werden. Bei verstorbenen Künstlern bedeutet dies, dass die betreffende Dienststelle noch Jahrzehnte nach Fertigstellung des Kunstwerks die Erben ausfindig machen muss, um deren Einwilligung für eine notwendige Instandsetzung einzuholen.

Dem sollte dadurch vorgebeugt werden, dass vertraglich eine Instandsetzung des Objekts auch ohne Beteiligung des Künstlers vereinbart wird. Im Übrigen sollten die nutzenden Verwaltungen ein stärkeres Gewicht bei den Entscheidungen der Jury haben. Gegen die ausdrücklichen Bedenken der späteren Nutzer, die vor zu hohen Folgekosten warnen, sollten Aufträge an Künstler nicht erteilt werden können.

Wohin verschwinden Werke mit hohem Marktwert?

Angesichts der geschilderten Probleme mit Kunst am Bau verwundert es nicht, dass viele Verwaltungen die ungeliebten Objekte still und heimlich abbauen und irgendwo einlagern. Das Wissen um den Standort solcher Kunstwerke kann dann mit der Zeit verloren gehen. Zwar erfassen die öffentlichen Stellen die vorhandenen und die neu hinzu kommenden Kunstwerke und deren Standorte. Gleichwohl ergab vor kurzem eine Überprüfung in einem süddeutschen Bundesland, dass Hunderte von Objekten nicht mehr auffindbar waren, darunter auch Kunstwerke mit hohem Marktwert.

Ja, es kommt gelegentlich vor, dass Werke junger Künstler vor langer Zeit für wenig Geld angekauft wurden, die heute auf dem Kunstmarkt viele Millionen erzielen würden. Die öffentlichen Stellen haben es aber bisher nicht gewagt, entsprechende Erlöse für die Staatskasse zu realisieren. Der Widerstand in der Öffentlichkeit war enorm, sobald solche Überlegungen bekannt wurden. Hierzulande gilt, dass die öffentliche Hand sich von Kunstwerken nicht trennen darf, selbst wenn diese in Depots verstauben und dem interessierten Publikum gar nicht zugänglich sind!

Die Stimmen, die in früherer Zeit die komplette Abschaffung von Kunst am Bau forderten, sind inzwischen verstummt. Die Vertreter des Staates würden es sich auch nicht nehmen lassen, zumindest bei bedeutenden Bauten ihrem Selbstdarstellungsbedürfnis zu frönen, zumal es bei Kunst am Bau ja auch nicht um hohe Millionenbeträge geht. Wir braven steuerzahlenden Bürger können uns immerhin an dem einen oder anderen Kunstwerk erfreuen, wenn wir ein öffentliches Gebäude besuchen. Und es bleibt uns der Trost, dass das Geld für Kunst am Bau im Lande geblieben ist und nicht irgendwo in Südeuropa versenkt wurde.