Aufgesetzte Hilfsbereitschaft
Aufgesetzte Hilfsbereitschaft

Aufgesetzte Hilfsbereitschaft

Vordergründig geht es um die Nervenkrankheit ALS. In Wahrheit geht es bei der Ice Bucket Challange um billige Selbstinszenierung, bei der es einem eiskalt wird.

Wenn plötzlich Unmengen von Leuten Eis-Eimer ausschütten, liegt es nahe, einen weiteren heldenhaften und wie gewohnt zielführenden Beitrag gegen die Klimaerwärmung zu vermuten. Weit gefehlt: Die virtuelle Gesellschaft hat einen neuen Spielplatz gefunden und ergötzt sich medienwirksam in der „Ice Bucket Challenge“, an der eigenen Originalität und einer aufgesetzten Hilfsbereitschaft.

Challenge heißt Herausforderung, aber was für eine Herausforderung ist das eigentlich, wenn man sich im Sommer/Herbst einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf gießt? Früher haben wir das eine kalte Dusche genannt, und man hat dafür im Sommerbad sogar angestanden. Doch im Gegensatz zu seinem Vorläufer, der „Cold Water Challenge“, bei der sich meistens Feuerwehrleute, wahrscheinlich während der Dienstzeit, eine kollektive Erfrischung verschafften oder sich Kegelbrüder im  Versuch, witzig zu sein, schweres landwirtschaftliches Gerät auf den Kopf fallen ließen[1], wird hier auch Geld zu einem guten Zweck gesammelt, nämlich für die Unterstützung des Kampfes gegen die Muskelkrankheit ALS. Ende gut, alles gut? Mitnichten, denn die Aktion zeigt in all ihren Spielformen ein Erstarken von Niedergangsprozessen, bei denen es einem eiskalt wird.

Klassisches Lawinenspiel

Die Amyotrophe Lateralsklerose, ALS, ist eine unheilbare Nervenkrankheit, die meist innerhalb weniger Jahre tödlich endet. Spezialisierte Nervenzellen gehen dabei zugrunde, was die Signalkaskade von Gehirn, Rückenmark und Muskeln unterbricht. Betroffene verlieren nach und nach die Kontrolle über ihren Körper. Einzig der Geist bleibt unberührt. Pro Jahr erkranken etwa zwei von 100.000 Menschen an ALS.

Die Idee, die Herausforderung für eine Spendenkampagne zu Gunsten der ALS-Association (ALSA) zu nutzen, stammt natürlich aus den USA und dort von einem selbst an ALS erkrankten ehemaligen Baseball-Star, der sich bereits seit Jahren für die ALS-Forschung engagiert. Alles begann am 30. Juni bei einem Fernsehauftritt und entwickelte sich vornehmlich mithilfe prominenter Sportler rasant weiter. Erst später griffen Nichtsportler ein. Mehr als 100 Millionen Dollar Spenden kamen bisher in den USA zusammen.

Die Herausforderung besteht darin, sich einen Eimer kaltes Wasser über den Kopf zu gießen und danach drei oder mehrere Personen zu nominieren, es einem binnen 24 Stunden gleichzutun, sowie zehn US-Dollar oder Euro zu spenden. Will man sich nicht den Eimer antun, soll man das Zehnfache spenden. Das ist natürlich eine klassische Lose-lose-Situation, doch es geht ja um den guten Zweck. Was wir hier haben, ist aber auch die Fortsetzung des klassischen Lawinenspiels, das wir von Finanzbetrügereien, Kosmetikvertrieben oder Kettenbriefen kennen.

Das totgeglaubte System funktioniert also wieder, weil jetzt ein Wohltätigkeitseffekt die Leute animiert. Es geht nicht mehr um Geschäfte, sondern darum, Wohlgefallen zu sammeln. Und ebenso will der moderne Mensch dabei sein, wenn irgendwo die Post abgeht und man sich an eine Mehrheit dranhängen kann. Da ist nicht mehr viel übrig von der ursprünglichen Idee, sich für einige Sekunden durch das kalte Wasser ein wenig so gelähmt zu fühlen, wie es ein Erkrankter sein restliches Leben lang ertragen muss.

Schleimer unterm Eimer

Das hat die Mehrheit der heutigen Eimer-Artisten längst nicht mehr auf der Agenda. Aber gehen wir noch einmal einen Schritt zurück und fragen: Mit einem bisschen Eiswasser soll man das Schicksal eines Gelähmten nachempfinden können? Was für eine furchtbare Verharmlosung! Als würde mit der Aktion nicht ohnehin schon jede Menge Spaß aus Entsetzen gewonnen.

Kein Tag vergeht, an dem nicht mindestens ein Prominenter mithilfe des Eiskübels noch ein bisschen prominenter werden will. Wirtschaftsmagnaten, Politiker, ein Pfarrer beim Wort zum Sonntag, Helene Fischer im knackigen Bikini und Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, ohne den der Siegeszug einer solchen Kampagne ja gar nicht vorstellbar wäre, taten sich den „Spaß“ schon an. Die Challenge hätte den Weg nicht bis in die Klassenzimmer gefunden, in dem sie heute angekommen ist, wenn nicht all die Prominenten und Möchtegernprominenten die Aktion unter willfähriger Mitwirkung der Medien für ihre Selbstdarstellung genutzt hätten.

Alle wollen als Schleimer unterm Eimer dabei sein und sich publikumswirksam lächerlich machen. Für ihre Selbstbeweihräucherung ertrugen die Selbstbekübelung eine philippinische Justizministerin, eine Gouverneurin von South Carolina, George W. Bush, den man nicht weiter vorstellen muss, die hochdotierte Chefin des öffentlichen Berliner Nahverkehrsunternehmens (Jahresgehalt 434.000 Euro) in weißer, dünner Bluse und schließlich Heidi Klum, die aber nicht sich, sondern stellvertretend einen Modedesigner nassgemacht hat. Nein, nicht alle sind dabei, denn US-Präsident Obama blieb trocken hinter den Ohren und bezahlte stattdessen, und Kanzlerin Merkel ignorierte den Mummenschanz völlig. Die Frau hat Stil, wenn auch nicht bei der Kleidung.

Mehr Spenden

Natürlich müssen aber Leute wie der Grünenchef Cem Özdemir dabei sein, auch wenn sie am Ende nicht so richtig vermitteln können, ob sie jetzt für ALS, gegen die ungerechte Welt an sich, für Cem Özdemir persönlich oder gegen das Verbot von Marihuana demonstrieren. Dabei wäre man schon froh, wenn solche Typen eine verantwortungsbewusste Politik versuchen würden. Aber nein, wir leben ja jetzt in einer Kultur der Clowns, und wer nicht mitmacht, ist ein Spaßverderber. Da wird einem richtig übel unterm Kübel.

Was auf der Habenseite bleibt, ist das einkommende Geld für den guten Zweck. Auch Menschen in Deutschland und nicht nur ALS-Kranke profitieren von der sommerlichen Eisflut. Beispielsweise meldete die Deutsche Herzstiftung, die Zahl der Spenden habe sich im August innerhalb weniger Tage fast verzehnfacht. Bei der Deutschen Gesellschaft für Muskelkranke (DGM), die auch, aber nicht nur, für ALS zuständig ist, stiegen die Zuwendungen innerhalb einer Woche um eine halbe Million Euro auf 700.000 Euro.

Aber auch da werden inzwischen Zweifel laut. So wurde kommuniziert, dass ALS-Funktionäre sich ordentliche Gehälter auszahlen lassen – und das nicht nur in der Eis-Eimer-Saison. Und wie wird der Rest verteilt? Niemand weiß es. Bisher standen nach eigenen Angaben die 28 Millionen Dollar für die Forschung den rund 75 Millionen für Patientenberatung und Aufklärungskampagnen sowie für Verwaltung und Gehälter gegenüber. Ein im Spendengeschäft durchaus übliches Verhältnis, wie das DZI, die in Deutschland zuständige Kontrollinstitution verlautet. Bedauerlicherweise wisse man das aber nicht genau, denn es sei in Deutschland nicht gesetzlich geregelt, dass Spendenorganisationen ihre Finanzinformationen veröffentlichten.

Kulturelle Eiszeit

Kritiker sprechen übrigens von ganz anderen Zahlen, nach denen bisher lediglich 7% der Spenden für die Forschung ausgegeben wurden. Dafür aber schließt ein Pharma-Unternehmen nicht einmal die Tür des Labors auf. Es kommt also, egal wie man rechnet, nicht viel Spendengeld am Ziel an. Und wozu brauchen eigentlich ALS-Kranke eine Aufklärungskampagne? Die merken auch so, dass sie krank sind und dass die Medizin ihnen kaum helfen kann.

Auch mit 100 Millionen wird angesichts der jahrzehntelangen Vernachlässigung der Erforschung von Muskelkrankheiten nicht einmal der berühmte Blumentopf zu gewinnen sein (Achtung: Blumentopf nicht über dem Kopf ausgießen). Und ALS ist nur eine von tausenden unerforschter oder ungenügend erforschter Krankheiten. Wir brauchen statt der wässrigen Spendenaktion eines Sommers viel mehr einen grundlegenden sozialen und institutionellen Mentalitätswandel.

Dabei ist es nicht wirklich ein Trost, dass es mit der Spendenbereitschaft in der neuen kulturellen Eiszeit zuletzt sowieso den Bach heruntergeht. Zunehmend steht der Spaß im Vordergrund, und das Spenden wird vergessen. Die Bilanz der Challenge sieht also nicht wirklich gut aus. Die Krankheit, um die es geht, wird dadurch nicht enden, und eine neue kommt mit einem KfW, also „Kollektiv-fröhlichen Wahn“, hinzu.

Als Nachfolgemodell steht deshalb schon die Camel-Toe-Challenge in den Startlöchern[2], die vorgibt, gegen den Gebärmutterhalskrebs zu kämpfen, indem entsprechend bestückte Frauen in engen Leggins ihre Schamlippen in die Kamera recken.

Alle haben dann ihren Spaß gehabt, Gutes getan und können unbeschwert so individualistisch weitermachen wie zuvor. Das erinnert an den Ablass aus dem 15. Jahrhundert, bei dem man sich von seinen Sünden mit Geld freikaufen konnte. „Sobald die Münze im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt“, hieß es damals. Nun, damals sprang am Ende als Reaktion noch die Reformation heraus. Was aber könnte jetzt Nützliches passieren?

Eiskübel – Pflicht erfüllt – weitermachen

Eher das Gegenteil: In den USA ist es üblich, dass der Staat sich aus der sozialen Verantwortung heraushält und den unprofitablen Job von Privatleuten, Stiftungen sowie religiösen und karitativen Einrichtungen erledigen lässt. Dies aber ist ein Teil des Systems der Umverteilung von arm nach reich, das mit Aktionen wie der Eis-Eimer-Challenge auch bei uns an Boden gewinnt. Bei den Amerikanern zählen die Äußerlichkeiten, und jetzt also auch bei den Deutschen: Eiskübel – Pflicht erfüllt – weitermachen mit der üblichen Selbstbefriedigung. Der Herbst erlöse uns von dem Übel.

Wäre es nicht sinnvoller als ein durchaus beeindruckendes Spendenaufkommen, Druck auf das System, also den Staat, die Pharmaindustrie und die Ärzteschaft, auszuüben, um eine intensivere Forschung, ein Respektieren der Patienten und deren menschenwürdige Versorgung anzustreben?

Ohne eine strukturelle Lösung ist also die schöne neue Idee ziemlich im Eimer. Aber es geht noch schlimmer: Die Vereinigung „Ärzte gegen Tierversuche“ hat alle Eiswassernominierten aufgefordert, erst gar nicht an die ALS-Association zu spenden, denn diese führe schließlich „grausame und sinnlose Tierversuche“ durch. Bei dieser Form des Trittbrettfahrens kann man den leeren Eimer praktischerweise gleich zum Kotzen nutzen.

 

Anmerkungen

[1] „Familienvater von Baggerschaufel bei „Cold Water Challenge“ erschlagen“, dpa/WAZ:
http://www.derwesten.de/staedte/emmerich/familienvater-von-baggerschaufel-bei-cold-water-challenge-erschlagen-id9648295.html#plx1586980668

[2] „#CamelToeChallenge: Ist das der ultimative Mega-Trend nach der Ice Bucket Challenge?, BASIC thinking: https://www.basicthinking.de/blog/2014/09/04/cameltoechallenge-ist-das-der-ultimative-mega-trend-nach-der-ice-bucket-challenge/

 

Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel