Radio ist das primäre Fluchtmedium
Radio ist das primäre Fluchtmedium

Radio ist das primäre Fluchtmedium

Nicht „Soap Operas“, sogenannte Trivialliteratur oder Berichte über Königshochzeiten sind sind die Kapitulation vor dem Informationszeitalter: Es ist das Radio! Teil II unserer Mediendebatte.

Unablässig bedudelt uns unsere Umwelt mit Botschaften: Kaufe dies, vermeide jenes, beachte folgendes. Wir helfen uns, indem wir unsere Wahrnehmung weitgehend auf Durchlass schalten, aber der verbleibende Sortiervorgang ist dennoch unbefriedigend und zermürbend.

Denken wir nur an die Botschaften der Autowerbung, die meist in lupenreinem Denglisch an uns vorbeiargumentieren, wie eine Kölner Agentur bei einer repräsentativen Umfrage herausgefunden hat. Nur vier von zwölf Slogans wurden von der Mehrheit wie gemeint verstanden. Sogar kein einziger der mehr als 1000 Befragten wusste Mitsubishis „Drive @ Earth“ zu interpretieren. Anstatt hier die Ökoparole zu erkennen, übersetzen die Probanden: „Fahre bodenständig“ oder besonders sinnig „Fahre auf der Erde“.

Aus Renaults „Drive the change“ (Erfahre die Veränderung) wurde so „Wechsle den Fahrer“ oder „Fahre mit Wechselgeld“. Den umgekehrten Weg geht das Radio, das uns mit derart seichten Botschaften bedudelt, dass als einzig mögliches Unverständnis verbleibt, warum sich das irgendjemand überhaupt anhört.

Tückische Dauerberieselung

Konrad Kustos mag kein Radio, und wenn eine solche Frohnatur überhaupt hassen könnte, würde er dieses Medium wahrscheinlich sogar hassen. Einst als erstes elektrisches Massenmedium angetreten, die Welt zu informieren, kümmert es sich heute vornehmlich um das Deformieren im Zuge des Niedergangs. Während TV-Konsum voraussetzt, dass man sich für bestimmte Sendungen mehr oder weniger aufmerksam vor die Kiste setzt und welchen Inhalt auch immer konsumiert, ist das beim Radio gar nicht möglich. Es dient seinem Wesen nach der besinnungslosen Dauerberieselung, meist im Hintergrund und entsprechend tückisch.

Das Radio als „Hintergrundrauschen“ besonders bei Sprachbeiträgen, schadet dem Hörer gleich auf mehreren Ebenen: Zum einen hindert es das Gehirn, sich richtig auf jene Dinge zu konzentrieren, die der Radiohörer eigentlich gerade erledigen will. Egal, wie sehr sich die Radioten auch darauf berufen, dass sie als „Multitasker“ genügend Hirnkapazitäten dafür übrig haben, blockiert es dennoch immer – und gerade die komplexeren Denkvorgänge. Und weil dies unterbewusst zwangsläufig als störend empfunden wird, macht es – je nach Nutzertyp – entweder nervös oder einfach nur blöd.

„Heißes“ Medium

Zum zweiten, wenn es denn überhaupt gesprochene Informationen und nicht nur nahtloses Hitgedudel auf dem Sender gibt, manipuliert es besser als jedes andere Medium. Weil Bilder (TV) oder Themenvielfalt (Zeitung) fehlen, lässt sich das Gesagte kaum mit parallel wahrzunehmenden Informationen abgleichen. Zwar kann die Botschaft vor dem Hintergrund eigener Erfahrungen abgelehnt werden, aber sie transportiert keine zusätzlichen Inhalte, mit der sich die Information hinterfragen ließe. Vertrauen beim Hörer zu Gesagten ist also Voraussetzung, eine ungesunde psychologische Nähe entsteht, und dem Schöpfer des Beitrags stehen alle Möglichkeiten der selektiven, meinungsgesteuerten Information zur Verfügung.

Marshall McLuhan hatte schon in den späten 60ern festgestellt, dass das Radio ein „heißes“, also gefährliches Medium sei, weil seine eingeschränkte, bilderlose, Informationsvermittlung über den Umweg der Phantasie aus kleinen hässlichen Diktatoren große Massenverführer machen kann. Ein Hitler, so der amerikanische Medien-Guru, wäre im „kalten“ Fernsehzeitalter nicht möglich gewesen.

Letzte Instanz: Ausknopf

Zum dritten und vielleicht wesentlichsten aber ist Radiohören ein streng linearer Vorgang und damit eine Konditionierung zu einem in der menschlichen Gesellschaft ohnehin problematischen Hang zum linearen Denken. Durch den steten Fluss der Information bleibt keine Zeit, wirklich zu verarbeiten. Es gibt kein Innehalten, kein Abgleich mit eigenen Erfahrungen, kein Einbringen eigener Überlegungen zum Thema – die Botschaft des allmächtigen und erleuchteten Schöpfers der Information dringt von keiner anderen Instanz als dem Ausknopf zu stoppenden Schwall aus den Boxen. Irritationen und mögliche und wenn auch nur im inneren Diskurs vorgebrachte Einwände des Hörers gehen im unbeirrt dahinfließenden Gequassel unter.

Mit der sechsten Säule des Niedergangs beschreibe ich in meinem Buch „Chaos mit System“ wie dieses lineare Denken uns daran hindert, die komplexen Aufgaben des Informationszeitalters zu bewältigen. Als Ausweg wird das „Kybernetische Denken“ vorgeschlagen: ein aus vielen Fakten gespeistes intuitives Verarbeiten komplexer Zusammenhänge.

Anbiedernde Säuselstimmen

Das Radio ist dazu der Gegenentwurf. Man wähnt sich informiert und liefert sich doch nur einer äußerst selektiven Information aus. Falls es wie gesagt überhaupt noch Information gibt und nicht bloß anbiedernde Säuselstimmen mit Gewinnspielen, Hörerzuschaltungen und Programmansagen. Lineares Denken wird in jedem der Fälle eingeübt.

Wo der so oft gescholtene Computerspieler trotz aller Abwendung von gesellschaftlichen Realitäten und zwischenmenschlicher Kommunikation noch seine eigenen Fähigkeiten und Kenntnisse trainiert, ist das moderne Radiohören als Massenphänomen ein Ergeben in von eigenen Gedanken freien Konsum. Nicht „Soap Operas“, sogenannte Trivialliteratur oder Berichte über Königshochzeiten sind das primäre Fluchtmedium der Gegenwart, sondern das Radio. Es soll für den Nutzer genau das bewirken, was es tut: Ablenken vom als unbefriedigend empfundenen Umfeld (Arbeit, Haushalt) und Ablenken von der Verarbeitung einer gewiss auch oft schwer zu verarbeitenden Realität. Es soll den Geist, der permanent vor der Entscheidung zwischen Bequemlichkeit und Herausforderung steht, abhalten von eigener Gedankenarbeit, es soll Erkenntnis und Selbsterkenntnis verhindern, es ist ausgerechnet als Informationsmedium die Kapitulation vor dem Informationszeitalter.

Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel