Manipulativer medialer Wortzauber
Manipulativer medialer Wortzauber

Manipulativer medialer Wortzauber

PEGIDA-Teilnehmer in Dresden / Foto: GEOLITICO PEGIDA-Teilnehmer in Dresden / Foto: GEOLITICO
Viele Beiträge zu Pegida und der Flüchtlingsfrage sind Appelle ans Stammhirn unter Verzicht auf jegliche Information. Recht und Unrecht werden ins Gegenteil verkehrt.

Als allererstes steht hier ein locker zu leistender Kotau vor der veröffentlichten Meinung: Tatsächlich müssen wir alles Mögliche für jene Menschen tun, die in fremden Ländern akut und unverschuldet in eine existenzbedrohende Situation und deshalb zu uns gekommen sind, also für viele jener Flüchtlinge, die gerade Deutschland überschwemmen. Das ist trotz aller Vorbehalte ein Essential in der Argumentation, weil es gilt, einem moralischen und intellektuellen Anspruch zu genügen sowie wegen des kybernetischen Primats, eben in jeder Sache zu differenzieren. Ebenso darf der Kotau leider nicht fehlen, weil es notwendig geworden ist, sich gegenüber den Unterstellungen der Vereinfacher abzusichern, damit die Argumente nicht als unerhört verteufelt werden und dann ungehört verhallen.

Dennoch bleibt es argumentativ eine leichte Übung, den Medien, welche in dieser Sache in punkto Einseitigkeit und Manipulation besonders hervortreten, mit Fakten und Wahrhaftigkeit die Stirn zu bieten, denn schließlich bedeutet der entschiedene Eingangssatz zugunsten von Flüchtlingen doch keineswegs, sich für selbstverschuldete oder nicht in ihrer Existenz bedrohte oder das hiesige Sozialsystem ausnutzenwollende Einwanderer einzusetzen. Und er impliziert vor allem, dass die zu gewährende Hilfe von der Gesellschaft auch zu verkraften sein muss.

Feinde in einer friedlichen Welt?

Über all diese Zusammenhänge wird bald in einigen kommenden Beiträgen zu schreiben sein, doch diesmal geht es ausschließlich um das Verhalten der Medien, die ursprünglich einem journalistischen Anspruch verpflichtet waren und diesen nun auf der selbst ins riesenhafte vergrößerten Mitleidswelle surfend gegen das niedere Bedürfnis auf Macht, Erfolg und Selbstbestätigung eingetauscht haben.

„Belehren, ausblenden, diffamieren. Medien werden heute so wahrgenommen, wie wir es eigentlich nur noch aus der DDR kennen“, schreibt Roland Tichy, der grundsätzlicher Systemkritik unverdächtige ehemalige Chefredakteur der Wirtschaftswoche und heutige Vorsitzende der Ludwig-Erhard-Stiftung in seinem Blog.[1] Um das zu merken, braucht es keines Tichy, man achte nur auf die Diktion in beliebigen Beispielen zum Thema Flüchtlinge oder Pegida. Etwa so: „In Dresden kamen rund 17.500 Menschen zusammen, um gegen eine vermeintliche „Überfremdung“ Deutschlands mobilzumachen.“

Das völlig unjournalistische, nämlich meinungsbefördernde „vermeintlich“ reicht dem Autor nicht, weswegen auch noch die „Überfremdung“ in Anführungsstriche gesetzt werden muss. Und um ganz sicher zu gehen, damit alle Leser 17.500 Menschen, die ihr Grundrecht auf Demonstration wahrnehmen, für gemeingefährliche Irre halten, wird deren angeblich aggressiver Charakter noch mit einer „Mobilmachung“ in Verbindung gebracht. Kein Wunder, sind die Proteste „der Islam-Hasser, der sogenannten Patrioten“ (Tagesspiegel[2]), doch grundsätzlich „islamfeindlich“, also feindlich an sich, also in unserer so friedlichen Welt unerwünscht.

Appelle ans Stammhirn

Seine Version von „Armes Deutschland“ lieferte das ZDF in seiner Kabarettsendung „Die Anstalt“.[3] Beim Thema Flüchtlinge war plötzlich Schluss mit lustig oder kritischem Nachdenken, diesmal gab es unfreiwillige Satire in der Satire-Sendung. In einer unglaublich peinlichen Art wurde auf die Tränendrüse gedrückt. Triefender Pathos, Appelle ans Stammhirn und Verzicht auf jede Information waren anscheinend legitim, um mehr Deutschen mehr Flüchtlinge ins Herz zu schmeicheln. Und selbst der von einem weinerlichen Flüchtlingschor vorgetragene Schlusssong war eher ein Rausschmeißer zum Fremdschämen.

Man wollte meinen, selbst engagierte Migrationsversteher würden sich hier peinlich berührt abwenden, doch mitnichten. Das Studiopublikum tobte vor Begeisterung und erhob sich zur stehenden Ovation. Tränen des Mitleids flossen, der Intellekt hatte Sendepause. Da scheint Migration tatsächlich langsam als einzige Lösung: Auswandern aus dem Land der ehemaligen Dichter und Denker! Unter den Kommentaren zur Sendung schoss Gudrun den Vogel ab „…und wenn ich es mir noch 3 x anschaue, werde ich noch 3 x weinen!“ (Schreibfehler korrigiert).

Recht und Unrecht ins Gegenteil verkehrt

Aber was wurde die arme Gudrun auch schon zuvor von den Medien weichgeklopft. Als weiteres Beispiel mag ein Auszug aus dem Nachruf für eine in Berlin stadt- und polizeibekannte Polit-Aktivistin dienen[4]. Obwohl selber kein Flüchtling, war Mimi in jedem relevanten illegalen Flüchtlingscamp eine Wortführerin, zuletzt in der seit Monaten besetzten Hauptmannschule in Kreuzberg, einem Zentrum der neuen und alten Kriminalität und der Verwahrlosung.[5]

Bei der Berliner Morgenpost liest sich das aus Anlass einer „Mahnwache“ dann so:

„Sie leistete erbittert Widerstand gegen die Polizei, suchte aber immer auch nach Frieden… Wie so oft (Anm. K. K.: liest sich wie: „viel zu oft“) bewachen Polizisten den Eingang. …Dazu knattert der Motor eines nah geparkten Mannschaftswagens in die Stille. Rücksicht sieht anders aus. …. Als Polizisten im Juni in die Schule eindrangen, um sie zu räumen, stellte sich Mimi ihnen entgegen. Sie blieb, mit weiteren 40 Flüchtlingen. … Ihre Mitstreiter sagten in einer Erklärung: „Als unermüdliche Kämpferin bleibt sie wach.“

Recht und Unrecht werden bei diesem Wortzauber ungestraft ins Gegenteil verkehrt, weil das Wort diesen Leuten der jeweils zu befördernden Botschaft dienen muss und nicht der möglichst wahrhaftigen Information.

Unbestraft blieb wohl auch der auf einer Pegida-Demo „verdeckt recherchierende“ RTL-Reporter, der dem NDR vor Panorama-Kameras die Rolle seines Lebens gab, als er sich als Türken-Hasser präsentierte. Wolfgang Prabel schrieb auf GEOLITICO, dass Demonstranten miterlebten, wie die Antifa und wohl auch die NPD anscheinend ihren Auftritt telefonisch mit dem Fernsehteam des ZDF abstimmten.[6]

Sowieso straffrei, aber den Verfall journalistischer Tugenden in Deutschland flächig demonstrierend, ist die manipulative Wortwahl und das rechthaberische Selbstverständnis in den sowieso nur noch für naive Gemüter scheinbar objektiven Berichten. „Was haben die Deutschen nur gegen Flüchtlinge?“ wird scheinheilig gefragt, wo die Wirtschaft doch „über potenzielle Fachkräfte entzückt sei, und die Bundesregierung das starre Asylrecht reformiert“. „Doch im (dummen) Volk wächst (trotz aller Bemühungen von Herrschenden und Medien) die Fremdenangst.“ Schade, dass man das Volk noch nicht abschaffen kann, aber man arbeitet daran.

Ausgrenzung Einheimischer

Pegida liest sich bei der Morgenpost so:

„Wie ein dunkler Koloss schieben sich die Massen durch die Straßen, abgeschirmt von stämmigen Burschen in schwarzen Trainingsjacken… Was die Demonstranten in Dresden eint, ist ein unbestimmter Frust.“

Was sie eint, ist vielmehr eine intuitive Erkenntnis, der sich die Medien verschließen müssen, weil damit weder Macht und Einfluss noch öffentliche Anerkennung zu gewinnen sind. Es wird getadelt: „Einwanderer, vor allem Muslime und Flüchtlinge, gehören nicht zu diesem Volk dazu.“ Natürlich tun sie das nicht, das sagt doch schon der Wortsinn, sonst brauchten sie ja nicht erst einzuwandern. Streiten könnte man doch nur darüber, wie lange es dauert und welche Bemühungen es erfordert, bis einer zum Volk dazugehört.

Dafür arbeitet man an der Ausgrenzung unfügsamer Einheimischer: „Nicht umsonst gibt es in Sicherheitskreisen die Diskussion, dass der Begriff Extremismus neu gefasst werden müsse.“ Aha, dann sind bald Andersdenkende nicht nur für die Medienhetzer Extremisten, sondern ganz offiziell. Der in diesem Blog auch schon andernorts beklagte Verfall der Demokratie nimmt rasant Fahrt auf. Und noch ein letztes Zitat: „…allein in den ersten drei Quartalen zählte das Bundeskriminalamt 86 gegen Flüchtlinge und Ausländer gerichtete gewalttätige Straftaten – doppelt so viele wie im gesamten Vorjahr.“ 86! Ganze! Was für eine erschütternde Zahl. Ein Journalist alter Prägung hätte, nur zur Information, vielleicht die Zahl der linksradikalen Gewalttaten gegen politisch oder sonstwie Missliebige dagegengestellt?

Während die Morgenpost den Leser noch mit dem Florett von hinten sticht, nimmt der Tagespiegel die Keule. Seinem Scharfmacher Albrecht Meier ist keine journalistische Tugend mehr heilig, aber es geht ihm ja auch um eine „gute“ Sache. Die trotz etlicher Provokationen von Polizei und Antifa weitgehend friedliche Kölner „Hogesa“-Demonstration von 5000 Bürgern beschreibt er so: „Eine grobe Mischung aus Hooligans und Neonazis, randalierte in der Domstadt Köln“ (Rechtschreibung korrigiert). Später richtig in Schwung gekommen, heißt es dann sogar „In Wirklichkeit war es der größte und somit erfolgreichste Neonazi-Aufmarsch in Deutschland in den vergangenen Jahren.“ Selbst die Polizei hatte nach der Demonstration von einem extrem niedrigen Anteil von Neonazis gesprochen. Noch Fragen?

Mensch, Meier!

Nein, aber ungefragte Antworten von Herrn Meier: „In Dresden ist es mittlerweile schwierig, einzelne Neonazis in der Masse der „Pegida“-Demonstranten ausmachen zu wollen. Zu sehr ist hier der unpolitische Wutbürger mit dem strammen Rechtsradikalen verschmolzen.“ Kein Verständnis hat er deshalb für den sächsischen Landesbischof („Wir sollten die persönliche Sorge der Menschen, die auf die Straße gehen, ernst nehmen„) und kommentiert kopfschüttelnd: „Einige bringen sogar Verständnis auf.“

Und völlig absurd sind für ihn „Verschwörungstheorien, die die Runde machen, denen zufolge die Medien von den Parteien gekauft wurden, um das Bündnis zu diffamieren“. Mensch Meier, wenn es doch nur so wäre, dabei betreiben die Medien die Gehirnwäsche in Wirklichkeit doch tatsächlich unentgeltlich.

(Am kommenden Sonnabend wird es an dieser Stelle darum gehen, wie es mit den Medien soweit kommen konnte.)

 Anmerkungen

[1] Roland Tichy, „Die Schweigsamen und das Lärmen der Medien“, Tichys Einblick: http://www.rolandtichy.de/tichys-einblick/pegida-die-schweigsamen-und-das-laermen-der-medien/

[2] Albrecht Meier, Martin Niewendick, „Innenminister de Maizière: Pegida ist eine Unverschämtheit“, Der Tagesspiegel: http://www.tagesspiegel.de/politik/kundgebung-der-islam-hasser-in-dresden-innenminister-de-maiziere-pegida-ist-eine-unverschaemtheit/11091188.html

[3] „Die Anstalt“, Facebook-Post: https://www.facebook.com/video.php?v=738952652847033

[4] Philip Volkmann-Schluck, „Mimi aus der Gerhart-Hauptmann-Schule – Ein Kreuzberger Leben“, Berliner Morgenpost: http://www.morgenpost.de/bezirke/friedrichshain-kreuzberg/article135272348/Mimi-aus-der-Gerhart-Hauptmann-Schule-Ein-Kreuzberger-Leben.html

[5] Konrad Kustos, „Flüchtlingspolitik mündet in Gewalt“, GEOLITICO: http://www.geolitico.de/2013/11/16/fluechtlingspolitik-muendet-in-gewalt/

[6] Wolfgang Prabel, „Das ZDF ist auf einem Auge blind“, GEOLITICO: http://www.geolitico.de/2014/11/10/das-zdf-ist-auf-einem-auge-blind/

Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel