Schuld-Suche im Nahen Osten
Schuld-Suche im Nahen Osten

Schuld-Suche im Nahen Osten

Palästinenser-Präsident Abbas versucht  einen Aufstand im Westjordanland zu verhindern. Aber gerade dadurch verliert er an Macht. Auf Netanjahu kann er nicht hoffen.

Die Bedrohung aus der Luft hält den Alltag in Israel und in Gaza fest im Griff. Die Live-Blogs auf der Internetseite der israelischen Zeitung „Ha’aretz“, der Meinungsseite „+972 Magazine“ und dem „Guardian“ melden akribisch jede Rakete, jeden Luftangriff. Sie korrigeren unablässig die Zahl der Toten und Verletzen. Im Stundentakt füttern sie uns mit Informationen, die immerzu suggerieren, dass das Schicksal im Nahen Osten sich wenden könnte. Tut es aber nicht. Es bleibt, wie es war: Israel und die Palästinenser sind wie ein Geschwisterpaar, dass aus seiner Streitroutine nicht herausfindet.

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas bemühen sich beide verzweifelt um internationale Unterstützung. Der eine durch Gespräche mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, US-Präsident Barack Obama und der UN, der andere, indem er sich ebenfalls mit der UN trifft, internationalen Organisationen beitritt und sich beim International Kriminal Court in den Haag meldet.

Abbas kann nicht anders

Der Unterschied zwischen den beiden Männern ist, dass Netanyahu tatsächlich noch Dinge bewegen kann in seinem Land. Abbas hat seine Macht längst an die Hamas verloren. Das war der Preis, den er für die Einigung mit ihr zahlen musste. Die Tatsache jedoch, dass er die Palästinensische Autonomiebehörde noch immer mit den israelischen Soldaten im Westjordanland kooperieren lässt, verärgert die radikal-islamische Hamas zutiefst. Aber Abbas kann und will nicht anders.

Die Tragik ist, dass Abbas der einzige ist, der eigentlich alles richtig macht: Er versucht mit allen Mitteln einen Aufstand im Westjordanland zu verhindern, verliert aber dadurch an Macht. Er bemüht sich um Zusammenarbeit mit Israel bei der Israel Conference on Peace, doch er wird abgeblockt.

Der israelische Journalist Gideon Levy analysiert die prekäre Lage zwischen den Völkern und kritisiert nicht nur die israelische Regierung, sondern auch die Gesellschaft. Als Folge der Entführungen der drei israelischen Jugendlichen und deren Ermordung hat Israel um die 500 Palästinenser festgenommen, unter denen sich auch Parlamentsmitglieder befanden und dutzende Gefangene, die zuvor bei den Friedensverhandlungen mit Kerry freigelassen wurden. Die haben allerdings nichts mit den Entführungen zu tun. Laut Levy wurden die Großfahndungen und Massenverhaftungen in der West Bank mit nur einem erklärten Ziel durchgeführt: Und zwar die Hamas zu zerschlagen. Der Journalist ist der Überzeugung, dass rassistische Kampagnen im Internet dazu führten, dass ein palästinensischer Jungendlicher aus Rache bei lebendigem Leibe verbrannt wurde.

Gefährliche Illusionen

All dies sei geschehen, weil Israel sich gegen die Einigung der Palästinenser gestellt habe, sagt er. Eine Einigung, für die die Welt sogar bereit war, sie anzuerkennen. Aber auch weil Israel sein Versprechen gebrochen habe, die Gefangenen freizugeben, weil Israel die diplomatischen Prozesse zum Stillstand gebracht habe und weil es sich weigere, eine Alternative vorzuschlagen. Levy stellt provokante Fragen:

„Sind wir wirklich davon ausgegangen, dass die Palästinenser sich dem willenlos und leise unterwerfen? … Was genau haben wir uns dabei gedacht? Dass Gaza für immer im Schatten Israels (und Ägyptens) leben wird, wo die Freiheiten mal mehr, mal zum Ersticken wenig sind? Das das größte Gefängnis der Welt ein Gefängnis bleibt? Dass hunderttausende Menschen für immer abgeschottet vom Rest der Welt leben? Dass der Export blockiert und das Fischen nur eingeschränkt möglich bleiben? Wovon sollen 1,5 Millionen Menschen denn leben? … Gingen wir wirklich davon aus, dass Gaza all das unterwürfig akzeptieren wird?“

Levy hält natürlich auch gleich eine Antwort parat, die für manche nicht härter sein könnte:

„Sollte es jemanden geben, der das geglaubt hat, dann ist er ein Opfer gefährlicher Illusionen geworden, und jetzt zahlen wir alle dafür. Aber bitte, tut doch nicht so überrascht. Veranstaltet nur keinen Aufstand, weil die Palästinenser ohne Grund Raketen auf unsere Städte regnen lassen – dieser Luxus ist längst nicht mehr akzeptabel. Das Grauen, dass die Israelis jetzt empfinden ist nicht schlimmer, als das Grauen, dass hunderttausende Palästinenser in den letzten paar Wochen empfanden, als sie jede Nacht auf die Soldaten warteten, die mitten in der Nacht ihre Türen aufbrechen würden, um ihre Häuser zu durchsuchen, zu verwüsten, zu zerstören, sie zu demütigen und dann zu Guter Letzt ein Familienmitglied mitzunehmen.

Die Angst, die wir jetzt erleben, ist nicht größer, als die Angst, die die palästinensischen Kinder erleben mussten – und in den letzten Wochen wurden mehrere von ihnen völlig unnötig von der IDF (Anm. d. Red: israelische Armee) getötet.

Das Zittern der Israelis ist ganz gewiss nicht so schlimm, wie das Zittern der Menschen in Gaza. Dort gibt es keine Colour Red Warnungen, keine „sicheren Räume“ und keinen Iron Dom, der sie beschützt. Sie haben nur hunderte von gruseligen Geschichten von der Israel Air Force, die alle in Zerstörung und dem Tod von Unschuldigen enden. Darunter sind auch Ältere, Frauen und Kinder, die auch in dieser Operation bereits getötet wurden.“

Besiegeltes Schicksal

Das Schicksal dieses weiteren Gazakrieges scheint genauso besiegelt wie bei den ganzen anderen zuvor auch schon. Levy kritisiert die Medien und die Öffentlichkeit, die um jeden Preis palästinensisches Blut sehen will. Und er kritisiert,  dass diese Politik auch noch aus den Reihen von Mitte-Links unterstützt wird – wie immer. Auch der Name der Operation „Operation Protective Edge“ sei kindisch, dieses sinnlose Blutvergießen werde weder Schutz noch Abgrenzung bringen.

Er gibt zu, dass sich der Premier tatsächlich etwas mit den Luftangriffen zurückgehalten hat. Aber dass Netanjahu kein Interesse an einer Militärintervention gehabt haben soll, sei schlicht gelogen. Hätte Netanjahu tatsächlich kein Interesse an einem weiteren Blutvergießen gehabt, hätte er sich auf diplomatische Verhandlungen eingelassen. Und das tat er nicht. Für Levy ist eindeutig: Netanjahu war auf Konfrontation aus. Ob Verhandlungen die Raketen aus Gaza gestoppt hätten, lässt sich natürlich so nicht sagen. Aber man hätte ja zumindest versuchen können, den israelischen Zivilisten die Raketen zu ersparen. Levy ist überzeugt, die israelische Zivilgesellschaft hat ihren Teil dazu beigetragen und ist nicht unschuldig.