Der Januskopf des Journalismus

Zeitungsstapel / Quelle: Wikipedia/Daniel R. Blume Zeitungsstapel / Quelle: Wikipedia/Daniel R. Blume
Dumme Beiträge machen Karriere, wenn sie ins politisch korrekte Konzept passen, und kluge Beiträge, wenn sie systemkritischen Inhalts sind, werden wegzensiert. 

Bisweilen scheint Wissenschaft sich zu dem zurückzuentwickeln, was sie einmal war, nämlich eine Unterdisziplin von Religion und Esoterik. Denken wir nur an die peinliche „wissenschaftliche“ Suche vom Astrophysiker und Mediendarling Stephen Hawking nach wahlweise Gott oder Außerirdischen. Oder an das Lesen im Quanten-Kaffeesatz der drei ersten Sekunden des Urknalls. Geschenkt. Jedem Tierchen sein Plaisierchen – selbst wenn es Steuergelder kostet – denn Fortschritt erwächst aus der Vielfalt der Möglichkeiten, also auch der absurden.

Leider unternimmt es die Wissenschaft nun immer mehr selbst, Vielfalt einzuschränken, nämlich dort, wo sie sich in den Dienst des Dogmatismus stellt oder ihn gar vorantreibt. Man denke nur an das Phantom der menschgemachten Klimaerwärmung oder der angeblichen Notwendigkeit von Bevölkerungswachstum. Solche Wissenschaftler stehen entweder direkt oder indirekt auf der Lohnliste der globalen Ausbeutung oder sie sind Teil der gesellschaftlichen Desorientierung durch den Niedergang. Manchmal aber können sie auch nicht für das, was aus ihren Studien erwächst, weil diese bewusst missinterpretiert werden.

Naturgesetzliche Idioten

Beispielsweise hatte das ozeanographische Forschungsinstitut Bedford herausgefunden und gegen den Strom veröffentlicht, dass die Reaktorkatastrophe von Fukushima[1] die Strahlung im Nordpazifik nur geringfügig beeinflusst. Ausdrücklich erklären sie, dass diese Strahlung keinerlei Gefahr für Mensch und Umwelt mit sich bringt. Aber sie konnten nichts dagegen tun, dass die Zeitung daraus in der Überschrift machte: „Radioaktivität: Fukushima-Katastrophe steigert Strahlung im Pazifik“. Der Journalismus wird in der öffentlichen Wahrnehmung also zu einer zusätzlichen ideologischen Reuse, die nur das an Bedeutung durchlässt, was beim Verbraucher ankommen soll und was inzwischen viele wohl auch nur noch so hören wollen.

Ein besonders schönes Beispiel für ideologische Metamorphosen von Erkenntnissen oder Nichterkenntnissen hat der famose Blog ScienceFiles aufgedeckt. Kurz vor Weihnachten hatte sich nämlich im „British Medical Journal“ ein zweiseitiger Beitrag gefunden, in dem eine Wissenschaftlergruppe behauptete, mithilfe von Daten aus dem Darwin-Award nachweisen zu können, dass Männer naturgesetzlich Idioten seien. Sie bezogen sich dabei ausdrücklich auf die „Male Idiot Theory“ eines gewissen John McPherson. Übersetzt und verkürzt fand sich daraufhin diese Untersuchung in praktisch sämtlichen Tageszeitungen und Illustrierten – mit, wie man sich vorstellen kann, den entsprechenden Konnotationen. Das Problem war nur: Der Beitrag war durch und durch als vorweihnachtlicher Aprilscherz gedacht und als solcher auch leicht zu erkennen.

So ist schon der Darwin-Award unzweifelhaft selbst bei nur kurzem Anwählen der Homepage als sarkastische Institution zu erkennen. Dort macht man sich seit langem über vollkommen willkürlich ausgewählte Leute lustig, die auf besonders dämliche Art zu Tode gekommen sind. Von hier stammt also das „Datenmaterial“ für die Studie, und tatsächlich sind von den aufgelisteten 318 Preisträgern 88,7% männlich. In ihrem Duktus bleibend beschrieben die Autoren dieses Ergebnis als „verwirrend“, weshalb man „auf der nächsten Party (mit oder ohne Alkohol)“ die Thesen weiter untersuchen wolle.

Absoluter Blödsinn

Die Journalisten, die uns die knallige, genderkonforme These als wissenschaftliche Wahrheit unterjubeln wollten, hätten natürlich auch stutzen können, weil das British Medical Journal dafür bekannt ist, zu jedem Jahresausklang in der ganzen Ausgabe mit britischen Nonsenshumor selbstironische Akzente zu setzen.[2] Oder es wäre ihnen aufgefallen, dass der als Schöpfer der Male Idiot Theory genannte McPherson kein Wissenschaftler, sondern Karikaturist und Buchautor („Frauen sind von der Venus….“) ist. Die ScienceFiles fügen entlarvend und wissenschaftlich präzise hinzu, es sei eigentlich offensichtlich und entlarvend genug, dass die bewusste „Ableitung der Theorie eine Tautologie und die Theorie selbst eine Übergeneralisierung“ und damit offensichtlich komplett unwissenschaftlich ist.[3]

Eine Spur von Ironie scheint die dpa-Journalistin Anja Garms, die den ganzen Unsinn in die (Medien-)Welt gesetzt hat, immerhin noch ausgemacht zu haben, denn sie verweist auf den Hinweis der Herausgeber des britischen Journals, dass die Beiträge absichtlich skurril und witzig seien, aber, da durch einen Peer-Review-Prozess gegangen, mithin echte wissenschaftliche Arbeiten seien. Nur schade, dass ihr entgangen ist, dass auch diese Aussage Bestandteil der Satire war, und echte Wissenschaft niemals so plakativ und beliebig sein kann.

Dass dpa einen solchen Blödsinn veröffentlicht, ist eine Sache, aber dass die komplette Medienlandschaft dies übernahm, ist eine Katastrophe. Die Welt, das Handelsblatt, der Tagespiegel und die Berliner Zeitung, der Deutschlandfunk (er spricht sogar von „Neurowissenschaft“) und das ORF, selbstverständlich auch Stern, Focus und Spiegel (die Liste bleibt hier unvollständig) sind über das Stöckchen gesprungen. Die dpa, als problematisches Hauptsprachrohr von Parteien und Regierung bekannt, erweist sich auch hier, wo eine politische Parteinahme gar nicht erwartet wird, durch Themenauswahl und -präsentation als treuer Überträger systemkonformen „Wissens“. Und die von ihr bedienten Medien erweisen sich als verstandbefreites Medium der grassierenden ideologisch motivierten Volksverwirrung.

 Ursache, Folgen, Lösungen

Geistreich bleiben da nur die Kommentare auf ScienceFiles. Etwa: „Wenn man das ernst nimmt, müsste man gleichzeitig aus der höheren Professorenanzahl schließen, dass Männer intelligenter sind als Frauen.“ Ein anderer hat für Frau Garms vorformuliert: „Wissenschaftler, die die bisher verliehenen Nobelpreise ausgewertet haben, brachten Erstaunliches zu Tage. Von den 802 Preisträgern waren 739 männlichen und nur 40 weiblichen Geschlechts. Dieser signifikante Unterschied belegt eindeutig, was viele Männer geahnt haben: Männer sind toll, warum auch immer.“

Weniger entspannt, aber noch sarkastisch lächelnd, heißt es anderswo: „Ich denke, da wären gut EU-Fördergelder abzugreifen. ‚Systematische Diskriminierung cis-femininer Idiot-Xn bei der Verleihung des Darwin-Awards – Ursache, Folgen, Lösungen’. Damit sollte sich so ein Gender-Lehrstuhl doch wieder 18 Monate über Wasser halten können.“ Völlig unkomisch ist dann aber diese Erfahrung. „Ich habe mich in letzter Zeit recht intensiv mit Feminismus beschäftigt und auch angefangen, Kommentare in online-Zeitungen zu schreiben, kritisch natürlich. Sobald in einem Kommentar das Wort Feminismus auftaucht, wird der Kommentar praktisch immer gelöscht.“

Das ist der Januskopf des modernen Journalismus: Dumme Beiträge machen Karriere, wenn sie ins politisch korrekte Konzept passen, und kluge Beiträge, wenn sie systemkritischen Inhalts sind, werden wegzensiert. Und selbst wenn es einmal nicht um den Transport von Ideologie, also von Herrschaftswissen, geht, scheitert die Substanz des Berichts oft an fehlender ethischer und fachlicher Kompetenz. Schließlich will man ja eine knackige Schlagzeile nicht ‚kaputtrecherchieren’.

„Prominentes Gesäß“

Es sollte nun aber nicht der Eindruck entstehen, dass allein die Medien die Wirklichkeit politisch-korrekt verfälschen. Das schafft die Wissenschaft auch ohne Hilfe.[4] Und manchmal versteckt sich die herrschende Ideologie auch hinter der Maske der Wissenschaftlichkeit. Zornig kritisierte beispielsweise die aufgrund ihrer offenen Struktur immer wieder ideologiegefährdete Wikipedia den Volksmund, der fatalerweise bisweilen immer noch den Begriff vom Hottentottenhintern benutze. Wikipedia schlägt vor, doch einen dicken Arsch ein „prominentes Gesäß“ zu nennen oder besser gleich (und unglaublich wissenschaftlich seriös) „Steatopygie“. Man stelle sich vor, zwei Personen wollten über eine dritte lästern und sagten ‚Mein Gott, hat der/die aber eine Steatopygie’…

Fragen, die sich der Wikipedia-Autor natürlich nicht stellt, denn hier wären ja sogar schon zwei unglaubliche und untolerierbare Diskriminierungen (für Rassismus und gegen Adipositas enthalten. Deshalb belehrt er uns hinsichtlich unseres ‚Unsprechs’ auch dahingehend, dass die seiner Meinung nach wohl falsche „Zuordnung solcher körperlichen Merkmale zu einem afrikanischen Volk“ nur bei „damaligen europäischen Zeitgenossen“ vorgekommen seien. Schließlich sei heute allgemein anerkannt, „dass die genannten anatomischen Phänomene auch bei anderen genetisch ähnlichen Phänotypen vorkommen“.

Aha! Damit hat er nun scheinbar wissenschaftlich korrekt bewiesen, dass rote Äpfel nicht mehr rote Äpfel genannt werden dürfen, weil es auch rote Tomaten gibt. Fazit: Dieser Autor ist vielleicht kein dicker, aber sehr wohl ein großer Arsch. Wie mag wohl nur der wissenschaftliche Begriff dafür heißen?

 

Anmerkungen

[1] Günther Lachmann, „Fukushima ist ein nationales Verbrechen“, GEOLITICO vom 6. Juli 2011

[2] siehe auch: Konrad Kustos, „Leid-Bilder der Gleichstellung“, GEOLITICO vom 19. Januar 2014

[3] „Idiotentest für Journalisten fordert die ersten Opfer“, ScienceFiles vom 12. Dezember 2014: http://sciencefiles.org/2014/12/12/idiotentest-fur-journalisten-fordert-die-ersten-opfer/

[4] Konrad Kustos, „Gefangen im falschen Denken“, GEOLITICO vom 18. Mai 2014

Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel