Das Spiel des Griechen Varoufakis
Das Spiel des Griechen Varoufakis

Das Spiel des Griechen Varoufakis

Athens Finanzminister und Spieltheoretiker Yanis Varoufakis bringt die Euro-Gruppe zur Verzweiflung: Setzt er auf die Selbstzerstörung des Euro?

Bisher endeten alle Verhandlungen der neuen Regierung in Athen mit den Finanzministern der Euro-Gruppe ergebnislos und mit 18 eher ratlosen Gesichtern sowie einem verschmitzt lächelnden griechischen Finanzminister. Es ist gar nicht so schwer zu verstehen, warum das so ist. Jedenfalls dann nicht, wenn man sich vergegenwärtigt, was Yanis Varoufakis gemacht hat, bevor er Finanzminister wurde.

Er war bisher Wirtschaftsprofessor, und die Spieltheorie ist seine Domäne. Das mag vielen vielleicht nichts sagen. Kurz gesagt, geht es in der Spieltheorie darum, Entscheidungssituationen mit mehreren Beteiligten zu modellieren. Es geht darum, mit mathematisch-statistischen Methoden das Verhalten und den Ausgang von bestimmten Verhandlungssituationen zu prognostizieren. Oder eben umgekehrt die Frage zu beantworten, wie ein bestimmtes Verhandlungsergebnis erreicht werden kann. In diesem Fall wird also ein entsprechendes Spiel entworfen, das zu dem gewünschten Ergebnis führt.[1]

Ratlose Eurogruppe

Noch etwas ist wichtig zu wissen: Professor Varoufakis ist ein erklärter Gegner der Lehren des liberal-neoklassischen ökonomischen Mainstreams.[2] Warum ist das wichtig? Ganz einfach: Weil es ihm in der Spieltheorie wie in der Wirtschaftstheorie insgesamt um realistischere Ansätze geht, das heißt, um Ansätze, die im Unterschied zu denen des liberal-neoklassischen Mainstreams auch erfolgreicher in der Praxis angewendet werden können.

Was scheint uns all das über das zu sagen, was Griechenland bei den Verhandlungen mit der Euro-Gruppe wirklich tut? Yanis Varoufakis scheint in Brüssel ein „Spiel“ aufzuziehen, das zu dem von ihm gewünschten Ergebnis führen soll, wobei die Euro-Gruppe – und auch allen anderen Beobachter – erklärtermaßen noch immer nicht wissen, was Griechenland eigentlich wirklich genau will und wie das „Spiel“ ausgehen soll. Aber gerade das dürfte ein wesentlicher Bestandteil des Varoufakis´schen Spiels sein.

Athen kommt mit immer neuen Vorschlägen, wurde dabei bisher aber nie wirklich konkret. Das als Zeichen von Unprofessionalität zu interpretieren, wäre ein schwerer Fehler. Varoufakis wendet sein Wissen an. Und wer glaubt, dass alle Theorie grau ist, hat sich zu sehr an schlechte ökonomische Theorien gewöhnt, die an der Wirklichkeit scheitern, so wie eben die liberal-neoklassische Wirtschaftstheorie, auf der u.a. auch das Sanierungskonzept der Troika für die europäischen Schuldenstaaten aufgebaut ist.

Die Professoren-Regierung

Varoufakis aber ist als Ökonom angetreten, weil er es besser als der ökonomische Mainstream machen wollte. Genau deswegen kommt er auch zu dem Schluss, dass das bisherige austeritätspolitische Krisenmanagement der Euro-Gruppe gescheitert ist. Für ihn ist die von der Euro-Gruppe vorgeschlagene Verlängerung des noch laufenden Sanierungsprogramms keine Option, weil es, wie er betont, die Ursache und nicht die Lösung der Probleme Griechenlands ist.[3] Dass wiederum die Euro-Gruppe ihren Vorschlag für vernünftig hält, ist ein Zeichen für deren wirtschaftsideologisch verstellten Blick auf die Probleme der Euro-Zone. Die von ihrem Konzept geschaffenen Fakten in den Krisenländern blenden sie offensichtlich weitgehend aus.

In der neuen griechischen Regierung sitzen mehr Professoren als in jeder anderen in der EU. Sie werden von Premier Alexis Tsipras nicht geholt worden sein, weil sie so schöne, aber für die Praxis untaugliche Lehren und Theorien verfechten. Sie sind sicher keine Politikprofis. Das nicht. Aber das muss kein Nachteil sein. Denn die zu lösenden Probleme in den Krisenländern der Euro-Zone setzen nicht in erster Linie politische, sondern fachliche Kompetenzen voraus.

Was Europa eindeutig fehlt, sind neue, bessere Ideen der Krisenbewältigung. Anders ausgedrückt umhüllen sich Griechenlands Gläubiger –einschließlich des Internationalen Währungsfonds – zwar mit der Aura überlegener fachlicher Kompetenz. Doch die bisherigen Ergebnisse ihrer Krisenpolitik haben berechtigte Zweifel daran aufkommen lassen. Dass Yanis Varoufakis ihnen das so unverblümt sagt, schmeckt ihnen natürlich nicht.[4]

Griechische Pleite?

Doch was wollen sie schon dagegen tun? Das bis Freitag gesetzte Ultimatum ist de facto eine Drohung an die europäischen Steuerzahler. Denn die müssen die Milliardenverluste schultern, wenn die Verhandlungen platzen, Griechenland in die Pleite geschickt wird und die gewährten Kredite abgeschrieben werden müssen.

Um zu dem Schluss zu gelangen, dass das niemand in der Euro-Gruppe wollen kann, schon gar kein Regierungspolitiker, braucht man kein Spieltheoretiker zu sein. Und was eine griechische Pleite letztlich für die Währungsunion und für die Finanzmärkte bedeutet: Wer in der Euro-Gruppe will das austesten und im Zweifel dann auch politisch verantworten?

Kein Wunder also, dass Yanis Varoufakis’ Lächeln bisher nicht verschwunden ist. Ob sein „Spiel“ allerdings für Griechenland auch wirklich aufgeht, ist noch keineswegs sicher. So ist das eben mit Theorien, die den Praxistest noch vor sich haben.

Andererseits sollte Europa generell schon endlich mehr Mut aufbringen, neue Wege zu gehen und neue Theorien der Krisenbewältigung zu testen. Ansonsten zerstört es sich sukzessive selbst. Vielleicht ist es sogar genau das, worauf das Spiel des Yanis Varoufakis am Verhandlungstisch in Brüssel zielt. Es würde mich nicht überraschen. So betrachtet streitet in Brüssel gegenwärtig vielleicht bereits das „neue“ gegen das „alte“ politische Europa.

Anmerkungen

[1] Siehe: Marc Friedrich und Matthias Weik, „Erlöst die Griechen vom Euro!“, GEOLITICO vom 28. Januar 2015

[2] Steve Keen, „My Friend Yanis, The Greek Minister Of Finance“, Forbes vom 31. Januar 2015

[3]Keine Einigung im Schuldenstreit“, tagesschau.de vom 16. Februar 2015

[4] Stefan L. Eichner, „Griechenland versinkt in Armut“, GEOLITICO vom 22. Oktober 2014

Über Stefan L. Eichner

Als Ökonom beschäftigt sich Stefan L. Eichner seit 1990 mit den Themen: Europäische Integration, Wirtschafts- und Industriepolitik, Industrieökonomik und Wettbewerbstheorie. 2002 stellte er in einer Publikation eine neue Wettbewerbstheorie vort, die er "evolutorischer Wettbewerb" nennt. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel