Unverbesserliche Weltverbesserer

Ihr Bio-Wahn ernährt die Großstadt-Ratten. Sie zwingen uns Energiesparlampen und fragwürdige  Wärmedämmung auf: Die Plage der selbsternannten Weltverbesserer.

Zwar steht der seriöse Beweis noch aus, aber nehmen wir einfach mal an, es würde auf der Erde durch menschlichen Einfluss wirklich kontinuierlich wärmer, was können wir tun? Dieselbe Wissenschaft, die uns erst ermöglichte, unseren Planeten zu missbrauchen, bietet uns dafür etliche patente Pläne: Ein Sonnenschirm im All könnte Sonnenenergie abfangen, Dünger im Meer könnte CO2 neutralisieren, Aerosole in der Atmosphäre sollte einen Treibhauseffekt minimieren, neue Kunststoffschäume müssten CO2 binden.

Klingt alles gut, ist auch gut, aber nur, wenn es funktioniert. Bei den meisten der oben genannten Projekte haben andere Wissenschaftler aber so massiv vor schlimmen Folgen für das Gleichgewicht der Natur gewarnt, dass sie uns wohl erspart bleiben. Was bleibt, ist die Angst vor dennoch auf uns wartenden Erfahrungen, wie sie die Australier beispielsweise mit der Aga-Kröte gemacht haben, die als biologisches Ungezieferbekämpfungsmittel angesiedelt wurde, und nun zur furchtbaren Plage wird. Nicht nur hier wurde der Bock zum Gärtner gemacht. Tatsächlich tendiert der Mensch dazu, mit den besten Absichten den größten Schaden anzurichten.

Bestialisch stinkende Flure

Beim Versuch, der Umwelt nachhaltig zu helfen, müssen wir also nicht nur auf Profiteure aufpassen, die Panik schüren, um davon zu profitieren, sondern schlicht und einfach auch mit unserer aller Dummheit rechnen. Je unübersichtlicher die Welt wird, desto mehr wird der Irrtum zu einer dominierenden Entwicklungskraft.

Denken wir nur an die vom nächsten Jahr an gesetzlich vorgeschriebene Biotonne inklusive Zwangsmülltrennung. 70 Kilo Essensreste pro Einwohner und Jahr könnten so gerettet werden, hat ein Think-Tank errechnet, der auf den lustigen Namen Witzenhausen-Institut hört. All die schönen Nahrungsmittel, die die Überflussgesellschaft in den Müll befördert, könnten doch, so kommt die naive Idee beim gutwilligen Verbraucher an, wenn schon nicht ins hungerleidende Afrika gebracht so doch wenigstens recycelt werden.

In der Praxis hat sich stattdessen schon längst gezeigt, dass die Hausflure und Wohnungen bestialisch zu stinken beginnen und dass Ungeziefer und Krankheiten einen perfekten Nährboden finden. Natürlich gibt es geruchsbindende Chemikalien, denn die kommerzbegleitende Wissenschaft hat schließlich immer eine Lösung zu bieten. Nur ob diese Chemikalien zu einer positiven Ökobilanz beitragen, wage ich vage zu bezweifeln. Und werden wir dann bald mit der Tonne auch eine Müllpolizei bekommen, die Trennverweigerer verfolgt und ihrer gerechten Strafe zugeführt? Man erinnere sich nur an die Klima-Polizei, die die Grünen unter Kindern rekrutieren und ausbilden wollten, um Umweltfrevler direkt an die Behörden zu melden.

Gemüse für die Ratten

Doch reden wir über Fakten, beispielsweise über die Inhalte. Laut Inhaltskatalog des Bundesumweltministeriums dürfen sich die häuslichen Ratten auf Gemüse, Milchprodukte (keine Milch), verdorbene Speisereste und Fisch freuen. Da sieht man bestätigt, dass der Fisch am Kopf zu stinken beginnt. Sägespäne sind erlaubt, aber nur von unbehandeltem Holz. Was für eine praktikable Unterscheidung. Und schließlich gehört auch Grasschnitt zum Biomüll. Jeder Kleingärtner weiß, wie sehr Rasenschnitt nach kürzester Zeit stinkt. Menschen mit geschwächter Atemfunktion bekommen Dauerhusten und Asthmaanfälle. Die extreme Hitzeentwicklung des Vergärungsprozesses könnte übrigens auch zur Selbstentflammung führen. Eine zündende Idee also.

Ein nachhaltiges Problem bei der Biotrennung ist die Tatsache, dass die doofen Deutschen mehrheitlich ihren Biomüll in Plastiktüten zur Tonne bringen, wo die kostbare Substanz bis zur Abholung vor sich hin reifen muss. Diese Tüten müssen die Abfallentsorger dann mühsam wieder aus der Pampe klauben. Doch sind die Deutschen wirklich so doof? Ist es ökologisch sinnvoller, die faulenden Substanzen in der Wohnung im Eimer zu sammeln, diesen Eimer auszuschütten und ihn dann in der Wohnung mit Trinkwasser und Spülmittel zu säubern?

Doch die Wissenschaftler von BASF und anderswo bieten uns natürlich eine Lösung an: die recycelbare Biotüte. 10.000 Tonnen teure Tüten warten auf die Verbraucher. In Berlin wurden im Modellversuch solche Beutel an 21.000 Haushalte verteilt. Trotz unentgeltlicher Tüten sank der orthodoxe Plastikbeutelanteil aber nur von 19 auf 7%.

Ökologisches Perpetuum Mobile

Ist dieses Ergebnis im biofreundlichen Yuppie-Bezirk Prenzlauer Berg schon nicht wirklich überzeugend, so kulminieren die Zweifel angesichts der fragwürdigen Biotüten an sich. Diese werden aus Polyester, Maisstärke, Zellulose und Polymilchsäure hergestellt. Der versprochene Zerfallsprozess findet nur bei einer bestimmten Wärmeentwicklung in Kompostieranlagen statt. „Wenn Sie die Tüte in den Wald oder ins Meer schmeißen, passiert gar nichts“, sagt selbst Helge Wendenburg vom Biotonnen-Umweltministerium. Auch zur Wiederverwertung von Bioabfällen etwa als Dünger würden die Biokunststoffe keinen positiven Beitrag leisten.

Und schließlich wird die Produktion der Biotüte weitere Mais-Einöden in der Landwirtschaft produzieren mit all ihren bekannten Nachteilen wie Monokultur, giftige Schädlings- und Unkrautbekämpfung, versauerte Böden und landschaftliche Hässlichkeit. Man erinnere sich nur an die Debatte um das Bio-Benzin. „Biologisch abbaubare Kunststoffe für Verpackungen, die aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt werden, haben keinen ökologischen Vorteil“, bringt es der Fachbereich für Kreislaufwirtschaft im Umweltbundesamt auf den Punkt. Wie praktisch, dass die Inhalte der Biotonne in der Hauptsache zu Dünger verarbeitet werden: geradezu ein ökologisches Perpetuum Mobile.

Dumm gelaufen, könnte man meinen, wenn die Müll-Idee ein Einzelfall wäre. Doch das Phänomen des Verschlimmbesserns lässt sich durch alle Bereiche unserer zivilisatorischen Ver- und Entsorgung durchdeklinieren. Bei Energiesparlampen, die sich als so physiologisch und psychologisch schädlich wie unpraktikabel erwiesen haben, fängt die Aufzählung an. Ein Dauerbrenner (beim Ärgern, nicht beim Funktionieren) sind die Windmühlen, die ihr bisschen Strom meist dann produzieren, wenn ihn keiner braucht. Doch weit mehr ebenso katastrophale Öko-Irrtümer werden meistens ignoriert. Hier und heute aber zwei weniger.

Zwei Million Euro Leibrente

Wärmedämmung hat allein schon durch die Herstellung der Materialien eine negative Ökobilanz, ganz zu schweigen von Schimmelbildung in den Räumen und erheblicher Entsorgungsprobleme. Nicht genug damit: Schon 1985 hatte die Fraunhofer-Gesellschaft ermittelt, dass die Verwendung von Dämmstoffen, die die einstrahlende Sonnenwärme ja reflektieren, im Vergleich zu den vorhandenen Massivwänden den Heizenergieverbrauch nicht senkt, sondern in die Höhe treibt.

Britische Forscher haben auch noch errechnet, dass die deutschen Heizwertberechnungen um 30-40% an der Realität vorbeigehen. Entsprechend weit lag nämlich der tatsächliche Verbrauch bei wenig gedämmten Häusern niedriger als in der offiziellen Kalkulation. Man ahnt es schon: Bei den sogenannten Niedrigenergiehäusern, war der Verbrauch dafür deutlich höher als vorher berechnet. Zu entsprechenden Ergebnissen kam auch eine Studie der staatlichen Förderbank KfW.

