Andreas L. ist nicht alleinschuldig
Andreas L. ist nicht alleinschuldig

Andreas L. ist nicht alleinschuldig

Germanwings-Copilot Andreas L. war psychisch krank. Über das Wesen echter Depressionen wissen die weningsten Bescheid. Wer die Mitschuldigen der Tragödie sind.

Anfängliche Vermutungen verdichten sich zu bitterer Wahrheit: In einer „schweren depresiven Episode“ ist der Copilot der abgestürzten Germanwings-Maschine vor sechs Jahren in psychiatrischer Behandlung gewesen. Aber Andreas L. konnte damals nicht wirklich geheilt werden, denn die Depression kehrte zurück. Auch vor der Tragödie am vergangenen Dienstag befand er sich in „besonderer, regelhafter medizinischer“ Betreuung befunden haben. Er war sogar für den Flugtag krankgeschrieben. In seinen Unterlagen fand die Polizei die zerrissene Krankmeldung.

Depressionen sind längst zu einem Massenphänomen geworden. „Nach Studien der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der Weltbank und des European Brain Council sind Depressionen in Europa und Deutschland seit Anfang der 1990er-Jahre noch vor anderen Volkskrankheiten wie Diabetes mellitus oder koronaren Herzerkrankungen als die gesellschaftlich belastendste Krankheitsgruppe einzuordnen“, schreibt das Robert Koch Institut in einer Studie aus dem Jahr 2010.[1]

Kriterien einer Depressiven Episode

Wenn Ärzte eine Depression diagnostizieren, handelt es sich allerdings nicht um die bei jedem immer wieder mal auftretende Niedergeschlagenheit, die meist durch soziale Stressereignisse, Belastungssituationen, Konflikte oder körperliche Leiden ausgelöst wird. Wenn die auslösenden Momente überwunden sind, hellt sich die Gemütsverfassung wieder nämlich wieder auf. Sie ist folglich keine behandlungsbedürftige psychische Störung.

Anders ist es bei der klinischen Depression. Dazu schreibt das Robert Koch Institut:

„Ein westliches Merkmal ist die Persistenz der depressiven Kernsymptome, die mindestens zwei Wochen lang klinisch bedeutsam ausgeprägt vorliegen und eine deutliche Veränderung gegenüber dem normalen Befinden darstellen müssen. Die Kriterien einer Depressiven Episode erfordern neben den Hauptsymptomen Niedergeschlagenheit/Traurigkeit und Verlust von Interesse und Freude das Vorliegen einer Reihe weiterer Symptome. Zu den Hauptsymptomen wird auch der klinisch-bedeutsame Verlust von Antrieb und Energie gezählt. Neben diesen sind zumindest einige weitere Symptome körperlicher, affektiver, kognitiver und verhaltensbezogener Art erforderlich, um eine depressive Episode zu diagnostizieren.“

Und weil auch das für den Laien noch schwer vorstellbar ist, hat das Institut konkrete Merkmale aufgelistet:

„Hierzu gehören Störungen von Appetit und Gewicht, Schlafstörungen, psychomotorische Störungen, Verlust des Selbstwertgefühls, Konzentrations störungen, Entscheidungsschwierigkeiten sowie suizidales Verhalten. Wenn mindestens fünf dieser Symptome zwei Wochen oder länger vorliegen, wird von Depressiver Episode gesprochen.“

Hohe Wiedererkrankungsrate

Wenn nun bei Copilot Andreas L. von einer „scheren depressiven Episode“ gesprochen wird, zeigen die von den Experten des Robert Koch Instituts aufgelisteten Merkmale, in welchem Zustand sich der junge Mann befunden haben muss. Bei Depressiven sind das subjektive Gesundheitsempfinden und die Leistungsfähigkeit erheblich eingeschränkt. Dadurch sind sie meist für lange Zeit arbeitsunfähig oder nur zu einer sehr geringen Arbeitsproduktivität fähig. Außerdem ist nach der Erstbehandlung bereits davon auszugehen, dass die Krankheit wiederkehren wird. Dazu das Robert Koch Institut:

„Die Wiedererkrankungsrate nach einer depressiven Episode ist hoch; innerhalb von wenigen Jahren nach einer ersten Episode erleben Betroffene häufig eine zweite. Darüber hinaus halten depressionsbedingte Einschränkungen und Behinderungen oft wesentlich länger als die eigentliche Depressionssymptomatik an und können ein Rückfallfaktor sein.“

Depressionen in der Bevölkerung Quelle Robert Koch Institut

Depressionen in der Bevölkerung Quelle Robert Koch Institut

Sollten also die Berichte über den Co-Piloten der Germanwings-Maschine stimmen, ist nachvollziehbar, warum Andreas L. arbeitsunfähig geschrieben wurde. Angeblich hat es sogar einen Eintrag beim Luftfahrtbundesamt gegeben.

Was heißt das in letzter Konsequenz? Für den Tod von 149 Menschen und das unermessliche Leid ihrer Angehörigen ist Andreas L. schuldig, aber nicht alleinschuldig. Auch seine Ärzte und sein Arbeitgeber, die Lufthansa, müssen für die Katastrophe geradestehen.

Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass er die aktuelle Krankmeldung verschwieg. Wenn ein Pilot eine derartige Disposition aufweist, darf er nicht weiterbeschäftigt werden. Der Hinweis der Experten auf die hohe Rückfallquote macht diesen Schritt erforderlich. Wozu es führen kann, wenn dies nicht geschieht, zeigt das Beispiel des Andreas L. Man darf gespannt sein, wie die behandelnden Ärzte und die Lufthansa mit ihrer  Verantwortung  umgehen.

Anmerkung

[1] Robert Koch Institut, Depressionen, Heft 51: https://www.gbe-bund.de/pdf/Depressive_Erkrankungen.pdf

Über Günther Lachmann

Günther Lachmann ist Journalist und Autor. In seinen Beiträgen befasst er sich unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, zuletzt gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel