Gefangen im falschen Denken

Experten konfrontieren uns mit Studien und Statistiken von zweifelhaftem Wert. Wer sich von ihren Denkmustern befreit, gewinnt hingegen eine neue Erkenntnisqualität

Kokain und Koffein, Testosteron und Viagra – diese Gesellschaft setzt auf Leistung und unter Leistungsdruck. Jederzeitige Verfügbarkeit und immerwährender Durchblick scheinen die Voraussetzung für Erfolg. Zu ganz anderen Ergebnissen kam jedoch eine amerikanische Studie, die einmal die Leistungsfähigkeit nach Maßgabe der Müdigkeit der Probanden ermittelte. Es zeigte sich, dass die analytischen Fähigkeiten vom jeweiligen Fitnesszustand im Prinzip unabhängig waren, hingegen steigerte sich das kreative Potenzial im Zustand der Müdigkeit um rund 30%. Anscheinend, so mutmaßten die Wissenschaftler, verstelle gerade der analytische Denkapparat das Finden weniger naheliegender, aber besserer Lösungen.

Die Dämpfung durch die Müdigkeit setzt also Kräfte frei und plötzlich ist weniger mehr. Da sind wir also dank dieser Erkenntnis der Wissenschaft schon wieder mitten in kybernetischen Paradoxien und wünschen uns, dass auch andere hellwache Wissenschaftsdisziplinen ihre Ergebnisse besser im Schlaf gefunden hätten.

Das Testosteron und der Tod

Dann hätte sich vielleicht nicht das alte Gerücht so lange gehalten, dass Kastraten länger leben als Männer im Besitz ihrer Männlichkeit. Dieses beruht nämlich auf einer koreanischen Studie aus dem 18. Jahrhundert, bei der die Wissenschaftler zwei wichtige Kriterien verschlafen hatten. Unterschlagen wurde, dass damals aus kulturellen (?) Gründen nur besonders gesunde Männer überhaupt für die Totalbeschneidung infrage kamen und zweitens nur Erwachsene kastriert wurden, von denen nur die Gesündesten den blutigen Eingriff überhaupt überlebten. Hier wurde also dyslogistisch vom wahren Ergebnis auf eine unwahre Ursache geschlossen.

Seit damals nicht viel gelernt haben die amerikanischen Wissenschaftler, die jüngst behaupteten, die Höhe des Testosteronspiegels älterer Männer stehe in Zusammenhang mit deren Lebenserwartung. Denn bevor nun alle männlichen Leser in die Apotheke rennen, um sich Testosteron-Pflaster zu besorgen, sei darauf hingewiesen, dass die Studie übersah, dass kranke Menschen, die statistisch gesehen eben eher sterben als andere, auch weniger Testosteron produzieren. Auch hier liegt also ein dyslogistischer Zirkelschluss vor, denn richtig oder wenigstens genauso möglich und von der Kausalität her viel glaubwürdiger ist: Man stirbt nicht, weil man weniger Testosteron hat, sondern man hat weniger Testosteron, wenn man stirbt. 18 Jahre lang hatten die Amis für ihren billigen Irrtum 800 Männern beim Sterben zugeschaut – und nun können sie ihre Studie gleich mitbeerdigen.

Salat ohne Vitamine

Wenn wir schon beim Thema „besser sterben“ sind, kann der Hausarzt sich demnächst den Spruch, besser auf Alkohol zu verzichten, sparen, denn eine Auswertung von 34 internationalen Studien über den Zusammenhang von Sterblichkeit unter Alkoholkonsum ergab im Gegensatz zur bisherigen fachlichen Standardwahrheit, dass der beste Wert bei einem täglichen Konsum von einem bis zwei Gläsern eines alkoholischen Getränks erreicht wird. Ebenso ist die bisherige Ernährungsweisheit vom gesunden Blattsalat zu relativieren, weil unser Organismus Zellulose gar nicht verarbeiten kann und das Grünzeug so gut wie keine Vitamine enthält. Gefährlich ist es sogar, manche angeblich gesunde, weil cholesterinsenkende Lebensmittel zu verzehren, denn zumindest nach Ansicht der Verbraucherorganisation Foodwatch können die darin enthaltenen Sterine das Herz schädigen und Vitamine blockieren.

Gut also, wenn Praktiker den Theoretikern auf die Finger schauen. Weil Statistiker gemeldet hatten, dass die Menschen in Deutschland immer depressiver werden, reagierte die praxisnahe Stiftung Deutsche Depressionshilfe und zog öffentlich den kybernetischen Schluss, dass sich neuerdings einfach nur mehr Erkrankte professionelle Hilfe holten und Ärzte Depression eher diagnostizierten statt sie hinter Ausweichdiagnosen wie chronischer Rückenschmerz, Tinnitus oder Kopfschmerz zu verstecken.

Die Selbsthilfedepressiven

Ein interessanter Gedanke der Selbsthilfedepressiven, aber genauso gut könnte man mutmaßen, dass sich heute Patienten selbst bei jedem psychischen Wehwehchen auf eine Depression einschießen. Man sieht, dass sich hinter jeder scheinbaren Erkenntnis, so man sie infrage stellt, eine Vielzahl neuer Schlussfolgerungen auftun. Natürlich bedeutet das auch, dass man manchmal zu keiner gesicherten Erkenntnis kommt. Aber ist es nicht besser in einer sicheren Unsicherheit zu leben als in einer unsicheren Sicherheit?

