Festerling über Rechts-Vorwürfe
Festerling über Rechts-Vorwürfe

Festerling über Rechts-Vorwürfe

Dass man sie rechts verorte, sei ihr egal, sagt die Dresdener Bürgermeister-Kandidatin Tatjana Festerling im GEOLITICO-Interview. Aber: „Ich bin weder rechtsextrem noch radikal.“

Frau Festerling, Sie wollen als Kandidatin der Pegida-Bewegung Oberbürgermeisterin der Stadt Dresden werden. Wie kamen Sie überhaupt zu Pegida, Dresden und dem Orga-Team um Lutz Bachmann?

Tatjana Festerling: Ich habe das sehr aufmerksam verfolgt als in den Medien die ersten Berichte über die Demonstrationen in Dresden auftauchten. Anfang Dezember habe ich mir gesagt: Egal, wie viele Kilometer das sind, ich fahre jetzt nach Dresden und schaue mir das an.

Und, wie war ihr Eindruck?

Festerling: Überwältigend. Diese friedlich demonstrierenden Massen haben mich sehr berührt. Und es war wieder ein Beleg dafür, dass Menschen, die auf offenkundige Missstände hinweisen, von der Mehrzahl der Medien in ein falsches Licht gerückt werden. Ich bin dann zu Lutz Bachmann gegangen und habe ihm gesagt, dass er meine Hochachtung hat. Trotz seiner Vergangenheit. Aber hier ging es nicht um einen Musterschülerwettbewerb und seine Vorgeschichte hatte auch nichts mit dem Anliegen der Demonstrationen zu tun.

Wie kam es dann zu ihrem Engagement bei Pegida?

Festerling: Einige aus dem Orgateam kannten mich aus dem Internet im Zusammenhang mit meiner Darstellung der Hogesa-Proteste in Köln, die übrigens auch ganz anders war, als die offizielle Berichterstattung.

Woher rührte ihr Interesse an den Protesten der Hooligans?

Festerling: Die „Hooligans gegen Salafisten“ kurz HoGeSa, waren Ende Oktober die ersten, die in großer Anzahl gegen den radikalen Islam auf die Straße gingen. Ich las auf Facebook davon und ahnte gleich, das könne etwas Besonderes sein und wollte es mir vor Ort anschauen. Hools, die es schaffen, ihre jahrzehntelange, tiefe Vereinsfeindschaft zu überwinden, um gemeinsam gegen Salafisten zu demonstrieren – das ringt mir noch heute Respekt ab. Diese Überwindung der Spaltung, dieses Gemeinsame ist etwas, das wir uns alle zum Vorbild nehmen sollten.

Was meinen Sie mit der „Überwindung der Spaltung“?

Festerling: Können wir uns vorstellen, wie der Antifa-Mann mit dem Konservativen konstruktiv um ein für alle Seiten zufriedenstellendes Gesellschaftsmodell ringt? Ich habe viele Hooligans persönlich kennengelernt, hochanständige, kluge, warmherzige Männer und Frauen, und es tut mir regelrecht weh, wie dieses Menschen, die arbeiten gehen, Steuern zahlen, Familien haben und sich Sorgen über die Zukunft Deutschlands machen pauschal als Rechte, als Nazis verdammt und diskreditiert werden.

Facebookseite "Solidarität mit Tatjana Festerling"

Facebookseite „Solidarität mit Tatjana Festerling“

Wie gehen Sie selbst mit dem Vorwurf um, „rechts“ zu sein?

Festerling: Der Rechts-Vorwurf ist mir völlig egal. Im Gegenteil, ich sehe es überhaupt nicht als Vorwurf, sondern als Notwendigkeit, dass der politisch rechte Flügel endlich besetzt wird. Ich habe in meinem Leben gelernt, dass es immer und überall auf Ausgleich und Balance ankommt. Wenn es sich links pulkt und knüllt und staut, dann muss es schon allein aus symmetrischen Gründen rechts eine Ausweichmöglichkeit geben. Ich bin weder rechtsextrem noch radikal, das ist mir wichtig zu betonen. Aber wenn unter „rechts“ das Bewahren des Eigenen, ein moderner Konservatismus, ein Innehalten, ein Reflektieren, ein Nationalbewusstsein, Kulturstolz und Heimatliebe verstanden werden – ja, dann bin ich ruhig rechts. Als freiheitsliebender Mensch, der den Menschen viel zutraut, will ich perspektivisch so wenig Staat wie nötig und so viel Eigenverantwortung wie möglich!

Sie waren mal in der AfD. Wie sehen Sie die Partei heute?

Festerling: Die führenden Protagonisten der AfD befinden sich seit zwei Jahren im Tanzkurs: ein Schritt vor, einen zurück, zwei zur Seite. Diese Partei beschäftigt sich ausschließlich mit ihren Protagonisten und sich selber und ist so zur ganz großen politischen Enttäuschung der Wähler und der ehemals hochmotivierten Mitglieder geworden. Ein großer Teil dieser AfD-Funktionsträger sind schlicht Opportunisten aus anderen Parteien, die sich Posten gesichert haben und diese nicht aufs Spiel setzen wollen. Ich habe viele wunderbare Menschen in der Partei kennengelernt, die noch heute Mitglied sind und auf ein gutes „Ende“ hoffen. Viele AfD Mitglieder gehen selbstverständlich regelmäßig zu Pegida und ließen sich das auch nie von Lucke oder Henkel verbieten (siehe GEOLITICO „Das Scheitern des Bernd Lucke„). Richtig übel nehme ich der Partei die Nummer mit der „zufällig“ zu früh abgeschickten Pressemitteilung über den Vorstands-Rücktritt von Lutz Bachmann. Der sich daraufhin genötigt sah, zurück treten zu müssen. Diese Strippenzieherei hätte Pegida beinahe kaputt gemacht.

Wie bewerten Sie die aktuellen Vorgänge in der AfD?

Festerling: Bernd Lucke ist ein klassischer Narzisst, der keine Leute mit Potential neben sich duldet. Das vorsichtige Taktieren der Partei und das leise Einschleichen in Strukturen, um nur ja nicht anzuecken, wird nicht funktionieren. Die Leute wollen eine Alternative und keine neue Liberallala-Partei. Das ist alles sehr schade, war aber absehbar. Vielleicht kommt es jetzt zur Trennung der Landesverbände in Ost und West.

Wie will die Politikerin Festerling die Menschen auf ihre eigene Kandidatur in Dresden aufmerksam machen?

Festerling: Ich habe immer gesagt: Es geht nur gemeinsam, das heißt, diesen Wahlkampf werden wir gemeinsam gestalten. Wir werden mobile Wahlkampfsäulen haben, Anhänger, die durch die Stadt fahren, viele Flyer verteilen, und natürlich auch Plakate hängen. Jeder Pegida-Spaziergänger wird zugleich auch Wahlkämpfer für mich!

Im Stadtrat hätten Sie es mit einer rot-grünen Mehrheit zu tun. Wie wollen Sie ihre Gegner inhaltlich stellen?

Festerling: Zur Politik gehören Auseinandersetzungen und das Ringen um die beste Lösung zum Wohle des deutschen Volkes und der Dresdner Bürger. Und ich werde konsequent die Interessen der Bürger vertreten, die sich durch diesen Stadtrat nicht repräsentiert sehen. Und das sind sehr viele. Die größte Wählergruppe – die der Nichtwähler – wird bisher überhaupt nicht vertreten.

Tatjana Festerling © GEOLITICO

Tatjana Festerling: Die Mutter zweier erwachsener Kinder ist geschieden, arbeitete in ihrem Beruf als gelernte Journalistin als Pressesprecherin eines Bahn-Unternehmens und ist heute selbstständige Marketing-Unternehmerin. Sie liebt die Natur, Yoga, Psychologie, Lesen, Nachdenken und Kochen.
© GEOLITICO

Welche Schwerpunkte will die Politikerin Festerling langfristig für Dresden setzen?

Festerling: Dresden hat das Potenzial, die heimliche Hauptstadt als politisches, wissenschaftliches und kulturelles Zentrum und die Keimzelle für eine Neugestaltung Deutschlands zu werden. Ich sehe Dresden vor allem als Familien freundliche Kulturhauptstadt und Wissenshochburg Deutschlands, in der Familien und Kinder wertgeschätzt und durch ein hohes Bildungsangebot vielfältig gefördert werden. Dresden kann Vorbild einer Großstadt sein, die ihre Zuwanderung selbstbewusst so regelt, dass sie wahrhaftig bereichernd, kultursensibel und integrationsfähig läuft. Wir müssen einen gesunden Mix finden, in dem stolz Altes bewahrt und Zukunftweisendes geschaffen wird.

Erinnern Sie sich an ihre erste Begegnung mit Dresden?

Festerling: Ja, ich war sofort im Jahr nach der Wende mehrfach in Dresden. Dazu gibt es eine Geschichte. Meine Tochter Florentina wurde Ende 1988, mein Sohn Caspar Felix im Februar 1990 geboren. Im Mai 1990 war ich zum ersten Mal mit beiden Kindern in Dresden und spazierte mit Kinderwagen am Elbufer. Wir kamen zu zwei weißen Schiffen, die hintereinander lagen. Das erste hieß „Florentina“, das zweite „Caspar“. Ich dachte, mich trifft der Schlag. Die Prospekte beider Schiffe liegen noch heute in den Fotoalben meiner Kinder. Silvester 90/91 habe ich auch in Dresden verbracht, bei einem schönen Ball im Hotel „Bellevue“.

Was sagen ihre Kinder dazu, dass Sie nun als das Gesicht der Pegida durch die Medien gehen?

Die sind es gewohnt von mir, dass ich mich einbringe und Farbe bekenne. So habe ich sie auch erzogen.

Wie geht es mit Ihnen und Pegida nach dem 7. Juni weiter?

Festerling: Gehen wir mal davon aus, dass es mit mir zu einem zweiten Wahldurchgang kommt und das hieße noch einen Monat weiter Wahlkampf in Dresden. Im Sommer brauche ich Zeit zum Sammeln, Strukturieren, für die Wohnungssuche und meinen Umzug nach Dresden. Pegida wird sich bei kommenden kommunalen Wahlen mit unabhängigen Bürgermeistern, Landräten beteiligen und sich so in den Kommunen weiter verwurzeln können. Der Zusammenhalt untereinander ist enorm, die 10.000 Menschen sind wie eine große Familie geworden. Ich persönlich habe meine Wahl schon getroffen. Ich bleibe auf jeden Fall hier und werde meinen Wohnsitz dauerhaft nach Dresden verlegen.

Anmerkung

Siehe auch: „Gewaltdrohungen gegen Festerling„, GEOLITICO vom 13. April 2015