Nur kein Kniefall vor den Medien!
Nur kein Kniefall vor den Medien!

Nur kein Kniefall vor den Medien!

Zeitungsstapel / Quelle: Wikipedia/Daniel R. Blume Zeitungsstapel / Quelle: Wikipedia/Daniel R. Blume
Die Gesetze der Mediendemokratie lehren uns: Für eine politische Alternative ist es ein Kulturbruch an sich, Botschaften allein im Mainstream zu verankern.

Hinter politischem Streit könnten sich inhaltliche Differenzen verstecken. Fast immer allerdings sind diese verquickt mit der Suche nach der wirksamsten Politikvermittlung. Und so stellt sich die Frage: Wie erreicht man heutzutage als Politiker den Bürger?

Der Politiker hat drei Optionen:

  •  Er übt vorauseilenden Gehorsam gegenüber dem Mainstream und erhält dafür Präsenz in den Hauptmedien. Nebenwirkung: Es entsteht eine sozialistische Einheitspartei bei Aufgabe des Programms. Bestes Beispiel ist die profillose Merkel-CDU.
  •  Oder er probt den Aufstand gegen die „Lügenpresse“ und ist dafür in unabhängigen Medien präsent. Nebenwirkung: PEGIDA erreicht mehr als 50 Prozent der Bürger überhaupt nicht.[1]
  •  Oder er bemüht sich um eine wohldosierte Präsenz in Systemmedien und in unabhängigen Medien. Problem: Beide Geschmäcker gleichzeitig zu bedienen ist schwierig. Wenn man den Hauptmedien gegenüber den Kniefall macht, schreit das Internet: „Verrat!“ Ist das Internet zufrieden, holen die Hauptmedien die Nazikeule raus[2].

Bei Nachrichten ist die ARD nicht gefragt

Für die Auswahl der Kommunikationsstrategie ist wichtig zu wissen: Wen erreichen eigentlich die Bezahlmedien?

Vor 25 Jahren hatten die Tageszeitungen eine Markdurchdringung von 65 Prozent, das Fernsehen von 80 bis 90 Prozent. Heute beträgt die Durchdringung der Tageszeitungen weniger als 30 Prozent, die des Fernsehens etwa 60 bis 70 Prozent. Das heißt, 30 bis 40 Prozent der Wähler werden von den Systemmedien nicht erreicht.

Nur 13 bis 14 Millionen Zuschauer täglich sehen die öffentlich-rechtlichen Programme. Das sind etwa 18 Prozent der möglichen Zuschauer.  Eine Umfrage der ARD hat ergeben, dass die öffentlich-rechtlichen Programme beim Thema  Unterhaltung und Sport vor dem Internet führen, bei Nachrichten und Information jedoch zurückliegen. Gerade der Themenbereich, der als Begründung für die Privilegierung der öffentlich-rechtlichen Programme dient, wird von den Konsumenten so nicht akzeptiert. Diese Daten legen nahe, sich nicht einseitig auf die Hauptmedien zu orientieren.

Trotzdem sehen Politiker abends ins Fernsehen und lesen morgens die Zeitung. In jedem deutschen Parlament schielen die Abgeordneten bei ihren Reden auf die Pressebank. Den „Presstituierten“ wird politisch korrekt zum Munde geredet.

Am nächsten Tag wird die Zeitung auf loyale Wiedergabe des Gesagten geprüft. Meistens Fehlanzeige. Eine Bundestagsrede wird in der Tagesschau auf einen willkürlich rausgepickten Satz runtergedrechselt. Der Redner kann noch froh sein, wenn er mit einem aus dem Zusammenhang gerissenen Zitat überhaupt gesendet wird.

An ein paar Personen bzw. Parteien kann man die Bedeutung des politischen Medienkonzepts illustrieren.

Raus aus dem Fernsehen

Beppe Grillo führte seinen Tsunamiwahlkampf zum italienischen Abgeordnetenhaus und Senat ausschließlich im Internet und auf den großen Plätzen des Landes.[3] Eine Abgeordnete seiner „5-Sterne“-Partei, die in einer Talkshow des korrupten Staatssenders RAI auftrat, wurde am nächsten Morgen aus der Bewegung im hohen Bogen rausgeschmissen.

Die Presse und der Sender RAI wurden von Grillo auch im Wahlkampf scharf angegriffen. Wohlgemerkt: Er griff das Fernsehen zuerst an, und nicht das Fernsehen ihn. Die erfolgreiche Wahlkampfstrategie brachte auf Anhieb über 25,4 Prozent der Stimmen. Grillo hat große Freiheit beim politischen Agieren.

Die deutschen Piraten waren erfolgreich, solange sie ausschließlich im Internet agierten. Als Johannes Ponader in den Quasselsendungen des Zwangsfernsehens auftauchte, sank der Stern der Piraten augenblicklich. Die Medien hatten ab diesem Moment das Heft des Handelns in der Hand und senkten den Daumen.

Katrin Oertel trat nach internen Diskussionen bei PEGIDA in einer Talkshow des Zwangsfernsehens auf. Dabei schlug sie sich nicht einmal sehr schlecht. Trotzdem war dieser Auftritt das Aus ihrer politischen Wirksamkeit. Für wirkliche Oppositionelle verbietet sich das Staatsfernsehen als Medium.

Die Demo der Pegida-Abspaltung „Direkte Demokratie für Europa“ vor der Frauenkirche in Dresden wollte Gesprächsrunden nach dem Vorbild der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung organisieren und auch mit der Presse reden, so die Sprecherin Oertel. Frau Oertel musste lernen, dass die Presse nur mit ihr reden will, solange sie mächtig ist. Mit falschen Kommunikationsstrategien beginnt der Niedergang jeder Protestbewegung.

Zuerst die Medien angreifen

Das vielbeschriebene Großstadtproblem der CDU ist kein Inhaltsproblem, sondern ein Vermittlungsproblem. Themen, die ein sehr kleinteiliges, atomisiertes, schillerndes und kulturell entwurzeltes Publikum erreichen sollen, können nicht mit Flugzetteln, Canvassing-Ständen, Aufstellern und Fernsehspots transportiert werden. In der Großstadt mit einer verhältnismäßig jungen Bevölkerung spielen die mündliche Kommunikation, die Netzwerke und das Internet eine große Rolle.

Eine wirksame Politikvermittlung setzt auf den Mix aus alternativen und Systemmedien. Letztere vermitteln den Kontakt zu den 60- bis 100jährigen Mitbürgern, die alternativen Medien zu den jüngeren Jahrgängen.

Eine wichtige Anhängergruppe mit den richtigen Mitteln und Themen zu erreichen, ist wichtiger, als alle Bürger diffus mit irgendwelchen Nachrichten zu versorgen.

Wenn man eine Kampagne früh genug beginnt, die Medien von Anfang an hart angreift, und sich gleichzeitig von den Medien so unabhängig wie möglich macht, ist eine Kampagne heute besser planbar und die Risiken sind beherrschbar. Man muss zuerst angreifen, so dass die Schmutzkampagnen der Medien vor dem Wähler wie Selbstverteidigung der Medien wirken.

Elefanten in Grönland auswildern?

Kriecherei vor den Medien bringt keinen Respekt. Man muss den Hauptmedien mit Abschaffung der GEZ und 19 Prozent Umsatzsteuer auf Zeitungen drohen.

Leider wird Zustimmung zu politischen Konzepten nicht nur über die Vernunft und gute Argumente, sondern auch über Emotionen gewonnen. Es muss ein Wir-Gefühl gefüttert werden, eine Wechselstimmung und mystische geheimnisvolle Momente sind zu inszenieren. Eine Partei, die etwas ändern will, allein im zwangsfinanzierten Staatsfernsehen und in den Bezahlzeitungen zu verankern, ist schon ein Kulturbruch an sich.

Alles, was sich an guten Ideen bisher etabliert hat, ist nicht bei der ARD, sondern im Internet kommuniziert worden. Das betrifft die direkte Demokratie, die Eurokritik, eine realistische Energiepolitik oder eine rationale Einwanderungspolitik. Diese Themen im Zwangsfernsehen, das ist als wenn man Elefanten in Grönland auswildert oder einen Tierschutzkongress in der Stierkampfarena abhält.

Anmerkungen

[1] Vergl. Konrad Kustos, „Wie Pegida dämonisiert wird“, GEOLITICO vom 25. Januar 2015

[2] Vergl. Grinario, „Ausgrenzung mit der Nazi-Keule“, GEOLITICO vom 6. Mai 2014

[3] siehe auch Björn Kügler, „Im europäischen Haus herrschen Chaos und Zerfall“, GEOLITICO vom 8. März 2013

Über Wolfgang Prabel

Wolfgang Prabel über sich: "Ich sehe die Welt der Nachrichten aus dem Blickwinkel des Ingenieurs und rechne gerne nach, was uns die Medien auftischen. Manchmal mit seltsamen Methoden, sind halt Überschläge... Bin Kommunalpolitiker, Ingenieur, Blogger. Ich bin weder schön noch eitel. Darum gibt es kein Bild." Kontakt: Webseite | Weitere Artikel