Die linke DNA unserer Gesellschaft
Die linke DNA unserer Gesellschaft

Die linke DNA unserer Gesellschaft

Wie bewerten wir Linksextremismus? Der ideologischen Umverteilung liegt eine linkshumanistische Denkweise zugrunde, die inzwischen die DNA unserer Gesellschaft bildet.

Im sächsischen Geithain zerkratzten Neonazis das Auto der CDU-Bürgermeisterin. Aufschrei? Fehlanzeige!“ So beklagte Michael Kraske im Cicero die Teilnahmslosigkeit der Öffentlichkeit angesichts rechter Gewalt. Dabei wirft die immerhin Jahre zurückliegende Untat an einer Nahtstelle des Weltgeschehens seiner Ansicht nach ein bezeichnendes Licht auf die Teilnahmslosigkeit der Medien, die dann doch lieber über so etwas wie die Blockupy-Ausschreitungen in Frankfurt mit 150 verletzten Polizisten berichteten.

Doch nicht nur Kraske hat damit ein Problem, denn in der Wahrnehmung von linker und rechter Gewalt (vergl. GEOLITICO, „Die neue Links-Scharia“)und den daraus gezogenen Folgerungen und Forderungen ist sich der intellektuelle Überbau der Republik ziemlich einig: Die Linken meinen es im Grunde gut, deshalb schaut man dort besser weg, die Rechten sind menschenfeindlich und gehören an den Pranger, wenn sie auch nur ein Streichholz auf den Boden schmeißen. Prototypisch kam dieses Denken bei einem Zeit-online-Artikel zum Ausdruck[1]: Linksextreme wollten ja nur die gesellschaftlichen Werte radikal umverteilen und das sei, solange es gewaltfrei geschehe, nichts Schlimmes. Wir merken uns die Stichwörter linksextrem, gewaltfrei und Umverteilung. Das passt zusammen wie amüsieren, schmerzfrei und Enthauptung.

Unversöhnliche Feindschaft

Keineswegs schmerzfrei ist allerdings die Vorstellung, dass der Autor Christian Bangel für ein ehemals seriöses deutsches Massenmedium arbeiten darf und für seinen intellektuellen Offenbarungseid auch noch Geld bekommen hat. Für ihn sind Linksextreme „vielleicht Dogmatiker oder Träumer, aber weder menschenverachtend noch gefährlich für andere“. SIC!

Ähnlich souverän formuliert er die Gegenthese, nach der Rechtsextreme selbst dann gefährlicher sind, wenn sie völlig gewaltlos auftreten. Wie gesagt, Bangel ist paranoid, irregeleitet und prototypisch krass, aber er steht für eine vom Mainstream akzeptierte Grundhaltung, die zu einer massiven Ungleichbehandlung der radikalen politischen Flügel führt. Bei linken Gewalttaten steht mir dazu immer das Bild eines Mannes vor Augen, dem ein Kampfhund gerade die Wade zerfleischt, während das Herrchen entspannt daneben steht und sagt „Der ist nicht gefährlich, der will nur spielen“.

Apologeten einer neuen rechten Gefahr könnten sich ihrer Fragestellung mit Beobachtungen aus der Realität nähern und Gewalttaten, Opfer und Schäden ins Verhältnis stellen, doch eine solche empirische Basis ist nicht gewollt, und wenn man sich doch darauf einlässt, wird gelogen, dass sich die Balken biegen. Dazu später mehr.

Der ideologischen Umverteilung auf virtueller Basis liegt eine linkshumanistische Denkweise zugrunde, die inzwischen die DNA unserer Gesellschaft bildet. Danach gehört die Sympathie allen, die den Kapitalismus infrage stellen, und unversöhnliche Feindschaft jenen, die die programmatische Gleichheit aller Menschen infrage stellen. Mittels dieses Kurzschlusses wird jeder gewaltsam zu Tode gekommene Ausländer oder Migrant ein Opfer von Rechtsradikalismus und jeder, der in Erwägung zieht, dass ein Deutscher und ein Nichtdeutscher sich unterscheiden, mutiert zum Neonazi.

Konzeptionelle Brutalität

Bei Bangel liest sich das so: „Neonazis (dis-)qualifizieren Menschen vor allem nach angeborenen Merkmalen: Ethnie, Hautfarbe, Geschlecht. Deshalb ist ihre Weltsicht selbst dann menschenverachtend, wenn sie gewaltfrei auftreten.“ So wird, nicht nur von ihm, eine völlig willkürliche Verurteilungshierarchie aufgestellt und anschließend im Zirkelschluss die eigene These bewiesen. Warum aber sollte der Hass gegen Geschäftsleute, Andersdenkende oder Staatsvertreter automatisch weniger bösartig oder gefährlich sein als die Ablehnung von Fremden? Warum wäre „angeboren“ ein stärkeres Kriterium als „erworben“? Fragen, die weder wir noch die Bangels dieser Welt uns beantworten können.

Stattdessen formuliert der Menschenfreund der Zeit noch den üblen Dysphemismus der „konzeptionellen Brutalität“, also sozusagen den Tatbestand einer brutalen Harmlosigkeit. Und Bangel kommt dann – wenn man im Recht ist, darf man auch lügen – auf wundersame Weise auf 150 Todesopfer rechtsextremer Gewalt von 1990 bis 2011.

Das hat Zeit online sicher exklusiv, zumal es bei einer Beurteilung sowieso nicht auf nackte Zahlen von Extremfällen ankäme, sondern auf die systemische Bedeutung einer Bewegung. Wahrscheinlich hätte man, wäre es nur in den Berichtszeitraum gefallen, auch Khaled Bahray dazugezählt, den Dresdner Asylbewerber, der Anfang des Jahres von seinem Flüchtlingsheim-Mitbewohner Hassan S. ermordet wurde – was sich leider erst herausstellte, als schon 600 Vermummte ihrer Sache „Rassistenmord“ sicher, im Prinzip gewaltfrei und nur an gerechter Umverteilung interessiert, Gebäude und Polizisten attackierend durch die Stadt gezogen waren.

„Gewalt gegen Polizisten vermittelbar“

Aber Polizisten unterliegen ja für Bangel und andere Antifaschisten auch nicht den Menschenrechten, wenn überhaupt einem menschlichen Status. Das ist denen „konzeptionell brutal“ egal. Schließlich sind Polizisten nicht etwa Verteidiger der öffentlichen Ordnung, sondern Vertreter des kapitalistischen Systems, das weggebombt gehört. Das ist jetzt ausnahmsweise keine sarkastische Polemik von mir – ich hätte das gar nicht so absurd formulieren können, sondern offizielle Argumentation zumindest in linksextremen Kreisen.

Und der Mainstream schließt dazu wohlwollend die Augen. Der Verfassungsschutz immerhin zählte nicht nur zunehmende Gewalttaten bei Linksautonomen, sondern beschreibt auch neue Taktiken, die vermehrt auf geheime, versteckte Aktivitäten setzen. Der Kampf gegen den Staat werde mit einer „Kleingruppentaktik“ geführt. Es gebe strategische Diskussionen, wie viel Gewalt gegen Menschen in der Szene vermittelbar sei. „Dabei wird die Gewalt gegen Polizisten als vermittelbar angesehen, weil sie Staatsvertreter sind. Da wird gezielt der heimtückische Angriff gesucht.“

2013 stieg die Zahl der linken Gewalttaten um 28% (auf 1659), während die rechten leicht abnahmen (auf 837). Bei der Zahl der verletzten Opfer (links 877, +28% und rechts 730, + 1%) und versuchten Tötungen (je vier) halten sich nach der Statistik des Innenministeriums rechts und links einigermaßen die Waage. Angesichts dieser Zahlen forderte der linke „Freitag“ sicherheitshalber, diese Statistik komplett abzuschaffen[2].

Denkfehler

In einer Gesellschaft, in der die meisten Schlüsselstellen tendenziell linkslastig besetzt sind, sind Berichte und Statistiken zur Frage der Gefährlichkeit der verschiedenen Extremismen zwar mit Vorsicht zu betrachten, beziffern aber dennoch den Linksextremismus durchgängig als signifikant gefährlicher. Da hilft nicht einmal, dass in den Kriminalitätsstatistiken der Anteil der Rechten mit sogenannten Propagandadelikten, also gewaltfreien Taten, aufgeblasen wird. Schlimmer allerdings, dass der Verfassungsschutz zwischen links und linksextrem motivierten Straf- und Gewalttaten unterscheidet und linksmotivierte Taten gar nicht erst in die Statistik aufnimmt.

Die linke Argumentationsstruktur entspringt dem Denkfehler unserer Gesellschaft, dass nicht Fakten und Schäden, sondern die Gesinnung für die Bewertung einer Tat ausschlaggebend ist. Das zeigt sich immer wieder beispielhaft bei Mördern oder Vergewaltigern, die unter Alkoholeinfluss oder sonstiger Unzurechnungsfähigkeit mit geringen Strafen oder Freisprüchen davonkommen, und mit ziemlicher Sicherheit wäre auch der Pilot der Germanwings-Maschine, hätte er denn überlebt, mit einem Berufsverbot und zwei Jahren Psychiatrie nach Hause gegangen. Schuld und Vorsatz sowie das Phantom vom Freien Willen bestimmen weiter nachhaltig und fatal unser Denken.

Diese Schuldermittlung ist zudem nicht objektiv, sondern abhängig von der Beurteilung durch den oder die ideologisch Machthabenden. Sie ist dadurch subjektiv und nicht demokratisch legitimiert. Dann spielt es eben keine Rolle mehr, dass die extreme Linke den Pluralismus und die demokratischen Grundrechte abschaffen will und sich bewusst außerhalb des Verfassungskonsens stellt. Sie beißen ja nicht, sie wollen nur spielen.

Fahrlässige Falschbewertung

Um das auch noch einmal klar zu sagen: In vereinzelten Regionen mit ohnehin hohem Gewaltpotenzial verbreiten gewiss rechtsorientierte Banden und Gruppen Angst und Schrecken. Sie tun scheußliche Dinge und attackieren mit Vorliebe unschuldige Menschen, die ein von den Deutschen unterschiedliches Erscheinungsbild haben. Die fremdenfeindlichen Taten (wie auch die politisch motivierten Taten von Fremden) nehmen zu. Das ist furchtbar und muss mit allen Mitteln der Zivilisation bekämpft werden. In diesem Beitrag geht es aber um die Gewichtung einer Gefahr von Links- und Rechtsextremismus für dieses Land und für die Menschen, die in ihm leben. Und hier gibt es eben nicht nur eine so offensichtliche wie unterbewertete Diskrepanz in Radikalität und Gewaltpotenzial, sondern auch eine fahrlässige Falschbewertung durch die Verantwortlichen.

Wie gefährlich die Rechtsextremen sind, hat Herr Kraske (das ist der mit den Lackkratzern) dankenswerterweise krass zusammengetragen. Da wurde in Dortmund ein Journalist mutmaßlich von Neonazis mit Steinen beworfen. Vor der Wohnung der linken Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau wurde demonstriert. Journalisten erhalten fingierte Todesanzeigen. Steine wurden auf ein verbarrikadiertes Vereinsheim geworfen. Und dann ist fast schon Schluss mit der Aufzählung, fügen wir also selbst noch den kürzlichen Brandanschlag auf ein leeres Flüchtlingsheim in Tröglitz dazu. Wie muss es im Bewusstsein eines Journalisten aussehen, der glaubt, auf solcher Datenbasis eine verurteilende und polarisierende Streitschrift verfassen zu können und daraus auch noch politische Folgerungen und Forderungen zieht.

Unterstellungen und Unwahrheiten

Er vertraut stattdessen auf Unterstellungen und Unwahrheiten. Die nachweislich falsche Behauptung, „Lügenpresse“ sei Nazi-Jargon, ist dabei nur ein vernachlässigbares Beispiel. Schlimmer sind die infamen Zusammenhänge, die er unbewiesen und unbeweisbar herstellt. So behauptet er:In der Pegida-Hochburg Dresden verdoppelte sich die Zahl der rassistisch motivierten Gewalttaten sogar.“ Was denn, von zwei auf vier? Und wer hat das gezählt, die Antifa? Für welchen Zeitraum wurde verglichen, und was überhaupt soll das Ganze mit Pegida zu tun haben?

Dem in der aufgeheizten Debatte um Sachlichkeit bemühten Politikwissenschaftler Werner Patzelt unterstellt er, er habe „in Interviews fortwährend den absurden Eindruck erweckt, bürgerliche Fremdenfeindlichkeit sei per se weniger radikal und problematisch als die von Neonazis.“ Das soll tatsächlich nichts anderes heißen, als dass jeder einfache Bürger, der über zuwandernde Nachbarschaft nicht erbaut ist, mit einem Neonazi gleichzusetzen sei. Kein Wunder übrigens, um in der Kraske-Logik zu bleiben, dass Patzelt so absurde Sachen sagt, schließlich ist er ja einer dieser Dresdner. Wie war das mit der Verurteilung von Volksgruppen?

Jedenfalls habe „Pegida den völkischen Rassismus wieder diskursfähig gemacht. … Seite an Seite mit Neonazis zu demonstrieren, schien über Nacht ebenfalls akzeptabel.“ Meint er etwa, dass 15.000 Menschen hätten zuhause bleiben sollen, weil sich zwei Nazis in die Demo gemogelt hatten? Nein, er meint, dass angesichts der Thematik der Demonstrationen 15.000 Nazis unterwegs waren. Was für ein Weltbild, was für eine Vorstellung von Pluralismus und freier Meinungsäußerung.

Schäuble als Zeuge

Hier zeigt sich die szenetypische, im Prinzip peinliche, aber umso wirksamere Verallgemeinerung aller politisch unkorrekten Denkströmungen von Mitte bis Rechtsaußen: Egal ob Pegida, Nazis, Neonazis, AfD oder einfach Nichtlinks – jeder fällt unter dieselben Vernichtungskriterien. Meine Behauptung klingt platt? Rufen wir unseren Bundesfinanzminister in den Zeugenstand („Die Null steht weiter“, wobei mit der Null aus gegebenem Anlass wohl nicht Herr Schäuble gemeint sein kann). Seiner Aussage nach „propagiert die AfD Fremdenfeindlichkeit, instrumentalisiert Ausländerkriminalität und verunglimpft offene Grenzen“. Sie sei eine Gruppierung, „die hemmungslos alles demagogisch missbraucht, was man missbrauchen kann“.

Für alle diese Vorwürfe fehlt ihm bei den immer noch sehr auf ihr Kernthema fokussierten Eurokritikern natürlich jeder Beleg, aber gerade die ehemals konservative CDU versucht krampfhaft, sich von der Mitte zu distanzieren. Man bettelt um die Mitgliedschaft in der Peergroup der historischen Sieger, und das sind immer die, die im Lande die Bewusstseinskontrolle haben. Jedenfalls solange, bis sie das Ding vor die Wand gefahren haben.

Liebe Leserinnen und Leser, das ist bis September der vorerst letzte Beitrag von Konrad Kustos. Auch er braucht mal Urlaub!

Anmerkungen

[1] Christian Bangel, „Schafft das Wort Extremismus ab!“, Zeit Online vom 24. November 2011

[2] Felix Werdermann, „Verzerrtes Bild linker Gewalt“, der Freitag vom 8. Mai 2014

Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel