Die Lust der Selbstverstümmelung
Die Lust der Selbstverstümmelung

Lust der Selbstverstümmelung

Die Lust und Sinn suchende Gesellschaft wird zum Horrorkabinett der Gepiercten und Geschnittenen. Warum nur wird die Selbstverstümmelung als Jugendtorheit verharmlost?

Früher ging Mann gerne am Freitagabend „eine Braut aufreißen“, heute könnte das leicht mit Körperverletzung enden, denn ein erheblicher Anteil dieser Bräute ist gepierct. Doch vielleicht sollte der Brautschauende und ebenso die Bräutigamschauende sich ohnehin von Piercern beiderlei Geschlechts fernhalten, denn wer sich Metallteile ungezwungen durch den Körper jagen lässt und nicht Jesus Christus heißt, muss nicht nur am Ort des Eingriffs eine Schraube locker haben.

Die Toleranzgesellschaft des Niedergangs hat damit scheinbar weniger Probleme als die Masse der vom Piercingwahn Befallenen selbst. Sie tut, was sie am besten kann, nämlich tolerieren­ – wer aber etwas anders denkt, hat keine Toleranz zu erwarten. Deshalb erträgt man dann doch unfreiwillig die freiwillig entstellten Menschen, die im Supermarkt kassieren oder im Restaurant servieren. Doch Piercing ist nicht das Endstadium: Willkommen im Horrorkabinett von Body-Suspension, Subinzision, Skarifizierung, Cutting, Branding und Play-Piercing.

Verlust von Sinneswahrnehmungen

In der sinn- und lustsuchenden Gesellschaft ist der Höhepunkt neu-ritueller Selbstverstümmelung noch lange nicht erreicht. Dabei sind schon die Vorstufen „Tattoo“  und „Schönheitsoperation“ gefährlich und erniedrigend. Doch jene können für sich, wenn auch fast immer unglaubwürdig, versuchen, eine Absicht der Verschönerung zu reklamieren. Nadeln in der Nase oder Riesenlöcher im Ohr behaupten nur, der Verschönerung dienen zu sollen, sie folgen aber ganz anderer Motivation.

Selbst das Fachmagazin für Piercingfreunde[1] listet ungeschminkt einen umfangreichen Risikokatalog auf. Etwa die Abfolge eines sich entwickelnden Entzündungsprozesses: 1. Rötung 2. Überwärmung der Umgebung 3. Schwellung 4. Schmerz 5. eingeschränkte Funktion (z.B. bei einem Zungenpiercing, kann man die Zunge nicht mehr bewegen):

„Selbst nach Monaten oder Jahren können sich Entzündungsreaktionen oder schwerwiegende Folgen zeigen. …So habe ich schon Personen gesehen, welche durch Zungenpiercing, Nasenpiercing, Ohrpiercing oder Bauchnabelpiercing Krankheiten wie Schuppen, Haarausfall, Kieferschmerzen, Nackenschmerzen und Schlimmeres gehabt haben. Dies sind Krankheiten, welche nicht direkt erkennbar sind, aber teilweise zu 100% vom Körperschmuck kommen.“

Weiter im Originalton (aber mit korrigierter Rechtschreibung):

„Bekannt sind Bilder von durchschnittenen Geschlechtsorganen oder die unfreiwillige Subinzision (Freilegung) der Harnröhre. Dieses Piercingrisiko besteht dann, wenn eine Materialstärke gewählt wurde, die zu dünn ist und sich dadurch wie ein Messer durchs Fleisch arbeitet. Gerade bei Intimpiercings ist der Heilungsprozess sehr langwierig. Durch Geschlechtsverkehr, mangelnde Hygiene oder andere Bedingungen kommt es hier schnell zu einer Infektion. Ein weiteres Risiko beim Intimpiercing aber auch bei Piercings allgemein ist die Gefahr der Verletzung von Nerven oder Muskelgewebe. Es kann dadurch zu Lähmungen oder einem Verlust von Sinneswahrnehmungen kommen. Das Material des Piercings kann zu Allergien oder ungewollten Hauterscheinungen führen. So sollte vor allem auf Nickel geachtet werden, da Nickel ins Gewebe eindringen und den Körper vergiften kann. Weiter kann eine grobe Außenfläche des Piercings dazu führen, dass die Haut am Piercing anwächst.“

Spaß an der Obsession

Soweit der Experte, der anscheinend trotzdem weiter Spaß an seiner Obsession hat. Bekannt als Folgen sind auch Hepatitis B, Blutergüsse, Allergien, Nervenschäden, Sehschwäche, Knorpeldefekte, Zungenlähmung, Entzündung des Milchkanals oder AIDS. Für die Heilung zumindest an Schleimhäuten (Zunge, Geschlechtsteile) wird von Experten der regelmäßige Kontakt mit Eigenurin empfohlen.

Dennoch ist der Siegeszug dieser Selbstverstümmelung nicht aufzuhalten. In Deutschland trugen nach einer repräsentativen Erhebung der Universität Leipzig im Jahre 2009 9% aller Frauen und 3% aller Männer ein Piercing. Unter den 14- bis 24-jährigen Frauen lag der Anteil bei 35%, bei den 25- bis 34-jährigen Frauen bei 22,5%. Männer waren am häufigsten im Alter von 25 bis 34 Jahren gepierct (9,3%). Eine andere fast zeitgleich veröffentlichte Studie beschrieb, dass mehr als die Hälfte der Menschen mit Piercing (52,8%) jünger als 18 Jahre (also minderjährig) war.

Noch vor wenig mehr als 20 Jahren beschränkte sich das Piercing im Prinzip auf das Punkmilieu oder die Homosexuellen- und Fetischszene. 1993 kam das Thema groß heraus, als sich die Schauspielerin Alicia Silverstone in einem Musikvideo der Band Aerosmith ein Bauchnabelpiercing stechen ließ. Das Video gewann den MTV-Award und sorgte für eine breite Berichterstattung. In dessen Folge kam es zu einer starken Nachfrage nach Bauchnabelpiercings. Damit hatte ein Phänomen der Jugendkultur (?) seinen Aufstieg begonnen.

Kulturelle Vorbilder dafür gibt es durchaus in frühen Stammeskulturen, allerdings mit Ausnahme des Ohrrings kaum in der europäischen Geschichte. Die frühesten Belege lassen sich bis auf 7000 Jahre zurückdatieren. Dabei handelt es sich neben der schmückenden Funktion meistens um die Abgrenzung zu anderen Volksstämmen, um spirituelle Rituale oder um die Demonstration der körperlichen Reife bzw. des gesellschaftlichen Status.

Archaischer Ideenreichtum

Laut Berichten spanischer Eroberer aus dem 16. Jahrhundert sowie der modernen Wikipedia wurden in Mittelamerika Ohren, Zungen, Wangen und Genitalien als Opfergabe und zur innerlichen Reinigung durchstochen. Gemäß dem hinduistischen Glauben werden Kindern Ohrlöcher gestochen, um sie vor Krankheiten zu schützen.

In der thailändischen Stadt Phuket versetzen sich beim Fest der neun Kaisergötter zahlreiche Teilnehmer im Rahmen einer Götterbeschwörung in Trance und stechen sich Schwerter, Äste, Eisenstangen oder Alltagsgegenstände mit teilweise erheblichem Durchmesser durch Wangen, Zunge oder andere Körperstellen.

Wer glaubt, dies sei ein sich mit wachsender Kulturstufe erledigendes Relikt, wird durch die real existierende Gegenwart eines Schlechteren belehrt. Nicht genug damit: Dem archaischen Ideenreichtum sind keine Grenzen gesetzt. Bei der als „Body-Suspension“ bezeichneten Form einer sogenannten „Körperkunst“ beziehungsweise „Body Modification“ wird eine Person an durch den Körper getriebenen Haken aufgehängt.

Nachdem die Haken durch die Haut gestochen wurden, werden sie an Seilen befestigt und der Proband mit einem Flaschenzug langsam hochgezogen. Wie lange die hängende Person freischwebend an den Seilen hängt, variiert stark nach persönlicher Belastbarkeit und Motivation. Nach der Suspension werden die Wunden vor dem Entfernen der Haken zunächst von Blutgerinnseln befreit und vor der Wundversorgung ausgiebig massiert, um unter der Haut angesammelte Luft zu entfernen, was erneut sehr schmerzhaft sein kann. Für Weicheier gibt es eine abgespeckte, aber durchaus auch gefährliche Variante, das Suspension-Bondage, bei dem man an Fesseln in die Luft geht.

Beim „Play-Piercing“ werden temporär massenhaft Akupunkturnadeln oder Kanülen am Körper gesetzt. Mitunter werden an den so mit dem Körper verbundenen Elementen dünne Ketten oder Fäden befestigt, um diese miteinander zu verbinden und so den Körper im Rahmen einer Bondage zu fixieren. Das Verletzungsrisiko ist hierbei durch ein mögliches ungewolltes Ausreißen der Piercings hoch. Oft werden an Körperpiercings noch Gewichte befestigt, die die Bewegungen des Gepiercten in Schmerzreize umsetzen.

Schneiden und Brennen

Wem die Event-Pein nicht ausreicht und stattdessen an dauerhaften Lösungen interessiert ist, greift eher zum „Scarving“. Dabei werden dem Körper bewusst Wunden beigebracht und Narben erzeugt. Zwei Methoden stehen zur Auswahl: Schneiden (Cutting) und Brennen (Branding). Geschnitten wird in der Regel mit einem Skalpell, wobei erst die Umrisse geschnitten werden und daraufhin die dazwischenliegende obere Hautschicht entfernt wird. Für ein Branding kann prinzipiell zwar jeder heiße Gegenstand verwendet werden, bei professioneller Durchführung wird dafür jedoch ein Elektrokauter verwendet. Um den Erfolg sicherzustellen, muss der von der Natur anscheinend überflüssigerweise vorgesehene Heilungsprozess möglichst lange hinausgezögert werden. Dazu werden die Wunden immer neu stimuliert und der Schorf abgezogen.

Es fällt schwer zu werten, aber vielleicht ist der bisherige Spitzenreiter in den Charts des „Piercing brutal“ die „Subinzision“. Dabei wird operativ nicht nur der Penis an der Unterseite, sondern auch gleich die Harnröhre gespalten. Angeblich wird dabei empfindliches Gewebe freigelegt und die Lust vergrößert. In jedem Fall wirkt der erigierte Penis größer.

Nach alldem stellt sich noch mehr die Frage nach dem „Warum?“! Offensichtlich handelt es sich bei der sich hauptsächlich in der westlichen Welt entwickelnden Lust am Schmerz und der Verstümmelung nicht um ein Aufgreifen archaischer Rituale. Höchstens wird aus Fantasielosigkeit auf überlieferte Techniken zurückgegriffen. Man muss auch nicht tiefenpsychologisch das Erdulden von Schmerzen als Initiation ins Erwachsenenleben als Motivation heranziehen. All das passt nicht in das Psycho-Profil der Akteure und ihren kulturellen Hintergrund. Ebenso ist die Theorie, es handele sich um ein Austesten der Belastbarkeit des eigenen Körpers eher an den Haaren bzw. an den Haken herbeigezogen.

Leere der Existenz

Selbst wenn es sich wirklich nur um eine ursachen- und folgenlose Modeerscheinung handelte, wäre die Gesellschaft längst verpflichtet, all dies als Alarmzeichen zu deuten. Denn gerade hier zeigt sich der historische Vektor: Nur weil in primitiven Kulturen Verletzungen und Vernunft gleichermaßen einen geringeren Stellenwert hatten/haben, darf das für uns kein akzeptables oder tolerables Phänomen sein. Der Sinn zivilisatorischen Fortschritts ist es ja gerade, den Schutz des Körpers zu gewährleisten, auch vor Modetorheiten.

Doch das Piercing ist eben keine Mode, sondern eine Zeiterscheinung. So sehr wir auch die Augen davor verschließen wollen, ist die entwickelte Welt nämlich kulturell aus dem Gleichgewicht geraten. Wohlstand und Sicherheit in Verbindung mit wachsender Perspektivlosigkeit widersprechen der evolutionären Grundausrichtung des Menschen. Unsere Menschwerdung war begleitet von Schmerzen, Angst, Entbehrung, aber auch Hoffnung, und das sitzt tief in unseren Genen. So wie auch das menschliche Sozialverhalten in der aus dem Überfluss erwachsenden Gesellschaft des Niedergangs verkümmert, so verkümmert auch das genetisch fixierte Lebensgefühl.

Dieser Leere der Existenz versucht der Mensch nun mehr oder weniger „Funktionale Alternativen“ entgegenzusetzen. Hooligantum, S-Bahn-Surfen, Drogenkonsum, Komasaufen, Splatterfilme, virtuelle Computerwelten und religiöse Bindungen sind alles Spielformen von Kompensationsversuchen, bei denen der Mensch aber niemals gewinnt, sondern naturnotwendig verliert. Piercing in all seinen Formen gehört in verschiedenen Abstufungen in diese Rubrik des Grauens. Über die Ausschüttung von Adrenalin und anderer Hormone versuchen die Befallenen teilweise suchtartig ein volles Lebensgefühl wiederherzustellen.

Das ist die Begründung, aber keine Entschuldigung. Beispielsweise über Sport, private oder berufliche Leistungsanstrengungen oder die Entwicklung von befriedigender Sinnlichkeit kann auch in der Niedergangsgesellschaft ein intensives Lebensgefühl aufgebaut werden. Deshalb stellt sich die Frage, wie die Gesellschaft damit umgehen soll, wenn Menschen sich zumindest teilweise offensichtlich bewusstseinsgestört selbst gefährden und verletzen.

Wann ist man mündig?

Schon zum Thema Schönheitsoperationen hatte vor einiger Zeit ein CDU-Gesundheitsexperte argumentiert:

„Der Staat schützt junge Menschen bei alkoholischen Getränken und Zigaretten aus guten Gründen vor sich selbst. Aus unserer Sicht ist es überfällig, dass wir das bei unnötigen und oft nicht ungefährlichen Schönheitsoperationen genauso machen.“

Diese Überlegung betrifft natürlich in viel größerem Maße auch Piercings und Tattoos. Ein wichtiger Schritt wäre also derartige Praktiken nicht nur vom Einverständnis möglicherweise desorientierter Eltern abhängig zu machen, sondern unter 18 Jahren komplett zu verbieten.

Doch wann ist man überhaupt mündig genug, sich selbst zu verstümmeln? Jeder GEOLITICO-Leser weiß, dass hier aus gutem Grund einer liberalen und verbotsarmen Gesetzeskultur das Wort geredet wird, aber müsste zum Schutze dieser Menschen vor sich selbst nicht dennoch sogar ein Komplettverbot in Erwägung gezogen werden? Warum werden Drogen verboten während die auf einen ganz ähnlichen Kick setzende Selbstverstümmelung als Jugendtorheit verharmlost wird? Wie lange greift da noch das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit? Oder wird man künftig auch Selbstmördern dieses Recht zugestehen müssen? Ich sehe schon die coolen Selbstmord-Studios und -Shops an allen Ecken aus dem Boden schießen…

 

Anmerkung

[1] Piercing Trends, Das Piercing-Portal: http://www.piercingtrends.de/index.html

Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel