Gegen die Wirklichkeit verschworen
Gegen die Wirklichkeit verschworen

Gegen die Wirklichkeit verschworen

Verschwörungstheorien und Montagsdemos mixen Wahrheit und Fiktion zu einem trüben Cocktail vorschneller Antworten auf unsere Krisen: Widerstand als  Selbstbefriedigung.

Wusste der geneigte Leser schon, dass die Hippiebewegung in den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Wirklichkeit eine CIA-Verschwörung war, um den politischen Widerstand gegen das System zu zerschlagen? Nein? Ich auch nicht. Was wir nun aber gemeinsam mit Sicherheit wissen, ist, dass keine Verschwörungstheorie dämlich genug ist, um nicht Zulauf zu finden.

Natürlich ist die Welt oft feindselig und unverständlich, doch wenn wir sie feindselig und voller Unverstand in unserem Bewusstsein noch schlechter machen, als sie ist, kriegen wir den Niedergang erst recht nicht in den Griff. Deshalb ist es so erschreckend, dass sich derzeit im Internet, und nicht nur dort, ein neues Phänomen manifestiert, dass dem gerade aufkeimenden und sich vorsichtig organisierenden Widerstand gegen relevante Niedergangsprozesse eben mal locker den Boden unter den Füßen wegzuziehen droht.

Der Zusammenbruch unserer Welt, wie wir sie kennen, ist nämlich ein unerhört komplexes Phänomen, dem, wenn überhaupt, nur mit komplexen Erkenntnismethoden und ebenso komplexen Widerstandsversuchen beizukommen ist. Was jetzt passiert, ist davon das genaue Gegenteil: Einzelne Feindbilder werden aufgebauscht und aus dem Zusammenhang gerissen, Ursache und Wirkung werden verkehrt.

Trüber Parolen-Cocktail

Das beste Beispiel dafür sind die sogenannten Montagsdemonstrationen mit ihrem Epizentrum in der Berliner Mitte und Filialen in weiteren 40 Städten. Analog zu den sich formierenden diffusen Stimmungen im Internet treffen sich hier Friedensfreunde, Eurogegner, Verteidiger des Sozialstaats und Antiglobalisierer auf einem geringstmöglichen intellektuellen Niveau. Eine ungesunde Mischung gegenläufiger Interessen ist das ohnehin.

In der Tat sympathisiere ich irgendwie mit jeder einzelnen dieser Strömungen, doch endet diese Sympathie bei billigen Parolen und verkürzenden Problembeschreibungen. Diese Bewegung hat für alle Fehlentwicklungen dieser Welt einen griffigen Schuldigen oder etwas Schuldhaftes parat. Der drohende Kollaps des Wirtschaftssystems liegt dann wahlweise am Zinssystem oder der Bankenherrschaft, die Globalisierung liegt an den Bilderbergern, einer ganz personalen Verschwörung ominöser Supermächtiger, und die Kriegsgefahr geht vornehmlich von einem aggressiven amerikanischen Imperialismus aus.

Das alles sind in der Tat mehr oder weniger Elemente des Problems, doch indem hier ein paar Parolen einen trüben Cocktail mixen, werden vorschnelle Antworten gegeben und auf das einzige verzichtet, das dem Niedergang eine neue Qualität entgegensetzen könnte: die unentwegte Suche nach größerer Erkenntnis komplexer Zusammenhänge.

Melange von Dyslogismen

Das zugkräftigste Opfer der so betriebenen Desorientierung sind die USA, die einem nun schon beinahe wieder leid tun müssen. Natürlich ist die amerikanische Außenpolitik seit längerem selber desorientiert. Natürlich kann die Innenpolitik nur als bevölkerungsfeindlich beschrieben werden. Natürlich kommt von hier der moderne Puritanismus, die institutionalisierte Arroganz und auch die Political Correctness.

Aber was wird daraus im Widerstand durch Internet und Montagsdemo? Als zusammenfassende Antwort auf diese rhetorische Frage mag hier das Zitat eines anonymen Kommentators dienen, der sich kürzlich bei mir meldete:

„als nonkonformist und patriot liebe ich die freiheit und ich hasse dieses dreckssystem aller deutschenhasser und landeshochverräter der einheitsbreiparteien der bananenrepublik der besatzerrepublik der angloamerikanischen zionsisten der atlantikbrücke und der bildernerger !!!!!!!!!!!!!“ (unkorrigiert inklusive Ausrufezeichen).

Dieses anderswo sicher noch etwas eleganter formulierte Weltbild ist eine weitverbreitete Melange von Dyslogismen. Weil die Amerikaner die größte Armee haben, sollen sie die größten Kriegstreiber sein. Weil einige Juden viel Geld haben, betreiben sie angeblich eine zionistische Weltverschwörung. Weil uns die Amerikaner vom Hitlerfaschismus befreit haben, sind sie noch heute unsere Besatzer. Weil die CIA ein mächtiger Geheimdienst ist und anscheinend nichts anderes zu tun hatte, musste sie eben mal das World Trade Center sprengen.

Vorreiter des Niedergangs

Weil es in unserer Sozialisation einfach so schön klingt und wir meistens keine Ahnung von der viel komplexeren Realität haben, hetzen die US-Kritiker über freien Waffenbesitz, ominöse Gulags, die Todesstrafe, Burger King, Polizeiterror und „Obama bin Laden“. Ach, wenn die Welt nur so einfach wäre, dann müsste ich mir nicht solche Mühe mit meinen Texten machen. Ich werde mir jedenfalls, auch wenn es angesichts dieses Gepöbels manchmal schwerfällt, weiter die Freiheit nehmen, die USA zu kritisieren, wo es denn nottut, und sie zu lieben, wo sie es verdient.

Natürlich sind die Amerikaner in vielen Fällen die Vorreiter des Niedergangs, ganz einfach, weil sie in so vielem weiter sind als wir, weiter in Richtung Niedergang also. Daraus abzuleiten, wir würden alle unter einem amerikanischen Unterdrückungsapparat leiden, ist gefährlich, weil wir uns viel mehr um unseren eigenen Niedergang und unsere eigene Unterdrückung kümmern sollten. Außerdem kämpfen Amerikaner auch an vielen Stellen für das, was wir gemeinsam für Zivilisation halten – aus welchen Gründen und mit welchem Erfolg auch immer. Im neuen Antiamerikanismus in den Foren zeigt sich gleichermaßen blinder Nationalismus, der linke Radikalismus der Studentenbewegung und eine Flucht vor der Komplexität der Wirklichkeit

Widerstand als Selbstbefriedigung

Deshalb findet bei den Montagsdemos auch zusammen, was nicht zusammen passt: linke Friedensduselei, rechter Nationalismus, destruktiver Ökologismus, bei Bedarf noch eine anbiedernde Migrationsfreundlichkeit sowie ein diffuser Antikapitalismus, obwohl der Kapitalismus doch längst den Monopolen zum Opfer gefallen ist.

Es geht mir keineswegs darum, die Demonstranten zu diskriminieren – auch und erst recht nicht, weil diese Menschen immerhin als absolute Minderheit erkennen, dass die Welt vor die Wand fährt, und bereit sind, sich dem zu widersetzen. Vielmehr will ich verhindern helfen, dass dieser Widerstand unter seinen eigenen Plattheiten zusammenbricht.

Die Montagsdemos sind eine vergebene Chance. Schlimmer noch, sie sind ein Hinweis darauf, dass sich der Widerstand gegen den Niedergang noch schwerer wird organisieren lassen, als es bisher schon zu befürchten war. Der gemeinsame Nenner der neuen Bewegung lautet: Komplexe Zusammenhänge werden auf eine dunkle Macht eingedampft oder besser virtuell zurechtgeschrumpelt, um dem diffus erahnten Bösen ein Gesicht geben zu können.

Natürlich ist nichts dagegen zu sagen, negative Kräfte zu benennen, aber es bedarf der Begründung, der Wahrnehmung gegenläufiger Argumente und dann der Einordnung in ein komplexes Kräftegefüge. Stattdessen werden wahre ebenso wie erfundene Fakten völlig einseitig manisch aufeinandergehäuft, wechselseitig hochschaukelnd zitiert und dieser ganze Vorgang mit einem Erkenntnisprozess verwechselt. Der Widerstand deformiert so von einer zielgerichteten Aktion zu einem Akt der Selbstbefriedigung.

Muss das wirklich sein?

Die ernstgemeinte Frage lautet also: Muss das wirklich sein? Ist es dem Niedergang immanent, dass er jeden Widerstand korrumpiert? Verhindert die Unfähigkeit, die Komplexität der Abläufe zu erkennen, die Erkenntnis dieser Unfähigkeit? Sind wir immer wieder dazu gezwungen, positivistisch und ganz im Sinne der Aufklärung Antworten zu erfinden, selbst wenn diese Antworten nur ein neuer Aspekt einer großen, besänftigenden Lüge sind?

Sind wir also tatsächlich nicht in der Lage, voller realistischer Demut vor das große Welttheater zu treten und unsere persönliche Unfähigkeit angesichts einer immer komplexer werdenden Welt einzugestehen und daraus innovative Strategien abzuleiten? Dann nämlich wären wir gezwungen, statt dem Übel an die Wurzel zu gehen, der Hydra (bestenfalls) immer neue Köpfe abzuschlagen und uns zu wundern, dass diese schneller nachwachsen, als wir köpfen können.

 

Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel