So kam der Krieg in die Ukraine
So kam der Krieg in die Ukraine

So kam der Krieg in die Ukraine

Lügen und Geheimdienst-Manöver verwandelten die Ukraine in ein Schlachtfeld. Was dort geschah, ist ein Tiefpunkt moralischer Verkommenheit eines geistlosen Polit-Proletariats.

„Nur die Lüge braucht die Stütze der Staatsgewalt, die Wahrheit steht von alleine aufrecht.“  (Benjamin Franklin)

 

Politik ist heute Machtpolitik. Machtsüchtige haben sich die Machtapparate der Staaten zur Beute gemacht und streben egomanisch nach  Behauptung und Ausdehnung ihres Herrschaftsanspruches über andere.

„Der Kampf um die Macht lockt die Bestie in uns hervor. Was den Berufspolitiker wirklich erregt und antreibt, ist das maßlose Verlangen nach Macht.“[1]

Das gilt nach innen wie im Verhältnis nach außen zu anderen Staaten. Je nach Vermögen geht es um die Ausbreitung des eigenen Einfluss- oder Herrschaftsbereiches um des eigenen Vorteiles willen. Doch da sich niemand freiwillig unterwirft, kommt der Egomane nicht ohne Gewalt aus; und so braucht die Politik das Militär und das Militär die Politik, je nachdem, welche Kräfte im Staat die Oberhand haben. Beide verfolgen dasselbe Ziel: die Überwältigung des Willens anderer. Beide haben daher, um diesem Ziel näher zu kommen, auch die gleichen Methoden, die sich nur graduell voneinander unterscheiden.

Tarnen und Täuschen

„In der Politik ist die Lüge eigentlich nur … eine Fortsetzung … dessen, was ja beim Militarismus – mit diesem hängt ja die Politik eng zusammen –  ganz selbstverständlich ist. Wenn man einen Gegner besiegen will, so muss man ihn täuschen. Die ganze Strategie ist darauf angelegt; da muss man lernen zu täuschen. Das ist System. Das wird dann durch die Verwandtschaft zwischen Militarismus und Politik auch auf das zivile Leben übertragen. Aber da ist es Methode.“[2]

Das Militär versucht, den Gegner durch Tarnen und Täuschen in Illusionen zu versetzen, um ihn mit Hilfe des Überraschungseffektes leichter schlagen zu können. Der machtsüchtige Politiker macht dem Gegner bzw. den eigenen und den gegnerischen Untertanen um des eigenen Vorteils willen mit Lügen etwas vor. Und den außenpolitischen Gegner will er durch Lügen in ein schlechtes Licht stellen und die eigene Bevölkerung für die getarnten Ziele hinter sich bringen. So kann diese schließlich auch auf die angeblich unumgängliche Gewalt eingestimmt und in den Krieg gehetzt werden. Dies gelingt umso besser, je vollkommener die Medien mit der herrschenden Kaste verflochten sind (siehe GEOLITICO-Beitrag „Herrschaft und Indoktrination“).

Ein gigantisches Beispiel solcher Abläufe bietet gegenwärtig die sogenannte Ukraine-Krise. Sie wird von den USA und ihren europäischen Vasallen so dargestellt, dass der prorussische Präsident Janukowitsch die Unterzeichnung des  Assoziierungsabkommens mit der EU auf Druck Putins, aber gegen den Willen des ukrainischen Volkes ausgesetzt habe. Darauf sei es zu großen Demonstrationen unzufriedener, friedlicher Bürger auf dem Maidan in Kiew gekommen, die durch die Brutalität der Polizei und den Einsatz von Regierungs-Scharfschützen in tödliche Gewalt umgeschlagen sei, in deren Verlauf das Parlament den geflohenen Janukowitsch abgesetzt und durch eine der EU zugeneigte legitime Übergangsregierung ersetzt habe. Darauf habe Russland die Krim völkerrechtswidrig annektiert und unterstütze militärisch die abtrünnigen Separatisten der Ostukraine.

Um Putin entgegenzutreten und zu stoppen, verhängten die USA und die EU Wirtschaftssanktionen gegen Russland, und die Nato erhöhte Ihre Truppenpräsenz in ihren östlichen Mitgliedstaaten, die sich angeblich ebenfalls von dem russischen Aggressor bedroht sahen. Die deutschen Propaganda-Medien forderten ihre politischen Auftraggeber mit unzweideutigen Schlagzeilen zum Handeln auf: „Genug gesprochen!“ (Tagesspiegel), „Stärke zeigen!“ (FAZ), „Ende der Feigheit!“ (Spiegel). Angela Merkel  hielt am 26. November 2014 im Bundestag Russland noch einmal vor, es stelle die europäische Friedensordnung infrage und breche internationales Recht.

Wie sehen die Dinge in Wirklichkeit aus, wenn man sie in einen größeren Zusammenhang stellt und genauer untersucht?

Die Rolle der Nato im US-Imperialismus

Die Machthaber der USA verfolgen seit mindestens über hundert Jahren die imperialistische Ausdehnung ihres Einfluss- und Herrschaftsbereiches. Sie haben sich, wie der US-Geostratege Brzezinski stolz feststellt, „im Laufe eines einzigen Jahrhunderts von einem relativ isolierten Land der westlichen Hemisphäre in einen Staat von nie dagewesener Ausdehnung und beispielloser Macht verwandelt.“[3] Diese Ausdehnung geschah und geschieht durch geheimdienstliche Operationen zur Unterstützung von oppositionellen und terroristischen Kräften sowie durch Kriege, die meist mit einem erlogenen Vorwand begründet werden, mit dem Ziel, unbotmäßige Regierungen zu Fall zu bringen.

In der US-Geostrategie spielt die NATO eine wichtige Rolle. Von den USA geführt, bindet sie die wichtigsten Vasallen-Staaten Europas an Amerika. Und indem die forcierte Osterweiterung der EU von der entsprechenden Erweiterung der NATO begleitet wird, dringt der US-Imperialismus mit Hilfe dieses europäischen Söldnerheeres immer weiter nach Zentralasien vor. Die Zusicherung des US-Außenministers James Baker  am 9. Februar 1990 im Katharinensaal des Kreml, „das Bündnis werde seinen Einflussbereich nicht einen Inch weiter nach Osten ausdehnen, falls die Sowjets der Nato-Mitgliedschaft eines geeinten Deutschland zustimmten“, war natürlich eine Lüge.

Bereits auf dem NATO-Gipfel in Madrid 1997 wurde auf Betreiben der USA den ehemaligen Warschauer Pakt-Staaten Polen, Tschechien und Ungarn die Mitgliedschaft angeboten, die am 12. März 1999 der NATO beitraten. Im November 2002 erhielten auf dem NATO-Gipfel in Prag Bulgarien, Estland, Lettland, Litauen, Rumänien, die Slowakei und Slowenien die Einladung zu Verhandlungen über einen NATO-Beitritt, und am 29. März 2004 traten diese neun Länder der NATO offiziell bei. Beim NATO-Gipfel in Bukarest im April 2008 wurde der Beitritt Albaniens und Kroatiens offiziell beschlossen und ihr Beitritt am 1. April 2009 vollzogen. Der Beitritt Georgiens und insbesondere der Ukraine wird von den USA  intensiv betrieben.

Parallel dazu liefen Beitrittsverhandlungen der eng an die USA gebundenen EU mit zahlreichen ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten. Denn Europa ist „Amerikas unverzichtbarer geopolitischer Brückenkopf auf dem eurasischen Kontinent“, und es „erweitert sich mit jeder Ausdehnung des europäischen Geltungsbereichs automatisch auch die direkte Einflusssphäre der Vereinigten Staaten.“ [4]  Am 1. Mai 2004 wurden Polen, Tschechien, Ungarn und außerdem noch Estland, Lettland, Litauen, Slowakei und Slowenien in die EU aufgenommen. Am 1. 1. 2007 folgten Bulgarien und Rumänien, am 1.7.2013 Kroatien.

Die Ukraine nimmt in dieser Strategie eine besonders wichtige Stelle ein. Sie wird von Brzezinski als ein wesentlicher geopolitischer Dreh- und Angelpunkt betrachtet. Die Einbindung auch der Ukraine in EU und Nato ist daher ein entscheidend wichtiges Ziel des US-Imperialismus. Für die EU ist die Aufnahme der Ukraine allerdings ein schwieriger und langwieriger Prozess. Als Vorstufe hat man sie in das Programm der „Europäischen Nachbarschaftspolitik“ eingegliedert, in dem Länder durch Assoziierungsabkommen an die EU angebunden werden sollen.

Die CIA in der Ukraine

Die Geostrategie der USA ist langfristig angelegt. Die CIA operierte bereits seit den fünfziger Jahren kontinuierlich in der Ukraine. Sie knüpfte dort früh Kontakte mit den ukrainischen Nationalisten, die unter Stephan Bandera die Nazis bei ihrem Vormarsch gegen die Sowjetunion unterstützt hatten. Banderas Sicherheitschef Mykola Lebed, von der Gestapo ausgebildet und intern als „Sadist und Kollaborateur der Deutschen mit hinterhältigem Charakter“ beschrieben, „wurde zum wichtigsten Mann der CIA, um im Kalten Krieg Einfluss auf die Ukraine zu nehmen. Ab etwa 1950 war dies die Aufgabe der CIA-Operation Aerodynamic, zu deren Schlüsselfigur Lebed aufstieg: Es wurden Agenten in die Ukraine ein- und ausgeschleust und das ukrainische Untergrundnetzwerk in jeder Hinsicht unterstützt. Von Anfang an geht es im Kern um die Schwächung Moskaus.“[5]

Nach der Infiltrierung des Netzwerks durch die Sowjets verlegte man sich auf den verdeckten ideologischen Kampf. Unter Lebeds Führung wurde in New York ein Kulturprogramm gestartet, von Kissinger genehmigt und von Brzezinski ausgeweitet, in dessen Rahmen eine von der CIA gegründete private Organisation „Prolog Research Corporation“,  ukrainische Zeitungen und Bücher ukrainischer Dissidenten veröffentlichte sowie Radioprogramme produzierte.

Parallel wurden in vielen Ostblockländern und eben auch in der Ukraine verdeckte Programme zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung organisiert. Dazu dient seit 1983 die „National Endowment for Democracy“ NED (Nationale Stiftung für Demokratie), die formal als private Stiftung firmiert, aber vom Außenministerium finanziert wird. Der Jahresetat der Stiftung beträgt zirka 100 Millionen Dollar, wovon 2012 laut Jahresbericht 3,4 Millionen „zur Demokratieförderung“ in die Ukraine flossen. Für mehr als fünfzig geförderte Einzelprojekte erhält jeder der unterstützten lokalen Vereine und Verbände (also „Nicht-Regierungsorganisationen“, NGOs) im Schnitt etwa 50.000 Dollar im Jahr. „Die Stiftung hat ein feines Netz gespannt, das mittlerweile bis in die kleinsten Regionen des Landes reicht.“[6]

Dass die Finanzierung der Einflussnahme auf die innere Entwicklung der Ukraine insgesamt noch viel umfangreicher ist, offenbarte Victoria Nuland, Assistant Secretary of State for Europe and Eurasian Affairs, also die Beauftragte der US-Regierung auch für die Ukraine, auf einer Pressekonferenz am 13. Dezember 2013. Sie erklärte, dass die USA seit der Unabhängigkeit 1991 den „Übergang der Ukraine zu guten demokratischen Institutionen und Regierungsformen sowie zu einer Zivilgesellschaft“ mit mehr als 5 Milliarden Dollar unterstützt haben. Interessant ist, dass das Video des CNN über diese Pressekonferenz mit „Regime Change in Kiev“ (Regime-Wechsel in Kiew) überschrieben wurde.

In diesen Rahmen passt, dass der jetzige Ministerpräsident Arsenij Jazenjuk seit 2007 eine Stiftung „Open Ukraine“ für „Internationale Dialoge, kulturelle Horizonte und Junge Führer“ betreibt, die „mit einer neuen Generation von Künstlern, Unternehmern und Aktivisten aus unterschiedlichen Regionen arbeitet, die sich um sozialen Wandel (sprich Umsturz) bemühen“. Die Stiftung wurde und wird neben der schon genannten US-Stiftung NED (Nationale Stiftung für Demokratie) u. a. auch vom US-Außenministerium direkt, der NATO, der britischen Politik-Steuerungszentrale Chatham House, dem German Marshall Fund oft he United States sowie der International Renaissance Foundation des US-Großspekulanten und Multimilliardärs George Soros gefördert und unterstützt.(10)  Es ist nicht weit hergeholt, Jazenjuk einen Agenten der ganzen angloamerikanischen Kreise zu nennen, die hinter der Geostrategie des US-Imperiums stehen.

Nach dem Vorbild der US-Stiftung NED gründete die Europäische Union 2013 den Europäischen Demokratiefonds EED (nach englisch: European Endowment for Democracy) zur Förderung demokratischer zivilgesellschaftlicher Organisationen, Bewegungen und von einzelnen Aktivisten in an die EU angrenzenden Ländern. Er hat die Form einer privaten Stiftung, wird aber von der Europäischen Kommission, den EU-Mitgliedsstaaten und der Schweiz finanziert.[7]  Der Stiftungsrat wird vom CDU-Abgeordneten im EU-Parlament und Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses Elmar Brok geleitet, „den selbst das Springer-Blatt „Bild“  als „Brüssels heimlichen Strippenzieher in Kiew“ bezeichnet.“[8]

Ausbildung von Jung-Nazis

Die Aktivitäten der durch den Westen finanzierten oppositionellen Kreise, zu denen auch Gruppen der russlandfeindlichen äußersten Rechten gehörten, nahmen schon lange vor den Maidan-Unruhen auch Formen paramilitärischer Vorbereitungen für einen gewaltsamen Umsturz an. Bereits 2006 hat offenbar eine Gruppe von jungen Demonstranten vom Maidan-Platz, Mitglieder der Nazi-Gruppe Ukrainische Selbstverteidigung (UNA-UNSO), auf der NATO Basis in Estland eine gründliche paramilitärische Ausbildung in Terrorismus erhalten.[9]

Der ukrainische Politiker Oleg Tsarew deckte am 20.11.2013 im Parlament auf, „dass ein 2012 von der US-Botschaft veranstaltetes TechCamp dazu gedient hatte, ,potentielle Revolutionäre zur Organisation von Protestaktionen und einem Umsturz der Regierung heranzubilden’“.[10]

Die polnische linke Wochenzeitung Nie (Nein) veröffentlichte am 18. April 2014 einen Bericht über die Ausbildung der gewalttätigsten Aktivisten des Euro-Maidan. Danach „hat im September 2013 der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski 86 Mitglieder des ukrainischen rechten Sektors (Pravý Sektor) eingeladen“, die im September 2013 im Ausbildungs-Zentrum der Polizei des Nato-Landes Polen, eine Autostunde von der Hauptstadt entfernt, vier Wochen lang ein „intensives Training für die Verwaltung von Menschenmassen, für die Erkennung von Personen, für Kampf-Taktiken, für den Befehl, für das Verhalten in Krisensituationen, für Ordnungsarbeit und Schutz gegen Gas, für den Bau von Barrikaden, und vor allem fürs Schießen, einschließlich des Einsatzes von Scharfschützengewehren“ erhielten.[11]

Nach Aussagen von Vasily Stoyakin, Direktor des ukrainischen „Politicel Marketing Centre“, in einem am 26.2.2014 veröffentlichten Video, seien allein im Sommer 2013 in der Ukraine in speziellen Camps ca. 800 Personen mit ideologischen Programmen ausgebildet worden. Dazu kämen weitere Camps im Ausland. Die Leute seien speziell für urbane Konflikte und den taktischen Nahkampf gegen die Polizei, einschließlich des Gebrauchs von Schusswaffen geschult worden.[12]

Der Putsch

Präsident Janukowitsch lehnte am 21.11.2013 die Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens mit der EU vorerst ab, da die ukrainische Wirtschaft noch nicht stark genug und so die Voraussetzungen noch nicht gegeben seien, eine Einschätzung, die Angela Merkel drei Tage vorher in einer Regierungserklärung am 18.11.2013 ebenfalls abgegeben hatte.[13] Die Ukraine wäre angesichts ihrer wirtschaftlichen und technischen Rückständigkeit in einer vorgesehenen „tiefen und umfassenden Freihandelszone“ ohne Schutzzölle nicht konkurrenzfähig gewesen und durch den Ausschluss einer gleichzeitigen Anbindung an eine Zollunion mit Russland und die Integration in die EU-Militärpolitik in eine völlige Abhängigkeit von der EU gekommen. Zudem wollte sich Janukowitsch gleichwertige Wirtschaftsbeziehungen zu Russland offenhalten, zumal dieses einen Preisnachlass auf Gaslieferungen von ca. drei Milliarden US-Dollar jährlich und den Ankauf von Staatsanleihen in Höhe von 15 Milliarden US-Dollar in Aussicht stellte.[14]

Es kam interessanterweise sofort zu Demonstrationen auf dem Maidan gegen Janukowitsch, die bis zum 8.12.13 auf  500.000 bis 800.000 vorwiegend junger Teilnehmer aus dem ganzen Land anschwollen, was nur aus den jahrelangen Vorbereitungen in den vom Westen unterstützten oppositionellen Vereinigungen und einer zentralen Steuerung erklärbar ist. In einem Interview mit der Washington Post vom 25.4.2014 sagte der jetzige Präsident und frühere Oppositionsführer Petro Poroschenko: „Von Anfang an war ich einer der Organisatoren des Maidan. Mein Fernsehsender – Kanal 5 – hat eine enorm wichtige Rolle gespielt. (…)  Am 11. Dezember (2013), als wir die stellvertretende amerikanische Außenministerin Victoria Nuland und die außenpolitische Sprecherin der EU, Catherine Ashton, in Kiew hatten, während dieser Nacht begann der Sturm auf den Maidan.“[15] Nuland sprach mit den Demonstranten und half Essensrationen zu verteilen. Ashton war Arm in Arm mit Jazenjuk unter den Demonstranten zu sehen. Auch  der deutsche Außenminister Guido Westerwelle wollte am 4.12.13 mit seinem Besuch bei den Demonstranten nach eigenen Aussagen  ein „Zeichen setzen dafür, dass die Ukraine in Europa willkommen ist“.[16] Der EU-Abgeordnete Elmar Brok bestärkte und befeuerte am 7.12.2013 in einer Rede auf dem Maidan die Demonstranten.[17]

Nach einer Befragung vom 2.12. gaben nur 28% der Demonstranten als Grund ihres Protestes die Ablehnung des EU-Vertrages an, von denen auch nur die wenigsten die Inhalte kannten. Verschiedene Videos zeigen große Mengen ukrainischer Jugendlicher, die Schlange stehen, um sich als Demonstranten gegen 20 Dollar pro Tag anheuern zu lassen.[18] Von Anfang an waren die Demonstrationen nicht nur friedlich. Videos zeigen, wie Polizisten-Mannschaften, die sich völlig defensiv verhielten, mit Pfefferspray, Faustschlägen, Schlagstöcken, Pflastersteinen und Molotowcocktails unentwegt angegriffen und (vergeblich) provoziert wurden.[19]

Die Verschwörung der USA und der EU zum Sturz der prorussischen Regierung Janukowitsch wurde vollends an das Licht der Weltöffentlichkeit gezogen, als Russland am 6. Februar 2014 ein abgehörtes Telefonat zwischen Victoria Nuland und dem US-Botschafter in Kiew Geoffrey R. Pyatt ins Netz stellte. Darin klärten beide ab – also während Janukowitsch noch im Amt war! – dass nicht der von der EU, insbesondere Deutschland, aufgebaute Boxer Wladimir Klitschko in die künftige Regierung  solle, sondern dass Jazenjuk Ministerpräsident werden müsse. Pyatt wurde beauftragt, die Dinge entsprechend in die Wege zu leiten.[20]

Seit Januar ließ der Anführer des Rechten Sektors, Dimitri Jarosch, seine Leute auf die Polizei schießen: „So trug er maßgeblich zur blutigen Eskalation bei.“[21] Diese erreichte ihren Höhepunkt im Februar 2014, insbesondere am 20. Februar 2014. Außer Scharfschützen von beiden Seiten gab es auf einmal ein zusätzliches Scharfschützen-Kommando, das wie bestellt von neun bis zwölf Uhr von Dächern und aus Fenstern u. a. des Hotels Ukraine gezielt sowohl Polizisten wie zahlreiche Demonstranten, unbeteiligte Passanten und Ärzte, insgesamt mehr als fünfzig Menschen, erschoss. „Die bekannte Strategie, Vertreter zweier Konfliktparteien zugleich zu töten, sodass jede Gruppe annehmen muss, die jeweils andere habe geschossen, ging auf: Chaos und blinde Wut griffen um sich.“[22] Janukowitsch flüchtete am 21.2.14 vor den heranstürmenden bewaffneten Gruppen und wurde vom Parlament durch einen – eindeutig verfassungswidrigen – Beschluss seines Amtes enthoben. Es handelte sich also um einen Putsch gegen einen demokratisch gewählten Präsidenten, was aber keine westliche „demokratische“ Regierung störte.

Natürlich wurde das Killerkommando Janukowitsch in die Schuhe geschoben, eine Untersuchung aber bis heute nicht wirklich durchgeführt. In welcher Richtung die Auftraggeber zu suchen sind, zeigt indessen eher die vielfach bezeugte Tatsache, dass das Hotel Ukraine vollständig in der Hand der Opposition war und nur nach einer Personenkontrolle betreten werden konnte.

Die Reaktion Russlands

Nach den absprachewidrigen NATO-Erweiterungen und dem vorrückenden Aufbau eines Raketenabwehrsystems gegen Russland wurde für Putin mit der Installierung eines westlichen Marionetten-Regimes in Kiew eine absolute Grenze überschritten, die den elementaren Sicherheitsinteressen seines eigenen Machtbereiches gezogen ist. Er konnte nicht hinnehmen, dass die Ukraine zur Aufmarschbasis der NATO gemacht und Russland von seinem einzigen eisfreien Marinestützpunkt auf der Krim abgeschnitten wird. Dass Putin als erstes die Schenkung Chruschtschows rückgängig machen und die Krim wieder Russland anschließen würde, ja musste, war vorauszusehen; jeder andere an seiner Stelle hätte ebenso gehandelt, die US-Imperialisten noch viel früher. Putins Reaktion war sicher auch einkalkuliert und sein „Völkerrechtsbruch“ bewusst propagandistisch ausgeschlachtet worden, um in gewohnter Manier mit Verzerrungen der Wahrheit den Gegner zu diffamieren und von den eigenen Machenschaften abzulenken.

Abgesehen davon, dass im Gegensatz zur Abtrennung des Kosovo von Serbien durch den Westen die Bevölkerung der Krim in einem Referendum dem Anschluss an Russland  mit großer Mehrheit zugestimmt hat und ein Völkerrechtsbruch unter den Staatsrechtlern sehr umstritten ist,[23] kommt es letztlich darauf gar nicht an. Denn Putin hat diesen Schritt nicht mutwillig gemacht. Die Schuld dafür liegt beim Westen, der ihn zu dieser Notwehr gezwungen hat.

Tiefpunkt moralischer Verkommenheit

Wir haben es im Ukraine-Konflikt wieder mit einem gigantischen Lügengebäude zu tun, das dazu dient, die imperialistischen Ziele des US-Imperiums und seiner Vasallen zu verschleiern und durch Diffamierung Russlands als Aggressor von den eigenen aggressiven Intentionen abzulenken. Die Machtzirkel der USA können in ihrer diabolischen Besessenheit offenbar nicht anders. Die Klage richtet sich gegen ihre europäischen, insbesondere deutschen Kollaborateure, die um ihrer Machtpositionen und Pfründe wegen Europas Eigenständigkeit als geistigen Kulturraum, zu dem auch Russland gehört, verraten und aufgeben.

Eine spätere Geschichtsforschung wird einmal kopfschüttelnd beschreiben, wie sie sich rückgratlos dafür hergaben, an den ungeheuren Lügennetzen mitzuknüpfen und die Völker, deren Wohl zu dienen sie geschworen hatten, erneut sehenden Auges kriegerischen Auseinandersetzungen entgegentrieben. Es ist ein Tiefpunkt moralischer Verkommenheit eines geistlosen Polit-Proletariats, der durch die permanenten verlogenen Phrasen von Freiheit, Menschenrechten und Demokratie nur umso zynischer wirkt.

Anmerkungen

[1] Zitiert nach André F. Lichtschlag in „eigentümlich frei“ Aug./Sept. 2013, S. 40

[2] Rudolf Steiner in einer Fragenbeantwortung am 2.1.1921, Gesamtausgabe Nr. 338, S. 236

[3] Z. Brzezinski: Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft, 3. Auflage 2000, S, 17f.

[4] Brzezinski a. a. O. S. 91

[5] Mathias Brökers, Paul Schreyer: Wir sind die Guten, Frankfurt/Main 20143, S. 78, 79

[6] a. a. O., S. 85

[7] http://openukraine.org/en/about/partners

[8] Bild-Online vom 30.1.2014

[9] siehe Voltaire-Netzwerk: http://www.voltairenet.org/article182072.html

[10] Quelle: http://www.klagemauer.tv/index.php?a=showportal&keyword=terror&id=2366

[11] Thierry Meyssan, „Polen hatte die Putschisten zwei Monate vorher ausgebildet“, Voltaire-Netzwerk: http://www.voltairenet.org/article183335.html

[12] https://www.youtube.com/watch?v=jKIMRbzn80U#t=379, ab Min. 5.50

[13] Wikipedia – Euromaidan – Ereignisse im Vorfeld, abgerufen 6.1.15

[14] 18   Wikipedia – Assoziierungsabkommen zwischen der EU und der Ukraine – Auseinandersetzung    zwischen Ukraine und Russland

[15] Wikipedia – Euromaidan – Ursachen – Medieneinfluss, abgerufen 8.1.2015

[16]Westerwelle wehrt sich gegen russische Kritik“, Spiegel Online, 5.12.2013

[17] https://www.youtube.com/watch?v=OrxQTzd9Vf0

[18] Siehe: http://www.0815-info.com/News-file-article-sid-11440.html#.VKwGA8mavdg unter3

[19] https://www.youtube.com/watch?v=PwtmezqZltI

[20] https://www.youtube.com/watch?v=8YSFNOaJupE

[21] Uwe Klußmann, „Die fatalen Fehler der Regierung in Kiew“, Spigel Online vom 3. März 2014

[22] 26   s. Anm. 6, S. 89, 90; s. auch Sebastian Range: Blutige Wene, in: R. Thoden/s. Schiffer (Hg.): Ukraine im Visier, Frankfurt/M, 2014, S. 132 ff.

[23] Reinhard Merkel, „Kühle Ironie der Geschichte“, FAZ.net vom 7. April 2014

Über Herbert Ludwig

Herbert Ludwig war viele Jahre Lehrer an einer Freien Waldorfschule. Er befasst sich schwerpunktmäßig mit den inneren und äußeren Bedingungen der Entwicklung des Menschen zur Freiheit und mit den Hintergründen der „europäischen Integrationsbewegung“, woraus seine Schrift „EU oder Europa?“ und Artikel auf seiner Webseite hervorgegangen sind Kontakt: Webseite | Weitere Artikel