Das System der System-Medien

Kein Mensch kann ein solches System der Lüge so perfekt initiieren, wie es mittlerweile strukturell gewachsen ist. Aber wie ist es entstanden, wie funktioniert es?

Für die modernen Medien bedarf es keiner staatlichen Gleichschaltung mehr, wie es bei Hitler und allen andern undemokratischen Regimes traditionell üblich war. Im vorauseilenden Gehorsam wird heute die offizielle Meinung freiwillig zur öffentlichen Meinung virtualisiert. Der Berliner Tagesspiegel und sein Mann fürs Grobe, Albrecht Meier, erklären in der aktuellen Flüchtlingsfrage in einem Kommentar die Welt beispielsweise so:

Rechtspopulisten prägen in Europa immer mehr die Agenda von Parteien der bürgerlichen Mitte. Sie schüren Angst vor Einwanderung – gerade angesichts der absehbaren Ankunft weiterer Flüchtlinge eine fatale Entwicklung…“

Diese Mitte lasse sich geradezu „die Agenda diktieren“. So etwas nennt man Realitätsverlust. Und den hat Herr Meier nicht exklusiv.

Meinungskartell der Mächtigen

Doch hat der erstmal richtig abgehoben, lässt er den französischen Expräsidenten Nicholas Sarkozy wortgewandt auf rechte Wähler schielen, „CDU und AfD möglicherweise gemeinsame Sache“ machen, und fordert schließlich die EU auf, „die Bevölkerung auf die Aufnahme weiterer Flüchtlinge vorzubereiten – weil dies ein Gebot der Humanität“ sei. Man liest das schon richtig: Gefordert wird die Abschaffung der Pluralität und ein europäisches Meinungskartell, das gewisse niedere Interessen der Mächtigen gegen die Bevölkerung durchsetzt. Allerdings wird dies zynisch mit diversen Wortillusionen, emotionaler Anbiederung und dem immer noch vorhandenen Image einer ehemals anerkannten Zeitung als Menschenfreundlichkeit propagiert.

Vor einer Woche ging es hier schon mit Beispielen zur neuen deutschen Anti-Flüchtlingsbewegung um die schändliche Rolle, die die Medien im gegenwärtigen gesellschaftlichen Umgestaltungsprozess spielen. Besonders dieser Meier vom Berliner Tagesspiegel hatte sich dabei hervorgetan. Nur gut, dass der Gründer des Tagesspiegels gleichen Namens sich mit „ai“ schrieb, also dieses Fallobst nicht an seinem Baum gewachsen ist. Als ich in den 80ern bei dieser Zeitung volontierte, hätte ein Artikel, der nicht auch die Gegenseite fair zu Wort brachte, einen Karriereknick bedeutet und ein zweiter die Jobsuche. Deshalb diesmal die Frage: Was ist seitdem eigentlich geschehen?

Fakt ist, dass Meier sein Unwesen anscheinend auch schon bei der Zeit und beim Handelsblatt hat treiben dürfen. Und bei der Bild-Zeitung ist angesichts der Bürgerproteste von „Pegida-Idioten“ die Rede und beim Spiegel von Latent-Nazis“. Das Problem ist also kein isoliertes, sondern ein systemimmanentes. Es hat auch mit dem Thema Flüchtlingswesen nichts Ursächliches zu tun, sondern tritt hier nur besonders schillernd zu Tage.

Die neuen Journalisten

Ein wesentliches Kriterium der zu konstatierenden medialen Degeneration war der Entschluss der Herren der Medienkonzerne, es postkapitalistisch so zu treiben wie es auch die Kollegen aus den anderen Branchen tun, nämlich teure gute Mitarbeiter zu entsorgen, stattdessen mit der Generation Praktikum und fleißigen Wasserträgern zum Billiglohn den Etat zu entlasten und die Bilanzen aufzuhübschen. Trotz Tarifverträgen hat man es in einigen Zeitungen damit geschafft, die Mitarbeiterzahl zu halbieren und den Standardlohn zu dritteln.

Selbst den Kollegen, die an einem journalistischen Ethos festhalten wollen und dazu auch noch intellektuell in der Lage sind, gelingt das angesichts der Arbeitsüberlastung inzwischen nicht mehr. Die neuen Journalisten werden von einer neuen Generation Vorgesetzter, die fast immer nach dem Primat einer Karriere ohne Verantwortung und oft sogar ohne Skrupel agieren, zusätzlich auf ihre Formbarkeit hin ausgesucht. Widerspruchslosigkeit in der Redaktion passt wie auch eine generelle Schlichtheit im Gemüt gut mit der beobachteten allgemeinen Meinungsvereinheitlichung zusammen. Wer seine Würde behalten will, kann heute kein Redakteur und wohl auch kein freier Journalist mehr sein (einige Orchideen-Ressorts einmal ausgenommen). Selbst im Sport herrscht eine unerträgliche Hofberichterstattung und permanentes Wiederholen von meist falschen, aber griffigen Klischees.

Zu dieser Negativauslese der Mitarbeiter kommt eine allgemeine Tendenz zum Abschreiben und Kopieren von Konkurrenzmedien hinzu. Früher wollte man den exklusiven Bericht im Wettbewerb, heute geht es um Windschnittigkeit. Überall steht die Angst der Karrieristen im Hintergrund, man könnte mit einem falschen oder nichtopportunen Bericht einen Imageverlust in der Szene erleiden. Moderne Medien haben deshalb das gesellschaftspolitische Mimikry zum Exzess entwickelt. Das gegenseitige Abkupfern hat natürlich auch mit dem Bilden von Seilschaften für eine schnellere Karriereentwicklung zu tun. Wer gemeinsam in den Clubs der Einflussreichen Austern isst, hat nicht viel Gelegenheit zur Entwicklung einer eigenen, möglicherweise sogar konträren Meinung.

Auf der Seite der Sieger

Es ist geradezu ein soziologisches Phänomen wie schnell (also in 10-20 Jahren) sich diese Peergroup der Unsichtbarkeit gebildet hat und wie kohärent sie funktioniert. Weil außerdem die Führung in den Medien grundsätzlich aus den Politikressorts besetzt wird, kommen jene in die Spitzenpositionen, die während entscheidender Phasen ihrer Laufbahn auf dem Schoß von Politikern gesessen haben. Und auf welchem Schoß unsere Politiker sitzen, dürfte zumindest den GEOLITICO-Lesern bekannt sein. So werden die besonders Systemnützlichen zu den neuen Steuerleuten der sich selbst antreibenden Meinungsmaschine.

Auch wenn damit die materielle Situation zwar grob, aber ziemlich umfassend beschrieben ist, bleibt die Frage, wie die Journalisten psychisch mit dieser kollektiv unbefriedigenden Situation klarkommen. Was geht also in diesen Köpfen vor sich, wenn sie so selbstsicher verkünden, dass es nur eine Meinung (und dabei auch noch eine falsche) geben kann? Wie treibt man den verbliebenen streitbaren und ehrenwerten Journalisten das Bedürfnis nach Meinungsvielfalt aus?

Einen kleinen Anteil wird dabei tatsächlich naives Gutmenschentum haben. Nicht nur bei den Medien kommen die, deren Herz größer ist als ihr Verstand, problemverkürzend zu falschen Erkenntnissen. Viel wichtiger ist aber das Bedürfnis, mit seiner Meinung auf der Seite der Sieger zu stehen. Ist erst einmal der Vorsatz gefasst oder das Schicksal erlitten, zum Meinungsestablishment dazuzugehören, kommt hinzu, dass Andersdenkende allein schon deshalb als Feind bekämpft werden müssen, weil sie die Unverschämtheit besitzen, sich der Mediendoktrin zu entziehen. Und schließlich ist es in jeder Selbstdarstellungskampagne immer ein probates Mittel, auf einen Schwächeren einzuschlagen.

Die Masse domestizieren

Die angestrebte persönliche Karriere erfordert eine solche positive Selbstdarstellung, und dem Niedergang angemessen geschieht das oberflächlich, plakativ und abgesichert. Indem in der Flüchtlingsthematik der politisch anders Denkende unabhängig von seinen möglicherweise differenzierten Positionen zum Thema als schlicht „rechtsradikal“ dargestellt wird, entzieht man sich der Notwendigkeit zu argumentieren und unterlegt gleichzeitig die eigene, also die offizielle Meinung mit einem moralischen Alleinvertretungsanspruch.

Die Erkenntnis unbequemer Wahrheiten wäre schon eine auf jeden Fall zu vermeidende Vorstufe, ein schlechtes Gewissen zu bekommen, wenn man über diese nicht zu berichten gedenkt. Die Medien und ihre Journalisten sind also selber Flüchtlinge, nämlich vor der Wirklichkeit, ihrem Gewissen und ihrer gesellschaftlichen Verantwortung.

Der letzte Grund scheint mir allerdings der wichtigste zu sein bei der Suche nach dem Punkt, an dem die Medien und ihre Macher ihr Gewissen verloren haben: Der allgemeine Niedergang verunsichert alle Menschen in die Tiefen der eigenen Existenz, selbst wenn dies den meisten noch gar nicht bewusst geworden ist. Dies schafft ein enormes psychologisches Bedürfnis nach Stabilisierung der eigenen Position im allgemeinen Chaos und letztlich nach persönlicher Überhöhung. Was kann da befriedigender sein, als anderen Menschen eine Doktrin zu verkünden und zu spüren, dass die Masse darauf sogar folgsam reagiert. Und wie wäre, so vermutet man jedenfalls, die Masse einfacher zu domestizieren als mit oberflächlichen, plakativen und emotionalen Parolen?

Das Konfliktpotenzial steigt

Weil es den Politikern da wohl kaum anders geht, wird Deutschland in der Flüchtlingsfrage in ein katastrophales moralisches Schisma gezogen. Jene Menschen, die sich und ihre Anliegen in den Medien nicht mehr wiederfinden, reagieren und verweigern dem System nach und nach den Glauben und die Gefolgschaft. Der Mensch, der Lügen erkennt, neigt sogar dazu, grundsätzlich eine Gegenposition einzunehmen. Dafür wird er sich eine neue politisch-weltanschauliche und möglichst erfolgreiche Orientierung suchen. Auch die eigentlich komplexer Denkenden oder Fühlenden folgen dann notgedrungen dieser Blockbildung und werden radikaler, undifferenzierter und ungerechter werden.

Eine Radikalisierung seit langem nicht gekannten Ausmaßes droht, die Demokratie kommt dadurch zusätzlich zur Demontage von oben in Gefahr. Es ist dabei natürlich keineswegs so, dass sich das ganze Volk gegen ein Zuviel an Migration erheben wird. Es gibt vielleicht sogar mehr Systemkonforme. Doch dadurch gilt umso mehr: Das Konfliktpotenzial steigt, der Konsens schwindet.

Die hier beschriebenen psychologisch-strukturellen Abläufe werden von Intellektuellen traditionell unterschätzt. Diese glauben, richtige und falsche Entscheidungen von Führungspersönlichkeiten oder Einflussgruppen bestimmten den Lauf der Geschichte. Ein tragischer Irrtum, aber auch Irrtümer folgen strukturellen Zwängen. Vielleicht dringe ich zu diesem Personenkreis am Ende gleich noch mit einem materiell-strukturellen Argument durch. Zuvor aber noch mein Argument an die Verschwörungstheoretiker: Kein Mensch kann ein solches System der Lüge jemals so perfekt initiieren, wie es mittlerweile strukturell gewachsen ist.

Widerstände kleinhalten

Es sind interessanterweise auch genau die zuvor beschriebenen Medien, die fast geschlossen den Sozialabbau, die Globalisierung und die Segnungen des Finanzkapitalismus predigen. Es sind die, die uns Euro und EU als alternativlos verkünden. Sie sind es, die uns mit ihren Taschenspielertricks vorgaukeln, wir hätten noch ein demokratisch funktionierendes Mehrparteiensystem. Dieser Zusammenhang ist nicht zufällig!

Auch hier folgen die Medien des Niedergangs den Siegern, den Mächtigen. Es gilt ihnen – objektiv, nicht subjektiv! – einerseits, den Doktrinen einer ungehemmten Herrschaft der Großkonzerne und Finanzkapitalisten den Weg zu bereiten und mögliche Widerstände kleinzuhalten, es gilt aber auch, Spannungen im Volk zu schüren, um von den Taten und dem Versagen der Herrschenden abzulenken. Teile und herrsche – neu ist es nicht.

 

Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel