Prof. verheißt Griechen das Paradies

Schlafplatz eines Obdachlosen in Athen © Karin Lachmann Schlafplatz eines Obdachlosen in Athen © Karin Lachmann
Der Wiener Professor Hörmann und die Menschenrechtsaktivistin Hassel-Reusing wollen mit „Info-Money“ Wohlstand für alle schaffen. Nicht nur in Griechenland.

Politiker geben gerne Versprechen ab, Ökonomen sehen sich wiederum gern als Propheten. Erstere halten ihre Versprechen allerdings so gut wie nie, letztere scheitern nur allzu oft an der wirtschaftlichen Realität. Gemäß den Versprechungen der Politik und den Vorhersagen der Spitzenökonomen der EU-Kommission, der Europäischen Zentralbank (EZB) und des Internationalen Währungsfonds (IWF) hätte Griechenland in diesem Jahr die Krise überwunden und würde ökonomisch gesundet an die Finanzmärkte zurückkehren. Daraus wird nichts. Und das ist nicht erst seit dem Wahlsieg von Alexis Tsipras klar.

Nun fragt sich alle Welt, wie die Griechen wieder auf die Beine kommen; wie sie Wohlstand schaffen und ihre Schulden bezahlen können; wie sie das zerschlagene Gesundheitssystems wieder aufbauen und dem Heer von arbeitslosen jungen Menschen wieder eine Perspektive geben können.[1] Und inmitten dieser hoffnungslosen Ratlosigkeit kommt einer daher und verspricht den Griechen Wohlstand im Überfluss!

Holocaust-Vorwürfe

Die Rede ist von Franz Hörmann, Professor an der renommierten Wirtschaftsuniversität in Wien. Er prophezeit nicht mehr und nicht weniger als das, was gemeinhin unter dem Begriff „Schlaraffenland“ verstanden wird: „die umverteilungslose Gesellschaft, in der durch Kooperation Wohlstand für alle geschaffen und durch individuelle Geldschöpfung für alle verteilt wird.“ Sein Weg in derart paradiesische Zustände führt über ein neues Geldsystem. Er nennt es Informationsgeld, oder kurz Info-Money.[2]

Für seine Idee konnte er bislang zwar weder Kollegen noch irgendwelche Politiker begeistern, dafür jedoch eine große Euro-kritische Internetgemeinde. Virtuell sind der Mann und seine Theorie schon lange ein Thema.

Jetzt aber hat er in der Wuppertaler Menschenrechtsaktivistin Sarah Hassel-Reusing erstmals eine „reale“, sprich ernsthafte Verbündete gefunden. Hassel-Reusing wurde bekannt, weil sei mit zahlreichen Klagen vor dem Bundesverfassungsgericht einen langen und zähen Kampf gegen die Euro-Rettungspolitik führte und angesichts des Zerfalls des griechischen Sozialsystems eine Strafanzeige gegen Unbekannt wegen „Verbrechens gegen die Menschlichkeit“ vor dem Strafgerichtshof in Den Haag einreichte.[3]

Diesmal will sie gemeinsam mit Hörmann erstens den Griechen helfen und schrieb zweitens die UN- Welthandels- und Entwicklungskonferenz (UNCTAD) an, die derzeit über Staateninsolvenzverfahren debattiert mit dem Ziel, die Lage der Armen in der ganzen Welt zu verbessern. Sie tut dies, obwohl Hörmann wegen zweifelhafter Äußerungen zum Holocaust gegenüber einer Studentenzeitung kurzzeitig vom Dienst suspendiert wurde[4] und seine Äußerungen später mit den Worten rechtfertigte, dass er „zu diesem Thema keine persönliche Meinung besäße“.[5] Er selbst spricht er von einer Rufmordkampagne und belegt dies auf seiner Internetseite.[6] Hassel-Reusing sagt dazu: „Mit ist das menschrechtliche Potenzial des Informationsgeldes wichtiger als ungeschickte Äußerungen des Professors.“

Drei-Stufen-Plan

Grundlage der UNCTAD-Debatte sind die im Jahr 2000 gesteckten sogenannten „Millenniumszeile“. Bis zum Jahr 2015, so lautete damals die feierliche Erklärung, sollte die Anzahl der Menschen in extremer Armut, die Zahl der Hungernden und derjenigen, die keinen gesicherten Zugang zu Trinkwasser haben, halbiert werden. Die großen Seuchen wie Aids und Malaria wollte man zum Stillstand bringen, die Bildungschancen erhöhen. Inzwischen ist allen klar, dass diese Ziele ebenso weit verfehlt werden wie die wirtschaftpolitischen Ziele in Griechenland.

„In den zwei Resolution zu Staateninsolvenzverfahren vom 9.9. und 5.12.2014 fehlen sogar einklagbare Ziele wie die Menschenrechte“, sagt Hassel-Reusing. Nach ihrer Überzeugung muss ein Staatsbankrott rechtlich nämlich nur am Maßstab der im Schuldnerland geltenden Menschenrechte gelöst werden und nicht etwa nach den Vorgaben des Internationalen Währungsonds (IWF) oder einer europäischen Troika. Stattdessen wolle die Welthandelskonferenz jedoch das internationale Finanzsystem stärken.

„Für Staaten wie Griechenland soll es noch schwieriger werden, sich Sparauflagen zu entziehen“, sagt sie. Das will Hassel-Reusing verhindern und hat zu diesem Zweck einen Drei-Stufen-Plan entwickelt, der die sozialen Folgen für die Menschen in bankrotten Staaten nicht nur lindern, sondern weitgehend beseitigen soll. Dreh- und Angelpunkt dieses Plans ist Hörmanns Info-Money. Ihre Expertise haben die beiden an diverse Sonderberichterstatter der UN geschickt – und selbstverständlich an die Griechen, die ja seit längerem in einer höchst prekären Lage sind. „Wir haben Kontakt mit den Griechen“, bestätigten beide. Mehr wollen sie aber noch nicht sagen.

„Demokratische Geldschöpfung“

Wer den Drei-Stufen-Plan verstehen will, muss zunächst einmal die Grundzüge von Hörmann Informationsgeld-Theorie kennen. Hörmann bezeichnet das jetzige Geldsystem als Schuldgeld-System. „Geld, dass sich jemand von der Bank leiht, ist nie das Geld der Sparer. Diese Vorstellung ist Unfug“, sagt Hörmann. „Dieses Geld entsteht vielmehr durch einen Buchungssatz: Einerseits verbucht die Bank also eine Forderung an den Kreditnehmer, sie möchte den Betrag ja wieder zurück erhalten – sogar vermehrt um Zinsen. Andererseits bucht sie eine eigene Verbindlichkeit in gleicher Höhe an denselben Kreditnehmer.“ Damit habe die Bank Girogeld „aus dem Nichts“ geschaffen. Die gesamte Geldschöpfung funktioniere auf diese Weise zu 97 Prozent in den Geschäftsbanken.

In Hörmanns System soll die Geldschöpfung „demokratisch, durch eine speziell dazu gesetzlich beauftragte Institution, die ,Demokratische Zentralbank’ stattfinden“. Dabei entstünden „keine Schulden und somit auch keine Zinsen“.

Gleichzeitig ersetzt Hörmann die klassische Kreditbuchung der Geschäftsbank „Forderung an Verbindlichkeiten“ durch „Kassa an Eigenkapital“ bei seiner „Demokratischen Zentralbank“. In der „Kassa“ entstünden dann die elektronischen Zahlungsmittel. Anders als heutiges Buchgeld stellten sie jedoch „bereits das Geld an sich und keine Forderung auf Geld mehr dar“, sagt Hörmann. „Und im Eigenkapital wird sichtbar, dass wir alle – Bürgerinnen und Bürger – Miteigentümer der Demokratischen Zentralbank sind.“

Allen soll also alles gehören, mit ganz ähnlich lautenden Zielen sind in der jüngeren Geschichte schon andere angetreten und letztlich mit katastrophalen Folgen für die Bevölkerung gescheitert.

Unter Fuchel des Kollektivs

Aber zurück zu Hörmann: Wenngleich das Geld allen gehört, soll doch nicht jeder soviel davon nehmen können wie er will. Denn sein „Guthaben“ hängt von seiner Leistung ab, die wiederum „von der Gemeinschaft bewertet“ wird. Der Einzelne unter der Fuchtel des Kollektivs, auch das erinnert sehr an frühere Heilsbotschaften. Für die Leistung gibt’s bei Hörmann Gutscheine, mit denen der Kunde dann einkaufen kann und die beim Konsum wieder vernichtet werden.

Sarah Hassel-Reusing hat das alles offenbar nicht abgeschreckt. Vielmehr erhebt sie es zum Ziel einer gerechten Gesellschaft, der Hörmann den „Überfluss der bedingungslosen Grundversorgung“ verspricht. Allerdings will sie bei Marktpreisen bleiben und die „asymetrischen Preise“ der Info-Money-Systems für sozial Schwache und zur Stärkung der Wettbewerbstätigkeit einsetzen. Konkret heiße das, sozial Schwachen werde beim Bezahlen weniger abgebucht als der Zahlungsempfänger erhalte. Der Zahlende bekommt praktisch einen Zuschuss.

Hörmanns Info-Money ist der dritte und finale Schritt ihres Vorschlags an die UNCTAD. Im ersten Schritt soll die UN zur Überwindung humanitären Krisen Geld drucken können, das über einen Währungskorb an die Leistungsbringer, also Ärzte, Pharmaunternehmen oder auch Landwirte, ausgezahlt wird. Im Falle eines Staatsbankrotts „sollen die Pleitestaaten selbst zur Bewältigung der humanitären Krise Geld drucken können“, bevor sie dann nach Hörmann „Wohlstand für alle“ schaffen.

Ob die Griechen anbeißen? Schwer zu sagen, schließlich haben sie schon reichlich Erfahrungen mit Utopisten, die ihnen das Paradies versprachen.

Anmerkungen

[1] Siehe Günter Lachmann, „Grieche kündigt Euro-Austritt an“, GEOLITICO vom 28. Dezember 2014

[2] http://www.informationsgeld.info/

[3] Günther Lachmann, „Deutsche zeigt Euro-Politik als humanitäres Verbrechen an“, GEOLITICO vom 30. November 2012

[4] Spreezeitung, „Hörmann vorläufig vom Dienst suspendiert“: http://www.spreezeitung.de/783/vorlaeufig-suspendiert-interview-mit-prof-dr-franz-hoermann/

[5] „Ein Professor und seine Zweifel zum Holocaust“: http://www.stopptdierechten.at/2013/10/31/ein-professor-und-seine-zweifel-zum-holocaust/

[6] http://www.franzhoermann.com/das-ende-des-geldes/kampagne/

Über Günther Lachmann

Günther Lachmann ist Journalist und Autor. In seinen Beiträgen befasst er sich unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, zuletzt gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel