Tödlicher Humanismus
Tödlicher Humanismus

Tödlicher Humanismus

Wenn die Gemeinschaft im Interesse und zum Vorteil Weniger unter dem Deckmantel der Humanität geschädigt wird, geht als erstes die Menschlichkeit verloren.

Wir aufgeklärten Menschen der Neuzeit sind selbstverständlich dem Humanismus verpflichtet. Unser Handeln richtet sich nach den Geboten der Menschlichkeit.[1] Wir halten den Frieden für das höchste Gut und weitgehende Toleranz für seine Vorstufe. Also verteidigen wir uns nicht, wenn wir angegriffen werden, und tolerieren jene, die sich auf Kosten der Allgemeinheit Vorteile verschaffen. Wir folgen den Geboten der Menschlichkeit und wissen dabei überhaupt nicht, ob und, wenn ja, wie diese definiert werden können.

Vor allem aber bekämpfen wir jeden auf das Unmenschlichste, der sich nicht unserem Humanismus unterwirft. Diesem uneingestandenen Credo folgten die folgenreichen moralischen Debatten und Vorgänge der letzten Monate, was beweist, dass wesentliche Grundpfeiler des Abendlandes keineswegs durch den Islam ins Wanken geraten, sondern selbst auf tönernen Füßen stehen.[2]

„Menschlichkeit beibringen“

Von Anfang an haben weder die alten Griechen noch die Neubegründer des Humanismus zu Anfang des 19. Jahrhunderts ihre wohlklingenden Ideen zu Ende gedacht. In der gegenwärtigen historischen Phase des Niedergangs unserer Zivilisation werden die Begriffe dieser Philosophie nun aber mehr und mehr zu Phrasen im Interesse destruktiver Mechanismen. Die Pegida-Hetze hat gezeigt, dass Menschen die Gedanken des Humanismus zu ihrer eigenen Überhöhung verfremden und dann aus dieser omnipotenten moralischen Position heraus glauben, Anstand, Fairness und Wahrhaftigkeit nicht mehr nötig zu haben. Und sie hat leider gezeigt, dass solche Methoden bei vielen naiven, wohlwollenden Menschen auf fruchtbaren Boden fallen.

Dabei schien der vor 200 Jahren neugeborene Humanismus doch eine Ideenlehre zu sein, die gar nichts falsch machen konnte. Es ging den damaligen Moralisten um Taten der Güte, der Menschenliebe, der Nächstenliebe, der Barmherzigkeit und des Mitgefühls. Erstmals war auch von „unveräußerlichen Menschenrechten“ die Rede. Schon damals aber war die Lehre nicht so unbefleckt, wie sie daherkam. So war es auch eine Herrschaftsphilosophie, die die Ungebildeten einzuschüchtern und von Entscheidungsprozessen fernzuhalten hatte.

Der Philosoph Helmuth Plessner kritisierte in der Rückschau, dass der Humanismus die „überhebliche Auffassung“ impliziere, andere Kulturen zu missionieren und „Menschlichkeit erst beibringen“ zu wollen. Anscheinend eine Erbsünde des Humanismus, denn das gilt auch noch heute.

„Sklavenmoral“

Während man damals durchaus zu Recht über hehre Ziele sann, regierten Kolonialismus, Ausbeutung und Sklaverei. Das allerdings kann man dieser Philosophie noch nicht vorwerfen, denn sie hat tatsächlich mehr Menschlichkeit und anfangs auch Effektivität in die Welt gebracht. Sie setzte eine wichtige Gegenposition zu den Grausamkeiten des Überlebenskampfes. Tatsächlich müssen Humanität und Effektivität auch nicht in einem Gegensatz stehen, wie es heute gerne praktiziert oder vermutet wird. Schließlich haben die Nordstaaten der USA die Sklaverei hauptsächlich deshalb abgeschafft, weil sie nicht so produktiv war wie die Ausbeutung von Lohnabhängigen.

Friedrich Nietzsche kritisierte schon grundsätzlicher, dass das Gegensatzpaar „gut/böse“ Ausdruck einer „Sklavenmoral“ sei. Er schlug in seiner bekannten – und hier sicher auch problematischen – Radikalität vor, gut/böse durch gut/schlecht zu ersetzen. Immerhin hatte er erkannt, dass bloße Emotionalität und die Unterstellung, der Mensch sei von Natur aus gut, verhindere, dass besser funktionierende Gesellschaftsstrukturen entwickelt werden. Wer gut und schlecht zu unterscheiden versucht, verharrt nicht in moralischen Kriterien, sondern betrachtet die Welt als Ganzes.

Humanität ist dennoch ein wichtiges Instrument der Ordnung. Auch mir ist eine friedlichere und fürsorglichere Welt lieber als eine, in der sich alle gegenseitig auf der Suche nach Vorteilen oder dem korrekten Weg zum Glück auf die Köpfe schlagen. Ach, wenn die modernen Humanisten sich doch nur solche Gedanken machten, statt ihre Interpretation der Gerechtigkeit mit Ideologie und Einschränkungen der Freiheit durchsetzen zu wollen. Ohne Humanität jedenfalls wäre die Welt für viele ein schlechterer Platz, würden die Mechanismen des Zusammenlebens stocken, würde der selbstsüchtige Einfluss des Individualismus zunehmen.

Ideologie füllt die Lücken des Systems

Doch ebenso hat die Menschenfreundlichkeit in einer evolutionären Gesellschaft zu enden, wenn Ungerechtigkeiten begangen oder sogar kultiviert werden. Ebenso, wenn sie per Dekret entgegen den vorhandenen Möglichkeiten verordnet wird. Oder wenn aufgrund verdrehter Heilslehren von der Inquisition über den Sozialismus bis zur Political Correctness von grundguten Menschen bei negativen Entwicklungen im besten Fall geschwiegen und im schlechtesten gegen die eigene Absicht gehandelt wird. In all diesen Fällen wird Widerstand zur Pflicht des Demokraten und der Bürger. Oder wie es der olle Plato gesagt hat:

„Wenn die Guten nicht kämpfen, werden die Schlechten siegen.“

Der ‚aufgeklärte’ Mensch bildet sich heute ein, über die Möglichkeit zu verfügen, komplexeste Strukturen nach seinem Willen zu formen. Dabei geht ihm spätestens beim dritten zu berücksichtigenden Parameter intellektuell und praktisch die Luft aus. Ideologie füllt dann die Lücken im System. Dazu ein Beispiel: Für das Überleben der Welt und der Menschheit in Würde ist das Problem der Überbevölkerung schlimmer als (und Voraussetzung für) jede mögliche Klimakrise. Aber die Wahrnehmung dieses Problems wird nicht nur mit allen Mitteln verhindert, sondern mit humanitären Zwangsverordnungen ideologisch unterdrückt.

Durchaus human gedacht werden Nahrungsmittel dorthin geschickt, wo immer mehr Menschen geboren werden, doch damit wird die Gebärfreudigkeit befördert und immer größere Not erzeugt. Es entsteht ein durch Humanität befeuerter Teufelskreis. Die UNO lässt immer tiefere Brunnen bohren, um Menschen in Gebieten mit Wasser zu versorgen, die niemals die dadurch wachsenden Populationen ernähren können. So schafft falsch verstandene Humanität direkt menschliches Elend. Dabei darf außerdem nicht vergessen werden, dass solche ‚Hilfsaktionen’ für diverse Institutionen und Unternehmen erhebliche persönliche Vorteile bringen, aber das ist ein anderes Thema.

Vernunftentfremdeter Humanismus

Und wie haben die humanistischen Kreise in den USA kürzlich gejubelt, als Präsident Obama aus ausdrücklich und angeblich humanitären Gründen an jedem existierenden Gesetz und jeder Vernunft vorbei fünf Millionen illegale Einwanderer nachträglich legalisierte. Die Auswirkungen werden in diesem Land mit ohnehin schon zusammenbrechenden Sozial- und Infrastrukturen für alle Beteiligten, die nicht direkt davon profitieren, katastrophal sein.

Und wie glaubwürdig ist ein Weltfußballverband, der vor jedem Spiel von seinen Spielern monotone Appelle gegen einen diffusen „Rassismus“ vorlesen lässt, der aber seine Weltmeisterschaft für viel Geld an ein Land wie Katar vergibt, in dem Menschenrechte nur deshalb nicht permanent und in unglaublicher Art und Weise verletzt werden, weil es dort eben einfach keine gibt? Wie human, humanitär oder humanistisch ist ein Verband, der absurd hohe Strafen für Vereine ausspricht, bei denen sich ein paar von Zehntausenden Zuschauern rassistisch danebenbenehmen, der aber natürlich nicht auf die Idee kommt, in Katar Aktionen zu planen gegen Gräueltaten des Islam wie Auspeitschungen, Hinrichtungen und Terror gegen Frauen?

Ähnliche Szenarien könnte man heute für jedwede moralisch-politische Fragestellung beschreiben. Das Verhältnis von Funktionalität und Humanität wird nicht mehr gesucht, sondern entweder gnadenlose, menschenfeindliche Macht- und Wirtschaftspolitik oder eben vernunftentfremdeter Humanismus betrieben – wobei dies immer häufiger in Tateinheit geschieht (dazu ein anderes Mal Ausführliches). Als Fazit bleibt nur: Eine solche Variante von Menschenfreundlichkeit kann höchstens noch als ‚virtueller Humanismus’ beschrieben werden.

Er wird über die reine Menschenfreundlichkeit hinaus einer bestimmten Moral unterworfen, der ein utopisches, sozialoptimistisches Menschenbild zugrunde liegt. ‚Gutheit‘, am besten noch in Tateinheit mit ‚Gleichheit‘ wird nicht als naiver Menschheitstraum und diffuses Ziel verstanden, sondern als Naturgesetz mit klaren Definitionsmöglichkeiten. Mit diesem Kunstgriff muss der Zwang zum Gutsein nicht mehr mit so profanen Dingen wie Notwendigkeit, Nützlichkeit oder Sozialverträglichkeit legitimiert werden. Und es steht der perfekte Knebelmechanismus zur Verfügung für alle, die anderer Meinung sind.

Schnittmengen mit den Kreationisten

Für diesen Kunstgriff muss natürlich die Komplexität der Wirklichkeit und damit die Wirklichkeit selber ignoriert werden. Der Wunsch überformt die Wirklichkeit, ersetzt sie durch Virtualität. Eine solche virtuelle Moral schert sich nicht um Fragen wie: ‚Für wen wird gut gehandelt?‘, ‚Welche Legitimation steht dafür zur Verfügung?‘, ‚Hat es der Behandelte überhaupt verdient?‘, ‚Welche Konsequenzen ergeben sich aus dem angeblich guten Handeln für ihn selbst oder für Dritte?‘

So aber wird nicht nur sozialer Fortschritt, sondern selbst die Aufrechterhaltung des bisher Erreichten verhindert. Eine soziale Evolution, solange sie nicht wie bei uns schon geschehen dem Niedergang zum Opfer gefallen ist, funktioniert wie die biologische: Verhaltensweisen, die der Gruppe weniger nützen, werden abgelegt und durch bessere ersetzt. Dies geschieht in einem offenen Wettstreit der Interessen und mit diversen Härten und Rückschritten, aber es geschieht. Eine soziale und/oder eine arbeitsteilige Gesellschaft entwickelt beispielsweise größere Produktivkräfte als der Feudalismus oder der Frühkapitalismus (oder eben der regierende Postkapitalismus) und macht zudem mehr Spaß.

Die Gesetze der Evolution haben aber die Humanisten noch nie groß interessiert. Tatsächlich treffen diese sich hier mit den Kreationisten, die für den Menschen und seine Natur ganz eigene Regeln erfunden haben. Mit willkürlichen Setzungen von höheren Mächten oder einer „Seele“ behelfen sie sich, wo Argumente oder das Verständnis für die Abläufe der Welt fehlen. Die entsprechende Setzung der Humanisten ist die Aushebelung der bisweilen schmerzhaften Evolution durch das ‚Gutsein’. Der Humanismus ist ein verkopfter, missglückter Klon der Evolution. Doch ohne Evolution, so einfach ist das, geht unabhängig von der Motivation der Akteure alles mit erschreckender Konsequenz den Bach runter.

Der Stamm am Wasserloch

Letztlich ist die menschliche Natur ein Fressen und Gefressenwerden, bei dem es der Evolution als einziger vorstellbaren Kraft möglich ist, die Abhängigkeit von Einzelinteressen durch die von Gruppeninteressen zu ersetzen. Die Gruppe kümmert sich um die Alten und Schwachen und sorgt für sozialen Ausgleich – nicht, weil es von humanistischen Predigern gefordert wird, sondern weil es gesellschaftlich nützlich ist. Das Kollektiv ist jedem Individuum, besonders in einer arbeitsteiligen Gesellschaft, immens überlegen. Wenn es der Gruppe gut geht, kann sie sich Menschenfreundlichkeit leisten und wird davon profitieren. Eine Win-win-Situation. Wenn die Gemeinschaft aber im Interesse und zum Vorteil Einzelner oder Weniger oder von Außenstehenden unter dem Deckmantel der Humanität geschädigt wird, ist die Menschlichkeit das erste, das verloren geht.

Unsere gesamte Gesellschaft gleicht dem Leben eines archaischen Stammes an einem Wasserloch. Es können nur die leben, die vom Wasserloch und der von ihm ermöglichten Ökologie ernährt werden. Wenn das Wasser nicht reicht, weil man über seine Verhältnisse lebt, beispielsweise unbeschränktes Wachstum zulässt oder zu viele Fremde integriert, welche der Gruppe nicht weiterhelfen, werden Menschen verhungern und verdursten – mit oder ohne Humanismus.

 

Anmerkungen

[1] vergl.: Konrad Kustos, „Die zur Demut Erniedrigten“, GEOLITICO vom 1. März 2015

[2] vergl. Konrad Kustos, „Wie Pegida dämonisiert wird“, GEOLITICO vom 25. Januar 2015

Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel