Gerede vom neuen Antisemitismus
Gerede vom neuen Antisemitismus

Gerede vom neuen Antisemitismus

Die zum Teil gewalttätigen Demonstrationen gegen die israelische Militäroffensive in Gaza werden in einen neuen Antisemitismus umgedeutet. Ein gefährlicher Leichtsinnn, schreiben  Anne Lachmann und Günther Lachmann.

Ein Gewaltausbruch im Nahen Osten ist einigen in Europa immer wieder ein willkommener Anlass ihr Mütchen zu kühlen. So zogen in dem hauptsächlich von Afrikanern bewohnten Pariser Stadtteil Barbés am Wochenende mehrere hundert, teils mit Baseballschlägern und Stöcken bewaffnete Demonstranten durch die Rue des Tournelles zur Synagoge. Dort wurden die Schläger von Polizisten empfangen, denen nichts Besseres einfiel, als die anrückende Truppe mit Tränengas zu bekämpfen. Tränengas ist immerhin ein chemischer Kampfstoff, der die Nerven in der Hornhaut des Auges reizt und dadurch Tränenfluss auslöst. Tränengas verursacht nicht nur Schmerzen, sondern kann zu zeitlich begrenzter Erblindung führen können.

Jedenfalls machte die Krawalltruppe auf dem Ansatz kehrt und marschierte in die Rue de la Roquette, zur nächsten Synagoge, wo sie auf nur etwa ein Dutzend Polizisten stieß, hieß es. Demnach dauerte es zweieinhalb Stunden, bis weitere Polizeieinheiten anrückten und die Randalierer, die inzwischen mit Stühlen und Tischen aus Straßencafés gegen die Beamten vorging, wieder vertrieb. So lange mussten die Gläubigen auch in der Synagoge ausharren.

Israelfeindliche Parolen

Andernorts gingen blieb es freilich nicht bei der Randale, sondern führte zu Gewaltexzessen, sinnloser Zerstörungswut und Plünderungen. Gewaltbereite Jugendliche aus den Migrantenvierteln zündeten Autos an und brachen Läden auf und raubten sie aus.

Auch in Deutschland gingen am Wochenende zahlreiche Menschen gegen die israelische Politik auf die Straße. Sie versammelten sich in Berlin, Mannheim, Essen, Karlsruhe, Hannover, Frankfurt oder Mainz. Im Gegensatz zu Frankreich blieb es in Deutschland jedoch friedlich.

Obwohl oder vielleicht gerade weil alles friedlich blieb, will die Tagesschau in Dortmund und Frankfurt dann doch noch Neonazis unter die Demonstranten entdeckt haben, die israelfeindliche Parolen skandierten und „vereinzelt antisemitische Parolen wie ‚Hamas, Hamas – Juden ins Gas’“.

Indem die Tagesschau den Fokus auf sie lenkte, haben es diese paar Irren tatsächlich geschafft, über all die anderen Demonstranten emporgehoben zu werden, um so im öffentlich-rechtlichen Fernsehen den friedlichen Protest von Tausenden zu diskreditieren.

„Hetze gegen Juden in Deutschland“

Kaum war die Nachricht verbreitet, kam die Antwort vom Zentral der Juden in Deutschland: „In diesen Tagen erleben wir alle eine schreckliche, schockierende Explosion von Antisemitismus in diesem Land“, schrieb Zentralratspräsident Dieter Graumann auf der Internetseite seiner Organisation. „Auf deutschen Straßen hören wir antisemitische Slogans von übelster und primitivster Natur. Niemals im Leben hätte ich mir vorgestellt, dass wir so eine Hetze gegen Juden in Deutschland wieder hören könnten.“

Und in Frankreich sekundiert der Großrabbiner Haim Korsia: „Es gibt einen Judenhass in Frankreich. Ein Teil der Bevölkerung, zum Glück nur ein kleiner Teil, hegt einen Judenhass, den er in die Gewänder des Antizionismus kleidet“, sagte der Großrabbiner. Er selbst habe Schlachtrufe wie „Tod den Juden!“ und „Die Juden raus!“ gehört.

Was soll das? Warum berichtet die Tagesschau so? Warum reagieren Graumann und Korsia so?

Ganz einfach: Ein Teil der Europäer lehnt den Militäreinsatz der israelischen Armee in Gaza ab. Sie sehen darin eine Fortsetzung der Abschottungspolitik mit gravierenden sozialen Folgen für die in Gaza lebenden Palästinenser. Durch die Demonstrationen gerät also die israelische Politik in der öffentlichen Auseinandersetzung in die Defensive. Sie gerät unter Rechtfertigungszwang. Und da fallen der Tagesschau, den Vertretern der deutschen und französischen Juden nichts Besseres ein, als von einem neuen Antisemitismus in Europa zu sprechen. Sie wollen die Argumente gegen die Aggression des jüdischen Staates dadurch aushebeln, dass sie die Juden wieder als Opfer gesellschaftlicher Gewalt in Europa darstellen. Sprich, Juden müssten sich immer und überall verteidigen.

Was die Tagesschau, Graumann und Korsia da treiben ist falsch, leichtsinnig und gefährlich.

Neonazis als Kronzeugen

Denn erstens kennt Frankreich solche Ausschreitungen wie die am Wochenende seit zwei Jahrzehnten. Die Gründe hierfür sind allerdings nicht in der die Nahost-Politik zu suchen, sondern primär in der völlig verfehlten französischen Gesellschaftspolitik, in der es für Migranten zwar keine Chancengleichheit gibt, dafür aber islamische Parallelgesellschaften, in denen das Gesetz der Scharia herrscht, weil der Staat längst nicht mehr in der Lage ist, dort für Recht und Ordnung zu sorgen.

Und in Deutschland? Hier gab es erstens keine Ausschreitungen, und zweitens gibt es außer in der kleinen Gruppe der Neonazis keinen Antisemitismus. Im Gegenteil: Die jüdischen Gemeinden sind in den vergangenen zwei Jahrzehnten durch Zuzüge aus Osteuropa erheblich gewachsen. Das jüdische Leben ist wieder fester Bestandteil der Kultur in unserem Land.

Wer immer etwas anderes behauptet und eine Handvoll irregeleiteter Neonazis als Kronzeugen einer angeblich antisemitischen Entwicklung adelt, ermuntert andere, ihnen nachzueifern. Wie dumm muss man sein?