Der Trick mit Athens Schulden

Athen im Dezember 2014. 6 © Karin Lachmann Athen im Dezember 2014. 6 © Karin Lachmann
Was folgt auf Draghis Geld-Bombe? Griechenlands  Schulden werden wohl auf den St. Nimmerleinstag zu einem Zins nahe Null (oder gar darunter) festgeschrieben, schreiben Dagmar Metzger und Steffen Schäfer von der „Liberalen Vereinigung“ in den „FREITAGSGEDANKEN“.

Nun hat er sie also ausgepackt, die Bazooka, und zwar gleich das ganz große Kaliber: Mit mehr als einer Billion, genauer mit 1.140.000.000.000 Euro lässt es Mario Draghi in der Eurozone jetzt so richtig krachen und wird bis wenigstens September 2016 Staatsanleihen für unglaubliche 60 Milliarden Euro pro Monat direkt ankaufen.

In der Tat krachte dann auch gleich mal die Währung, welche Draghi ja eigentlich hüten sollte, recht ordentlich. Nachdem die Schweizer Notenbank Einsicht zeigte und die Stützung der europäischen Schwachwährung aufgab, verpasste der Italiener der Gemeinschaftswährung nun gleich den nächsten Nackenschlag. Satte 10 Prozent Minus innerhalb von nur drei Monaten – das ist für die „stabilste Währung der Welt“ (Theo Waigel) eine reife Leistung und erinnert ein ganz klein wenig an den Abstieg des russischen Rubels.

„Nur“ die Inflation

Während aber Russland quasi vor dem Kollaps steht (trotz einer weltweit einmalig geringen Staatsverschuldung, großen Devisenreserven und sowie jeder Menge Gold im eigenen Besitz), ist in der Eurozone alles zum Besten bestellt – schließlich soll mit der Riesenbazooka „nur“ die Inflation angekurbelt werden – die ja bekanntlich das Kernproblem der Eurozone ist. Nicht die Arbeitslosigkeit, die mangelnden Wettbewerbsfähigkeit oder katastrophale Wirtschaftsentwicklung. Nein, die zu geringe Inflation (also nahezu gleichbleibende Kaufkraft) ist das Problem, und wird dies überwunden, werden sich alle anderen Probleme wie von Wunderhand selbst lösen.

Unwillkürlich fühlt man sich angesichts solcher Milchmädchenüberlegungen an Alice im Wunderland erinnert oder an Pipi Langstrumpf – nur leider sind die Handlungen des Italieners zutiefst real und verheerend. Ging es nur um die Inflationsraten, so ließe sich einwenden, dass die EZB anziehende Inflation auch einfacher hätte haben können – und noch dazu völlig legal und ohne so ziemlich jeden Vertrag, auf dem die Eurozone einstmals basierte, zu brechen.

Einfach wieder die alten, in den 1980er Jahren üblichen Methoden angewendet und die Teuerung läge locker bei fünf bis sechs Prozent. Okay, damit wäre man dann aber deutlich über dem angestrebten Inflationskorridor – folglich müssten die Zinsen ja angehoben werden, was natürlich gar nicht geht…

Hallo, Herr Weidmann?

Es ist wirklich erstaunlich, dass sich kaum mehr Widerstand regt gegen den katastrophalen Kurs, den Draghi fährt – weder in der EZB, (Hallo, Herr Weidmann?) bei den etablierten Parteien noch bei den Medien oder gar bei den Bürgern selbst. Die Idee, dass Inflation Wirtschaftswachstum bringen könne, ist so alt wie sie falsch ist. Auf den Altkanzler Helmut Schmidt geht das inzwischen geflügelte Wort „Lieber 5 Prozent Inflation als 5 Prozent Arbeitslosigkeit“ zurück – von der jenem Wort zugrundeliegenden Politik hat sogar der ansonsten recht dickschädlige und uneinsichtige Hanseate erkannt, dass sie falsch ist. Am Ende landet man nämlich sowohl bei 5 Prozent Arbeitslosigkeit als auch 5 Prozent Inflation – wobei man im Falle der sich vereinigenden EU-Republiken wohl getrost vor die Fünf noch eine Zwei setzten darf (ohne Komma dazwischen, versteht sich)[1].

Der Versuch, mittels der Gelddruckmaschine Wohlstand zu schaffen, funktioniert in Japan seit rund 25 Jahren nicht. In den USA funktioniert es genauso wenig, auch wenn die dort Herrschenden nicht müde werden, das Gegenteil zu behaupten. Aber eine Gesellschaft, in der jeder Fünfte von Lebensmittelmarken des Staates abhängig ist, kann man wohl kaum als eine prosperierende bezeichnen.

Würde diese Methode tatsächlich funktionieren, warum werden dann überhaupt noch Steuern und Abgaben erhoben? Jede erdenkliche Staatsausgabe ließe sich doch ganz einfach mittels der Druckerpresse begleichen. Ja, mehr noch, wozu arbeiten wir alle eigentlich noch? Jeden Tag ein Drittel oder gar mehr der Lebenszeit damit zu vergeuden, hart für seine Brötchen zu arbeiten, wäre doch angesichts des aus der Druckerpresse kommenden Wohlstands völlig unnötig…

Die Taschen voll machen

Es geht also offensichtlich nicht um die Inflationsraten oder darum endlich tragfähige Wirtschaftsmodelle in der Eurozone zu etablieren – so dumm sind Draghi und die hinter ihm Stehenden nicht, dass sie die elementarsten Grundzusammenhänge der Ökonomie nicht verstünden. Im Gegenteil, sie verstehen sie nur allzu gut: Deshalb ja auch das ganze Mimikry – mittels Inflationierung wird das Auseinanderbrechen der Eurozone etwas hinausgezögert und die alten Kollegen der großen Investmentbanken erhalten noch einmal die Möglichkeit, sich dabei so richtig die Taschen voll zumachen.

Das Stichwort „Taschen voll machen“ führt uns dann direkt nach Griechenland. Dort wurde dieses Prinzip von den Eliten des Landes schon lange perfektioniert und so darf es nicht verwundern, dass von hier der nächste Schlag gegen die Kaufkraft des Euros erfolgen wird. Denn am Sonntag wählt Hellas.[2] Als Wahlsieger steht das linksextreme Parteienbündnis Syriza praktisch schon fest – weshalb der wohlbekannte Jörg Asmussen seit Monaten mit Tsirpas Verhandlungen über die Konditionen eines griechischen Schuldenschnittes führt – zumindest laut dem britischen Businessinsider[3].

Täuschen, Tricksen und Lügen

Weshalb ein deutscher Staatssekretär des Bundesarbeitsministeriums mit Griechenland Verhandlungen im Namen der EU führt, sollte man zumindest hinterfragen. Legitimität, Rechtsstaatlichkeit und Transparenz stehen, wenn es um die EU oder den Euro geht, nicht sehr hoch im Kurs. Konstatieren wir also einfach, dass der dritte Schuldenschnitt so sicher kommen wird wie das Amen in der Kirche. Da in ernsten Zeiten wie diesen für die Nomenklatura Täuschen, Tricksen und Lügen das oberste Gebot ist, wird er allerdings nur in versteckter Form erfolgen. Griechenlands Schulden werden wohl künftig auf den St. Nimmerleinstag zu einem Zinssatz nahe Null (oder gar darunter) festgeschrieben werden: Die Schulden verbleiben so eleganter Weise in den Büchern – verloren ist das Geld aber trotzdem.

Der monetäre (Euro-)Krug, obwohl er sich bereits im Zerbrechen befindet, wandert immer noch zum Brunnen. Bis er endgültig zerbrochen ist, wird dies anhalten – nass werden dabei jedoch nicht jene, die den Krug erschaffen haben oder ihn zum Brunnen tragen, sondern jene, die mit ihrer Bonität den Krug so lange zusammenhalten – also in erster Linie die deutschen Sparer und Steuerzahler.

Anmerkungen

[1] Siehe auch: Günther Lachmann, „Die Krise ist der beste Wahlhelfer der AfD“, GEOLITICO vom 1. Mai 2013

[2] Siehe auch: Stefan L. Eichner, „Umrisse des neuen Griechenland“, GEOLITICO vom 20.1.1015

[3] Stefano Pozzebon, „Jörg Asmussen in talks with Syriza“, Businessinsider vom 30.12.2014