Die innere Wahrheit der Ukraine
Die innere Wahrheit der Ukraine

Die innere Wahrheit der Ukraine

Obwohl die Ukraine durch die Sowjetisierung vereinheitlicht wurde, sprechen nicht alle Bürger Ukrainisch und fühlen sich verschiedenen Traditionen zugehörig. Den Westen ignoriert diese Geschichte.

Die Ukraine, seit 1991 ein selbständiger Staat, bildet im Chor der Völker Europas kulturell eine Brücke zwischen den Russen und den westslawischen Völkern am Ostrand Mitteleuropas, den Polen, Slowaken, Ungarn und Rumänen. Sie hat also im Völkerorganismus Europas und im Rahmen seiner vermittelnden Aufgabe zwischen dem großen Ost-West-Gegensatz Asien – Amerika eine wichtige Funktion. Doch das US-Imperium hat West- und Mitteleuropa als eigenständige vermittelnde Instanz bereits weitgehend ausgeschaltet und sich seine Staaten und überstaatlichen Organisationen als Vasallengebilde eingegliedert. Und es strebt danach, seinen Einfluss- und Herrschaftsbereich immer weiter nach Osten vorzuschieben und gegenwärtig die Ukraine aus ihrer inneren Verbindung mit Russland herauszubrechen und dem westlichen Machtbereich einzuordnen, der ja inzwischen auch schon die westslawischen Völker umfasst.

Dazu nutzt das US-Imperium die historisch bedingte Spaltung der ukrainischen Bevölkerung in einen russisch orientierten und einen westlich orientierten Bevölkerungsteil aus, die sich in gleichsam unversöhnlicher Feindschaft gegenüberstehen. In dem lange vorbereiteten Staatsstreich vom Februar 2014 brachte das Imperium im Verein mit der EU seine prowestlichen ukrainischen Agenten und Kollaborateure an die Macht, die willens sind, die ganze Ukraine den US-Vasallen-Institutionen EU und Nato einzugliedern (vgl. GEOLITICO: „So kam der Krieg in die Ukraine“). Das musste nicht nur das Eingreifen Russlands, das seine Sicherheitsinteressen in höchstem Maße gefährdet sieht, sondern auch den Widerstand der russisch-orientierten Bevölkerung der Ostukraine hervorrufen, die sich dem Diktat des Kiewer Putsch-Regimes nicht unterwerfen will. Dieses setzte mit der westlichen Schutzmacht im Rücken die ukrainische Armee zur gewaltsamen Unterwerfung ein, was den Beginn des seit Sommer 2014 wütenden furchtbaren Bürgerkrieges bedeutete.

Die Kiewer Rus

Friedensbemühungen europäischer Regierungen in Verhandlungen mit Kiew und Moskau sind und werden nur von geringem Erfolg und kurzer Dauer sein, solange der Machtanspruch des westlichen Putsch-Regimes fortbesteht, die Vertreter der Ostukraine nicht einbezogen werden und vor allem die innere Zerrissenheit der ukrainischen Bevölkerung nicht historisch aufgearbeitet und befriedet wird; sie kann sonst immer wieder zur Instrumentalisierung für westliche oder auch russische politische Interessen benutzt werden.

Russen und Ukrainer haben denselben historischen Ursprung: in der „Kiewer Rus“ des neunten bis zwölften Jahrhunderts. Deren territoriales und kulturelles Erbe wird von den nationalen Kräften beider Seiten jeweils für sich beansprucht. Für Russland gilt die Kiewer Rus als der erste russische Staat. Kiew sei daher „die Mutter aller russischen Städte“. Darin liegt für die meisten Russen die tiefe psychologische Bedeutung der Ukraine, die innerlich immer als ein Teil Russlands empfunden wurde.[1]

Doch sie war weder ein russischer, noch ein ukrainischer Staat – ein russisches und ukrainisches Volk gab es noch gar nicht, sondern ein Reich, das aus einer Vielzahl ostslawischer Stämme bestand, die in ihrer offen eingestandenen Unfähigkeit, eine staatliche Ordnung begründen zu können, Wikinger aus Skandinavien herbeiriefen, bei ihnen zu regieren. Das skandinavische Wort „Rus“ (= Ruder; „Ruoti“ waren die Schweden) gab den Namen für dieses im 9. Jahrhundert entstehende Reich unter germanischer Führung. So entstand zur ersten Jahrtausendwende aus der Verschmelzung von Skandinaviern und Ostslawen mit byzantinischer Kultur und Religion die Bevölkerung der Kiewer Rus, in der die Differenzierung in drei sprachlich-ethnische Gruppen der Russen, Ukrainer und Weißrussen erst langsam begann, aber nicht abgeschlossen wurde.[2]

Der Schwerpunkt der Kiewer Rus verlagerte sich im 12. Jahrhundert auf das Fürstentum Wladimir, später Moskau. Das im Gebiet der heutigen Westukraine angesiedelte Fürstentum Halytsch-Wolhynien erlangte eine eigenständige Bedeutung, wurde aber vom 13. Jh. an von den Mongolen beherrscht und zerfiel im 14. Jh. wieder. Von da an stand das Territorium der heutigen Ukraine lange unter litauischer, später unter polnischer Herrschaft, wobei der Name „Ukraine“, der Grenzland bedeutet, erst etwa seit dem 16. Jh. als ethnische Bezeichnung auftaucht.

Die stark freiheitlich gesonnenen ukrainischen Kosaken leisteten den polnischen Machthabern immer mehr Widerstand und unterstellten sich mit Teilen des ukrainischen Territoriums 1654 (Akt von Perejaslaw) wegen der engen Verwandtschaft von Sprache, Kultur und Religion dem russischen Zaren in Moskau. Doch sicherte der ihnen dabei weitgehende Autonomie zu.

Instabile Staatsgebilde

Durch die schnellen Verschiebungen der militärischen Lage war dieses Abkommen indessen nur von kurzer Dauer. Bereits 1667 kam es zwischen Russland und Polen zu dem sogenannten „Andrusowo-Vertrag“, der von größter Bedeutung und für die Ukraine besonders folgenschwer war:

„Darin wurde (…) die Ukraine aufgeteilt: Kiew und die Gebiete östlich des Dnjepr (linksufrige Ukraine) fielen an Russland, Polen erhielt die westlichen Gebiete (rechtsufrige Ukraine) und die Gebiete Weißrusslands. Diese Teilung war ausschlaggebend für die unterschiedliche politische und kulturelle Entwicklung von West- und Ostukraine, deren Folgen heute große innenpolitische Probleme der Ukraine darstellen.“[3]

Nach den drei Teilungen Polens Ende des 18. Jh. wurde auch die westliche Ukraine russisch, mit Ausnahme Ost-Galiziens, das zu Österreich kam. Russland fasste unter Katharina der Großen die südlichen und östlichen Gebiete der Ukraine zu einem russischen Gouvernement zusammen (Neurussland) und gründete die Städte Odessa am Schwarzen Meer sowie Sewastopol und Simferopol auf der Halbinsel Krim. Die bisher fast unbewohnten Steppengebiete im Südosten wurden urbar gemacht und größtenteils mit Russen, aber auch mit Deutschen bevölkert. Die Kern-Ukraine wurde in dieser Zeit auch als „Kleinrussland“ bezeichnet. Im Ersten Weltkrieg mussten die Ukrainer Russlands gegen die Westukrainer Galiziens kämpfen.

In den Wirren des ausgehenden Ersten Weltkrieges und der beiden russischen Revolutionen wurden erstmals formal unabhängige ukrainische Staatsgebilde ausgerufen, die jedoch äußerst instabil und kurzlebig waren. Sie wurden auch im Grunde von der ukrainischen Bevölkerung nicht aus einem nationalen Konsens oder gar revolutionären Volkswillen aktiv erstritten, sondern „entstanden als Folge machtpolitischer Verschiebungen außerhalb der ukrainischen Grenzen und fungierten als Marionettenregimes der deutschen Besatzungsmacht bzw. der Zentralmächte.“ Doch wurde „während dieser Zeit in den Bereichen von Nationalkultur und Bildungswesen ein beachtlicher Beitrag zur Ukrainisierung des öffentlichen Lebens geleistet.“[4] Schließlich kam 1921 nach einem verlorenen kurzen Krieg das ehemals österreich-ungarische Ostgalizien an Polen. Die Zentral- und Ostukraine wurden als Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik Teil der Sowjetunion.

Nationalistische Untergrundorganisationen

In der polnisch gewordenen Westukraine kam es früh zu Unabhängigkeitsbestrebungen. Bereits 1920 hatten nationalistische Westukrainer die „Ukrainische Verteidigungsorganisation“ (UVO) gegründet, die sich eine „Unabhängige West-Ukrainische Volksrepublik“ zum Ziel setzte. Während der rigorosen Polonisierung des westukrainischen (ostgalizischen) Landesteils Polens kämpfte sie im Untergrund gegen den polnischen Staat und verübte Sabotageakte. 1929 schloss sich die UVO mit verschiedenen kleineren nationalen Gruppen zur militanten „Organisation Ukrainischer Nationalisten“ (OUN) zusammen mit dem Ziel der Unabhängigkeit der gesamten Ukraine. Erreicht werden sollte dieses Ziel mit „amoralnist“ (Unmoralität), d. h. durch Bündnisse mit ausnahmslos jedem Gegner Polens und Großrusslands.

„Anstelle von Pazifismus…die Idee von Kampf, Expansion, Gewalt … ein fanatischer Glaube an die eigene Wahrheit, Exklusivität, Härte. Anstelle von Partikularismus, Anarchismus und Demo-Liberalimus – die Interessen der Nation über allem.“[5]

Die OUN setzte den Guerillakampf gegen den polnischen Staat verstärkt fort. Sie versuchte den polnischen Staat zu destabilisieren, indem sie Politiker wie den Innenminister Pieracki und auch kooperationswillige Ukrainer ermordete.

Wie im Geheimen Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt vereinbart, wurden beim Polenfeldzug zu Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 Ostgalizien und Westwolhynien von der Roten Armee besetzt, so dass sich hier der Untergrundkampf der OUN nun gegen die Sowjets wendete, in dem 7.000 Menschen, die meisten von ihnen Kommunisten und Juden, ermordet wurden.[6] Auf der anderen Seite fielen 1940/41 in vier großen Deportationswellen aus den sowjetisch gewordenen Gebieten nach Schätzungen über 600.000 Menschen zum Opfer.[7]

Die stark antipolnischen und antirussischen ukrainischen Nationalisten der OUN unter Stepan Bandera sahen bereits den Polenfeldzug als Anfang einer Befreiung durch die nationalsozialistischen Deutschen und verbanden sich in Westgalizien mit ihnen. Zwei von der OUN aufgestellte Bataillone mit den Bezeichnungen Roland und Nachtigall marschierten beim deutschen Angriff gegen die Sowjetunion 1941 mit der Wehrmacht in die Zentral- und Ostukraine ein. Eine von der OUN aufgestellte Ukrainische Aufstandsarmee (UPA) kämpfte im Untergrund gegen die hier aktiven sowjetischen Partisanen-Einheiten und löste sich erst ein Jahr nach dem Ende des Krieges auf. Etwa 17.000 Ukrainer ließen sich Mitte 1943 in die 14. Waffen-Grenadier-Division der SS (galizische Nr. 1) übernehmen. Als Angehörige von Hilfspolizeieinheiten waren viele Ukrainer auch an der Verfolgung und Vernichtung von Juden involviert.[8]

Die Zentral- und Ostukrainer in der Sowjetunion

Die Zentral- und Ostukraine unterschied sich sehr stark von der Westukraine. Die Ukrainische Sowjetrepublik ging nicht etwa aus nationalen Bestrebungen der Ukrainer selbst hervor. Sie war ein Produkt sowjetischer Nationalitätenpolitik. Darauf weist der Historiker Jörg Baberowski hin:

„Die Bolschewiki ordneten das Vielvölkerreich nach ethnischen Prinzipien, gründeten Republiken, (…) entwarfen Sprachen und Nationalgeschichten, und auch die Ukraine verwandelte sich in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts in eine nationale Republik. Und es war Stalin, der ins Werk setzte, wovon ukrainische Nationalisten schon immer geträumt hatten. (…) Aber die Ukraine war nicht, was die Nationalisten sich unter ihr vorstellten. Im Osten hatte der nationale Gedanke nur geringe Ausstrahlungskraft, weil in den Städten vor allem Juden und Russen lebten, und als russische und ukrainische Bauern während des ersten Fünfjahrplans zu Hunderttausenden in die Städte zogen, wurden sie Teil der imperialen Kultur. Nur wenige Ukrainer empfanden ihre sprachliche Assimilation als tragischen Widerspruch, sie gab ihnen vielmehr die Möglichkeit, nicht nur die Ukraine, sondern auch das Imperium als Heimat zu sehen. Kiew und Charkiw waren imperiale Städte, vor und nach der Revolution. Sie waren keine Orte nationaler Selbstvergewisserung.“[9]

Die Ukraine war also nicht wie Polen, Ungarn oder die Tschechoslowakei ein sowjetischer Satellitenstaat, sondern sie war Teil der Sowjetunion. Zwar hatte sie unter dem Terror Stalins ungeheuer zu leiden, wie im inszenierten Hungertod von Millionen von Ukrainern um 1933, der „Holodomor” genannt wird, aber ähnlich ist es auch anderen Völkerschaften ergangen. In den langen Jahren der Sowjetunion wurden viele Ukrainer Teil des Systems, in dem sie sich einrichteten, Karriere machten und vor allem zu Millionen im Zweiten Weltkrieg gegen die Deutschen kämpften – und gegen Westukrainer. Im Sieg über den Faschismus im Großen Vaterländischen Krieg „konnten sich Opfer wie Täter, Kommunisten und Kulaken, Ukrainer wie Russen und Juden als Mitglieder einer Gemeinschaft von Siegern wiedererkennen. Dieser Mythos einte nicht nur Russen, sondern verband auch die anderen Völker der Sowjetunion. Es gab nicht nur Ukrainer und Russen, es gab auch Sowjetmenschen.“[10]

„Nationalistisches Gedankengut“

Die lange Zeit als Teil der totalitären Sowjetunion hat die Ukraine stärker geprägt als etwa die Tschechen oder Ungarn, die eine nationale Identität gehabt und bewahrt haben. Als die Sowjetunion 1991 zusammenbrach, wurde die Ukraine von ihrer plötzlichen Unabhängigkeit im Grunde überrascht. Insbesondere in ihren östlichen Teilen blieb sie „weiter ein Vorhof Russlands. Auch deswegen, weil es zu beträchtlichen Teilen Russland weiterhin ähnlicher war als die meisten anderen Ex-Ostblock-Staaten.“[11] Und die neuen Regierungen hatten „nichts, womit sie die Leere ausfüllen konnten, die das Imperium hinterlassen hatte. Die Ukraine war dazu verdammt, eine Nation zu werden. (…) Aber worauf sollte sich ihre Einheit gründen?“13

Eine nationale Identität ließ sich, wie wir gesehen haben, aus der Geschichte dieser polyethnischen und multikulturellen Bevölkerung nicht herleiten. Selbst die ukrainische Sprache ist für den Kiewer Schriftsteller Michail Bulgakow eher ein bäuerlicher Dialekt des Russischen als eine originär eigene Sprache, und ihre Einführung als Nationalsprache nicht ein neuer patriotischer Anfang, sondern ein Rückschritt in einen beschränkten, bornierten Nationalismus.[12] Und von einem sich steigernden künstlichen Nationalismus ist der neue Staat in seinen bisherigen gut zwanzig Jahren geprägt. Weil der Strom einer geschichtlichen Identität fehlt, die vielfach von Massengewalt westukrainischer Nationalisten wie ostukrainischer Sowjets beherrschte Geschichte des 20. Jahrhunderts auch nicht objektiv aufgearbeitet wird, wurden die eigenen verklärten Taten der Vergangenheit national heroisiert und zu Bestandteilen ukrainischer Identität erhoben.

Der polnische Historiker Grzegorz Rossoliński-Liebe weist aus seinen Forschungen darauf hin, dass das 2005 von dem prowestlichen Präsidenten Juschtschenko gegründete staatliche Institut des Nationalen Gedenkens u. a. die nationalistische Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) und deren Ukrainische Aufständische Armee (UPA) zusammen mit der Waffen-SS-Division Galizien offiziell heroisiert und als den Kern der nationalen Befreiungsbewegung dargestellt habe. Dieses rechte Gedankengut wurde „nicht nur von rechtsradikalen Gruppierungen sondern auch nationalistischen und ,liberalen’ Intellektuellen, auch Schul- und Gymnasiumlehrern sowie Universitätsprofessoren verbreitet.“[13] Das führte dazu, dass u. a. dem radikalen antirussischen Nationalisten Symon Petljura in Kiew ein übergroßes Denkmal errichtet und der OUN-Führer und SS-Kollaborateur Stepan Bandera von dem prowestlichen Präsidenten Juschtschenko 2010 mit dem höchsten Orden des Landes zum „Helden der Ukraine“ erhoben wurde.

Sein prorussischer Nachfolger Janukowitsch machte dies 2011 über die Gerichte wieder rückgängig.[14] Als Reaktion auf die zahlreichen Denkmäler für die OUN und UPA errichtete man umgekehrt in der Ostukraine Denkmäler von Opfern der OUN-UPA , von Lenin und Stalin – Symbole einer unheilvollen Polarisierung. Die Nicht-Aufarbeitung dieser geschichtlichen Thematik und ein je apologetischer Umgang mit der eigenen verklärten Version trug zur Radikalisierung der kulturpolitischen Lage in der gesamten Ukraine bei und polarisierte die ukrainische Gesellschaft in allen Regionen.[15] Auf diese Weise zu einer gemeinsamen nationalen Identität zu kommen, ist natürlich völlig ausgeschlossen.

Ausblicke

„Die Ukrainer sind aufgrund ihrer Geschichte vielfältig, haben verschiedene lokale und nationale Identitäten, obwohl das Land durch die Sowjetisierung vereinheitlicht wurde. Die meisten in der Ukraine lebenden Menschen definieren sich zwar als Ukrainer, aber sie sprechen nicht alle Ukrainisch und fühlen sich verschiedenen historischen Traditionen zugehörig. Galizien hat eine andere Geschichte als die Zentral- oder die Ostukraine. Transkarpatien (im äußersten Südwesten) hat nur bedingt etwas mit der Krim oder der Ostukraine zu tun. Um so einen Staat kulturpolitisch angemessen zu verwalten, muss man seine Vielfalt akzeptieren und mit ihr umgehen können. Man kann nicht von allen seinen Bürgern verlangen, dass sie sich mit einer nationalistischen Version der ukrainischen Geschichte identifizieren oder dass sie alle und in allen Situationen Ukrainisch sprechen. (…) Solche Verordnungen führen zu Frustrationen, ebenso wie ein künstlich-nationalistisches Geschichtsnarrativ, mit dem sich niemand wirklich identifizieren kann. Ein Staat, der die Vielfältigkeit und die Heterogenität einer Gesellschaft nicht akzeptiert und respektiert und die Gesellschaft in einen nationalen Monolith zu verwandeln versucht, ist unzeitgemäß.“[16]

Die Vielfalt der unterschiedlichen ethnischen und historisch gewachsenen Regionen in einen monolithischen nationalen Einheitsstaat zu pressen, ist ein rückwärtsgewandter, unzeitgemäßer Wahnsinn. Dazu tragen die westlichen Staaten in einem unseligen Ausmaß bei, was auch der Berliner Historiker Jörg Baberowski sozusagen kopfschüttelnd beklagte:

„Auf paradoxe Weise (…) bestehen die westlichen Regierungen (…) darauf, dass die Ukraine ein Nationalstaat des 19. Jahrhunderts sein müsse und dass Russland an der Beilegung von Krisen nicht beteiligt werden könne. Auch der dümmste Politiker hätte begreifen können, dass eine solche Strategie nicht aufgeht. (…) Solange (…) der nationale Mythos ausgrenzt, aber nicht versöhnt, und solange Vielfalt und Einheit einander ausschließen, wird die Ukraine keine Nation sein können, in der sich alle Bürger aufgehoben fühlen.“[17]

Das Problem ist, dass die westlichen Regierungen selbst noch in nationalen Einheitsstaat-Denkmustern verhaftet sind. Auch die EU überwindet sie trotz ständiger gegenteiliger Behauptungen nicht, sondern setzt den nationalen Einheitsstaat nur auf einer räumlich größeren Ebene in einem monolithischen Konstrukt eines zentralistischen Euro-Nationalismus fort. Eine Gruppierung, die in der Ukraine die Machtstrukturen des Einheitsstaates „demokratisch“ besetzt oder mit Gewalt erobert, nutzt sie, um ihre kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Vorstellungen allen anderen überzustülpen, steckt die Widerstrebenden ins Gefängnis oder trampelt sie im Namen einer nationalen Schimäre brutal in Grund und Boden.

Eine föderative Ordnung mit weitgehender Autonomie der Regionen brächte eine Verbesserung der Situation, behielte aber die üblichen regionalen Machtstrukturen bei, die Selbstbestimmung und Freiheit des einzelnen Menschen letztlich doch noch ausschließen. Es kommt nicht auf die Selbstbestimmung einer Gruppe oder Region an; diese haben kein „Selbst“, das sich bestimmen könnte. Es bestimmen immer wenige über die anderen. Die Selbstbestimmung des einzelnen Menschen ist das Entscheidende. Und ist der Einzelne befreit, ist es auch die Gruppe. Die Hilfe, die die anderen Europäer der Ukraine in ihrer schier ausweglosen Situation eigentlich zu leisten hätten, bestünde im Aufzeigen und Entwickeln von sozialen Formen, in denen je zentrale Machtstrukturen beseitigt würden. (vgl. GEOLITICO „Warum unsere Demokrtie versagt“).

Aber daran haben das gegenwärtige Putsch-Regime in Kiew und die lenkenden Kreise des US-Imperiums und seiner europäischen Vasallen natürlich kein Interesse, die die Machtstrukturen des Einheitsstaates zur Herrschaft ja benötigen. Und die USA brauchen für ihre geostrategischen Ziele gegen Russland eine unruhige, konfliktreiche Ukraine. Es ist bezeichnend, dass der US-gesteuerte IWF im April 2014 seine bereits genehmigten Kredite im Umfang von 17 Milliarden in dieser Höhe davon abhängig machte, dass die Kiewer Regierung ihre Kontrolle über die Ostukraine nicht verliert.[18] Und kurz nach den Gesprächen von CIA-Chef John Brennan am 12./13. April 14 in Kiew mit der ukrainischen Militärführung kündigte das ukrainische Innenministerium eine Sonderoperation gegen die prorussischen „Terroristen“ in den östlichen Regionen der Ukraine an. Der Bürgerkrieg begann.

Nur wenige Stunden vor Beginn der von Merkel und Holland initiierten Gespräche in Minsk über einen Waffenstillstand, erklärte der Kommandeur der NATO-Bodentruppen in Europa, Generalleutnant Ben Hodges, die US- Streitkräfte würden ab März ukrainische Kampftruppen für die Kämpfe gegen die Separatisten in der Ostukraine ausbilden. Dazu soll ein US-Bataillon drei ukrainische Bataillone unterstützen. In Minsk war die Tinte noch nicht getrocknet, da verlegten die USA ein Dutzend Bodenkampfflugzeuge auf die US-Basis Spangdahlem in der Eifel.Die USA drückten jenseits aller verbaler Floskeln durch Taten aus, was sie von Friedensbemühungen halten.

Als der tumbe EU-Politiker M. Schulz im Jauch-Talk am 8.2.2015, kurz vor den Friedensgesprächen in Minsk, „mit hörbarer Genugtuung“ feststellte, Europa habe das Krisenmanagement auf seine Ebene gezogen, und später anfügte, die USA seien nun mal nicht der Nachbar Russlands, konterte der Ex-US-Botschafter Kornblum süffisant: „Im Endeffekt liegt die Macht in Washington.“[19] Das kann nur für eine Vasallenmentalität das letzte Wort sein. Man kann den Imperialisten die Arroganz ihrer Machtsucht nicht nehmen. Aber man kann sie einschränken, indem man sie öffentlich entlarvt und die unseligen Handlangerdienste verweigert

Anmerkungen

[1] Constanze H. Latussek: Die russisch-ukrainische Geschichte, 1998, http://www.korax.de/fileadmin/Redaktion/Bilder/03_Wir_laden_ein/01_Newsarchiv/01_Kommunikation/Russland_und_Ukrainie_Historische_Ursachen.pdf

[2] a. a. O., S. 7; sowie: Mathias Bröckers, Paul Schreyer: Wir sind die Guten, Frankfurt/M, 2014, S. 30

[3] Constanze H. Latussek a. a. O., S. 10

[4] a. a. O., S. 11

[5] Vgl. Wikiipedia – Organisation Ukrainischer Nationalisten – Die OUN bis zum Zweiten Weltkrieg

[6] Mathias Bröckers, Paul Schreyer a. a. O., S. 37

[7] Wikipedia – Organisation Ukrainischer Nationalisten – Die OUN im Zweiten Weltkrieg

[8] Wikipedia – Polnisch-Ukrainischer Konflikt in Wolhynien und Ostgalizien – Die Zeit der deutschen Besatzung

[9] Jörg Baberowski, „Zwischen den Imperien“, Zeit Online vom 13.3.2014

[10] a. a. O.

[11] Thomas Schmid, „Sowjetisches Erbe“, Die Welt vom 18.April 014

[12] s. Anm. 9

[13] Grzegorz Rossoliński-Liebe im Interview mit Stefan Korinth, „Ohne historische Aufarbeitung bleibt die Ukraine ein Pulverfass“, Telepolis vom 10. Februar 2015

[14] s. Anm. 6, S. 35

[15] Vgl. Anm. 13

[16] Anm. 13

[17] Anm. 9

[18] „IWF verlangt von Kiew Halten der Ost-Ukraine“, DWN vom 1. Mai 2014: http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2014/05/01/iwf-verlangt-von-kiew-halten-der-ost-ukraine/

[19] Mathias Zschaler, „Die transatlantische Distanz“, Spigel Online vom 9. Februar 2015

Über Herbert Ludwig

Herbert Ludwig war viele Jahre Lehrer an einer Freien Waldorfschule. Er befasst sich schwerpunktmäßig mit den inneren und äußeren Bedingungen der Entwicklung des Menschen zur Freiheit und mit den Hintergründen der „europäischen Integrationsbewegung“, woraus seine Schrift „EU oder Europa?“ und Artikel auf seiner Webseite hervorgegangen sind Kontakt: Webseite | Weitere Artikel