Draghis Vorbild ist das alte Rom
Draghis Vorbild ist das alte Rom

Draghis Vorbild ist das alte Rom

Hätten die antiken Kaiser sehen können, wie einfach EZB-Chef Mario Draghi  das Geld vermehren und entwerten kann, sie wären vor Neid erblasst. Ein Blick zurück.

In früheren Zeiten brauchte man keine angeblich unabhängige Zentralbank, um eine Währung zu ruinieren. Im römischen Reich zur Zeit der Kaiser waren dafür die jeweiligen Herrscher selbst zuständig.

Der griechisch-römische Geschichtsschreiber Cassius Dio (geboren um 163 n. Chr., gestorben nach 229 n. Chr.) überliefert uns in seiner Römischen Geschichte eine geldpolitische Machenschaft des Kaisers Marcus Aurelius Severus Antoninus, genannt Caracalla, den von 197 bis 217 n. Chr. (ab 211 allein) regierenden 2. Herrscher der severischen Dynastie. Cassius Dio schreibt im Buch 78, 14 (1 – 4) seines Werkes (Römische Geschichte, Band V, Düsseldorf 2009, S. 400 – 401):

  • Er kämpfte auch mit einem gewissen Germanenstamm, den Cennen. (…).
  • Doch selbst diese Gegner ließen sich von Antoninus [= Caracalla] eine angebliche Niederlage für viel Geld abkaufen und erlaubten ihm, sich in die Provinz Germanien zu retten.
  • Auch viele der unmittelbar am Ozean rings um die Elbemündungen wohnenden Völkerschaften schickten Gesandtschaften an ihn und baten um seine Freundschaft, in Wirklichkeit aber wollten sie nur Geld von ihm erhalten; hatte er nämlich ihren Wunsch erfüllt, so griffen ihn viele unter Kriegsdrohungen an, und doch kam er mit allen zu friedlichen Abkommen. Denn selbst wenn die vorgeschlagenen Bedingungen ihren Absichten nicht entsprachen, so ließen sie sich doch angesichts der Goldstücke fesseln; Antoninus schenkte ja den Barbaren vollwertige Münzen,
  • während er für die Römer nur verfälschtes Silber und Gold zur Verfügung hatte; die eine Art ließ er nämlich aus Blei mit Silber, die andere aus Kupfer mit Goldauflage herstellen.

Gutes und schlechtes Geld

Das ist ein wichtiger Hinweis über die Lage des römischen Imperiums am Anfang des dritten Jahrhunderts. Das Imperium expandierte nicht mehr, es flossen nicht mehr Unmengen von Beutegeld und Sklaven aus den eroberten Gebieten ins Reich. Im Osten waren die Parther, im Norden die Germanen hartnäckige und gefährliche Gegner des Reichs. Die ständigen Konflikte, aber auch der aufwändige Lebensstil der Kaiser sowie die Überprivilegierung der Armee (der Machtbasis aller Kaiser) kosteten Geld, das die Imperatoren nach Lage der Dinge nun von der römischen Bevölkerung eintreiben mussten.

Caracalla griff im Verlauf seiner Herrschaft zu unorthodoxen Maßnahmen, indem er im Jahre 212 mit der Constitutio Antoniniana das Bürgerrecht an alle freien Bewohner des römischen Reichs verlieh und somit seine Steuerbasis nicht unerheblich verbreiterte. Von römischen Bürgern konnte er nämlich eine Abgabe auf die Freilassung von Sklaven und die Erbschaftssteuer, die er auch gleich von 5 auf 10 Prozent erhöhte, einfordern. Steuererhöhungen waren natürlich die gängigste Methode, zu neuen Einnahmen zu kommen. Die Steuern immer höher anzusetzen, war andererseits eine gefährliche Sache, weil damit der Unmut der Reichsbürger gegen die herrschende Dynastie wuchs.

Sehr viel ungefährlicher war es, über Münzverschlechterungen verdeckte Abgaben zu erheben. Cassius Dio hat mit seiner Darstellung den Zusammenhang zwischen praktizierter Geldmanipulation und den notwendigen Kriegs- bzw. Bestechungsausgaben in außergewöhnlicher Weise offen gelegt. Die zunehmenden Kosten der Kriegsführung führten bei den Imperatoren zu leeren Kassen.

Falls seine Darstellung zutreffend ist, hat Caracalla sich mit gutem Geld, dessen Edelmetallgehalt noch nicht verringert wurde, bei einigen Germanenstämmen Frieden erkauft. Diese unkonventionelle Art des Siegens hat den Kaiser übrigens nicht daran gehindert den Titel „Germanicus Maximus“ anzunehmen. Die Germanen bekamen jedenfalls Hartgeld, während er für seine eigenen Untertanen neue Münzen mit sehr viel schlechterem Feingehalt ausgab. Damit beteiligte er die römischen Bürger über die Geldpolitik an einer unfreiwilligen „Friedensabgabe“, denn das gute Geld floss nach Germanien, während ihr eigenes Geld im Echtwert deutlich verringert wurde.

Kupfer statt Silber

Nach Darstellung Dios bestanden die Goldmünzen in der Zeit Caracallas nur noch aus Kupfer mit Goldauflage, das ist sicherlich eine Übertreibung. Dio, der die Zeit Caracallas selbst miterlebt hat, sah diesen Kaiser als blutrünstigen Tyrannen an, da er seine Macht auch durch brutale Morde in den Reihen der Senatsaristokratie gefestigt hatte, der Dio selbst angehörte. Für ihn war dieser Imperator zu allem Schlechten fähig, und Dios Darstellung ist deshalb mitnichten objektiv.

Am Kern der Darstellung Dios, der Zahlung eines Friedenstributs des Kaisers an germanische Stämme, ist allerdings nicht zu zweifeln, auch wenn die Archäologie bis jetzt ein vermehrtes Aufkommen von Münzen aus der Zeit Caracallas in Germanien nicht nachweisen konnte, was allerdings auch darauf zurückzuführen sein könnte, dass die Münzen umgeschmolzen wurden. Ebenso gibt es keinen Zweifel daran, dass die Kaiser seit Nero in immer größerem Maße die römischen Münzen manipuliert haben. Immer wieder wurden alte Münzen eingeschmolzen, um unter Beimischung unedler Metalle eine größere Anzahl neuer Münzen zu produzieren.

Am besten ist das darstellbar anhand der Standard-Silbermünze der römischen Republik und des Prinzipats, dem Denar. Folgende Darstellung über die Absenkung des Edelmetallgehalts (Feingehalt) dieser Münze ist der informativen Webseite „Numispedia“ entnommen:[1]

3,68 bis 3,72 g unter Augustus und seinen Nachfolgern bis Nero,

3,54 g in den ersten Regierungsjahren Neros,

3,14 g gegen Ende der Regierung Neros,

3,21 bis 3,07 g unter Vespasian und Titus,

3,44 g in den ersten Jahren Domitians (bis 85 n.Chr.),

3,28 g zwischen 85 und 96 n.Chr.,

3,24 g unter Nerva,

3,07 g unter Trajan,

3,02 g unter Hadrian,

2,68 g bis 2,96 g unter Antoninus Pius,

2,58 g bis 2,64 g unter Mark Aurel,

2,35 g bis 2,08 g unter Commodus,

1,81 g bis 2,46 g unter Septimius Severus,

1,65 g unter Caracalla,

1,82 g unter Macrinus,

1,41 g unter Elagabal,

1,49 g bis 1,29 g unter Severus Alexander,

1,41 g unter Maximinus Thrax,

1,46 g unter Gordian III.

Im weiteren Verlauf des 3. Jahrhunderts, ca. 241 bis 270 n. Chr., wurde der Denar, der als Silbermünze begonnen hatte, quasi zu einer Kupfermünze. Aber seine Bedeutung nahm auch immer mehr ab. Die Geldnot der Kaiser im 3. Jahrhundert war einfach zu groß, um diese Möglichkeit der Geldvermehrung außer Acht zu lassen. Der schon eingangs genannte Kaiser Caracalla hatte mit der Neueinführung einer in der Fachliteratur „Antoninian“ genannten Silbermünze (wahrscheinlicher Name im römischen Reich „Bicharactus“) eine Währungseinheit geschaffen, die den Denar dann als Hauptmünze unter den Soldatenkaisern ersetzen sollte.

Kaiserlicher Betrug

Auf die Einführung dieser neuen Silbermünze könnten Cassius Dios ungehaltenen Ausführungen in seinem Geschichtswerk bezogen sein, denn Caracalla hatte diese Münze im Wert von zwei Denaren ausgegeben, der eigentliche Silbergehalt entsprach aber nur dem Feingehalt von ca. eineinhalb Denaren der damaligen Zeit. Caracalla prägte also eine Münze, die er z. B. bei der Soldzahlung an seine Soldaten als Wert für zwei Denare ausgeben konnte. Auch hier ist somit „die offenbar auf eine Steigerung des Prägegewinns abzielende Politik Caracallas“[2] klar zu erkennen.

Auch der „Antoninian“ ist dann unter den Soldatenkaisern ständig entwertet worden. Diese Münze wurde durch ständig erhöhte Beimischung schließlich zur Kupfermünze fast ohne Edelmetallgehalt (0,07 g Silber). Bei ihr wurde dann ab 250 n. Chr., z. B. in den Regierungszeiten der Kaiser Gallienus (253 – 268 n. Chr.) und Aurelianus (270 – 275 n. Chr.), eine Stufe der Münzmanipulation erreicht, die Dio, wie oben zitiert, schon Caracalla unterstellt hatte. Nur hatte dieser Kaiser tatsächlich noch nicht gewagt, die Bevölkerung derart hinters Licht zu führen:

„Auch der Antoninian ging den Weg der Abwertung – wie zuvor schon der Denar. Vor allem zur Zeit Aurelians wurde auf die inzwischen nur noch kupfernen Antoniniane durch eine spezielle Säurebehandlung, den Silbersud (auch Weißsieden genannt), eine dünne silberne Oberfläche aufgebracht, was schon fast einem staatlichen Münzbetrug gleichkam.“[3]

Die interessante Formulierung des Artikelverfassers in der Wikipedia, dass ein solches Vorgehen ja „fast“ einem staatlichen Münzbetrug gleichkäme, ist etwas putzig, zeigt aber deutlich, wie obrigkeitshörig man in Deutschland in Sachen Währung immer noch denkt. Die römischen Kaiser des krisenhaften dritten Jahrhunderts sahen in ihrer Geldnot vielleicht keinen anderen Ausweg mehr, aber dass hier die Bevölkerung massiv betrogen wurde, werden sie gewusst haben.

Neros Latrinensteuer

Nicht sehr viel besser als den Silbermünzen ging es im Übrigen der Standard-Goldmünze, dem Aureus, der im Verlauf des 3. Jahrhunderts durch Gewichtsreduktionen und ständig erhöhte Kupferbeimischung im Wert verfiel. Kaiser Konstantin musste schließlich in einer Währungsreform den Solidus (Aureus Solidus = zuverlässiger Aureus) einführen, der 1/72 des römischen Pfunds im Gesamtgewicht hatte (ca. 4,55 g), um das Vertrauen in die Goldwährung wieder herzustellen.

Die Münzmanipulation war die antike Form der Geldmengenausweitung zur zusätzlichen Finanzierung von staatlichen Ausgaben. Es wurde damit ein Gleichgewicht zwischen den Einkünften und den Ausgaben des jeweiligen Kaisers hergestellt, das man durch die regulären Abgaben der Steuerpflichtigen nicht mehr erreichen konnte. Die endlose Aufhäufung von Schuldenbergen, die dann angeblich in der Zukunft wieder abgetragen werden sollten, war damals noch nicht in Mode gekommen, auch wenn z. B. Nero seinem Nachfolger Vespasian so viele Schulden hinterlassen hatte, dass der zur Erweiterung der Steuerbasis eine Latrinensteuer einführte („Geld stinkt nicht“).

Aber auch ein römischer Kaiser der Prinzipatszeit konnte, wie schon gesagt, nicht uferlos Steuern erheben, wollte er nicht Aufstände in der Bevölkerung riskieren. Da war es doch viel einfacher, über das Einschmelzen guter Münzen und die Ausgabe geringerwertiger neuer Münzen (entweder im Gesamtgewicht oder im Feingehalt reduziert), von denen man nun viel mehr herstellen konnte, eine indirekte Abgabe zur Sanierung der Staatsfinanzen zu erheben. Genutzt hat es nur eine bestimmte Zeit, denn Ende des dritten/Anfang des vierten Jahrhunderts mussten sowohl Silber- wie Goldwährung des Römischen Reiches grundsätzlich reformiert werden.

Mühsame Vertuschung

Es ist wahrscheinlich das Grundproblem aller Regierenden: zu hohe Ausgaben stehen immer nur relativ kümmerlichen Einnahmen gegenüber. Das ist in der Gegenwart nicht anders, als es in der Antike war. Auch in den Staaten der Eurozone z. B. kann man die entstehende Lücke schon lange nicht mehr durch reguläre Steuern finanzieren. Anders als im Alten Rom können die Ausgaben gegenwärtig noch über eine ständig höher werdende Schuldenaufnahme finanziert werden.

Im Verbund der Euro-Währungsunion sind manche Staaten allerdings an ihre Grenzen angelangt, was die Vertrauenswürdigkeit für die Aufnahme neuer Schulden anlangt. Wie schön für sie, dass die EZB hier hilfreich in die Bresche springt und unter dem Vorwand, eine Deflation zu verhindern, mit einem geplanten Einsatz von 1,14 Billionen „neuen“ Euro u. a. den Kauf von Staatsanleihen durchführen wird. Es ist die Monetarisierung von Staatsschulden, das Schließen der Lücke zwischen Einnahmen und Ausgaben, mit elektronisch vermehrtem Geld.

Früher konnte man wenigstens nicht ohne einen gewissen Einsatz von Arbeit das Geld entwerten. Um sie neu auszugeben, musste man aufwändig Geldmünzen umschmelzen und eventuell auch noch zur Vertuschung des Ganzen mühsam Edelmetallbeläge aufbringen. Hätten die antiken Kaiser sehen können, wie einfach man in späteren Zeiten das Geld vermehren und entwerten kann, sie wären vor Neid erblasst.

 

Anmerkungen

[1] Quelle: http://www.numispedia.de/Denar_-_r%F6misch

[2] Quelle: http://www.numispedia.de/Antoninian

[3] Quelle: Wikipedia