Die Politik der Bundesregierung fordert davon unbeeindruckt jährlich steigende Dämmleistungen im Interesse der Bauindustrie. Deshalb kostet das bauliche Energiesparen den Bürger und den Steuerzahler laut einer Prognos-Studie bis zum Jahr 2050 rund 838 Milliarden Euro. Das Energieeinsparpotenzial hingegen liege bei nur 370 Milliarden. Angesichts dadurch gesicherter 250.000 Arbeitsplätze könnte man weniger umweltschädlich jedem dieser Bauarbeiter auch zwei Million Euro Leibrente auszahlen. Doch moderne Umverteilung im ökologischen Gewand funktioniert eben anders. Für ihre Rente sollen die Arbeiter gefälligst viele (arbeitslose) Kinder machen. Aber das ist ein anderes Thema.

Steigendes Grundwasser

Nicht eingerechnet in die Aufwandskalkulation ist die Tatsache, dass erste signifikante Bauschäden an den Dämmungen nach ungefähr 20 Jahren auftreten. Gesamtkosten in Höhe von weiteren Hunderten von Milliarden Euro bis 2050 sind die Folge. Dabei sind schon derzeit mehr als ein Viertel der Baukosten eines Einfamilienhauses auf Energiesparrichtlinien zurückzuführen. Und dieselben Leute, die diese Form von Öko cool finden, demonstrieren dann gegen Mietpreiserhöhungen.

Wärmedämmung hilft sowieso nicht viel gegen durch steigendes Grundwasser verursachte Wasserschäden. Allein in Berlin sind 200.000 Menschen von dem Phänomen bedroht, dass anscheinend durch ökologisch korrekten Wasserverbrauch verursacht wird. Seit 25 Jahren hat sich der Wasserverbrauch in Berlin halbiert und entsprechend stieg das Grundwasser, obwohl die Experten bis vor kurzem unbeirrt prognostizierten, dass die Spree bald aus Wassermangel rückwärts fließen werde. In Sachsen-Anhalt gibt es sogar bereits ein Notprogramm zur Grundwasser-Schadensabwehr. Bekannt dürfte inzwischen sein, dass die Wasserbetriebe wegen der (wasser-)sparsamen Bürger seit längerem die Kanalisation mit Trinkwasser spülen müssen, weil sich die Rohre sonst zusetzen würden. Paradoxe Umwelt-Welt.

Natürlich sind all das ausgewählte Beispiele, die in keiner Weise die grundsätzliche Notwendigkeit von Umweltmaßnahmen infrage stellen sollen. Die Politik war hier solange außerordentlich berechtigt und erfolgreich – bis der Umweltwahn mehr und mehr dysfunktionale Lösungsansätze zur Realisierung kommen ließ. Hier geht es stattdessen darum, das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass es im Umgang mit der Natur oder auch nur einer komplexen Zivilisation keine Patentrezepte gibt.

„Lust an der Angst“

Auffällig ist, dass die Menschen, je unübersichtlicher die Probleme werden, zu immer einfacheren Lösungen tendieren. Das ist ein bisschen wie der von Psychologen beschriebene Effekt, bei dem sich Leute bei Anschaffungen desto weniger Gedanken machen, je teurer das Objekt ist. Für den umstrittenen Öko-Warner Alexander Neubacher haben wir es aber auch mit einem Irrationalismus zu tun, der aus der „Lust an der Angst“ genährt und von „parareligiösen Phänomenen“ in der Szene der Umweltaktivisten gepflegt wird.

Fakt ist, dass wir eben oft nicht wirklich wissen, welche Probleme wir überhaupt haben – und zwangsläufig können wir nicht wissen, was gegen sie zu unternehmen ist. Befördert durch den von mir schon mehrfach beklagten Aufklärungspositivismus, nach dem man alle Probleme zu meistern fähig zu sein glaubt, vor allem wenn man Experten und Wissenschaftlern vertraut, wird der Mensch immer unmündiger gehalten und verhält sich auch entsprechend. Auch hier bedarf es dringend des kybernetischen Denkens oder wenigstens einer Reaktivierung des gesunden Menschenverstandes. Besonders die Projekte, die offensichtlich auf die Qualität oder in die Milliarden gehen, sollten wir doch aufzuspüren in der Lage sein.

 

Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel