Mit Down-Syndrom zum ESC
Mit Down-Syndrom zum ESC

Mit Down-Syndrom zum ESC

Finnland tritt beim Eurovision Song Contest mit einer Gruppe Mongoloider und Autisten an. Wer schützt diese Menschen in einer Welt, in der sie hoffnungslos überfordert sind?

Wie weiland in der DDR, einem anderen System, das zum Untergang verurteilt war, eilen wir weiter virtuell von Erfolg zu Erfolg. Wie es sich globalisiert gehört, ist der Niedergang aber inzwischen weltweit umfassend. Das konnte uns in dieser Woche wieder bewusst werden, als wir unter dem Stichwort „Gelebte Inklusion“ hörten, dass Finnland beim nächsten Eurovision Song Contest mit einer Gruppe Mongoloider und Autisten antreten wird. (Achherrjeh, mongoloid darf man ja nicht mehr sagen, sondern es heißt jetzt politisch korrekt Down-Syndrom. Na, nun ist es eben passiert.)

36% der Abstimmenden, also mehr als ein Drittel, votierten entsprechend. Der ESC war zwar schon immer die Speerspitze des schlechten Geschmacks, aber wenigstens gab er uns ABBA und 40 Jahre später eine knackige Wurst.[1] Diesmal ist es die vierköpfige Punkband PKN, die exakt eine Minute und 27 Sekunden durchhalten muss, bevor ihre Sozialarbeiter aus dem Orchestergraben springen und weiter ihre Fäden ziehen. Die Musikrichtung ist gut gewählt, denn beim Punk kann man nichts falschmachen; Ort und Art des Auftritts ist allerdings Ausdruck der verkommenen Methoden des Showbusiness und der moralischen Verwirrung des Publikums.

Frech kommt weiter

Conchita Wurst sah vor einem Jahr gut aus und konnte exzellent singen. Der Streit entzündete sich hier an ihrer sexuellen Disposition, und obwohl man jeden Streit führen dürfen muss, wurde hier zweifelsfrei eine erhebliche künstlerische Leistung erbracht. Ohne den neuen Song von PKN gehört zu haben, wissen wir aber, dass es diesmal künstlerisch und sinnlich furchtbar werden wird. Doch das Publikum wird vor Begeisterung toben, und schon jetzt steigt mir die Fremdschämröte bei der Vorstellung ins Gesicht, wie sich der Saal nach anderthalb Minuten Krach zu Standing Ovations erhebt – auf alle Fälle beim Auftritt und möglicherweise auch nach dem Sieg. Schon jetzt werden die finnischen Jungs auf Platz drei gewettet, der Medien-Hype wird bis zum Juni ein übriges tun.

Eine Gutmenschen-Lüge erhebt sich damit erneut über die Wirklichkeit. Die ganze Show wird sogar zum ultimaten Beispiel für die Virtualität der Niedergangsgesellschaft. Wo es ganz am Anfang des Wettbewerbs einmal darum ging, schlechte Songs möglichst gut zu singen, ist der Leistungsgedanke zumindest in Finnland und wohl demnächst global nun endlich eliminiert. Das erinnert Konrad Kustos an Architekturwettbewerbe, bei denen schon seit 100 Jahren in der Regel der schlechteste Entwurf gewinnt, weil eine ideologische Lobby jeden Qualitätsgedanken außer Kraft setzen kann.[2]

Diese Gesellschaft will ja auch gar keine Leistung mehr, sondern feiert bewusst Erfolge, die ohne Leistung erzielt werden. Frech kommt weiter. Wer heute noch im Interesse einer Sache arbeitet, müsse es ja wirklich nötig haben. Schließlich komme es auf das Aussehen an, überzeugendes Reden, Intrigen an der richtigen Stelle und Skrupellosigkeit inklusive verbrannter Erde. Da sitzt die neue Bohéme des Niedergangs und die neue Führungsschicht der Wirtschaft im selben Boot. Nicht zu vergessen, das permanente Bekenntnis, nur das Beste für die Menschheit im Sinn zu haben. Womit wir wieder ganz nah am Post von vor zwei Wochen wären.[3]

Was heißt eigentlich Mitleid?

Wohlgemerkt, den behinderten Musikern wäre jeder Erfolg zu gönnen, aber nur ein solcher, der in einem Qualitätswettbewerb gerecht erzielt werden konnte. Zu einem ehrlichen Vergleich mit professionellen Spitzenkünstlern kann es aber eben gerade wegen der Behinderung nicht reichen. Dieser Vorgang treibt das problematische Procedere beispielsweise bei den Paralympics noch einmal auf die Spitze. Während dort Weltmeisterschaften der Unfähigkeit, Spitzenleistungen zu erbringen, betrieben werden, aber immerhin noch für die Teilnehmer unter weitestgehend gleichen Bedingungen stattfinden, setzt hier die eingeschränkte Fähigkeit einzig und allein auf den Mitleidsfaktor und die Eigendynamik der Gutmenschengesellschaft.

Was heißt eigentlich Mitleid? Schließlich geht es hier gar nicht um das klassische Mitleid, bei dem angesichts des Leids eines Mitmenschen positive Gefühle entwickelt werden, sondern es geht um das demonstrative Bejubeln eigener emotionaler und sozialer Großartigkeit. Kennen wir das nicht aus dem Alltag, wo Quotenregelungen verhindern, dass der Beste den Job bekommt, wo Millionen von Wirtschaftsflüchtlingen sich über unser Sozialsystem hermachen können, wo Frauenfußball bei Weltmeisterschaften Stadien füllt, obwohl die erbrachten Leistungen bei jeder besseren Schülermannschaft zur Trainerentlassung führen würden?

Und der Fußball erinnert uns daran, dass der ESC mit Behindertenbonus längst kein Einzelfall mehr ist. Gerade gewann in England ein Down-Syndrom-Elfjähriger den dortigen Tor-des-Monats-Wettbewerb mit einem in der Pausenshow abgegebenen Torschuss aus fünf Metern Entfernung, bei dem sich der Torwart nur mühsam weit genug beiseitewerfen konnte.[4] 97% der Zuschauer stimmten dafür. Alle anderen Nominierten, und es waren wirklich großartige Tore dabei, wurden durch diese Medien-Mitleid-Show ihrer Chance beraubt und damit diskriminiert.

Das wird natürlich niemand wagen, laut zu sagen, denn im Gutmenschenchor singt man besser mit, wenn man nicht niedergebrüllt werden will. Wir haben ja gerade erst schmerzhaft erfahren , wie hemdsärmelig Menschen mit politisch unkorrekten Ansichten zu Nazis erklärt worden sind.[5] Wie schnell könnte man in diesem Fall von interessierten Kreisen zum Euthanasiebefürworter umformatiert werden.

Vom Medienzirkus missbraucht

Dabei ist es real gesehen natürlich wieder einmal genau umgekehrt. Behinderte Menschen werden vom Medienzirkus missbraucht, um Quote zu machen. Man denke nur an die arme Jamie Brewer, die in der knallharten amerikanischen Horrorserie „American Horror Story“ bekannt wurde, wo sie als ein Freak unter vielen die Leute gruseln sollte. Vom Leute Erschrecken war es kein weiter Weg in die Schlagzeilen als das erste Modell mit Down Syndrom.[6]

Das ist Ausbeutung im Dienste des ShowBiz. Während sich die Zuschauer für ihre Menschenfreundlichkeit selber feiern, werden die Behinderten wie Exoten am virtuellen Nasenring vorgeführt, geradezu zur peinlichen Selbstdarstellung gezwungen. Das ist kein Deut besser als einst beim „Elefantenmensch“, dem grandiosen Film von David Lynch und der darin gebrandmarkten Zurschaustellung von Behinderten. Das Bejubeln solcher Außenseiter sieht aus wie eine gute Tat, soll zumindest so aussehen, doch die vom Schicksal ohnehin Gestraften werden dadurch in eine Rolle gezwängt, die sie nicht ausfüllen können und lächerlich gemacht. Sie werden dazu verdammt, fürderhin in Abhängigkeit von einer Lüge zu leben. Nur die emotionalisierte Wahlfälschung mag ihnen kurzfristig ein Erfolgserlebnis suggerieren, und selbst wenn das System die Freakshow weiter durch die Lande ziehen lässt, nimmt es den Betroffenen die Möglichkeit, sich selber im Rahmen ihrer Einschränkungen zu finden.

Wer schützt also diese Menschen mit eingeschränkten Fähigkeiten in einer Welt, in der sie hoffnungslos überfordert sind? Ist das kurzfristige Erfolgserlebnis, welches sie sicher genießen werden, es wert, derart entwurzelt zu werden? Und kann man erfolgshungrigen, gewissenlosen oder einfach nur ebenfalls überforderten „Beratern“ sowie einem gnadenlosen Medienzirkus das Recht geben, in bisher geltende Schutzräume einzubrechen? Die Behinderten haben ein Recht, umsorgt und nicht in der ganz und gar unnormalen Welt der Normalen verheizt zu werden.

Letztendlich zeigt sich hier im Licht der Scheinwerfer nur ein Problem, das längst Teil unseres Alltags geworden ist: Nicht nur, dass immer schlechtere Schüler ohnehin schon mit immer besseren Noten und Studienplätzen belohnt werden, mit der Einführung der Inklusion in den deutschen Schulen leiden nun unter dem Banner der alles gleichmachenden Gerechtigkeit gleichermaßen sowohl normale als auch behinderte Schüler (Achherrjeh, es heißt ja jetzt „Menschen mit besonderen Fähigkeiten“. Na, nun ist es eben passiert.) Die behinderten Schüler können nun nicht mehr so speziell wie bisher gefördert werden, und die normalen Schüler werden durch sie in ihrem fachlichen Lernfortschritt behindert.

Abfeiern von Inkompetenz

Der letzte sichtbare Vorteil des neuen ESC-Spektakels bliebe dann, für unbeteiligte Behinderte eine gewisse Normalität zu schaffen, indem die Normalen an sie gewöhnt werden. (Achherrjeh, sicherlich ist die andauernde Verwendung des Begriffs „normal“ hier schon nicht mehr politisch-korrekt-normal. Na, nun ist es eben passiert.) Das erinnert an die Konfrontationstherapie, bei der Menschen mit der Angst vor beispielsweise Spinnen mit diesen konfrontiert werden. Doch diese Therapieform ist umstritten, denn Ängste können sich in weniger zugängliche Bereiche des Bewusstseins zurückziehen und der so ausgeübte Leidensdruck ist offensichtlich. Sollte beim Umgang mit Behinderten nicht eher auf Reife, Verständnis und Empathie gesetzt werden?

Die starke Vermutung bleibt zurück, dass die angeblich Mitleidigen oder noch viel angeblicher unterstützenden Emotionen des Publikums in Wirklichkeit von den niederen Instinkten der historischen Freakshow-Besucher nicht weit entfernt sind. Denn unter der Oberfläche bleibt auch für sie der wohlige Nervenkitzel des „Unnormalen“ und die Genugtuung, selber dann doch normal zu sein.

Und ein weiterer schlimmer Effekt kommt angesichts des scheinbaren Edelmuts hinzu. In einer dekadenten Gesellschaft wie der unseren befeuert solches Abfeiern von Inkompetenz den schon beschriebenen Eindruck, Leistung sei überflüssig und könne durch Täuschung, Phrasen oder politische Korrektheit nicht nur ersetzt, sondern überboten werden. Opfer zu sein wird so zum gültigen Leistungsmerkmal. Virtualität eben. In letzter Konsequenz werden dadurch zahllose zusätzliche Down-Syndrom-Schwangerschaften von den Müttern ausgelebt – und der behinderte Nachwuchs dann im Grunde leidend und als Pflegefall dieser Welt überlassen.

So entpuppt sich wieder einmal der gesellschaftliche Niedergang als das eigentliche Down-Syndrom. Darüber können sich nur Dummies freuen – mit oder ohne offensichtliche Behinderung. Am Ende bleibt nur der schwache Trost: Im Gegensatz zu echten Punks, die die Leistungsverweigerung ja praktisch erfunden haben, ist den neuen finnischen Abräumern zugutezuhalten, dass sie für den Krach im Grunde nichts können.

 

Anmerkungen

[1] Konrad Kustos, „Lieber ein heißer Wurst als Krieg“, GEOLITICO vom 14. Mai 2014

[2] Konrad Kustos, „Berlins Architektur verwahrlost“, GEOLITICO vom 12. Januar 2014

[3] Konrad Kustos, „Dummer Journalismus“, GEOLITICO vom 22. Februar 2015

[4] Lee Thomas-Mason, „11-year-old Celtic fan Jay Beatty nominated for SPL goal of the month“, „The Mirror“ vom 12. Feburar 2015

[5] Konrad Kustos, „Manipulativer Wortzauber“, GEOLITICO vom 4. Januar 2015

[6]Das erste Model mit Down Syndrom“, „Bunte“ vom 13. Februar 2015

Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel