Kriminelle werden zu Salafisten
Kriminelle werden zu Salafisten

Kriminelle werden zu Salafisten

Was steckt hinter dem Salafismus der ISIS? Und wen zieht er an? Vor allem Kriminelle und gescheiterte Existenzen, sagt der renommierte französische Islamismus-Forscher Olivier Roy.

Olivier Roy wurde als Forschungsdirektor am Nationalen Forschungszentrum (CNRS) in Paris einer der führenden europäischen Islamismus-Experten. Er arbeitet jetzt am European University Institute in San Domenico in Fiesole. Günther Lachmann traf ihn in Paris und  sprach mit ihm über muslimische Gemeinschaften, Salafismus Scharia und den heiligen Krieg in Europa.

Herr Roy, derzeit ist der Islam wieder ein großes Thema in Europa. Anlass ist zum einen die Kriegspropaganda der Salafisten, zum anderen die Aufnahme von Flüchtlingen aus muslimischen Ländern wie Irak oder Syrien. Sie alle treffen auf muslimische Gemeinschaften, die sich in den vergangenen Jahrzehnten gebildet haben. Wie sehr unterscheiden sich die muslimischen Gemeinschaften in den Länder der EU voneinander?

Olivier Roy: Ich glaube, es sind keine muslimische Gemeinschaften, sondern Bevölkerungsgruppen mit sehr unterschiedlichem Herkunftshintergrund. Nicht der Glaube, sondern die Herkunft ist das verbindende Element. Das sieht man auch daran, dass es beispielsweise nur sehr wenige gemeinsame Moscheen für Pakistaner und etwa Türken gibt. Und durch die unterschiedlichen Herkunftsländer unterscheiden sich die muslimischen Gemeinschaften in den EU-Ländern.

Wie würden sie die Unterschiede benennen?

Roy: Bis zu einem gewissen Grad nehmen die Muslime ihre neuen Länder kulturell an. In Großbritannien sind sie Multikulturalisten, in Frankreich sind sie Republikaner. Aber die diese kulturelle Identität mit den EU-Ländern hängt wiederum stark vom Alter ab. Die jungen Leute entfernen sich von der kulturellen und ethnischen Identität ihrer Eltern – mit Ausnahme der Türken vielleicht. Sie sind immer noch stark mit der Türkei verbunden.

Woran liegt das?

Roy: Die türkische Regierung ist sehr darum bemüht, diese Verbundenheit zu erhalten. Sie setzt sich für Türkischunterricht ein. Im Gegensatz dazu käme niemand auf die Idee, die pakistanische Amtssprache Urdu zu unterrichten. Türken behalten ihre Staatsangehörigkeit, und die türkische Regierung unterstützt dies. Außerdem achtet die Regierung in Ankara darauf, dass es türkische Moscheen in Deutschland gibt, in denen auf Türkisch gepredigt und der Imam in Ankara ausgewählt wird. Es gibt also einen starken Interessen geleiteten Einfluss des türkischen Staates auf die in Europa lebenden Menschen türkischer Herkunft. All das gibt es bei den Algeriern, Pakistaner, Tunesiern oder Ägyptern. Nur Marokko bemüht sich um eine gewisse Kontrolle der Marokkaner in der Diaspora, wie sie es nennen.

Wie sehr unterliegt die junge Generation dem Einfluss Ankaras?

Roy: Es gibt große Unterschiede zwischen der vierten und der ersten Generation der Einwanderer: Die jungen Leute türkischer Herkunft sprechen die Sprache ihre europäischen Länder besser als ihre Eltern, sie leben in gemischten Stadtvierteln. Und einigen gelang auch der soziale Aufstieg: Sie sind Rechtsanwälte, Mediziner und Manager.

Sie sagen, die französischen Muslime sind Republikaner. Woran machen Sie ihr Urteil fest?

Roy: Weil sie alles mögliche vom Staat erwarten (er lacht). Wie jeder Franzose. Die junge Generation engagiert sich in allen Parteien, von den Sozialisten bis hin sogar zum Front National. Die Einwanderer sind in ihrem Selbstverständnis längst Franzosen.

Gab es mal Versuche, eine islamische Partei zu gründen?

Roy: Es gibt keine islamische Partei, weil so eine Partei nicht funktioniert. Sie funktioniert nirgendwo. In Belgien und in den Niederlanden haben sie es versucht. Aber der Versuch ist nicht geglückt. Und für Frankreich kann ich sagen: Die Muslime wollen im Mainstream Politik machen. Sie wollen keine Ghetto-Politik, mit der sie als Außenseiter einer Islam-Partei definiert werden.

Das klingt, als wären die Muslime in Frankreich gut integriert?

Roy: Es gibt große Unterschiede! In den Vorstädten gibt es viele Salafisten, die versuchen, eine lokale salafistische Gemeinden zu gründen…

…und einem Leben nach der Scharia?

Olivier Roy / Foto: Karin Lachmann

Olivier Roy / Foto: Karin Lachmann

Roy: Das kann man so nicht sagen. Die meisten wissen gar nicht so genau, was die Scharia ist. Diesen Salafisten geht es mehr um eine bestimmte Lebensform. Sie haben ihre eigene Ausdrucksweise, einen eigenen Dresscode, es ist eine Einstellung oder eine Art Kult. Daneben gibt es eine wachsende muslimische Mittelklasse sogar immer mehr vermögende Muslime. Letztere sind sehr gut integriert.

Wie verändert das die Gesellschaft?

Roy: Es gibt inzwischen zahlreiche Mischehen zwischen Franzosen und Algeriern, Tunesiern, Marokkanern usw. Das können Sie in den Heiratsanzeigen der Lokalzeitungen ablesen. Das wird auf dem Land stärker wahrgenommen als in Paris, wo es diese Form von Lokalzeitung so nicht gibt. Ich würde sagen, dass inzwischen ein Viertel aller Eheschließungen von Muslimen sind Mischehen. Übrigens leben in Frankreich mehr Marokkaner als Algerier. Die Algerier sind allerdings die am besten integrierte Bevölkerungsgruppe, weil sie am besten ausgebildet sind.

Und in Großbritannien sind die Einwanderer Multikulturalisten, sagen Sie. Wie meinen Sie das?

Roy: Großbritannien ist eine Ausnahme. Es ist das einzige Land in Europa, in dem die Muslime über einen besonderen Status in Bezug auf das Familienrecht verfügen.

Sie sprechen dort Recht nach der Scharia?

Roy: So ist es. Aber es geht ausschließlich um das Familienrecht, also um Scheidungen, Adoption und Erbschaft.

Würden Sie sagen, dass der Salafismus, den es ja nicht nur in französischen Vorstädten gibt, soziale Ursachen hat?

Roy: Zu einem sehr großen Teil hat er soziale Ursachen. Die salafistischen Gruppen haben Zulauf in den sozial schwachen Gebieten. Es muss also einen Zusammenhang zwischen der sozialen Stellung und dem Salafismus geben. Und viele dieser Salafisten sind junge Männer, die mit Drogen und anderer Kriminalität zu tun hatten. Im Gefängnis kommen sie dann zum Salafismus, sie empfinden es als eine „Wiedergeburt“. Viele erklären ihre Wandlung zum Salafisten als einen Weg, sich selbst zu rehabilitieren und so eine neue Form von Würde zu gewinnen. Wir können also sagen, dass Salafimus junge Leute vom Rand der Gesellschaft anzieht.

Warum ist gerade der Salafismus für diese Leute so attraktiv?

Roy: Weil er das Leben auf sehr schlichte Art und Weise ordnet. Er macht klare Vorgaben wie sie sich kleiden sollen, was sie essen sollen, wie sie sich verhalten sollen. Der Salafismus strukturiert den Alltag. Wenn sie die Gesetze des Koran befolgen, sind sie gerettet. Das ist der erste Grund. Der zweite ist: Wie in jedem anderen Kult gibt es eine Bruderschaft, eine Gemeinschaft. Es ist eine Mischung aus Kampfgemeinschaft und neuer Familie. Es gibt also auch diesen Aspekt von Wärme und Solidarität, den sie außerhalb der Gemeinschaft nicht finden.

Auch in Deutschland gewinnt der Salafismus an Anziehungskraft. Hat das dieselben Ursachen wie in Frankreich?

Roy: Ja, Salafismus ist attraktiv, weil er explit gegen jede Kultur opponiert. Darum zieht er vor allem gestrandete junge Leute an. Das ist auch der Grund, warum er so attrktiv für Konvertiten ist. In den vergangen Jahren sagten meine deutschen Kollegen immer, Salafimsus sei einer Folge der islamischen Kultur. Ich habe immer gesagt, sie sollten sich die Konvertiten ansehen. Das Phänomen der Konversionen ist ein klarer Beleg für die Natur des Salafismus. Er ist nicht der Import einer Kultur, sondern die Negation jeglicher Kultur.

Viele Salafisten ziehen in den Krieg nach Syrien und in den Irak. Ist Salafismus per se gewalttätigt?

Roy: Viele Salafisten sind Dschihadisten, aber nicht alle Dschihadisten sind Salafisten. Es gibt keine direkte Verbindung zwischen religiöser Radikalisierung und Dschihadismus. Schaut man sich die Lebensläufe von Dschihadisten an, stellt man fest, dass viele vor ihren Kriegseinsätzen überhaupt nicht religiös waren. Sie habe keine Ahnung vom Islam. Sie gehen in den Krieg, weil sie kämpfen wollen. Der Kampf ist ihre Sache. Sie wollen Helden sein. Dazu brauchen sie den Kampf. Sie suchen den Dschihad, wie meine Generation den Guerilla-Kampf für Che Guevara oder für Palästina gesucht hat. Das ist ein und dasselbe.

Über Günther Lachmann

Günther Lachmann ist Journalist und Autor. In seinen Beiträgen befasst er sich unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, zuletzt gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel