Zielstrebig in den Bankrott
Zielstrebig in den Bankrott

Zielstrebig in den Bankrott

Die Illusion vom Wohlstand wird nur noch durch staatliche Manipulationen aufrechterhalten. Dazu bereiten die  Notenbanker schon die nächste Geldflut vor.

Die ganze Welt ist nur noch ein Abbild der Berechnungsgrundlage, mit der wir sie vermessen und justieren. Alles wird gut, wenn die Annahmen nur großzügig genug sind. Der US-Kongress hat jüngst heimlich still und leise ein neues Transportgesetz verabschiedet. Gut verpackt in dem Paragraphenwerk ist ein Zusatz der regelt, nach welchem Modell die US-Firmen künftig Beiträge an die Pensionskassen der Beschäftigten abführen müssen.[1]

Nimmt man an, dass diese Kassen in den nächsten Jahren gute Renditen auf ihr Anlagevermögen erzielen, dann müssen die Firmen weniger einzahlen. Also ist der Kongress den Forderungen der Firmen gefolgt und hat als absehbare Rendite für die Verwaltung der Pensionsvermögen den Schnitt der vergangenen 25 Jahre zugrunde gelegt. Das waren jeweils 6% und damit wesentlich mehr als sich derzeit – und in absehbarer Zukunft – erzielen lässt.

Staat manipuliert Lebenserwartung

Wäre die Annahme realistisch gewesen, hätte man 1-2% unterstellen müssen. Die Beiträge der Firmen wären wesentlich höher ausgefallen. Die Amerikaner haben diesen billionenschweren Taschenspieler-Trick nicht mitbekommen. Die Firmen sind zufrieden. Die Kassen-Finanzen werden noch löchriger, als sie es schon sind.

Der Staat verfährt ja in den USA ganz ähnlich, indem Abgeordnete – zum Beispiel in New Jersey – die Tabellen der Aktuare ändern und die Rentner statistisch früher sterben lassen. Da sie angeblich keine so hohe Lebenserwartung haben wie es später auf dem Grabstein stehen wird, muss auch Uncle Sam weniger in die Pensionskassen einzahlen. Prima, alles paletti, Ausgaben im Haushalt reduziert, Auftrag erfüllt, Stunde der Wahrheit erfolgreich verschoben.

Die öffentlichen Budgets, die – wie im Falle New Yorks bereits 11% des laufenden Haushaltes für Pensionsbeiträge aufwenden – erhalten noch ein paar Jahre Verschnaufpause. In New York behilft man sich derweil auf andere Weise, um das Budget wieder ins Lot zu bringen. Die Hohen Geldstrafen für Banken – unter anderem 8,9 Milliarden Dollar für die BNP Paribas, die für Geschäfte in Europa bestraft wurde, weil sie den Dollar als Transaktionswährung verwendete – haben New Yorks Budget diesmal ins Plus gerettet.

Drogenhandel ins BIP

Der moderne Kaufmann, auch der Finanzchef im Rathaus, achtet nicht mehr darauf, ob Einnahmen und Ausgaben im Lot sind. Er gibt mit vollen Händen aus, bis seine Klientel für die nächste Wahl befriedigt ist, dann schröpft er alle, die sich nicht wehren können. Und wenn dann immer noch ein Defizit zu beklagen ist, werden die Zahlen und Annahmen für die Zukunft massiert.

In Europa ist diese Art der Budget-Pflege eines von wenigen Gebieten, auf dem Politiker noch Fantasie und Entschlossenheit beweisen. Zuerst in Italien und anderen EU-Ländern, jetzt aber auch in Deutschland, werden wirtschaftliche „Leistungen“ wie Drogenhandel und Tabakschmuggel in die wirtschaftliche Bilanz gepackt, weswegen jeder Deutsche nun rechnerisch 1.000 Euro reicher ist.[2]

Doch das ändert nichts an dem unabwendbaren Schicksal der bankrotten europäischen Staaten, in denen fast ausnahmslos die Schuldenberge schneller wachsen als die wirtschaftliche Gesamtleistung. Beispiel Italien: Das Land steckt seit fast sechs Jahren in einer Depression, die nur ein paarmal – und jeweils nur für ein paar Wochen – von einer scheinbaren Erholung unterbrochen wurde.

Jetzt hat die dritte Rezession seit der Finanzkrise begonnen. Die jüngste Erholung währte lediglich ein Quartal. Die Wirtschaftsleistung insgesamt ist auf das Niveau des Jahres 2000 gefallen. Die Produktion der Industrie ist wieder im Jahr 1980 angelangt. Aber die Schulden wachsen zügig weiter, weil die Notenbanken das Geld so sehr verbilligen. Italienische Mittelständler sterben unterdessen schneller als die Seelöwen und Pelikane an der verstrahlten Pazifikküste der USA.

Nächste Notenbank-Orgie

Das Land zerbröselt im Zeitlupentempo. Und Herr Renzi hat nach kurzer Zeit aufgegeben. Unlängst ist er mit dem Hut in der Hand zu einem geheimen Treffen mit Mario Draghi marschiert. Die unfähige politische Kaste nimmt weiter die skrupellosen Notenbanker in die Pflicht, um den Schlamassel von Banken, korrupten Politikern und allen möglichen Kasino-Gaunern mit Geld zuzuschütten.

Meine Prognose: Alle großen Notenbanken, von Washington über Tokyo bis nach Frankfurt und London bereiten schon die Kehrtwende zur nächsten QE-Orgie vor. Monsieur Draghi wartet nur, bis in Berlin dafür weißer Rauch aufsteigt. Der Chef der Bank of Japan hält schon den Marschbefehl für die nächste Harakiri-Runde in der Hand.

Die Bank of England hat signalisiert, dass die erwartete Anhebung der Zinsen auch warten kann, weil sich zwar der Arbeitsmarkt entspannt, aber die Löhne nach Abzug der Inflation derzeit um 1,6% im Jahr sinken. Rechnet man die Boni mit ein, dann steigen die Löhne auf der Insel derzeit um jährlich 0,3%, während die Preise um 1,9% nach oben schießen. Das passt zu den USA, wo ebenfalls neue Jobs geschaffen werden, aber die Lohntüten um 23% schmaler sind als vor der Finanzkrise.

Und in der Fed in Washington melden sich bereits diejenigen zu Wort, die – wie Vize Stanley Fischer – jetzt offen zugeben, dass jahrelanges Dümpelwachstum droht. – Muss man wirklich noch übersetzen, was das für die Geldpolitik in den USA heißt?

 

Anmerkungen:

[1] Business Insider, „Congress Quietly Passed A Bill That Seriously Messes With Corporate Pensions“: http://www.businessinsider.com/underfunded-pensions-government-2014-8

[2] Anja Ettel, „Warum Sie morgen früh um 1000 Euro reicher sind“, Die Welt: http://www.welt.de/wirtschaft/article131170111/Warum-Sie-morgen-frueh-um-1000-Euro-reicher-sind.html

Über Markus Gaertner

Markus Gaertner war über viele Jahre freier Wirtschafts-Korrespondent mit Sitz in Vancouver. Heute arbeitet er für den Kopp-Verlag. Weitere Artikel