Die Diskriminierung des Sparens
Die Diskriminierung des Sparens

Die Diskriminierung des Sparens

Früher gab es den Weltspartag, heute stehen Sparer einer Front des offensiven Klugscheißer- und Besserwissertums gegenüber. Kommt der Euro-Schein mit Verfallsdatum?

Man kann nicht Wohlstand schaffen, indem man die Lust zum Sparen nimmt.

(Abraham Lincoln, amerikanischer Präsident)

Die Zeiten sind längst vorbei, in denen sich amerikanische Präsidenten solche Sprüche leisten konnten. Der Wind hat sich gedreht. Der Sparer ist nicht mehr gut angesehen. Er ist in Verruf geraten. Was er macht, ist schädlich für alle. Gerade zum diesjährigen Weltspartag stellt sich die Frage, ob der Sparer nicht inzwischen zum Feind der Regierenden geworden ist.

Bei den Banken jedenfalls könnte der Sparer bald nicht mehr sehr hoch angesehen sein. Pünktlich zum Weltspartag am 31. Oktober ging durch die Presse, dass eine Bank tatsächlich negative Zinsen auf das Sparguthaben ihrer Kunden erheben wird[1]. Im Grunde sind das dann keine Zinsen mehr, sondern Lager- und Aufbewahrungsgebühren.

Aber, so der Tenor der meisten Artikel, es sei ja nur eine Bank, die das mache, und Gott sei Dank treffe es ja nur die reichen Sparer mit Einlagen über 500.000 Euro. Die kleinen Sparzwerge sind mit ihren Winz-Sparbeträgen also gar nicht in der Schusslinie Das ist sehr beruhigend für alle, die sich gerne beruhigen lassen wollen. Nur das Geld der reichen Sicherheitsfanatiker, ihres Zeichens üble Geld-Großhorter und konjunkturfeindliche Hamstertypen, wird gebührenpflichtig verwarnt. Es ist ja auch irgendwie asozial ein solches Verhalten – der Leser versteht die Ironie…

Geldscheine mit Verfallsdatum

IWF und EZB wollen den Deutschen am liebsten „ihre antiquierte Spar-Manie“ abgewöhnen, heißt es spöttisch.[2] Da sie die EZB bei Zinspolitik und Ankauf fragwürdiger Kreditverbriefungen und bald auch ebenso zweifelhafter Unternehmensanleihen nicht wirklich überzeugend einbremst, muss man der derzeitigen Regierung in Deutschland unterstellen, dass sie das im Grunde auch richtig findet.

Warum auch nicht? Die Zinspolitik der EZB kommt doch auch ihr zu Gute, sie kann sich so billig wie nie verschulden. Angesichts niedriger Zinsen und eines schleichenden Wertverlust des Geldes schrumpfen die Schulden des Staates real, während die Menschen das Geld lieber raushauen, was über vermehrte Verbrauchssteuer-Einnahmen auch wieder dem Staat nützt – zur Zeit zumindest. Dass immer weniger für die Altervorsorge getan wird in Deutschland, dass wir in eine Demographiekatastrophe hineinschlittern: egal! Da sind dann andere zuständig. Das ist dann der Fluch der späten Geburt. Pech gehabt.

Es wird vereinzelt schon darüber spekuliert, ob die EZB nicht irgendwann dazu übergehen wird, die Geldscheine mit einem Verfallsdatum zu versehen, damit die Sparschweine der Eurozone endgültig geschlachtet werden können; bei Eintausch nicht verbrauchter Scheine wäre eine kleine Gebühr fällig. [3] Man ahnt förmlich, wie dann Herr Draghi in seiner neuen Frankfurter Burg über seine Gelduntertanen blickt und in sich hinein kichert: „Lasst alle Spar-Hoffnungen fahren“.

„Schuldenmacher sind Gewinner!“

Aber eigentlich ist die passive Haltung der deutschen Regierung in puncto Abstrafung der Sparneigung ziemlich feige. Sie lässt nur übernationale Organisationen und die Privatwirtschaft machen und schreitet nicht selbst zur Tat. Schließlich könnte man in Deutschland doch so viele eigene Anstrengungen zur Umerziehung der deutschen Sparer unternehmen. Hier einige böswillige „konstruktive“ Vorschläge (Achtung Ironie!):

  • Ein Begehen des Weltspartags (31. Oktober) wird in Deutschland nicht mehr gern gesehen. In Erinnerung daran, dass einige Banken schon gerettet wurden, was zukünftig auch wieder der Fall sein könnte, „bittet“ die Bundesregierung Banken und Sparkassen, diesen Tag abzuschaffen. Das passt nun wirklich nicht mehr in die Zeit und gibt den Kindern eine völlig falsche Vorstellung, was sie künftig als Erwachsene zu tun haben.
  • In die Bildungspläne der Schulen wird auf Anregung des Bildungsministeriums durch einen Beschluss der Konferenz der Kultusminister der Länder im Fach Gemeinschaftskunde eine Unterrichtseinheit „Deflation und Depression“ eingeführt, die anhand historischer Beispiele die Schädlichkeit ausufernden Sparens aufzeigen soll. Die Kultusministerien der Länder werden außerdem gebeten, das Thema „Die Hyper-Inflation in der Weimarer Republik“ im Geschichtsunterricht nur noch am Rande behandeln zu lassen. Das war ja auch irgendwie nur eine spezifisch deutsche Sache, in Zukunft ist alles anders.
  • Der Sparer-Freibetrag wird in Deutschland nicht abgeschafft, sondern reformiert. Er ist in seiner jetzigen Form auch nur noch ein Relikt aus einer anderen Zeit. Der Freibetrag markiert ab jetzt nur noch die Grenze für eine ermäßigte Besteuerung von 10 Prozent auf die über Zinsen erlangten Einnahmen. Ab einem Gesamt-Guthaben von 100000 Euro (europaweit bei allen Banken ermittelt) beträgt die Abgeltungssteuer künftig 50 Prozent.
  • Es wird für jeden Bürger, der eine Steuererklärung abgeben muss, eine Konjunkturbelebungs-Pauschale von 10 Prozent seines jährlichen Brutto-Einkommens (abzüglich natürlich von zu leistenden Kreditabzahlungen, s. u.) festgelegt. Ausdrücklich wird bestimmt, dass es nicht um Ausgaben des täglichen Bedarfs (Nahrung, Kleidung) oder um Reparaturen und Renovierungsarbeiten im Zusammenhang mit Immobilien geht. Wer sein Geld andauernd sinnlos verprasst oder im laufenden Steuerjahr gerade eine größere Anschaffung tätigen muss, hat ja keine Probleme damit. In seiner Steuererklärung hat der Steuerpflichtige seine Ausgabe über Belege nachzuweisen. Hat er die Ausgaben nicht getätigt, zieht der Staat die Pauschale als Sondersteuer ab. Das ist alles sozial verträglich, weil die Bürger mit großem Einkommen auch mehr „entsparen“ müssen. Außerdem kann die prozentuale Festlegung flexibel verändert werden, jedes weitere Jahr kann man mit einer Erhöhung drohen.
  • Die Beamten und Angestellten im öffentlichen Dienst erhalten die Konjunkturbelebungs-Pauschale von Vornherein als Gutschein ausgezahlt. Mit diesen Gutscheinen kann nur in festgelegten Geschäften der jeweiligen Region eingekauft werden. Das sei eine sinnvolle Maßnahme der regionalen Förderung, sagen dann die Ministerpräsidenten der Länder.
  • Zur weiteren Ausgabebelebung wird gefördert, wer im laufenden Jahr einen Kreditvertrag abschließt. Man erhält einen Bonus vom Staat. Das kann über die Steuererklärung abgewickelt werden. Falls man aber kein Steuerzahler ist, muss man nur dem zuständigen Finanzamt den Kreditvertrag und die tatsächliche Abwicklung über Kontoauszüge nachweisen und erhält den Bonus direkt auf das Konto. Die Bonusbeträge ergeben sich aus 5% der jeweiligen Kreditsumme, ab 10000 Euro bleibt der Bonus bei 500 Euro stehen. O-Ton aus dem Wirtschaftsministerium: „Wer Schulden macht, ist ein echter Gewinner!“

„Angienomics“ oder so ähnlich

Und falls das alles umgesetzt würde, kann man vielleicht auf Seiten der Regierenden die Hoffnung haben, dass sich sehr viel mehr Leute endlich systemkonform verhalten und damit beginnen, das Geld so auszugeben, dass die Schwarte kracht. Ein solches Vorgehen würde auch den Beifall der neokeynesianischen Ökonomen, der schuldenverhafteten Politikdarsteller und selbstverständlich des größten Teils der Mainstream-Medien im In- und Ausland finden. Wer weiß, vielleicht würde man das Ganze mit einem eigenen Namen ehren: „Angienomics“ oder so ähnlich.

Die globalen Glücksbringer, die glauben, dass die Völker durch Gelddrucken und ständig höherer Ausgabenpolitik reich werden und das mit medialer Macht in alle Winkel der Erde verbreiten, sind leider immer noch auf dem Vormarsch. Die ganze Entwicklung hin zur Diskriminierung und Sanktionierung des Sparens zeigt es ja wohl deutlich genug.

Eigentlich kann eine Politik der immer größeren Verschuldung und des immer weiter getriebenen Entsparens nicht gutgehen, es widerspricht der Logik. Menschen, die auf ihren eigenen Verstand und ihre eigene Erkenntnisfähigkeit vertrauen wollen, sehen sich aber einer massiven Front des offensiven Klugscheißer- und Besserwissertums gegenüber und fragen sich immer wieder, wer die Realität denn besser wahrnimmt: die Verkünder der ewigen Glückseligkeit durch verstärkte Ausgaben oder doch die Nachdenklichen?

So ist gerade die Situation, und dazu passt gut eine Bemerkung des englischen Philosophen Bertrand Russel: „Das ist der ganze Jammer: Die Dummen sind immer so sicher und die Gescheiten so voller Zweifel.“

 

Anmerkungen

[1] Karsten Seibel, Holger Zschäpitz, „Sparer müssen erstmals Strafzinsen zahlen“, Die Welt: http://www.welt.de/finanzen/article133792751/Sparer-muessen-erstmals-Strafzinsen-zahlen.html

[2] „IWF will den Deutschen das Sparen abgewöhnen“, DWN: http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2014/07/16/repression-finanz-eliten-wollen-den-deutschen-das-sparen-abgewoehnen/

[3] Norbert Rost, „Der Euro auf dem Weg zur Geldhaltegebühr“, Telepolis: http://www.heise.de/tp/artikel/43/43077/1.html