Künstlerische Geldvermehrung
Künstlerische Geldvermehrung

Künstlerische Geldvermehrung

In der Kunst geht es heute darum aufzufallen, Intellekt über Gefühl und Intuition zu stellen sowie sich ausdrücklich über das Empfinden normaler Menschen zu erheben.

Manchmal sind die Dinge bekanntlich ganz anders als sie scheinen. Das musste ein Möbelhändler in Bielefeld erfahren, dass er wohl nicht alle Tassen im Schrank hatte, als er 5000 solcher Trinkgefäße mit dem Konterfei von Adolf Hitler orderte. Das gab natürlich Ärger, den er hätte vermeiden können, indem er sich die Tassen einmal angesehen hätte, bevor er sie im billigen China bestellte. Der dortige Designer konnte schließlich nicht wissen, wen er da als Motiv wählte, schließlich haben die Leute dort ausreichend eigene Usurpatoren zu ertragen gehabt.

Ein Geschäft wird die Sache jedenfalls nicht mehr, erst recht nicht, weil der um seinen Ruf besorgte Unternehmer jede schon verkaufte Tasse im Verkaufswert von 1,99 Euro nun für 20 Euro zurückkaufen will. Dumm wäre, wer sich darauf einlässt, denn im einschlägigen Devotionalienhandel wird die Tasse bald ein Mehrfaches wert sein.

Vielleicht hätte der Möbelmann kreativer an das Missgeschick herangehen und das Ganze als eine Kunstaktion deklarieren sollen. Ein paar wohlwollende Kunstkritiker vorausgesetzt, hätte die Sache noch ein lukratives Geschäft werden können.

Wundersame Geldvermehrung

So war es etwa, als 1986 die „Fettecke“ einer putzenden Kulturbolschewistin zum Opfer fiel. 40.000 Mark musste damals, als ein gesunder Menschenverstand fünf Kilo zum Kunstwerk deklarierte ranzige Butter entsorgt hatte, das Land Nordrhein-Westfalen in zweiter Instanz an den geistigen Erben der deutschen Nachkriegskunstinstanz, Joseph Heinrich Beuys, bezahlen.

Vor drei Jahren nutzte ein weiterer Künstler die unscharfe Linie zwischen Kunst und Wirklichkeit wundersamen Geldvermehrung. Und weil Künstler bekanntlich kreativ sind, war seine neue Ecke nun keine Ecke mehr und auch nicht aus Fett, sondern eine verkalkte Plastikwanne. Aber entsorgt wurde sie dennoch, erneut von hochmotiviertem Raumpflegepersonal, diesmal nicht in Düsseldorf, sondern in Dortmund, nicht weit von Bielefeld. Der offensichtlichste Unterschied zwischen Fett und Kalk ist in jedem Falle der Preis: Diesmal sollte die Versicherung mit 800.000 Euro dran glauben. Selber schuld: Wer versichert auch sowas!

Wir lernen jedenfalls, dass manche Kunst vielleicht nicht schöner oder eindrucksvoller, aber immer wertvoller wird. Das passt in die Gesellschaft des Niedergangs, welche Substanz durch Virtualität ersetzt. Man denke nur an die angesichts des realen Verfalls für dessen Vertuschung höchst notwendigen Parolen von der blühenden Servicegesellschaft, oder der Qualifikation von Vorgesetzten oder an die Milliarden, die in die Aufrechterhaltung des kaputten Euro-Systems gepumpt werden. Virtualität kennt keine Grenzen.

Avantgarde und Dreistigkeit

Auffällig, mit welcher Häme quer durch alle Medien nun dieser Akt des Unverständnisses gegenüber dem Schaffen moderner Kunst kommentiert wurde. Die eher zwischen den Zeilen angesiedelte Häme richtet sich in diesem Fall gegen einen längst toten „Jungen Wilden“, aber wohl auch gegen das Selbstverständnis der Künstlerelite an sich. Eigentlich merkwürdig, wo die Medien doch sonst jede politische und intellektuelle Verstiegenheit als Wahrheit abfeiern, wenn sie dadurch Erfolgreiches noch erfolgreicher machen können. Vielleicht hatte in diesem Fall Martin Kippenberger das Toleranzmaß einfach überzogen?

Um im Kunstbetrieb noch überziehen zu können, muss man sich allerdings mächtig anstrengen. Der eine stellt schwarze Flächen aus, der andere weiße, und beide geben dem Nichts dann immer neue klangvolle Namen. Andere propagieren die „Ästhetik des Hässlichen“ oder erklären Alltägliches einfach zu Kunst, weil vorher eben noch keiner auf diese Idee gekommen ist oder die Dreistigkeit besaß. Der Gedanke, dass Kunst auch etwas mit Können zu tun haben könnte, ist in der Avantgarde längst verpönt.

 

Kein Wunder also, dass das Dortmunder Kunstwerk einer tropfenden Decke nun ohne die Kalkflecken in der frisch geputzten Plastikwanne nach Aussage der Berufenen nie wieder rekonstruiert werden kann, obwohl diese Wanne nur den kleinsten Teil der Installation einnimmt. Die Anordnung der Kalkflecken also macht dem Anschein nach das Kunstwerk aus, wahrscheinlich, weil sie der Künstler dank seiner kosmischen Inspirationen und unter unsäglichen Entbehrungen Stück für Stück dort angebracht hat.

Vom Volk entfernt

Das ist die eigentliche Arroganz in diesem Fall. Bei Kunst geht es doch um die inspirierte und gekonnte Sichtbarmachung von Unsichtbarem. Es geht also um Transzendenz und die Kommunikation mit dem Betrachter. Das kann auch über Provokation und sinnliche Verunsicherung geschehen, obwohl das in der Regel ein eher simpler Weg zur Erkenntnis ist. Doch wenn es hier mehr um die Idee als die Ausführung geht, warum sind dann ein paar Kalkflecken nicht ersetzbar? In der Architektur beispielsweise gilt der Entwurf als das Kunstwerk, so dass ein Gebäude bei Vorliegen der Pläne und Kenntnis der materiellen Bestandteile als unbegrenzt oft wiederherstellbar gilt.

Es stellt sich beinahe die Frage, ob dies nicht ein wunderbares Mittel der Geldvermehrung darstellt (vom Popularitätsgewinn mal ganz zu schweigen), einer Putzfrau 100 Euro zuzustecken, damit man mit 800.000 Euro nach Hause gehen kann. Immerhin war das „Kunstwerk“ deutlich gesichert und dem Personal waren angeblich die Vorschriften, nichts als Kunst Markiertes, anzufassen, zur Kenntnis gebracht. Das braucht uns aber nicht zu interessieren, höchstens die grundsätzliche Frage, ob man des Kaisers neue Kleider überhaupt versichern kann?

Die Kunstliebhaber oder die, die sich als solche bezeichnen, sollten mal darüber nachsinnen, warum solche Instruktionen an das Personal überhaupt nötig sind. Warum sich die Kunst so weit vom Volk entfernt hat, dass kein Verständnis mehr vorhanden ist und kein Funke mehr überspringt. Und da es vermutlich zu der selbstkritischen Frage nicht kommt, ist hier immerhin eine (Teil-)Antwort: Gewissen, etablierten Teilen der Kunstproduktion scheint der Versuch gemein, sich von der dem Menschen innewohnenden natürlichen Ästhetik, die sich über Äonen in biologischer und sozialer Evolution entwickelt hat, zu distanzieren. Es geht stattdessen darum aufzufallen, Intellekt über Gefühl und Intuition zu stellen sowie sich ausdrücklich über das Empfinden normaler Menschen zu erheben.

Im Hyperraum der Bedeutungslosigkeit

Das führt dann schon mal dazu, dass diese Menschen sich bewusst oder eben meist unbewusst wehren – und nicht nur Putzfrauen, wobei die natürlich die besten Hebel haben. Beispielsweise war die Bauhaus-Wiege Dessau die Stadt, in der die Nazis als erste die Macht übernehmen konnten, weil die Dessauer einfach die Schnauze davon voll hatten, wie verkopfte Spießer ihr Lebensumfeld mit menschenfeindlicher Architektur zubauen durften.

So gesehen haben Künstler, bei aller Notwendigkeit, neue Wege zu erkunden, auch eine Verantwortung gegenüber dem Kunstrezipienten und der Gesellschaft. Viele Künstler spüren aber vielmehr einen Drang, sich stattdessen vor Kritikern zu verantworten. Kritiker, die sich ebenfalls in einer abgehobenen Parallelgesellschaft etabliert haben und die sich von den Künstlern nur in der Unfähigkeit, überhaupt etwas Kreatives zu produzieren, unterscheiden, nicht jedoch in der Verwirrtheit der Weltwahrnehmung.

Championsleague

„Künstlerisch können Zahnpasta und Silber die gleiche Funktion haben und von daher auch dieselbe Qualität“, gab zu dem Thema ein Beuys-Sammler zum besten, eine Aussage, die die Rohstoffmärkte zum Erzittern gebracht hätte, wäre die Kunst dieser selbsternannten Avantgarde nicht längst im Hyperraum der Bedeutungslosigkeit verschwunden.

Es ist ein bisschen so wie mit dem Marktwerten von Fußballspielern: Da können auf transfermarkt.de tolldreist hohe Summen stehen, doch wenn es keinen Käufer gibt, bleibt das Theorie. Und wenn dann doch für einen Kun Aguero 45.000.000 Euro bezahlt werden und er dann nach vier Champions-League-Spielen für Manchester City ein ganzes Tor bei null Vorlagen vorweist, ist das wohl klassisches Künstler-Pech.

In der Kunst gibt es ja dann wenigstens die Sammler, die bewusst und gerne jeden Schrott kaufen, weil dessen Wert steigen könnte, solange die Kritiker ihn nur laut genug hochjubeln. Oder wenn eine Putzfrau ihn aus dem Museum entfernt. Dann zahlt ja die Versicherung, und so ist alles wieder in Butter.

 

Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel