Deutsch-amerikanische Entzweiung
Deutsch-amerikanische Entzweiung

Deutsch-amerikanische Entzweiung

Deutschland hält vieles an der amerikanischen Politik für falsch. Als souveräner Staat wird es auch künftig von Amerika abweichende Entscheidungen treffen müssen, schreib Alexander Gauland* in einem Gastbeitrag für GEOLITICO.

Der Tonfall wird rauer, die Vorwürfe werden heftiger. Und die Bundesregierung wird immer ratloser, so scheint es, weil weder der Verbündete Amerika noch die deutsche Öffentlichkeit einsehen wollen, dass wir es hier mit einer fast unvermeidlichen Entzweiung zu tun haben. Und diese ist nicht der Bosheit aller Beteiligten geschuldet wie manche glauben, sondern unterschiedlichen Interessen.

Doch den Deutschen ist leider eine solche Sicht- und Denkweise völlig fremd geworden, seit sie nach 1945 die außenpolitische Verantwortung in die Hände ihrer Verbündeten gelegt haben und folglich nicht mehr so genau wissen, wie souveräne Staaten agieren.

Das fing in Westdeutschland schon mit einem Missverständnis an. Dass die Amerikaner vom Marshall-Plan bis zur Luftbrücke die westdeutsche Freiheit bewahrt haben, wird oft unseren schönen blauen Augen zugeschrieben, also der Würdigung unseres Freiheitswillens und den gemeinsamen Werten. Doch das ist sentimentale Sinnestäuschung.

Staaten haben Interessen, keine Freunde

Völker und Staaten, so einst der britische Premier Palmerston, haben keine ewigen Freundschaften, sondern nur ewige Interessen. Und ihr Interesse gebot den Amerikanern, Westeuropa nach Herablassen des Eisernen Vorhangs zu verteidigen, da sich sonst das Gleichgewicht derart zugunsten der Sowjetunion verschoben hätte, dass sie selbst gefährdet gewesen wären. Doch schon damals machte das Wort von der Wertgemeinschaft die Runde, ein Begriff der mehr verschleiert als erhellt. So lange der Kommunismus eine echte Bedrohung war, hatte Wertegemeinschaft einen Sinn, da sie ausdrückte, dass der freiheitlich-kapitalistische Westen gegen den kommunistischen Osten zusammenhalten müsse. Heute sind wir zwar immer noch den USA, Frankreich oder Großbritannien näher als den Russen oder gar Chinesen, aber aus der Wertegemeinschaft folgt nicht automatisch auch eine Interessengemeinschaft.

Das ist nichts Neues. Als nach 1815 die Heilige Allianz Veränderungen in sogenannten legitimen Ordnungen verhindern wollte, brachen sich schnell die Interessen Bahn, und nach 1822 war der Traum von der legitimen Wertegemeinschaft ausgeträumt – die freihändlerisch-kolonialen Interessen Englands standen gegen Russlands und Metternichs Status-quo-Politik, obwohl keiner dieser Staaten ein anderes Wertesystem verkörperte, aber eben doch andere Interessen hatte.

Konglomerat unerreichbarer Ziele

Das Gerede von der Wertegemeinschaft verdeckt, dass auch Staaten mit ähnlichen Fundamenten unterschiedliche Ziele verfolgen können. Und da sind wir wieder in der Gegenwart. Die USA versuchen seit langem, ihre Interessen ideologisch zu begründen, zum Beispiel den Nahen Osten „safe for democracy“ zu machen. Dieser Zielsetzung folgen viele europäische Staaten nicht, da sie sie für illusorisch und nicht erreichbar halten.

Krieg, so hat es Clausewitz einst formuliert, ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Wenn die Politik falsch ist, kann auch Waffengewalt daran nichts ändern. Und die amerikanische Politik war in Afghanistan wie im Irak ein Konglomerat von unerreichbaren Zielen. Deshalb haben sich viele europäische Staaten verweigert, im Falle des Iraks auch Deutschland. Seitdem ist Deutschland für die USA ein unsicherer Kantonist, ein Staat, der amerikanischen Zielvorgaben nicht mehr unbedingt folgt.

Das ist gut und richtig, für Amerika aber ein Grund, uns nicht mehr voll zu vertrauen. Seitdem ist Deutschland ein interessantes Objekt amerikanischer Spionage. Das müssen wir verhindern und bekämpfen, aber bitte nicht moralisch überhöhen.

Von Amerika abweichende Entscheidungen

Wir sind Amerika näher als Russland, aber keine Wertegemeinschaft kann verhindern, dass wir inzwischen vieles an der amerikanischen Politik für falsch halten. Nicht im Sinne irgendeiner moralischen Überlegenheit, sondern im Clausewitzschen und Bismarckschen Sinne von Realpolitik. Und da Deutschland heute ein souveräner Staat ist, wird es auch künftig von Amerika abweichende Entscheidungen treffen müssen.

Das hat mit Aufkündigung der Wertegemeinschaft nichts zu tun, es hat allein mit der unterschiedlichen Beurteilung von Interessen zu tun. Wir verlassen nicht den Wertehimmel des Westens, wenn wir eine Politik ablehnen, die dazu führen könnte, dass deutsche Soldaten plötzlich an der Waffenstillstandslinie von Panmunion zwischen Nord- und Südkorea gebraucht werden. Vielleicht wäre es klug, das auch öffentlich auszusprechen und sich nicht hinter der westlichen Wertegemeinschaft zu verstecken, die auf diese Fragen keine Antwort gibt.

*Alexander Gauland war über 40 Jahre lang Mitglied der CDU und leitete von 1987 bis 1991 die Hessische Staatskanzlei. Danach wurde er Herausgeber der Märkischen Allgemeinen. Gauland ist Gründungsmitglied der Partei Alternative für Deutschland, deren stellvertretender Sprecher er ist. Bei der Landtagswahl in Brandenburg 2014 ist Gauland Spitzenkandidat der AfD.