So eng sind BND und CIA verwoben
So eng sind BND und CIA verwoben

So eng sind BND und CIA verwoben

Gleich 1949 stellte man jedem BND-Abteilungsleiter einen CIA-Mann zur Seite. 1999 feierten sie in Washington ihre 50jährige Kooperation – mit hochrangigen Gästen.

Irgendwer arbeitete an der Telefonleitung. Der Botschafter und sein diplomatisches Personal hätten es wohl kaum bemerkt, wenn da nicht der aufmerksame Telekommunikations-Fachmann des Bundesnachrichtendienstes (BND) gewesen wäre. Der wiederum war hatte keinerlei Zweifel, dass sich da jemand auf leisen Sohlen direkten Zutritt in die deutsche Botschaft in Washington verschaffen wollte. Aber wer?

Waren es die Russen? Es konnten ebenso gut die Chinesen oder die Nordkoreaner sein. Lange brauchte der Experte nicht, bis er den ungebetenen Gast identifiziert hatte. Die Chinesen und die Nordkoreaner waren es nicht. Zur Überraschung aller war der Geheimdienstler den Amerikanern auf die Schliche gekommen, die in ihrer Hauptstadt einem ihrer engsten Verbündeten noch ein Stückchen näher kommen wollten – allerdings klammheimlich.

Von dieser Begebenheit Ende der 1990er Jahre wissen nur wenige. Denn als die Sache aufflog, wurde sie nicht an die große Glocke gehängt, sondern auf höchster Ebene unter Wahrung strengster Vertraulichkeit zwischen der FBI-Führung und den deutschen Diensten geregelt. Danach war erstmal wieder Ruhe.

Zwanzigköpfige Delegation aus Deutschland

Neu ist es also nicht, dass die USA über die Zusammenarbeit ihrer Geheimdienste mit der deutschen Seite hinaus das Bedürfnis nach noch mehr Informationen aus deutschen Quellen haben. Nur gingen beide Seiten in der Vergangenheit anders damit um. Wann immer es Differenzen gab, ließen sie es nie zum Skandal kommen. Sie waren zu eng beieinander, um sich durch öffentlich Schuldzuweisungen bloßzustellen oder gar einen Repräsentanten der Gegenseite unter großer öffentlicher Anteilnahme des Landes zu verweisen wie es jetzt wegen der Spionagefälle beim BND und im Verteidigungsministerium geschah.

Wie eng die Beziehungen Ende der 1990er Jahre waren, belegt beispielhaft ein Ereignis, das unter dem Eindruck der aktuellen Differenzen geradezu unvorstellbar erscheint. Drei Tage lang feierten CIA und BND vom 2. Bis 4. Juli 1999 in der US-Hauptstadt ihre

50-jährige Zusammenarbeit (50th Anniversary Celebration of BND and CIA Cooperation). (1) Aus Deutschland reiste eine zwanzigköpfige Delegation an. Allein schon die Namen auf der Gästeliste verdeutlichen den Stellenwert der Feier in der George Washington Suite des Liaison Conference Center auf deutscher Seite.(2)

Neben dem damals amtierenden BND-Präsidenten August Hanning waren unter andern seine Vorgänger Hansjörg Geiger, Konrad Porzner, Hans-Georg Wieck sowie der damalige Geheimdienstkoordinator im Kanzleramt und spätere BND-Chef, Ernst Uhrlau, dabei.

Dossier über das deutsche Personal

Deutsche Gäste er Feier zur 50jährigen Zusammenarbeit von CIA und BND / Quelle: GEOLITICO

Deutsche Gäste er Feier zur 50jährigen Zusammenarbeit von CIA und BND / Quelle: GEOLITICO

Ein Name jedoch sticht aus der Gästeliste besonders hervor, nämlich der von Christoph Gehlen, dessen Vater Reinhard Ende der 1940er Jahre den BND in enger Führung durch den CIA aus seinen früheren Kameraden der Spionagetruppe „Fremde Heere Ost“ aufgebaut hatte. „Jedem deutschen Mitarbeiter, der eine Abteilung leitete, wurde in CIA-Mann beigeordnet“, schreibt Mary Ellen Reese in ihrem Buch „Organisation Gehlen: Der Kalte Krieg und der Aufbau des deutschen Geheimdienstes“ über die frühen Jahre. Alle Berichte und Auswertungen seien an ein deutsch-amerikanisches Lagezentrum gegangen, wodurch die CIA immer im Bilde gewesen sei.

Reese: „Mit Hilfe eines raffinierten Systems von Kontrollen und Gegenkontrollen – der Anforderung von Reisepapieren, der Kostenaufstellungen, der Operationsaufträge und so weiter – begann die CIA ein Dossier über das deutsche Personal anzulegen (…) Klaus Ritter, einer der Agentenführer Gehlens, beklagte sich, die Amerikaner verlangten ,immer mehr und genauer bis ganz nach unten Einblick´.“ Über die Jahrzehnte lernten beide Seiten, damit umzugehen, und es entstand eine Zusammenarbeit, die 1999 schließlich ausgiebig gefeiert wurde.

„In den neunziger Jahren war das Verhältnis zwischen den US-Diensten und uns sehr eng“, erinnert sich Bernd Schmidbauer, langjähriger Geheimdienstkoordinator der Regierung Helmut Kohl. „Wir waren mit den höchsten Ebenen im Gespräch bis hin zu Präsident Bill Clinton“. Clinton und seinem späteren CIA-Chef George Tenet sei sehr an guten Beziehungen zu den deutschen Nachrichtendiensten gelegen gewesen. „Sie wussten um unsere guten Quellen im Nahen und Mittleren Osten. Ein bisschen waren sie vielleicht sogar neidisch darauf“, sagt Schmidbauer, der 1992 in zähen Verhandlungen mit der Hizbollah die Freilassung zweier deutscher Geiseln erreicht hatte. Gute Drähte besaß er auch in den Iran, wo er zwei Jahre später den wegen Spionage für den Irak zum Tode verurteilten deutschen Ingenieur Helmut Szimkus freibekam.

„So machen Profis das.“

Die guten Iran-Kontakte der Deutschen machten die Amerikaner misstrauisch; vor allem aber wollten sie mehr über die Wirtschaftsbeziehungen der Bundesrepublik zum Mullah-Regime wissen. Also versuchten sie 1995 den Ministerialbeamten Klaus Dieter von Horn aus dem Wirtschaftsministerium anzuwerben. Doch der war auf der Hut, meldete die Wissbegier, die der Mitarbeiter der US-Botschaft bei den gemeinsamen Abendessen an den Tag legte, umgehend den Sicherheitsdiensten.

Wenig später lud der damalige Verfassungsschutz-Präsident Peter Frisch den Bonner CIA-Chef Floyd L. Paseman zum Gespräch. Seine Botschaft war unmissverständlich: Der auf Horn angesetzte CIA-Agent solle das Land verlassen. Auch das Kanzleramt und das Auswärtige Amt seien verärgert. Zwar bestritt die US-Seite den Spionageversuch, zog ihren Mann jedoch aus Deutschland ab. Die Sache kam erst heraus, als bereits alles gelaufen war.

Insgesamt mussten in den achtziger und neunziger Jahren etwa eine Handvoll US-Agenten auf Betreiben der Bundesregierung das Land verlassen. Immer geschah dies in aller Stille. „So machen Profis das“, sagt Schmidbauer. Darum wohl auch sind die guten Beziehungen nie an solchen Geschichten zerbrochen. Verfassungsschützer erinnern gelegentlich an einen Anwerbeversuch der Amerikaner in den neunziger Jahren in Bayern. Dort wollte die CIA eigene Quellen im rechtsextremen Milieu bekommen. Nur war die Aktion nicht mit der deutschen Seite abgesprochen. Über die V-Leute des Verfassungsschutzes flog der Anwerbeversuch sofort auf – und führte zu einer klärenden Aussprache.

„Nicht nur die Amerikaner versuchten immer wieder Aktionen auf eigene Faust, auch die Israelis oder Briten“, erinnert sich ein Geheimdienstler. „Aber meistens sind sie damit schnell an Grenzen gestoßen.“ Will heißten, der Verfassungsschutz kam ihnen auf die Schliche.

US-Dienste suchten eigene Quellen

Vor der deutschen Einheit interessierten sich die US-Geheimdienste in Deutschland vor allem für linksextreme Terror-Organisationen wie die Rote Armee Fraktion, Bewegung 2. Juni oder Schwarzer September. Wegen ihren engen Verbindungen in die DDR waren die DKP und der Kommunistische Bund (KB) im Fokus der US-Aufklärung. Allerdings hatten die in den Konsulaten untergebrachten Verbindungsleute der US-Geheimdienste kaum Zugang zu diesen Gruppen und waren weitgehend auf das Material des Verfassungsschutzes angewiesen. „Ich gehe aber davon aus, dass sie immer wieder nach eigenen Quellen gesucht haben“, sagt ein ehemaliger Verfassungsschützer.

Was die DDR anging, blieben die Versuche der US-Dienste, menschliche Quellen anzuwerben, im Fachjargon Humint genannt, wohl von bescheidenem Erfolg. „Erst als die Mauer fiel, erkannten die Amerikaner und wir, wie groß der Stasi-Apparat tatsächlich war, der uns Jahrzehnte gegenübergestanden hatte“, sagt ein Geheimdienstler. Damals ließ der CIA-Chef in Berlin, Milt Bearden, dem früheren Chef der DDR-Auslandsspionage, Markus Wolf, ein Angebot: „Teilen Sie uns Ihre Spitzenquellen in Westdeutschland mit, wir stellen jede Strafverfolgung gegen Sie ein und machen Sie zum reichen Mann.“ Doch Wolf habe das Gespräch mit den US-Agenten lediglich als amüsantes Spiel betrachtet und auf das Angebot einer Übersiedelung nach Kalifornien geantwortet, das Leben in Sibirien sei auch nicht übel. „Wolf blieb immer Herr des Spiels“, schreibt Bearden rückblickend.

Erst Machos, dann Nerds

Bevor er seinen Auftrag in Deutschland übernahm, hatte er die Aufklärung der USA in Afghanistan organisiert. Sein Weg ist typisch für viele US-Agenten, sie kommen aus Entwicklungsländern oder sogenannten „Failed States“ in die Bundesrepublik und haben erst einmal große Anpassungsschwierigkeiten. „Das ist etwas komplett anderes, als in Deutschland, Italien oder Frankreich auf dem Posten zu sein“, sagt Joseph W. Wippl, ebenfalls Ex-CIA-Chef in Berlin, im „Zeit“-Interview. „Das Bewusstsein, dass Amerika eine Supermacht ist, befördert eine gewisse Macho-Mentalität nach dem Motto: Wir erklären den Deutschen jetzt mal, wie die Sache läuft.“ Im Unterschied zum US-Außenministerium kümmere sich die CIA wenig um die Ausbildung ihrer Leute.

Unter George Tennet, den Clinton 1997 zum CIA –Chef machte, konzentrierte der US-Geheimdienst seine Kräfte noch stärker auf die technische Aufklärung. Tenets Stellenausschreibungen richteten sich an Informatiker, Hacker und Computer-Nerds. In einer Zeit, da die New Economy explodierte, schien dies der richtige Weg zu sein.

Doch dann rasten am 11. September zwei Jumbos in die Türme des World Trade Centers in New York. Alle Augen richteten sich auf Tenet, der wiederum wies nach Deutschland, weil die Attentäter um Mohammed Atta die Jahre zuvor in Hamburg gelebt hatten.

„Da war es erst einmal vorbei mit der guten Stimmung“, sagt Schmidbauer. „9/11 haben sie uns angelastet.“ Dabei waren US-Dienste und der Verfassungsschutz den Atta-Leuten in Hamburg dicht auf den Fersen gewesen. Doch auf der Grundlage der Informationen, die ihnen vorlagen, konnten beide Seiten die Tragödie nicht vorhersehen. Kein Wunder, denn der teuflische Plan war nicht in Hamburg, sondern von Khalid Scheich Mohammed in einem Terrorlager in Afghanistan ausgebrütet worden.

US-Dienste stochern im Nebel

In den USA begann nun eine intensive Debatte über die Aufstellung der eigenen Nachrichtendienste. „Die US-Geheimdienste neigen zur technischen Aufklärung (…) diese Tendenz, allein die technologische Kapazität einzusetzen, bedeutet, dass diesen Einsätzen etwas Entscheidendes fehlt: menschliche Quellen und menschliche Einschätzungen“, schrieb Gabriel Margolis von der University of North Carolina. Auch nach dem Irak-Feldzug mussten sich die US-Dienste den Vorwurf der mangelhaften Aufklärung gefallen lassen. „Vor dem Irakkrieg hatten wir dort keine einzige Quelle“, räumt der CIA-Mann Wippl heute ein. Nur aus diesem Grund ließen sie sich auf die Märchen des BND-Informanten Curveball ein. Und das, obwohl der BND die CIA eindringlich vor Curveball warnte. „Was wissen wir heute über die Muslimbruderschaft?“, fragt Wippl. „Verstehen wir wirklich die saudische Königsfamilie?“

Will heißen, die US-Geheimdienste haben ein gravierendes Erkenntnisproblem. Aber genau darum geht es im Geheimdienstgeschäft, um das Verstehen der anderen, der mutmaßlichen Gegner.

„Die US-Dienste sammeln millionenfach Daten und ertrinken darin“, sagt Schmidbauer. „Es geht nichts über eine gute menschliche Quelle. Denn nur die kann Sachverhalte einschätzen und das Wichtige vom Unwichtigen trennen.“ Wenn die Dienste ihren Datenmüll der alltäglichen Belanglosigkeiten durchforsten sind sie sprichwörtlich auf der Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Weil sie diese Arbeit allein kaum noch bewältigen, stellen externe Mitarbeiter ein. Computer-Freaks wie Edward Snowden, die dann plötzlich Zugang zu einem gigantischen Datenaufkommen haben.

„In diesem Fall erwächst aus der Sammelwut sogar eine Gefahr für den Geheimdienst“, sagt Schmidbauer. „Die Behörde wird durch Leute wie Snowden erpressbar und provoziert all die außenpolitischen Verwicklungen, die wir im vergangenen Jahr erlebt haben.“

Versteck im Datenmüll

Auch fachlich mache das Sammeln riesiger Datenmengen längst keinen Sinn mehr. „Heute versteckt man sensible Daten bewusst im Datenmüll, weil sie da so gut wie gar nicht gefunden werden“, sagt Schmidbauer.

Für den Umgang mit den aktuellen Spionagefällen fehlt ihm jedes Verständnis. Vieles hätte seiner Ansicht nach auf einer Frequenz unterhalb der öffentlichen Wahrnehmung geregelt werden können. Letztlich aber habe sich die Stimmung so hochgeschaukelt, dass die Ausweisung des US-Geheimdienst-Repräsentanten in dieser Form unumgänglich gewesen sei.

Für die Zukunft rät er der Bundesregierung und den deutschen Diensten, den Amerikanern auch in der täglichen Arbeit Grenzen aufzuzeigen. „Das ist gerade auch unter Freunden immer wieder wichtig, damit der gegenseitige Respekt nicht verlorengeht“, sagt er. Deutschland besitze die technologischen Fähigkeiten, ungebetenen Spähern das Handwerk zu legen. Es müsse sie nur nutzen.

 

GEOLITICO-Dokumente zum Text:

(1) Programm der 50-Jahr-Feier der CIA-BND-Kooperation

(2) Liste der deutschen Gäste der 50-Jahr-Feier der CIA-BND-Kooperation

Über Günther Lachmann

Günther Lachmann ist Journalist und Autor. In seinen Beiträgen befasst er sich unter anderem mit dem Wandel des demokratischen Kapitalismus. Er veröffentlichte mehrere Bücher, zuletzt gemeinsam mit Ralf Georg Reuth die Biografie über Angela Merkels Zeit in der DDR: "Das erste Leben der Angela M." Kontakt: Webseite | Twitter | Weitere Artikel