Das Wissen um ein Nichtwissen ermöglicht nämlich die Optimierung des eigenen Weltbildes, das Nichtwissen um ein Nichtwissen stabilisiert stattdessen Fehler. Erkenntnis kann sich aber durchaus verfestigen, wenn man an Schlüsselinformationen gelangt, die zwar nicht unbedingt Beweiskraft haben müssen, aber kybernetisch gedacht eine hohe Kausalitätswahrscheinlichkeit verursachen. Im konkreten Beispiel konnte die Stiftung anführen, dass sich die Zahl der Selbsttötungen in Deutschland im Laufe der letzten 30 Jahre von 18.000 auf wenig mehr als 10.000 drastisch reduziert habe. Das Argument zieht, allerdings sind vielleicht auch nur die Pillen besser geworden..

Kybernetische Nestbeschmutzer

Bisweilen kommen aber auch Wissenschaftler mit kybernetischen Überlegungen oder aus Zufall zu revolutionären Erkenntnissen. Dass das obligatorische Dehnen vor dem Sport ungesund ist, hatte der Autor dieser Zeilen schon gemutmaßt, als er sich dabei einmal den Fuß brach. Nun unterstützen Washingtoner Orthopäden sein Vor-Urteil nach dem Studium von 2700 Joggern. Dehner und Nichtdehner sind demnach im gleichen Maße verletzungsanfällig. Besonders interessant: Wer die Muskulatur früher nie gestreckt hatte und erst in der Studie damit anfing, war sogar anfälliger für Probleme. Am schlimmsten traf es jene, die vor der Studie immer brav gedehnt hatten, es aber nun der Wissenschaft zuliebe sein ließen.

Dass normalerweise der entsprechende Wissenschaftler-Mainstream nichts unversucht lässt, um sich mit dieser ominösen Klimaerwärmung zu profilieren, ist eines meiner Standardthemen. Doch es gibt auch hier kybernetische Nestbeschmutzer. Physiker vom britischen Wetterdienst wagten sich mit der These, die Luftreinhaltung fördere Wirbelstürme, an die Öffentlichkeit (d.h., sie erhielten mit maximal kurzen Zeitungsmeldungen soviel Öffentlichkeit, wie ungewollte Erkenntnisse eben bestenfalls erhalten).

Theorien zur Buschmücke in Bayern

Eine zentrale Rolle spielen bei der durchaus schlüssig klingenden Theorie die Aerosole, das sind winzige Schwebeteilchen, die bei Waldbränden und in Industrieanlagen entstehen. Ohne diese Teilchen ist die Kondensation von Luftfeuchtigkeit, also das reinigende Abregnen erschwert. Außerdem streuen einige Aerosole, zum Beispiel Rußpartikel, auch noch das Sonnenlicht und kühlen so die Erdoberfläche. Ohne die durch eine zunehmende Verschmutzungskontrolle der Luft reduzierte Kondensation, prophezeien die Forscher, die einen direkten Zusammenhang zwischen Aerosolen und tropischen Wirbelstürmen über 150 Jahre zurückverfolgen konnten, eine dramatische Zunahme der Wirbelstürme in den nächsten zwei Jahrzehnten.

Ebenfalls beim Mainstream unbeliebt machten sich auch 80 Mückenforscher, die sich in Speyer versammelt hatten, weil sich die krankheitenübertragende japanische Buschmücke in Süddeutschland breitmacht. Obwohl solche Tiermigration normalerweise trotz mehrheitlich kälter werdender Winter in Deutschland immer als Beweis für eine Klimaerwärmung herhalten muss, betonten sie ausdrücklich, dass diese Mücke und andere verwandte Einwanderer keineswegs aus tropischen Herkunftsländern, sondern gemäßigten Breiten stammen. Die Tiere seien hier also durchaus auch ohne warm up überlebensfähig, wenn sie durch Tourismus oder globalisierten Handel eingeschleppt würden.

Im Synapsen-Käfig

Es gibt also noch vieles zu bedenken und zu hinterfragen. Beispielsweise die Ursachen für den Umstand, dass das Leben, je älter wir werden, immer schneller an uns vorbeizieht. Die Wissenschaftler nennen das eine subjektive Zeitdilatation, weil sie glauben, wir schauten aus einem immer länger werdenden Lebenszeitraum auf die objektiv gleichmäßig verlaufende Zeit, deren Bedeutung in unserer Wahrnehmung dadurch immer kleiner wird. Das klingt gut, aber was wäre, wenn es, viel einfacher gedacht, nur an unserem schlechter werdenden Erinnerungsvermögen läge? Wenn wir den ganzen Tag über viel weniger von den Geschehnissen aufnehmen und speichern können, ist es doch nur logisch, dass uns diese Zeit ereignisärmer, also kürzer, also schneller durchlebt vorkommt.

Überall verstecken sich solche Erkenntnisse, und wir müssen diese nicht den Wissenschaftlern und anderen Experten vorbehalten. Wir sollten unsere eigene Transzendenz schulen und so oft wie möglich den Käfig, den unsere Synapsen geschmiedet haben, verlassen. Wir sollten kybernetischer denken. Wer den Mut zu eigenen Geistesblitzen hat, wird eine neue Erkenntnisqualität gewinnen – nicht nur beim Nachmittagsschläfchen, aber auch.

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Über Konrad Kustos

Kustos studierte Germanistik, Geografie und Publizistik an der Freien Universität und promovierte über das Spannungsfeld zwischen Unterhaltungsliteratur und Literaturliteratur. Viele Jahre arbeitete er als Journalist in leitenden Positionen bei großen Berliner Tageszeitungen. Der Schwerpunkt seiner publizistischen Arbeit lag bei der Architektur und dem Aufbau der neuen Hauptstadt nach der Wende von 1989. Als roter Faden durch seine Arbeit zieht sich die Verteidigung des Normalbürgers gegen elitäre Denkweisen sowie der Versuch, Ideologien zu enttarnen. Kontakt: Webseite | Weitere Artikel