Die Denaturierung der Welt
Die Denaturierung der Welt

Die Denaturierung der Welt

Künstliche Brüste, vergrößerte Po’s, Tattoos und Piercing:  So entstehen erst denaturierte Modetrends, dann folgt die Denaturierung der Welt.

Wenn sich in Berlin 2000 Menschen in Tierkostümen treffen, ist nach dem SNAFU-Prinzip (Situation Normal, All Fucked Up) im Sinne R.A. Wilsons alles in den üblichen Bahnen. Furries nennen sich die lustigen Gesellen, die ihr Problem mit der eigenen Identität hinter einer Ganzkörper-Maske verstecken, mit der sie teilweise psychisch verschmelzen.

Die ähnlich dekonstruktive Alternative zu dieser Flucht vor dem eigenen Körper, welchen die Natur doch in der Regel ganz ordentlich zur Verfügung stellt, ist dessen Veränderung – egal, wie viel Entstellung dafür notwendig ist. Deshalb ist, besonders in den USA, das Aufspritzen des Gesäßes auf Hottentotten-Niveau derzeit stilbildend. Kim Kardashian und Beyoncé werden als Vorbilder bzw. prominente Nachahmer gefeiert. Beide Phänomene sind nur eklatante Beispiele für die rasch wachsende Erscheinung des Niedergangs, sich nicht mehr nur nicht in dieser Welt, sondern auch nicht mehr im eigenen Körper wohlzufühlen. Das Ergebnis ist ein weltweiter Denaturierungsprozess.

Fette Ärsche

„Als Mensch hatte ich früher kaum Freunde, jetzt kann ich besser auf Menschen zugehen und habe mehr Selbstvertrauen“, beschreibt ein Teilnehmer der Berliner Furry-Konferenz seine Metamorphose zum Husky. Als sicher ist anzunehmen, dass der Identitätswechsel auch mit einer Flucht vor den Anforderungen des modernen Lebens zu tun hat (Beruf, Partnerschaft, Selbstdarstellung).

Auch dem sexuellen Leistungsterror entzieht man sich bepelzt weitgehend, denn in den sogenannten Fursuits sind sexuelle Handlungen konstruktionsbedingt nur begrenzt möglich. Aber letztlich geht es nicht um diese Flucht vor konkreten Herausforderungen: Die eigene, naturgegebene Identität wird immer mehr als unzureichend empfunden. Jedenfalls wird es interessant sein zu beobachten, wann es die Forderung nach eigenen Furry-Toiletten und einer eigenen Furry-Kategorie bei Facebook geben wird. Es soll doch niemand diskriminiert werden.

Nicht einmal Ärsche? Ärsche gibt es seit Menschengedenken – auch im übertragenen Sinne –, aber modern sind nun fette Ärsche. Im Rahmen der natürlichen Evolution waren dicke Hinterteile ein Zeichen für ausreichende Fettreserven der Muttertiere für Notzeiten. Mit der gesellschaftlichen Überwindung solcher Notwendigkeiten wurde der schlanke Hintern wie beim Mann auch bei Frauen zum Schönheitsideal. Nun aber führt der Überfluss dazu, dass besonders in prekären gesellschaftlichen und/oder ethnischen Gruppen das Elend der eigenen Existenz mit andauerndem Essen begegnet werden soll. Das Lustgefühl überwindet so die natürliche Esshemmung bei Sattheit. Dadurch entsteht ein Niedergangs-Standard, der sich nicht mehr an der Evolution orientiert, sondern an der Degeneration.

„Brüste aus Beton“

Gesund ist das nicht, weder für die Gesellschaft noch für die Individuen. Eine Frau in Georgia zahlte 1500 Dollar für ein neues Silikongesäß – und starb daraufhin an einer Lungenembolie. Ein Ermittler berichtete, dass bei der Obduktion der Leiche das Silikon „überallhin spritzte“. Dennoch ist das Arschimplantat inzwischen weltweit auf dem zweiten Platz in der Liste der „Schönheits“-Operationen angekommen.

Die ausgesprochen kluge Entertainerin Desiree Nick hat ein ganzes Buch[1] über die von ihr so genannte Arschterrasse geschrieben, in dem sie dies ein Phänomen unserer Zeit nennt. „Der Welt wird fast 50 Jahre nach Beginn der Frauenbewegung ein Schönheitsideal übergestülpt.“ Das endet natürlich nicht am Arsch. „Abendkleider sind heute so tief am Rücken ausgeschnitten, dass man keinen BH mehr drunter tragen kann, aber dafür braucht man eben Brüste aus Beton.“

Und sowieso gebe es kaum noch unwattierte BHs zu kaufen, woraus Nick folgert: „Früher war es Travestie, heute trägts die Grundschullehrerin“. Es gehe bei dieser Entwicklung um das Selbstwertgefühl. Was früher der Gartenzwerg oder der eigene Volkswagen war, sei heute der Körper. Der Körper sei das letzte Schlachtfeld der Selbstdarstellung, auf dem wir nun selbst zur Ware geworden sind.

Tarnung der eigenen Identität

Worte Kustos’scher Wahrheit, die uns nicht am Arsch vorbeigehen sollten, doch das Problem geht weit über das bloße Selbstwertgefühl hinaus. Das Verstecken der eigenen Persönlichkeit wird zum Überlebensreflex in einer virtuellen Welt, die mit ihrer scheinbaren Perfektion in den Individuen tiefe Unsicherheit erzeugt. Die Menschen könnten diese denaturierten Ideale ja ablehnen, aber sie können es aufgrund der psychologischen Zwänge eben nicht. Wenn wir also sogar am Arsch entarten, sind wir grundsätzlich im Arsch.

Die längste Tradition hat das Verkünstlichen des menschlichen Erscheinungsbilds in den Spielformen Mode und Parfüm. Während am französischen Königshof des Absolutismus mit den Riechchemikalien fehlende Hygiene überdeckt werden sollte, dienen sie in Zeiten des kollektiven Waschzwangs der Tarnung der eigenen Identität, sind nonverbale Lügen. Inzwischen gibt es auch kaum noch Waschmittel, die nicht mit „Frischedüften“ geimpft sind, die tagelang die Schleimhäute reizen und Allergien auslösen. Was ist an diesem „frisch“ besser als am herkömmlichen „sauber“?

Hinzu kommen, und darüber wurde hier schon viel berichtet, die Entstellung des eigenen Körpers mittels einer Vielzahl von „Schönheitsoperationen“, Tattoos, und Piercing, Branding, Cutting usw.. Allen gemein ist, den eigenen Körper in seiner natürlichen Erscheinungsform zu verachten. Veränderungen tun scheinbar not, selbst wenn sie den Zustand offensichtlich verschlimmern.

Kinder wollen keine Clowns sein

Die entwurzelten Menschen folgen also irgendwelchen Moden und glauben, ausgerechnet damit die eigene Individualität herauszustellen und zu entwickeln. Sie verwechseln das Herumpfuschen an der Natur mit Persönlichkeit. Persönlichkeit aber liegt innen und nicht außen. So wird aus einem sozialen Wesen ein individualistischer Narziss, dessen nach sinnvollen Werten herumsuchender Verstand sich im Zeitalter des Niedergangs nicht mehr an realen Menschen, Traditionen oder Vorbildern orientieren kann, sondern mit Virtualitäten vorliebnehmen muss.

Wenn die Eltern davon überzeugt sind, muss die Einübung in den Narzissmus auch bei den Kindern früh beginnen. Das fängt schon mit dem ach so süßen clownesken Kinderschminken an, dass den Kindern auf jedem Bierfest als Event aufgezwungen wird. Dabei ist erwiesen, dass eine Veränderung der natürlichen menschlichen Züge Ekel und Erschrecken auslöst. Coulrophobie heißt der Fachterminus.

In einer englischen Studie wurden junge Menschen zwischen vier und 16 Jahren über Clowns befragt. Keiner von ihnen fand Clownsbilder lustig. Einige fürchteten sich vor ihnen, viele fühlten sich unbehaglich. Ebenso äußern sich Erwachsene, unter konkretem Bezug auf geschminkte Gesichter, Kostüme und das fremdartig freundliche Erscheinungsbild. Psychologen erklären das damit, dass durch das fremdartige Erscheinungsbild ein Erkennen der wahren Emotionen verhindert wird. Die Verstellung produziert in einem funktionalen Umfeld Ablehnung.

Wider die Natur

Stattdessen geht es dann aber mit Maskentragen, Halloweenverkleiden und Schminken der Mädchen in der Frühpubertät, die angeblich artgerecht sei. Seit 26 Jahren gibt es die „American Girl Puppen“, die so hergestellt werden, dass sie wie die jeweiligen Puppenmuttis aussehen. So was hat zurzeit immensen Erfolg. In der Produktpalette gibt es schon Zeitschriften, Events und eine Shop-Kette, in der Zubehör wie Zahnspangen und Rollstühle erhältlich sind. Früher hatten Mädchen Puppen, um zu lernen, für andere zu sorgen. Heute gibt es die Puppen, die das Ego bestätigen, schlimmer, die dafür sorgen, nur sich selbst im Blick zu haben.

Letztlich ist die Frage, wer daran schuld sei, unerheblich, wenn eine Dreijährige ihre Eltern in Berlin (angeblich) so sehr drängen konnte, dass die mit ihr in ein Tattoo-Studio gingen, um ihr Ohrlöcher stechen zu lassen. Das Kind reagierte auf die Körperverletzung mit Verstörung und die frustrierten Eltern mit einer Klage gegen die Studiobetreiberin. Man forderte 120 Euro für Schmerzensgeld sowie Anwaltskosten und schließlich kam es sogar zum Prozess. So ein Aufstand, wo doch die Beschneidung kleiner Jungen aus religiösen Gründen in Deutschland zeitgleich ausdrücklich legalisiert wurde.

Straffrei ist es mittlerweile, wenn der schwule FDP-Politiker Michael Kauch stolzer Vater werden konnte, indem er mit seinem Partner und einem lesbischen Pärchen eine vierköpfige Elternkonstruktion schuf. Das war vor anderthalb Jahren, und ich möchte zu gerne wissen, wie es der Nichtfamilie und dem Kind inzwischen geht.

Die Natur hat jedenfalls auch das genauso wenig vorgesehen, wie den Kindersegen für einen 70-jährigen Italiener und seine 58- jährige Gattin (nach künstlicher Befruchtung im Ausland). In Turin gab es immerhin gesellschaftlichen Widerstand in der Form, dass das Jugendamt (nach 18 Monaten) einschritt und das Kind zur Adoption freigab.

Gift auf gut Glück

Wie viel hätte ein solches Kind noch von seinen Eltern? Wie viel Erziehung ist da noch möglich? Wie früh muss das Kind sich um die gebrechlichen Eltern kümmern? Das mit der Frage befasste Gericht nannte jedenfalls die Eltern narzisstisch und egoistisch. Doch mit dem Fortschritt der Reproduktionsmedizin wird dieses Problem noch gewaltige Ausmaße annehmen. Die Eltern können sich ein Leben lang um Spaß und Karriere kümmern, um dann zum Lebensende auf Kosten des Kindes und der Allgemeinheit noch etwas für ihre individuelle Unsterblichkeit zu tun. Auch bei Gianna Nannini, die sich zur Erfüllung ihres privaten Wunsches einem Unbekannten hingegeben hatte, brauchte es 54 Jahre bis zur persönlichen Befriedigung.

Die Natur hat keinen besonderen Stellenwert in der Welt des Niedergangs. Was gegen sie unternommen werden kann, wird auch unternommen. Chemiker entwickeln beispielsweise Modulatoren, mit denen bekannte Lebensmittel in ihrem Geschmack völlig auf den Kopf gestellt werden. Damit soll den Konsumenten ein neuer Kick vermittelt werden, offiziell dient es nur natürlich dazu, Gutes zu tun. Man wolle gesündere Lebensmittel schmackhafter machen, und auch der weltweite Hunger soll eingedämmt werden.

Was wirklich passieren wird, ist, dass wir unseren natürlichen Sensorien nicht mehr vertrauen können und uns jedem Gift auf gut Glück ausliefern müssen. Diese sogenannten Wissenschaftler ignorieren, dass etwas, das uns nicht schmeckt, in der Regel auch nicht gut für uns ist und der natürliche Geschmack deshalb eine lebenswichtige Funktion hat.

Mediziner forschen parallel daran, wie man das Sättigungsgefühl durch Medikamente verbessern könne. Wahrscheinlich, um die wachsende Dickleibigkeit zu bekämpfen, dabei haben wir oben schon gesehen, dass es sich beim übermäßigen Essen um ein soziales Problem handelt, bei dem es um das Befriedigungsgefühl und nicht die Sattheit geht. Künftig werden die Kandidaten also auch noch gegen gesundheitsschädliche Medikamente anfressen müssen.

Gestank für die Werbeindustrie

Ein Harvard-Professor schließlich hat nach dem Motto, „Dinge, die die Welt nicht braucht“ ein „oPhone“ entwickelt, also ein Mobilfunkgerät, das Gerüche über Bluetooth versenden kann. 300.000 Gerüche aus 400 „Duft“-Stoffen kann der Prototyp schon produzieren. Sicher ein gefundener Gestank für die Werbeindustrie, die sowieso immer mehr dazu übergeht, uns in den Shoppingcentern flächendeckend mit allergenen Gerüchen zu überschwemmen. Über Crowdfunding soll das oPhone nun in die Produktion gehen.

Wir lassen also all die Denaturierung nicht nur geschehen, wir treiben sie noch aus eigenem Antrieb voran. Dies alles ist aber sowieso nicht nur eine Folge überbordender Möglichkeiten in Parallelität mit einem hemmungslosen Egoismus. Es ist ein existenzielles Phänomen des Niedergangs: Nur über sich selbst hat der Mensch noch die Verfügungsgewalt, wobei der Rahmen für Änderungen, der von der Natur vorgesehen ist, eng begrenzt ist. Deshalb weicht er auf unnatürliche, kontraproduktive Veränderungen aus. Er schädigt sich, um seine Handlungskompetenz und -freiheit trotz all seiner Machtlosigkeit nachweisen zu können. Nur als Nebeneffekt sollen das die anderen wissen, denn hauptsächlich ist er selbst das Ziel seiner Demonstration.

Das Vorbild der Natur könnte uns helfen, Verlockungen und Irrwege, die von der entwickelten Gesellschaft produziert werden, zu erkennen und zurückzuweisen. Das Gegenteil passiert: Kurzfristige, persönliche Interessen und ein übergreifender psychosozialer Defekt spielen zusammen. So entstehen erst denaturierte Modetrends, und es folgt die Denaturierung der Welt. Mal sehen, wie lange die Natur sich das gefallen lässt…

 

[1] Désirée Nick, „Neues von der Arschterasse“, http://www.ullsteinbuchverlage.de/nc/buch/details/neues-von-der-arschterrasse-9783547711981.html

Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel