Wirtschaft paktiert mit der NSA
Wirtschaft paktiert mit der NSA

Wirtschaft paktiert mit der NSA

Vertrauliche Dokumente enthüllen, wie große Unternehmen jenseits rechtlicher Verpflichtungen freiwillig Verträge mit der NSA über Datenspionage schließen, schreiben  Jeff Larson und Julia Angwin*.

Bekannt gewordene vertrauliche Dokumente der National Security Agency (NSA) deuten auf eine engere Beziehung zwischen amerikanischen Unternehmen und dem Geheimdienst hin als bisher angenommen. Das von The Intercept veröffentlichte Material beschreibt „vertraglichen Beziehungen“ zwischen der NSA und US-Unternehmen und belegt die Tatsache, dass die NSA-Spione verdeckt in und mit einigen US-Unternehmen arbeiten.[1]

Obwohl die Unterlagen nicht gänzlich schlüssig sind, enthalten sie klare Hinweise auf die Bereitschaft amerikanischer Unternehmen, der NSA zu helfen, ihre massiven Überwachungsprogramme durchzuführen.

Dubiose „Vertragsbeziehungen“

Dennoch bleibt die genaue Rolle von US-Unternehmen in den globalen Überwachungsmaßnahmen der NSA unklar. Anhand der von Edward Snowden an verschiedenen Nachrichtenagenturen weitergereichten und publizierten Dokumente wurde erkennbar, dass die Unternehmen E-Mails ihrer Kunden, Aufzeichnungen von Telefon-Gesprächen und andere Daten auf gerichtliche Anordnungen weitergegeben haben. Aber das Ausmaß dieser Zusammenarbeit über Gerichtsbeschlüsse hinaus war bisher unklar. Bislang behaupteten große Unternehmen wie Apple, Google, Microsoft und Facebook immer, Kundeninformationen nur für „gezielte und spezifische“ rechtliche Erfordernisse weitergegeben zu haben.[2]

Die Dokumente überführen nicht bestimmte Unternehmen der Kollaboration mit der NSA. Die Hinweise sind Teil einer Bestandsaufnahme der Operationen, bei denen diese Form der Kooperation als erwiesen angesehen wird.

Dazu gehören die „SIGINT“. Im NSA-Jargon geht es dabei um das Aufspüren von Signalen, also um das Abfangen von Daten-und Sprachkommunikation. In den nun veröffentlichten Dokumenten ist von „Vertragsbeziehungen“ die Rede. Sie könnten bedeuten, dass US-Unternehmen absichtlich „Hintertüren“ öffnen oder bewusst Schwachstellen schaffen, über die die NSA dann die Kommunikation zugreifen kann. Die Existenz solcher ausgehandelter Kooperationsverträge über „Hintertüren“ war bislang geheim.

Hinweis auf Lauschangriffe

Der Anstrengungen der NSA zur Daten-Entschlüsselung, also zum Aufbrechen solcher „Hintertüren“ wurden im vergangenen Jahr bekannt. Allerdings war da noch nicht klar, ob die Unternehmen von diesen Aktivitäten wussten. Nun macht die neue Veröffentlichung deutlich, dass NSA und Wirtschaft in einigen Fällen sehr eng kooperieren.[3]

Die Dokumente beschreiben auch ein Programm mit dem Codenamen Whipgenie. [4] Dessen Zweck ist es, eines der größten Geheimnisse der NSA zu schützen, nämlich die „Beziehungen“ zwischen „US Unternehmenspartnern“ und der NSA-Abteilung, die Glasfaserkabel anzapft. Es bezieht sich auf die Vereinbarungen der NSA mit US-Unternehmen wie ECI über außergewöhnlich kontrollierte Informationen.

Das Whipgenie-Dokument legt ausführlich die Mitwirkung eines Unternehmens an einer „inländischen Zugangs-Sammlung“ dar – ein offensichtlicher Hinweis auf Lauschangriffe innerhalb der Vereinigten Staaten. Nach geltendem Recht ist eine solche Überwachung nur mit einer gerichtlichen Verfügung zulässig. Aber aus dem Dokument geht hervor, dass zumindest ein NSA-„Partner“ an der Spionage im US-Kommunikationssystem aktiv mitwirkte. Weiter heißt es, diese Informationen müssten streng bewacht werden.

Die Whipgenie Dokument macht deutlich, dass das vor der Öffentlichkeit geheim gehaltene Programm Daten aus den gesamten Vereinigten Staaten betrifft. (E-Mails und andere Informationen aus einer ausländischen Adresse zu einer anderen, häufig kreuz und quer über internationale Grenzen hinweg, da Unternehmen die günstigste Verbindung für den Daten-Verkehr nutzen.)

Gut gehütetes Geheimnis

Das Dokument sagt NSA Beamten, dass sie schützen sollten: Im Jahr 2008 autorisierte der Kongress den Geheimdienst Daten zu sammeln, die durch die Vereinigten Staaten fließen. Aber die Agentur sollte rein inländischem Kommunikation, die ihr dabei ins Netz geht, verwerfen.

Ein Entwurf des Dokuments zeigt, dass die NSA auf US-Hersteller von kommerziellen Kommunikationsgeräten abzielt. Das Dokument bezieht sich auf verdeckte Operationen von NSA-Agenten gegen „bestimmte gewerbliche Einrichtungen“. Diese Unternehmen werden in dem Dokument nur durch die Buchstaben A, B und C versehen.

Ein Programm mit dem Nehmen Sentry Owl, das diese besondere form der Spionage schützt, gehört zu den am besten gehüteten Geheimnisse in der Geheimdienst-Community.[5] Nur ganz wenige in der Regierung besäßen den Schlüssel dazu, besagten Dokumente.
Senatorin Dianne Feinstein und der Republikaner Mike Rogers, die im Kongress für die Kontrolle der Geheimdienste zuständig sind, lasse die Frage, ob sie in das Programm eingeweiht wurden, unbeantwortet. Auch Senator Ron Wyden, ein ausgesprochener Kritiker von NSA-Aktivitäten gegen US-Bürger, lehnte eine Stellungnahme ab.

In einer Erklärung sagte NSA-Sprecherin Vanee Vines, die NSA-Überwachungspraxis sei rechtens und unterliege der politischen Aufsicht. Sie fügte hinzu: „Es sollte nicht überraschen, dass die NSA gezielte Operationen im Kampf gegen agile Gegner unternimmt.“

* GEOLITICO übernimmt diesen Text von der Internetseite ProPublica.

 

Anmerkungen

[1] Peter Maass und Laura Poitras, „Core Secrets: NSA Saboteurs in China and Germany“, The Intercept: https://firstlook.org/theintercept/2014/10/10/core-secrets/

[2] USA Freedeom Act Letter, The Washington Post: https://www.scribd.com/doc/180596438/USA-Freedom-Act-Letter-10-31-13-pdf

[3] Jeff Larson, „Revealed: The NSA’s Secret Campaign to Crack, Undermine Internet Security“, Pro Publica: https://www.propublica.org/article/the-nsas-secret-campaign-to-crack-undermine-internet-encryption

[4] „Whipgenie Classification guide25jan05“, Pro Publica: https://www.propublica.org/documents/item/1312385-whipgenie-classification-guide25jan05.html

[5] „National Initiative Nsacss Core Secrets“, Pro Publica: https://www.propublica.org/documents/item/1312383-national-initiative-nsacss-core-secrets.html