TTIP macht 600.000 arbeitslos
TTIP macht 600.000 arbeitslos

TTIP macht 600.000 arbeitslos

Mit ihren Studien will die EU-Kommission das Freihandelsabkommen TTIP verschleiern. Eine US-Studie zeigt jetzt schockierende wirtschaftliche und soziale Folgen auf.

Eine aktuelle Studie aus den USA[1] sagt dramatische Folgen des geplanten Freihandelsabkommens TTIP für die europäischen Arbeitnehmer voraus. Jeronin Capaldo Tufts University in Massachusetts zeigt auf, dass das Freihandelsabkommen in Europa rund 600.000 Arbeitsplätze kosten würde. Über die globalisierungskritische Organisation ATTAC wird seine wissenschaftliche Arbeit nun auch in Europa bekannt.

Wer seinen Arbeitsplatz nicht verliere, müsse mit drastischen Einkommeneinbußen rechnen, prophezeit Capaldo. Er geht von einem Einkommensverlust pro Person und Jahr von etwa 5000 Euro aus. Betroffen wären die mittleren und unteren Einkommensschichten. Das hätte nicht nur für die Krisenstaaten in Südeuropa katastrophale Folgen. Denn auch Steuereinnahmen und Bruttoinlandsprodukte würden erheblich schrumpfen. Oder anders ausgedrückt: Europas Lebensstandard sinkt beträchtlich.

Wohlstand sinkt

Errechnet hat Capaldo seine Prognose auf  der Basis von Modellen der Vereinten Nationen wie dem United Nations Global Policy Model(GPM). Das GPM ist ein Werkzeug, mit dem verschiedene Szenarien für die Weltwirtschaft kalkuliert werden können. Es wird von UN-Analysten und der Hauptabteilung Wirtschaftliche und Soziale Angelegenheiten angewandt.

„Die Studie belegt, dass TTIP nicht nur ein Angriff auf soziale Standards, Arbeitsrechte, Umweltschutz, nachhaltige Landwirtschaft und Demokratie ist. Die Mehrheit der Menschen würde mit TTIP zugleich einen Verlust an Wohlstand hinnehmen müssen“, sagt Attac-Sprecher Roland Süß.

Die bisher von der EU-Kommission in Auftrag gegebenen Studien, die ein Wachstum von 0,05 Prozent pro Jahr errechnen, basierten auf unrealistischen Annahmen. Die verwendeten Modelle stammten allesamt aus den 1980er und 1990er Jahren. Sie gingen davon aus, dass „wettbewerbsfähige“ Wirtschaftssektoren, die von einer Marktöffnung profitieren, alle entstanden Verluste in den anderen schrumpfenden Sektoren kompensierten. Sie gingen zudem von der falschen Annahmen aus, dass dies auch für verlorene Arbeitsplätze gelte: So lange die Löhne nur niedrig genug seien, würde jede Arbeitnehmerin und jeder Arbeitnehmer in einem andern Sektor eine neue Stelle finden.

Ungleiche Bedingungen

„Allein die Erfahrungen der letzten Jahre in Europa zeigen die  Absurdität der Annahme, dass niedrigere Löhne mehr Arbeitsplätze schaffen“, sagt Süß. Wirtschaftssektoren, die einem plötzlich verschärften internationalen Wettbewerb mit ungleichen Bedingungen ausgesetzt seien, schrumpften weitaus schneller, als dies von anderen Sektoren aufgefangen   werden könne.  Zudem könnten steigende Löhne im Exportsektor den Verlust an Binnennachfrage nicht ausgleichen, weil dann die Löhne in der Mehrzahl der Sektoren sänken.

„Gerade vor dem Hintergrund der europäischen   Kürzungspolitik und einer seit Jahren sinkenden Binnennachfrage würde   ein weiterer Druck auf Löhne die Rezession in Europa vertiefen“, sagt   Süß.

Fehler der EU-Kommission

Attac kritisiert, dass die von der EU-Kommission in Auftrag gegebenen Studien die Wechselwirkungen mit „unbeteiligten“ Ländern auf die veränderte Situation am Weltmarkt nicht berücksichtigten. Etwa sei eine Abnahme des Handels in anderen Ländern und aus anderen Ländern nicht abgebildet, obwohl dies die Erfahrungen mit ähnlichen Abkommen wie NAFTA zwischen den USA, Kanada und Mexiko oder dem Mercosur in Südamerika zeigten.

[1] GEOLITICO-Dokumente: Jeronin Capaldo „The Trans-Atlantic Trade and Investment Partnership: European Disintegration, Unemployment and Instability

 

Über Günther Lachmann

Günther Lachmann ist Journalist und Autor. In seinen Beiträgen befasst er sich unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, zuletzt gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel