Dummer Journalismus

Im „Tagesspiegel“ erschien eine Art Ode an die Gewalt der Antifa und den ideologisch legitimierten Bruch der Gesetze. Kommentar zu einem zynischen Angriff auf Demokratie und Rechtsstaat.

Danke, liebe Cholera! Was haben wir der Seuche nicht alles zu verdanken: Vermeidung von Überbevölkerung, evolutionäre Stärkung des Genpotentials, weniger hungrige Mäuler. Ganz zu schweigen davon, was die Krankheit selbst für einen Spaß beim Austoben hat, wenn man sie lässt. In diesem Geiste hat Sebastian Leber vom Berliner Tagesspiegel einen Artikel „Danke, liebe Antifa!“ geschrieben[1], nur dass es darin nicht um die Cholera, sondern um etwas sehr ähnliches, nämlich die Antifa, ging. Also nach normaler Lesart eine Bande ideologisch Verwirrter, die sengend und plündernd durchs Land zieht und sich selbst als der militante Arm der Gerechtigkeit sieht.

Doch als Heilsbringer nimmt sie auch Herr Leber wahr, dessen Pamphlet durch den Umgang mit dem bürgerlichen Ungehorsam der Pegidas, Legidas und anderen Egidas plötzlich traurige Aktualität gewonnen hat. Auch wenn es jeden Demokraten schmerzen wird, kann ein genauerer Blick auf dessen brachiale Unbedarftheit uns die Augen öffnen. Er zeigt, was im bundesrepublikanischen Diskurs inzwischen möglich ist und mit welchen Verkürzungen und Verfälschungen gearbeitet wird, vor allem aber welche gefährliche neue Moral gerade definiert wird[2].

Liebeserklärung an Gewalt

Nur wenige zaghafte Relativierungen zu den Untaten der Antifa[3] enthält der Text, der ansonsten nicht nur in der Überschrift eine Liebeserklärung an Gewalt und den ideologisch legitimierten Bruch der Gesetze ist. Er erklärt uns, die vermeintlichen Chaoten „ermöglichen uns ein Leben, in dem Rechtsextreme die Rolle spielen, die ihnen zusteht: nämlich keine.“ (Schreibfehler korrigiert) Ohne jeden Beleg oder selbst Anklang von Nachvollziehbarkeit unterstellt er, dass linksradikale Gewalt Rechtsradikalität einzudämmen vermöchte. Damit befindet er sich auf dem geistigen Niveau der Barrikadenkämpfer der Weimarer Republik, die so lange den Staat gerecht attackierten, bis Hitler an der Macht war.

Diesen Gedanken, der den ganzen Artikel durchzieht, liegt ein psychologischer Dyslogismus zugrunde: Wenn man etwas gegen Rechtsradikalismus tun wolle, sei jede Tat gut getan, und wer sich dabei der Gewalt bediene, mache das Ergebnis noch gewaltiger. Deshalb wird die Gewalt hier auch verniedlicht, etwa dürfe man jene, die jeden 1. Mai „nerven“ nicht als „hirnlose Krawallmacher abstempeln“. Schließlich:Wenn wir ehrlich sind, haben wir ihnen viel zu verdanken.“

Das schlechte Image der Antifa ist im Leberschen Wahn-Universum nicht auf ihr objektives Verhalten, sondern darauf zurückzuführen, dass sievermutlich die schlechteste Öffentlichkeitsarbeit dieses Planeten“ betreibe. Sie erkläre uns einfach nicht genug, warum sie in Wirklichkeit zu den Guten gehört. Ja, wenn sie uns nur ihre Gewalt gegen Unschuldige und Unbeteiligte sowie die Brechung fast aller Gesetze richtig vermitteln würde, sähe das sicher alles anders aus.

Arrogant auf der Seite der Macht

Der Leber-Wahn mündet dann fast zwangsläufig in der Aussage: „Ich bin trotzdem sehr froh, dass es sie gibt.“ Die redundante Erklärung dafür kennen wir schon, nämlich „weniger Nazis“ und so. Was für ein Leber-Käse. Linke wie rechte Radikale wachsen in Wirklichkeit aus einem als unzulänglich empfundenen System und individuellen Defiziten heraus und nicht, weil man vergessen hat, sie zu verprügeln. Allerdings mit einem kleinen Unterschied. Während die Rechte traditionell eher an das Gefühl (Bodenständigkeit, nationale Werte) appelliert, ist es bei der Linken der Intellekt. Letzteres klingt an sich gut, doch weil in den Köpfen vieler Menschen zu oft zu wenig ist, kommt dabei meistens eben nichts Gescheites heraus.

Das ist Leber natürlich Wurst, weil er selber zu den vom Defizit Betroffenen gehört. Obwohl zu befürchten ist, dass er sich selbst für geistreich hält. „Wollen Nazis“ (oder alle anderen, deren Meinung mir nicht passt) „heute durch Straßen ziehen, werden sie von einem riesigen Polizeiaufgebot abgeschirmt“, freut er sich. Spätestens da wird bewusst, wie brandaktuell seine mediale Brandrede ist. Für ihn sind sicherlich auch die Egidas Ansammlungen von Rechtsradikalen, und so merkt er nicht, dass er totalitär argumentiert, nämlich für eine massive, gewalttätige und illegale Einschränkung des legalen Rechts zur Demonstration. Eine Einschränkung, die in aller Schlichtheit damit legitimiert wird, dass man eben nach eigener Einschätzung auf der richtigen Seite steht.

In Wirklichkeit aber steht er arrogant auf der Seite der Macht, die mit demokratischen Rechtsvorstellungen schon immer ein Problem hatte. Mit einer Handbewegung wischt er Jahrhunderte demokratischer Entwicklung beiseite, die uns eigentlich hatten erkennen lassen, dass, weil es mit dem Recht haben so eine Sache ist, die Ausübung von Gewalt besser staatlichen, in einer Demokratie also demokratischen Institutionen überlassen wird.

Untolerierbare Dummheit

Doch Sebastian philosophiert stattdessen frei von der Leber weg, die Polizeiabsperrungen bewirkten, Passanten von den Aufmärschen so weit wegzuhalten, dass Hetzparolen ungehört verhallten. Wie muss es um sein Menschenbild aussehen, wenn er glaubt, dass diese Passanten so dumm sind, vor Parolen oder auch Hetzparolen geschützt werden zu müssen? Und sein Glaube, Behinderungen durch die Polizei schreckten Rechtsradikale ab, ist derart dem Wunschdenken verpflichtet, dass man aus dem Fremdschämen nicht mehr herauskommt. Jeder Idiot weiß inzwischen, dass die Rechtsradikalen solche Situationen geradezu suchen, um aus ihrer Bedeutungslosigkeit kurzfristig aufzutauchen.

Überall schwingt bei Lebers Versagen die Aufforderung zur „gerechten“ Gewalt mit. Für ihn ist die Antifa das Vademecum, missliebige Meinungsäußerungen zu unterdrücken, beispielsweise das „Verteilen von Flugblättern“. Oder was soll sonst nach seiner Intention mit dem nicht antifa-konformen Flugblattverteiler geschehen, der der Schlägertruppe in die Hände fällt?

Die Frage, die sich aufdrängt, ist, wie viel (linke) Meinungsfreiheit nötig und möglich ist, damit eine solche Ode an die Gewalt in einer ehemals seriösen Zeitung veröffentlicht werden darf? Und ich komme nicht umhin, hier persönlich anzumerken, dass ich die untolerierbare Dummheit des Autors als sogar noch schmerzlicher empfinde.

Argumentieren oder diskutieren ist für Leber jedenfalls ein Schaden:Wer sagt, man müsse sich mit Nazis argumentativ auseinandersetzen, hat keine Ahnung von der Realität in ostdeutschen Provinzen.“ Von der dabei durchklingenden Wessi-Arroganz des gebürtigen Rheinländers einmal abgesehen – was wäre denn seine strategische Alternative zum miteinander Reden? Milizen organisieren? Den sozialistischen Dschihad nach Ostdeutschland tragen? Wie wäre es denn stattdessen, es mit dem Rechtsstaat und seinen Regeln zu versuchen? Also jene Rechtsorientierten, die nicht nur eine andere Meinung haben, sondern tatsächlich gegen Gesetze verstoßen, dingfest zu machen und zu bestrafen? Nein, und da ist Leber in einem leider weitreichenden Konsens, bei Rechten darf, ja muss es schon das Faustrecht sein.

Heldentaten im Szeneghetto

Für ihn sind die Menschen, die als Zeichen des Widerstandes friedlich Menschenketten bilden, die Falschen, „die in der Tagesschau gefeiert“ werden, es sollte besser die Antifa sein, die schließlich zu folgenreichen Blockaden aufruft. Und wenn sie „Mülleimer anzündet oder Bushaltestellen demoliert“, sei das zwar ärgerlich und falsch, „aber auch zu verkraften“. Spätestens hier hätte die Staatsanwaltschaft beim Tagesspiegel anklopfen müssen, aber mit den Jungs geht der Lebermann wahrscheinlich nach Dienstschluss im Szeneghetto eigene Heldentaten feiern.

Ein einziger kritischer Alibihalbsatz findet sich in diesem Zusammenhang, dennjede andere Form von Gewalt ist natürlich nicht tolerierbar“. Attacken auf Flugblattverteiler oder Zugverbindungen, körperliche Angriffe auf Polizisten und Andersdenkende – welche „andere Form von Gewalt“ lehnt denn sogar Herr Leber ab? Den Mord? Wenn Leute wie er die Hemmschwelle gegen Gewalt weiter senken und sie ideologisch rechtfertigen, wird es bald wieder(!) so weit sein.

Und einen Leberhaken hat er noch für uns Demokraten:Mich beruhigt es, in einer Stadt zu leben, die eine starke, aktive Antifa hat. Weil ich dann sicher bin, dass in meinem Kiez keine Nazis die Meinungshoheit übernehmen.“ Sein „Kiez“, das ist das Umfeld der Bergmannstraße, also die Berliner Yuppie-Location, bei der selbst der Prenzlauer Berg vor Neid erblasst. Hier also sorgt die Antifa für seine Vorstellung von Gerechtigkeit, eine Gerechtigkeit, die auf Gewaltaktionen verschwindend kleiner Minderheiten fußt. Hat er dabei wirklich übersehen, dass die Kreise, auf die er baut, unter dem Stichwort ‚Gentrifizierung’ längst ein neues Feindbild ausgemacht haben, für das er und seinesgleichen die perfekte Zielgruppe darstellen?

Sarrazin ein Rechtsradikaler?

Spätestens hier wird ersichtlich, dass Herr Leber möglicherweise selbst kein krimineller Unterstützer ist, sondern einfach nur mainstreamverseucht und schlichtweg dumm. Dummheit ist ja nicht strafbar, im Gegenteil, sie ist im neuen Deutschland erwünscht. Ich versuche also, all diesen gewaltverherrlichenden Zynismus unter Mitleid abzuheften und nicht als ausgleichende Gerechtigkeit zu fordern, irgendwelche Neofaschisten mögen der Type die Jacke bürsten, bis er nicht mehr Antifa sagen kann. Nein, das ist nicht der Stil der Demokraten. Aber manchmal fällt das verdammt schwer.

Für Leber ist sicher auch Thilo Sarrazin ein Rechtsradikaler, doch der durfte immerhin im Tagesspiegel in einem Leserbrief auf den Artikel eingehen:

„Der Autor äußert seine Genugtuung darüber, dass die Antifa mit Gewalt gegen Meinungsäußerungen aus der rechten Ecke vorgeht. Er freut sich also ganz offen über die Rolle einer gewalttätigen linken SA, die jene Bereinigung des Meinungsspektrums erzwingt, welche der Rechtsstaat nicht leisten kann, will er sich nicht selbst aufgeben.“ Vielleicht war zur Zeit dieser Äußerung noch nicht so zu erkennen, dass die Antifa sich keineswegs „auf rechte Ecken“ beschränkt, sondern längst das Bürgertum (inklusive all den Lebers dieser Welt) im Visier hat.

Bei Sarrazin kommt nicht zum Ausdruck, dass jeder einzelne Satz Lebers ein zynischer Angriff auf die Demokratie, unser Rechtssystem und den gesunden Menschenverstand ist. Der Artikel atmet eine aggressive Unreife, wie sie im mitteleuropäischen Journalismus jenseits von Kampfblättern oder Schülerzeitungen bisher undenkbar war. Und dafür wird der Mann auch noch bezahlt, ganz im Gegensatz zur Antifa (jedenfalls, so weit wir wissen!), denn „diese Menschen machen das ehrenamtlich“. Das, Herr Leber, ist so amtlich, wie ein Ehrenmord.

Anmerkungen

[1] Sebastian Leber, „Danke liebe Antifa!“, Der Tagesspiegel vom 25. Januar 2014

[2] Konrad Kustos, „Verkehrung von Recht und Unrecht“, GEOLITICO vom 15. Februar 2015

[3] siehe: Günther Lachmann, „Antifa kündigt Attacken auf AfD an“, GEOLITICO vom 26. April 2014

Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel