Wulff und der Mensch durch Allah

Christian Wulff bei der Vorstellung seines Buches / Foto: Karin Lachmann Christian Wulff bei der Vorstellung seines Buches / Foto: Karin Lachmann
 Ex-Bundespräsident Christian Wulff ist nun  Präsident des Euro-Mediterran-Arabischen Ländervereins. Angesichts des ISIS-Terrors fühle er mit den Muslimen – auch denen in Deutschland, sagte er nun in Berlin.

Er kam zurück nach Berlin – und sprach immer noch ein bisschen wie ein Bundespräsident. Tatsächlich aber war es die erste öffentliche Rede von Ex-Bundespräsident Christian Wulff als Präsident der Organisation Euro-Mediterran-Arabischer-Länderverein (EMA), die sich vornehmlich um die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und dem arabischen Raum bemüht.

Wulff hielt die Eröffnungsrede des Deutsch-Arabischen Forums Diplomatique im Haus der IHK Berlin und suchte vor allem das Thema, zu dem er schon als Bundespräsident den unvergessenen Satz sagte: „Der Islam gehört zu Deutschland.“ Vor den versammelten Botschaftern und Regierungsmitglieder zahlreicher arabischer Länder hob Wulff auf die Konflikte in Syrien und Irak ab und versicherte, dass er mit den Muslimen in den Konfliktgebieten und denen in Deutschland fühle. Und er hob ausdrücklich hervor, nicht der Islam sei die Wurzel des Terrors des Islamischen Staates (IS).

Ein Gebeugter

„Ich bin sehr wohl besorgt über einige Terroristen, die barbarisch eine Religion zu missbrauchen versuchen, die sich auf den Koran zu beziehen versuchen, obwohl diese Terroristen gegen ur-islamische Grundsätze verstoßen“, sagte Wullf. „Ich finde, wir müssen gerade in dieser Situation an der Seite der Muslime stehen, die sich mit uns gemeinsam, ob nichtgläubig, ob andersgläubig, ob Christen, ob Juden, gemeinsam einsetzen gegen Terror und Gewalt und diesen Ländern.“

Seine durchaus staatstragend daherkommenden Worte standen in einem seltsamen Widerspruch zu Wulffs Attitüde. Am Rednerpult stand ein Gebeugter, einer, der eine unsichtbare Last zu schultern schien und dessen Botschaft in nasaler Monotonie in die Reihen der Zuhörer plätscherte.

„Wir sollten sehen, dass die Menschen, die als Muslime bei uns leben, die Deutsche sind mit muslimischer Glaubensgemeinschaft, mit ihrer Kultur und Religion, dass sie eine Brücke bauen können in die arabisch-muslimische Welt, dass sie einen aktiven Beitrag leisten können für ein friedlichen Verlauf der Dinge“, sagte Wulff. Es sei an der Zeit, zusammenzustehen statt mit falschen, verunglimpfenden Worten und Verallgemeinerungen gegeneinander vorzugehen.

„Umwege, Irrwege, Irrungen“

Er rief zu Besonnenheit auf und appellierte an die Klugheit „der Millionen friedliebenden Menschen, mit denen wir uns verbünden“. Er empfinde mit den Muslimen, sagte Wulff: „Und ich fühle schon mit, was es in diesen Wochen heißt, als Moslem in diesen Ländern die Entwicklung dort zu sehen. Oder als Moslem hier bei uns zu leben, als Deutscher oder als neu hinzugekommener Zuwanderer.“

Vor dem Hintergrund von Terror und Krieg in den arabischen Ländern erinnerte Wulff an die konfliktreiche deutsche und europäische Geschichte. Geraden den Deutschen sollte ein Ereignis wie der Jahrestag des Mauerfalls vor Augen führen, „wie viele Umwege, Irrwege, Irrungen, Wirrungen wir erlebt haben auf dem Weg zur Einheit, zur Freiheit, zur Demokratie zur wirtschaftlichen Teilhabe“, sagte der frühere Bundespräsident.

Es werde oft vergessen, dass Europa über Jahrhunderte hinweg ein „blutiger Kontinent war mit blutigen Kriegen und Auseinandersetzungen“. Er erinnerte an seine Rede vor dem diplomatischen auf dem Hambacher Schloss im Mai 2011, wo er angesichts der Revolutionen in Tunesien und Ägypten dazu aufgerufen hatte, „die Ideale von Hambach als Auftrag“ zu sehen, weltweit für Freiheit und Frieden einzutreten. „Da wurde uns bewusst, dass niemand sagen darf: Bei uns ist alles gut, und anderswo ist nicht alles in Ordnung“, sagte Wulff vor den arabischen Gästen in der IHK. Es gebe keinen Grund auf die arabischen Länder herabzusehen. „Gerade wir Deutschen müssen uns klarmachen, welche Schwierigkeiten wir zu überwinden hatten.“

Deutschland als Vorbild

Ohne die Hilfe der Amerikaner wäre das heutige Deutschland nicht möglich geworden. „Insofern müssen wir uns immer fragen, ob jetzt nicht wir die Verpflichtung haben, Menschen zu helfen, die es schlechter, die es schwieriger haben als wir“, sagte Wulff.

Er wünsche er sich ein deutliches Zeichen der deutschen Gesellschaft, dass in ihr „viel Solidarität, viel Gemeinschaft, viel Freundschaft Platz greift“. Es müsse deutlich werden, dass die Menschen in Deutschland „friedlich, tolerant und weltoffen zusammenleben“. Deutschland könne Beispiel für die Einigkeit von Christen und Muslimen sein und damit der Gegenentwurf zum Konflikt in den arabischen Ländern, weil „wir davon ausgehen, dass Gott, dass Allah, den Menschen geschaffen hat, er seine ihm eigene Würde hat, und deswegen kein Mensch einem anderen Menschen Gewalt zufügen darf“, so Wulff. Und weiter: „Das ist etwas, was wir als gemeinsames Bewusstsein in uns tragen, und das müssen wir auch nach draußen in Öffentlichkeit tragen, damit hier nicht radikale Kräfte aufeinander losgehen, aufeinander einwirken.“

Er sei von der Hilfsbereitschaft der Deutschen fest überzeugt. Viele Bürger warteten nur darauf, dass Deutschland eine Vorbildfunktion einnehme und zum Frieden beitrage. Wie das geschehen könne, sagte Wulff nicht.

 

Über Günther Lachmann

Günther Lachmann ist Journalist und Autor. In seinen Beiträgen befasst er sich unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, zuletzt gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel